Olaf

Im Zug nach Bobbenhausen heulte ich mir die Augen aus. Ich gestand mir ein, das da sehr viel mehr als nur Freundschaft war. Aber das ging doch nicht. Das war einfach nicht möglich. Sobald ich in meiner Wohnung war, entschloss ich mich, meiner Freundin zu schreiben. Irgend wem musste ich die Wahrheit sagen. Und so schrieb ich einer Freundin in der Schweiz: #

Meine liebe Jess

Ich muss einfach jemanden meine ganz ehrlichen Gefühle anvertrauen. Ich hab ja gesagt, ich will nie wieder einen Kerl. Aber leider muss ich feststellen, dass ich nicht gerne alleine bin. Und das unfassbare für mich ist leider passiert. Ich glaub ich hab mich verguckt in einen Klassenkameraden Namens Olaf. Ich kämpfe dagegen an wie ein Tier. Ich will nicht! Aber was machst du gegen das was in dir ist? Ich muss es für mich akzeptieren, aber ich kann es nicht.

Mal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was dieser junge Mann von mir hält. Ist mir eigentlich auch wurscht, denn er wird nicht erfahren was mit mir los ist. Ich werde der Kamerad sein, der ich bisher war und bleiben. Ich steck noch mitten im Scheidungskrieg. Das ist doch kein Zeitpunkt für etwas neues! Ich finde es schrecklich, was mir da gerade passiert.

Ich muss aber lächeln, muss weiterhin die lustige spielen und darf mir nichts anmerken lassen. Nur geht das nun auch wieder nicht. Also tue ich so, als sei meine Heulerei, all das was hinter mir liegt. Sicher ist das auch ein Grund für mein Gefühlschaos, aber ich weiß was es ist. Wollte das aber nicht so offen in deinem Blog schreiben. Und da du meine Klaue ja nicht so gut lesen kannst, hab ich mir gedacht, ich schreib dir jetzt auch per PC.

Was mach ich bloß mit dem Gefühlschaos in mir? Ich könnte nur noch heulen, und wenn ich den Spiegel schau, dann sehe ich nur ein hässliches Etwas, das nicht mal mehr weiß, was es selbst ist. Wenn es ganz schlimm ist, schau ich auf dein Windspiel, lass meine Hand daran entlanggleiten und lass diese Töne zu mir. Aber das macht es dann auch nicht besser. Es ruft die Sehnsucht nach meiner Freundin hoch.

Dann heul ich noch mehr. Dann möchte ich am liebsten alles hinschmeißen und abhauen. Aber wohin soll ich dann? Nach Bobbenhausen, wo auch nicht mein Zuhause ist? Ich fühl mich gerade sehr heimatlos. Zurück nach NRW will ich auch nicht, was soll ich da. Meine Kinder sind demnächst fort. Antje, die ich sehr gerne habe, erzählt mir eh nur, das ich keinen Kerl mehr brauche, aber ich weiß es inzwischen besser.

Meine Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit ist gerade unerträglich, gleichzeitig wehre ich mich dagegen mit aller Gewalt. Eine Bekannte, die ich hier kennen gelernt habe, sagt mir, ich soll diese Gefühle akzeptieren. Aber ich kann das nicht. Ich will das nicht. Ich habe Angst!!!!!!

Ich habe riesige Angst mein Herz wieder an einen Nichtsnutz zu verlieren. Wobei ich das ja auch nicht beurteilen kann. Ich hab doch das andere noch gar nicht verarbeitet. Wie kann mein Herz mir da so einen grossen Streich spielen? Ich frage mich, ob dieser jemand etwas mit Carlo gemeinsam hat, aber ich kann es nicht feststellen.

Aber was anderes. Ich hab jetzt wieder ein Auto. Geh mal auf Wer kennt wen. Da hab ich das Auto reingesetzt. Wenn ich noch ein wenig das Fahren übe, werde ich nach den Ferien wohl mit dem Auto hier her fahren, denn die Zugfahrten zeigen mir meine Einsamkeit ganz deutlich und machen die Fahrten für mich zu einer einzigen Qual. Die Menschen in Bobbenhausen liegen mir sehr am Herzen, aber sie können mir nicht das Gefühl von Heimat geben oder vermitteln. Weißt du was mir so durch den Kopf geht? Ich sollte mir vielleicht eine Praktikumsstelle in der Schweiz suchen. eine Mathearbeit. Ich hoffe es geht morgen gut. Es folgten noch einige Seiten mit normalen Erzählungen um mich von meinem Problem abbrachten bevor ich den Brief beendete.

Als ich ihr all das am Sonntagmorgen schickte, bevor ich wieder ins Internat fuhr hatte ich beschlossen, mit Olaf zu reden. Ich musste das aus der Welt schaffen. Ich würde offen über alles mit ihm reden, Entweder er würde mich auslachen und sich über mich lustig machen, oder er hätte so viel Verständnis, das er es akzeptiert. Sollte er anfangen zu lachen, würde ich die Umschulung hinschmeißen. Nein, unter den Umständen wäre die Umschulung für mich nur noch eine einzige Qual die ich mir nicht antun würde. So bat ich ihn um ein Gespräch nach der Schule.

Da ich sehr ernst auf ihn gewirkt haben muss, fragte er sofort ob was passiert wäre. Ich verneinte und das er sich keine Sorgen machen sollte. Wir gingen spazieren und ich beichtete ihm von meinem Gefühlschaos. Aber immer das Wort „verliebt“ gemieden. Ich hielt Abstand, denn ich wollte ja nur, das er es weiß, damit diese komischen Gefühle in mir aufhören würden, wenn er es weiß. Dachte ich. Schonungslos sagte ich ihm, wie viel Kraft mich dieses nicht wollen kostet und das ich nicht will, das seine und meine Umschulung durch mein Gefühlschaos  zum Umstürzen gebracht werden soll. Unendlich traurig sah ich ihm ins Gesicht und erwartete einen Lachanfall. So gütig und liebevoll sah er mich an.

„Carina wir sind Freunde geworden und wir werden Freunde bleiben. Und wir machen die Umschulung. Beide! Und ich helfe dir dabei“ Dieses Lächeln, ich werde es nie vergessen. Diese Güte ja und Liebe in seinen Augen werde ich nie wieder vergessen können. Um mir über diese Situation zu helfen, bat er mich, mit zu den anderen zu gehen und ein Bier auf unsere Freundschaft zu trinken. So ging ich mit ihm und war unendlich erleichtert. Er sagte kein Wort bei den anderen über unser Gespräch und als jemand ihn direkt darauf ansprach sagte er:

“ Ihr wisst doch das es meinem Schwager nicht gut geht. Ich musste mal mit jemanden reden und Carina war grad halt verfügbar„.

Ich war so dankbar. Zwei Tage später, unser Zusammensein hatte sich normalisiert, und es lief so wie ich es mir vorgestellt hatte, bekam er den furchtbaren Anruf. Er rief mich zu sich, wir gingen nach draußen. Dort teilte er mir mit, das sein Schwager im Sterben lag und er gleich heimfahren würde. Kurz darauf kam der nächste Anruf. Es war geschehen. Wieder rief er mich zu sich und wir gingen raus. Dann brach dieser Mann in meinen Armen weinend zusammen. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aber ich schaffte es nicht, so das ein Kumpel den ich zu mir winkte neben uns stand. Ich flüsterte ihm zu was passiert war, als Olaf begann sich wieder zu fangen. Ich wäre gerne in seiner Nähe geblieben, aber nun hat ich den Freund gerufen, der sich ihn schnappte und mit ihm fort ging. Ich war vollkommen daneben.

Ich hatte ihn in den Armen gehalten. Und es war gut. Es hat gut getan, ihn zu halten. Als ich wieder in die Kneipe kam, saß Olaf bereits wieder am Tisch und gab eine Runde nach der anderen aus. Bald war er sturzbetrunken und hatte fast hundert Euro für Getränke ausgegeben. Es ging mich nichts an. Aber ich sah ihm zu und wurde unendlich traurig. Ich konnte ihm nicht helfen und aufs Zimmer bringen in seinem Zustand. Ich ging wieder zu Thorsten und bat ihn, ihn in sein Zimmer zu bringen, damit er aufhörte zu trinken.

Am nächsten Morgen war er fort. Ohne auf Wiedersehen zu sagen. Ich erklärte der Klasse was geschehen war und wir sammelten für seinen Schwager für die Beerdigung. Es wunderte mich, das alle da mitzogen, aber es zeigte auch, wie gerne man den Herrn Müller in der Klasse hatte. In den nächsten drei Tagen hatte ich genügend Zeit über ihn und mich nachzudenken. Ich schrieb einen Brief für ihn. Weil ich nicht wusste wie das wirkte, zeigte ich es einem Kumpel aus der Klasse, der sich gut mit Olaf verstand. „Du hast es ihm gesagt!“ und ihr seid nicht zusammen. Man, das ist ne komplizierte Geschichte mit euch beiden. Wir haben hier schon Wetten abgeschlossen, wann es soweit ist, das ihr beide zusammen kommt. Nachdem Brief wird es soweit sein, da bin ich mir sicher. Sei doch nicht so hart mit dir selbst und vor allem zu Olaf. Der Junge ist ganz vernarrt in dich.“ waren seine Worte.

„Nee, dann geb ich ihm den Brief nicht!“ wollte ihn zurück nehmen. Aber Roland ließ es nicht zu. Er rief Olaf, der inzwischen wieder angekommen war an und sagte ihm er sollte auf sein Zimmer kommen. Ich geriet in Panik. Doch Roland ließ es nicht zu, das ich weg lief. Also blieb ich und wollte wenigstens sein Gesicht sehen, wenn er den Brief  liest. Es stand ja nichts schlimmes darin. Ich hatte mich nur bedankt, das er so rücksichtsvoll mit mir umgegangen war. Er kam und wunderte sich. Denn inzwischen war auch Thorsten im Zimmer, der sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollte. Irgendwie fand ich die Situation belustigend und irgendwie niedlich von den beiden, die mich einfach nicht aus dem Zimmer lassen wollten. „Dat Carina wollte dir einen Brief geben. Und nun ist sie voller Angst und wir haben sie festgehalten damit sie dir den Brief gibt. Er nahm den Brief und begann zu lesen.

Lieber Olaf

Ich hab nicht nur damit gerungen, dir das zu sagen, was mit mir gerade geschieht, auch ob ich das hier schreiben soll. Nach wie vor habe ich Angst, das dies dich nun in irgendeiner Weise belastet. Du sagst nein, ich hoffe es. Aber um zu verstehen, was da eigentlich los ist, möchte ich dir den Brief an meine Freundin zu lesen geben. Wenn Ehrlichkeit, dann 100%. Mal abgesehen davon, dass ich mich nie wieder für einen Mann entkleiden würde, denn mein Noch-Ehemann hat da ganze Leistung vollbracht und mir jegliches Selbstwertgefühl genommen. Aber mir wäre es wichtig, ein kleines bisschen Vertrauen wieder zu finden, und dabei hilft mir die Klasse schon sehr. Du könntest da sicher noch einiges mehr tun, das ich wieder Vertrauen gewinne. Einfach in dem du mir ein Freund bist. Wenn du dich über mein Gefühlschaos amüsierst, ist ok. Aber behalte es einfach für dich, das ist für mich schon sehr sehr wichtig. Immerhin hat es mir so viel gebracht, das ich ohne Angst jetzt in die Klasse gehen kann, ohne Angst davor, das du etwas entdeckst, das du eigentlich nicht entdecken solltest.

Ich habe gelernt, Angriff ist die beste Verteidigung, ist zwar ein blöder Vergleich, aber irgendwie hat der Spruch was. Danke das du dich nicht umgedreht hast und dich ein weg gelacht hast, auch das hat mir schon geholfen. So und nu häng ich dir den Brief mal hier rein damit du die ganze Wahrheit über dieses Gefühlchaos kennst. Ich hoffe wir können „Freunde“ bleiben, trotz meines chaotischen Gefühlleben, das ich irgendwie auch wieder in den Griff bekommen werde.

Schitt, jetzt ist es raus und gut ist.(Vor allem für mich) Ende des Themas.

Es folgten die Zeilen an meine Freundin. Als er zu Ende gelesen hatte, und mich ansah, nahm er mich ohne zu Fragen in den Arm. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte nur, wir lassen es langsam angehen und schauen wo es uns hinführt! Ich wusste gar nicht wie mir geschah. Aber ich sagte einfach nur ja. Die beiden Kumpels klatschten und wir erfuhren nie, wer die Wette gewonnen hatte. Dann gingen wir einfach Karten spielen, als sei nichts gewesen. Wir waren jetzt ein Paar. Gingen Händchen haltend durch das Internat ohne uns körperlich zu nahe zu kommen. Hin und wieder nahm er mich in den Arm. Er erkannte jedes Signal, das ihn auf Abstand hielt und akzeptierte es wortlos. Niemand machte sich lustig über uns, jeder der uns ansprach erklärte uns, das sie darauf gewartet haben, wann es endlich soweit sein würde. Jeder erklärte uns, wie wir auf einander gewartet haben, wie unsere Gesichtszüge sich veränderten , wenn der andere in der Nähe war. Er gab mir soviel Sicherheit und sorgte dafür, das mein Selbstwertgefühl wieder wachsen konnte. Er kam mir nie zu nahe. Im Grunde waren wir monatelang nichts weiter als Freunde, die sich an den Händen hielten.

Wie zwei Ertrinkende, die sich aneinander klammern. Seine Geschichten der Vergangenheit, waren nicht anders als meine. Nur war es dort eben der weibliche Part, der ihm sein Selbstbewusstsein gestohlen hatte.

Da wir beide beziehungstechnisch sehr geschädigt waren, legten wir größten Wert darauf, das unsere Beziehung zu einander nicht eheähnlich war oder wurde. Doch dazu später im nächsten Kapitel. Das dauert noch ne Weile, denn das schreibe ich grad erst.  Bis hierher hatte ich schon alles formuliert und gefunden, wie man so schön sagt. Bis bald.