Die Reise mit dem Zug

 „Auf, auf ihr müden Geister, der Tag wird heute heiter!“ rief Barbara in die Zimmer. „Oooch! Schon aufstehen!“ hörte sie zeitgleich Isabella und Kurt murmeln. In der Küche lief das Radio und Marius Müller Westernhagen sang laut und deutlich: „Es geht mir gut, es geht mir gut!“

„Wünscht ich mir auch!“ maulte Isabella. „Geht’s nich nen bisschen leiser!“ schimpfte Kurt und rieb sich die verschlafenen Augen. Mit verschlafenen Augen und gähnend saßen sie eine Stunde später auf der Rückbank des Opel Kadett, den der Vater fuhr. Vater fuhr in die Garage eines Freundes, der ihn mit lautem Hallo begrüßte. „Nelson, ich wünsch dir einen schönen Urlaub! Du hast ihn dir wirklich verdient!“ Mit diesen Worten nahm der Freund die Autoschlüssel an sich und lief so schnell er konnte wieder zurück in seine Wohnung. Ihm war kalt geworden, nur mit Schlafanzug bekleidet.

Da sie genügend Zeit hatten, bis der Zug einfahren würde, tranken sie noch eine heiße Schokolade im Bahnhof Restaurant. Kurt sackte über seinen Teddy zusammen und war vor Müdigkeit fast schon wieder eingeschlafen, als ihn sein Vater zum Aufstehen aufforderte. Kurt schnappte sich seinen kleinen Koffer und den Teddy und trottete hinter den anderen her. An der breiten Treppe zum Bahnsteig 9 war seine Müdigkeit wie weggeflogen. Schon am Treppenabsatz hörte er das Quietschen der bremsenden Räder eines einfahrenden Zuges. Es machte einen fürchterlichen Lärm und sein Herz begann fester zu schlagen. Er wurde ganz aufgeregt und hellwach. Kurt hatte schon viel über Züge gehört. Er hatte auch schon viele Züge gesehen, wenn er mit seinem Vater Nelson LKW gefahren war, doch so nahe ist er noch nie einem Zug gekommen. Und gefahren ist er auch noch nicht damit. Seine Augen wurden ganz groß und auch ein bisschen Angst bekroch ihn. Aber Nelson hielt ihn ganz fest an der Hand, sodass ihm nichts geschehen konnte.

Zuerst mussten die Fahrgäste aussteigen. Kurt staunte. So viele Menschen hatte er noch nie auf einmal gesehen. Es nahm kein Ende mit den Leuten, die aus den vielen Türen ausstiegen. Die Geräuschkulisse betäubte seine Ohren. Menschenstimmen, einfahrende Züge, bremsende Reifen, Quietschen, die Lautsprecherstimme im Hintergrund! Sein Herz pochte so laut und er dachte die anderen könnten es hören. Verstohlen betrachtete er seine Schwester. Ob sie wohl auch so aufgeregt ist wie er? Endlich durften sie einsteigen. Nelson nahm ihn kurzerhand auf den Arm und hievte ihn in die Bahn. Isabella lief schon durch den schmalen Gang des Zuges, um das Abteil mit der Nummer 102 zu erreichen. Dann hatten sie es gefunden. Nelson setzte Kurt in den Sessel am Fenster und ermahnte ihn erst einmal ruhig sitzen zu bleiben. Als Nächstes verstauten sie ihre Taschen in die Gepäckablage über den Sitzen. Als dies erledigt war, erlaubten die Eltern den Kindern, das Fenster des Abteils herunterzuschieben. Nun sahen sie den Bahnsteig vom Inneren des Zuges aus. „Wie ein Bienenvolk!“ lachte Isabella.

„Was ist das?“ fragte Kurt. Isabella schaute ihn an, aber dann vertröstete sie ihn für später. „Löchere mich jetzt bloß nicht mit deinen Fragen. Wenn uns langweilig wird, kannst du mich noch mal fragen, aber nicht jetzt!“ Kurt hörte schon nicht mehr hin, denn der Zug hatte sich langsam in Bewegung gesetzt und ein Pfeifton kündigte die Abfahrt an. Der Zug fuhr erst langsam und dann immer schneller. Kurt schaute aus dem Fenster auf die Schienen. Ihm war ganz schwindelig zumute. Barbara nahm ihn zur Seite und schloss das Fenster. „Nun ist Schluss. Wir wollen doch nicht, dass du dich erkältest und dann im Urlaub krank wirst!“ Nelson stand schon in der Abteiltür und rief seiner Familie zu:

„Na, wie sieht`s aus. Keiner Hunger von euch?“ „Doch, doch!“ klang es wie im Chor, als alle gleichzeitig antworteten. „Aber der Teddy bleibt hier!“ zischte Isabella ihren Bruder an, der seinen Teddy wie selbstverständlich unter den Arm geklemmt hatte. Ein Blick in Richtung Mutter und Vater ließ ihn verstummen und er setzte ihn auf das rote Polster seines Sitzes. Dann liefen sie durch die engen Gänge des Zuges, um sich zum Speisewagen zu begeben. Kurt fühlte sich dabei ganz merkwürdig. Denn es wahr ein komisches Gefühl durch einen fahrenden Zug zu laufen und dann noch in die entgegen gesetzte Richtung. Denn der Zug fuhr ja vorwärts, und sie mussten in die andere Richtung laufen, um in den Speisewagen zu gelangen. Sie fanden so früh am Morgen schnell einen Platz am Fenster, denn der Speisewagen war leer.

„Mein Urlaub fängt an!“ rief Barbara ganz übermütig. „Ich brauche kein Frühstück zubereiten, nicht spülen und ich habe keine nörgeligen Kinder am Tisch. Und der Herr Papa isst seit langer Zeit auch mit uns. Kinder! Ist das nicht herrlich!“ Alle lachten und freuten sich. Nach dem Frühstück gingen sie zurück ins Abteil, um es sich gemütlich zu machen. Denn eine stundenlange Bahnfahrt stand ihnen bevor. Kurt schaute lange aus dem Fenster, doch irgendwann wurde es ihm doch zu langweilig und er packte seinen Gameboy aus. Isabella hatte einen Block vor sich liegen und machte Zeichnungen. Vati und Mutti saßen aneinander gekuschelt und strahlten glücklich aus den Augen. Ja, das würden schöne Ferien werden! Und aufregend für Kurt. Fast schon ein Abenteuerurlaub, denn ihm standen noch viele, viele spannende Momente bevor.

Immer wenn der Zug in einer größeren Stadt hielt, ließen sie das Fenster herunter um den Menschen beim Ein- und Aussteigen zuzusehen. Hin und wieder kamen Männer mit Bauchläden vorbei und boten ihre Süßigkeiten und Eis an. Klar bekam Kurt auch etwas, wenn er wollte. Das fand er an Urlaub machen ganz besonders toll. Er bekam fast alles, was er haben wollte. Die Eltern waren dann immer besonders spendabel und gut gelaunt. Als der Zuglautsprecher Basel ausrief, packten sie ihre Sachen zusammen und die Kinder wurden von den Eltern beauftragt, beim Aussteigen darauf zu achten, dass sie nicht in die Spalte zwischen Zug und Bahnsteig abrutschten. Auf ging es so schnell wie möglich zu Bahnsteig 12. Das bedeutete, sie mussten die Treppen hinunter, drei Bahnsteige weiter, die Treppen wieder hinauf und in den nächsten Zug einsteigen. Es klappte gut, obwohl die Zeit nur knapp war. Als sie sich in dem neuen Abteil einfanden, saßen dort schon zwei ältere Damen, die sie freundlich anlächelten. Kurt war ganz aus der Puste und starrte die Damen an.

„Was für ein goldiges Kerlchen!“ sagte eine der Damen. Am liebsten hätte er ihr die Zunge herausgestreckt, denn solche Bemerkungen hasste er wie die Pest. Doch da er Anstand gelernt hatte, lächelte er die Dame an und nutzte seine Beliebtheit. „Darf ich wohl an dem Fenster sitzen?“ fragte er mit einer Piepsstimme, die er für solche Gelegenheiten benutzte. Und prompt machte die Dame den Platz für ihn frei. Isabella starrte ihn wütend an. Er zog die Schultern hoch und grinste. Nun hatte er den besten Platz von allen. Fasziniert schaute er aus dem Fenster, während seine Eltern ein Gespräch mit den Damen begonnen hatte. Die Landschaft hatte sich verändert. Langsam kamen sie den Bergen näher. Nach drei Stunden hatte er das Gefühl, von Bergen eingeschlossen zu sein. Mal konnte er tief nach unten sehen, mal sah er nur eine felsige Bergwand, die an seiner Nase vorbeiglitt. In Zweisimmen mussten sie zum letzten Mal umsteigen.

Dieser Zug war ein Bummelzug und es ging in langsamerer Weise vorwärts. Atemberaubende Aussichten machten die Kinder sprachlos. Grüne Täler wechselten mit hohen Bergmassiven ab. Oft konnten sie tief in die Täler hinein schauen, dann wiederum fuhren sie durch lange Tunnel, die den kleinen Kurt sehr ängstigten. Sobald ein Tunnel endete, holte er tief Luft und strahlte dann doch wieder. Am späten Nachmittag fuhr der Zug in Matten ein und hielt an. Der Bahnhof war nicht größer als eine Bushaltestelle in Duisburg und die beiden fanden es lustig. Da es bereits später Nachmittag geworden war, mieteten die Eltern zwei Zimmer in einem Gasthof, um dort zu übernachten, bevor sie den langen Fußweg hinauf ins Bergtal gehen würden. Die Gastgeber wollten sie mit dem Jeep abholen, doch die Kinder bestanden darauf zu Fuß zu gehen.