Birkenfeld, die ersten Wochen

Schnell habe ich diese Gedanken wieder verdrängt und bin mit den anderen in die Internatskneipe gegangen. Es war wider- erwarten recht unterhaltsam. Später ging ich ins Schwimmbad, wo nur wenig los war. Das freute mich allerdings, so konnte ich meine Bahnen schwimmen. 5 schaffte ich nur, aber ich nahm mir vor bis zum Ende der Umschulung wieder 50 Bahnen zu schaffen. Es gab viele neue Fächer, die mir noch gar nichts sagten. Mathematik, Deutsch. Ja, man fühlte sich wirklich wie in der Schule, nur das man halt älter war. Einige waren sogar recht jung. Und da wir alle von der Rentenversicherung hier her geschickt worden sind, waren wir auch alle durch die Gesundheit, die im Eimer war, oder erst langsam wieder aufgebaut werden konnte, geschädigt. Die üblichen Vorstellungsrunden begannen und ich stotterte mir einen zurecht. Ich mochte es nicht, vor all den Kerlen zu reden. Aber was blieb mir anderes übrig. Man schätzte sich gegenseitig ab, versuchte heraus zu finden, mit wem man einigermaßen klar kommen würde oder nicht. 2 Jahre letztlich unter einem Dach, das führt hier und da zu Spannungen, wie in einer großen Familie. Doch die ließ ich nicht an mich heran. Ich hatte genug mit mir selbst zu tun. Schwindelanfälle begleiteten mich von Anfang an, wie schon in den letzten Jahren. Leider wurden diese immer schlimmer und machten mir die Konzentration schwer. Mathematik machte mir solange Spaß bis wir zu dem Thema Sinus, Kosinus, Tangente und Ankatete kamen. Mir wurde schlecht und ich hätte Kotzen können. Das hatte ich in der Realschule schon nicht kapiert. Mein großer Bruder wollte es mir beibringen. Seine Geduld mit mir hielt nicht lange vor. Am zweiten Tag hat er mir gesagt ich bin eh zu dumm dafür, sollte es einfach sein lassen und ließ mich dumm sterben, wie man so schön sagte. Ich hatte ne fünf bekommen. Was nutzte es mir, den Leuten zu sagen, dass ich die Jahre davor immer eine zwei auf dem Zeugnis hatte. NICHTS: Nun stand ich wieder vor dem Thema und in mir stieg Panik auf. Wie sollte ich die Umschulung schaffen, wenn ich hier schon schlapp machte. Ich rannte aus dem Schulungsraum und rauchte eine vor der Türe. Olaf, einer der Klassenkameraden, kam hinter her, stellte sich neben mich, sah mich an und fragte: “Was ist denn los mit dir?” Ich schaute ihn an und wusste nicht, wieso ich begann ihm meine Lebensgeschichte zu erzählen. Nur ein kleiner Teil davon, aber er hörte zu. Und er machte nicht den Eindruck das er sich amüsierte, über das was ich erzählte. “Pass mal auf, ich helfe dir dabei. Du bist ganz sicher nicht zu dumm. Ich setz mich gleich neben dich, und wir lernen zusammen!” Er hatte eine Engelsgeduld, aber es nutzte gar nichts. Ein Schwindelanfall machte dann eh alles zu Nichte und so begleitete er mich wieder vor die Türe. Er stützte mich und blieb bei mir, bis es mir wieder besser ging. Nach dem Matheunterricht sprach mich der Dozent an. Er wühlte solange in meinen Gedanken, bis er mir auf den Kopf zusagte, das ich einfach nur eine Blockade hätte, egal woher sie kam, er würde sie knacken. Er fand sehr schnell heraus, was mir als Jugendliche passiert war und das mein Bruder einen ziemlichen Schaden bei mir angerichtet hatte, durch seine Äußerungen und sein Verhalten. Und siehe da, Carina lernte plötzlich den Sinus und Kosinussatz. Die Tangente und die Ankathete und es machte es auf einmal Spaß und die Aufgaben fluppten nur so. Die Mathearbeit wurde zwar keine eins, aber eine gute drei war für den Anfang gar nicht so schlecht. Die Blockade war weg. Ob ich das heute noch kann? Keine Ahnung, aber ich denke ein paar Übungsaufgaben würden die Erinnerung daran schon hoch holen und ich würde mich nicht dagegen stemmen und das Gefühl haben, das ich zu dumm dafür wäre. 48 Jahre alt und noch mal lernen. Irgendwie war ich auch stolz auf mich. In dem Alter ist das Lernen nicht mehr so einfach wie mit 15. Die Messtechnik machte mir Spaß, sobald ich die Dinge verstand. Aber es gab auch Dinge, bei denen ich mich sehr schwer tat. Technisches Zeichen war eines dieser Dinge, die mir das Lernen sauer machten. Ein Lehrer der zu faul war sich die Zeit zu nehmen, den Schülern die sich schwer taten wirklich zu helfen, war da nicht sehr hilfreich. Ich denke da immer an Martin, der sich am Anfang damit auch schwer tat. Er kämpfte praktisch um jede Erklärung die er bekommen konnte. Ich gab es schnell auf nach zu fragen. Und ständig diese Schwindelanfälle, wie mir schien, wurde es immer schlimmer und häufiger. Sobald der Unterricht vorbei war, ging es mir komischer weise ein bisschen besser, so dass ich am Abend oft in die Internatskneipe ging, in der die anderen saßen. Irgendwer sprach mich an, ob ich nicht Lust hätte mit Karten zu spielen. So fingen die wöchentlichen Spiele mit Rome an. Und die stätigen Begegnungen persönlicherer Nähe mit Olaf. Er hatte damit begonnen und ich musste erst mal lernen, auf seine Art zu spielen. Eine neue Art, die anspruchsvoller war, als die die ich kannte. Und es machte Spaß. Wenn wir keine Karten spielten, so saßen wir einfach nur mit mehreren zusammen und erzählten was einen grad so beschäftigte. Natürlich auch aus der Vergangenheit und was uns in die Umschulung gebracht hatte. Die Männer, die ich später als meine Jungs bezeichnete, vor denen ich so große Angst hatte, waren nett zu mir. Niemand nahm mich aufs Korn oder behandelte mich schlecht. Und meine Wut auf die Männerwelt allgemein schwand auf ein gesünderes Maß. Ich wurde zugänglicher und offener. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich wie in einer Großfamilie mit ganz vielen großen und kleinen Brüdern. Trotzdem war es eine Herausforderung sich als Frau in der Gruppe zu behaupten. Das merkte ich an dem Projekt Kolbenkompressor. Das war in der sogenannten Erprobungsphase. Die ersten drei Monate vor der eigentlichen Umschulung Wir wurden in Gruppen aufgeteilt. Martin, ich , Roland und noch zwei andere waren in einer Gruppe. Wir mussten das Ding, was für mich aus einer anderen Welt stammte (ich und Technik!!!) komplett auseinander nehmen, nachdem der Dozent uns dieses Ding anhand einer Zeichnung erklärt hatte. Ich verstand nur Bahnhof. Aber die Zeichnung war noch verhältnismäßig einfach uns ich stellte mir vor, es sei eine Ikea Bauanleitung. So ähnlich sah es auch aus. Martin kam aus der Lebensmittelbranche, ich aus der Buchbinderei. Wir hatten beide keine Ahnung. Die anderen ´beiden Herren schienen Ahnung zu haben. Nur leider beide eine andere. Sie übertrafen sich im Wissen derart, dass wir beide nur noch sprachlos daneben standen. Wir verloren das Interesse. Nach der vierten Stunde der Gruppenarbeit gingen mir die Pferde durch. “Wenn ihr mal euer Kampfgehabe und Platzhirschverhalten aufgeben würdet und anfangen würdet uns was zu erklären, wären wir wohl besser dran!” Schlagartig hörten die beiden auf und schauten mich verdutzt an. Naja, die Sprachlosigkeit der beiden hielt nicht lange an. Dann ging alles von vorne los. Nebenbei schlug mir einer der beiden noch liebevoll auf den Hintern, so dass er sich fast eine Ohrfeige eingehandelt hätte. Das hätte er besser nicht getan. Vor versammelter Mannschaft schrie ich ihn an, das er sich das nie wieder wagen sollte, und was ihm eigentlich einfallen würde. Ich bin ziemlich laut und voller Hass, der in diesem Moment wieder in mir hoch kam, auf ihn losgegangen. Alles starrte in unsere Richtung. Der Typ grinste blöd, und bevor ich letztlich doch noch ausholen konnte, hatte sich Olaf zwischen uns gestellt und versuchte mich zu beruhigen und schob den Kerl von mir weg. Der Dozent fragte was los sei und ich blökte ihn an, er sollte mal die zwei Platzhirsche auseinander bringen und mich in eine andere Gruppe tun. Letztlich wurde einer der beiden, der mich meiner Meinung nach unsittlich angefasst hatte, aus der Gruppe genommen und endlich konnten wir was lernen. Der Typ ging mir dann aus dem Weg, was auch besser für ihn war. Nach ein paar Wochen war er aus der Maßnahme verschwunden. Am Anfang der Maßnahme, fuhr ich gerne nach Bobbenhausen. Ich hatte viel zu erzählen und ich freute mich auf die kleine Lara, auf die ich am Wochenende aufpasste, mit ihr spielte oder bastelte. Aber bald war es soweit, das ich nicht mal mehr zurück fahren wollte. Die Fahrten quälten mich. Ich weinte nur und wusste nicht mal warum. Dann die Dauer. Für 185 km brauchte ich fast 8 Stunden, weil ich am Ende der Welt wohnte. Wenn ich Pech hatte, kam nicht mal mehr ein Bus der nach Bobbenhausen fuhr. Ich mochte diese Abhängigkeit nicht. Und ich fühlte mich nicht wirklich wohl. In der Kellerwohnung hatte ich mich besser gefühlt und ich bereute es, dort ausgezogen zu sein. Nun konnte ich das nicht mehr ändern. Die einzige Freude die ich hatte, war Lara. Leider hatten wir nicht viel davon, da ich ja am Sonntagmorgen schon wieder los musste. Irgendwann begriff ich, das ich nach Hause fuhr, wenn ich nach Birkenfeld fuhr. Birkenfeld war jetzt mein Zuhause. Nicht Bobbenhausen. Birkenfeld war meine Familie geworden. Die Jungs waren meine Brüder, meine Freunde. Der eine mehr, der andere weniger. Olaf wurde ein Vertrauter. Ihm vertraute ich mehr an, als allen anderen. Ihm konnte ich auch sagen, wenn der Hass in mir wieder aufstieg. Er verlor sich nie in die Fäkalsprache. “Was war das nur für ein schrecklicher Mensch, wie kann man so was einer Frau antun!” waren seine Worte wenn ich über meinen zweiten Ehemann sprach. Andere sagten was für ein Dreckschwein. Ich fand es nicht schlimm, wenn man ihn so bezeichnete. Er war ein Dreckschwein, aber mir fiel halt auf, das Olaf das einfach nicht von sich gab. Das gab ihm etwas so Charaktervolles was ich bewunderte. Wir verstanden uns gut und er war stets an meiner Seite wenn es mir schlecht ging. Bald rief man in der Klasse nur noch: “Olaf, geh mal hinter Carina her!” Er passte auf mich auf. Er beschützte mich, ohne dass ich es merkte. Es gab immer wieder Zeiten wo ich alle diese “scheiß Kerle” am liebsten gekillt hätte. Aber Olaf und einige aus der Klasse standen mir bei, sowie der Schulpsychologe mit dem ich durch Gespräche meine tief sitzenden Verletzungen einigermaßen verarbeiten konnte. Sobald ich Sonntags von Bobbenhausen zurück kam, schmiss ich meine Reisetasche in die Ecke und rannte fast schon in die Kneipe. Olaf war noch nicht da. Eine Enttäuschung machte sich in mir breit, wenn ich dann dort saß und hoffte das er bald kommen würde. Aber zugeben das ich mich auf den Mann freute, oh nein. Sobald ich dieses Gefühl erkannte, versuchte ich meinen Hass förmlich wieder hoch zu holen. So das ich oft auch grantig zu ihm war, wenn er dann kam. Meist kam er gemeinsam mit Martin an, denn er wohnte in der gleichen Stadt wie er. Martin war ein netter und als ich dann seine Frau kennen lernte, war ich total begeistert. Herzerfrischend, praktisch veranlagt und eine echt Berliner Schnauze, wie man so schön sagt. Die beiden sollten mir noch wirklich gute Freunde sein und meine Seele trösten, in den schwersten Stunden meines Lebens. Inzwischen musste ich wieder Tabletten nehmen. Psychopharmaka. Ich hasste es, aber es ging einfach nicht anders. Die Schwindelanfälle wurden heftiger und mein Gefühlschaos in dem ich schwebte, immer schlimmer. Inzwischen ahnte ich sehr wohl, was in mir vorging. Aber das konnte ich nicht zulassen. Das wollte ich nicht zulassen. Er war mein Freund geworden, ich wollte keine Beziehung, aber ich wollte diesen Freund. All das würde kaputt gehen, wenn er es merken würde. Irgendwie musste ich mich in den Griff kriegen. Ich stand kurz davor alles hin zu schmeißen. Olaf wurde immer ruhiger. Er war eh schon ein ruhiger Mensch, aber es fiel auf, das er noch ruhiger wurde. Ich sprach ihn direkt darauf an. „Mein Schwager liegt im Krankenhaus und es geht wohl zu Ende.“ Ich wusste aus Gesprächen wie wichtig, wie wertvoll dieser Mann in seinem Leben war. Dass er die Rolle eines Vaters in seinem Leben, das genau wie meines, nicht sehr leicht war, übernommen hatte. Es ging ihm sehr nahe und er tat mir so sehr leid, dass es mich fast körperlich schmerzte ihn so traurig zu sehen. Feucht schimmerten seine Augen als er mich ansah. Er wirkte so verletzlich und am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen. Aber ich verbot es mir. Wir redeten lange an diesem Abend mit einander. Die anderen waren an einen anderen Tisch gegangen, weil sie wohl spürten, das Olaf dieses persönliche Gespräch brauchte. Irgendwann ging es dann um andere Dinge und wir hatten längst wieder begonnen auch zu lachen. Plötzlich verloren wir uns in unseren Blick. Olaf sah mich an und sagte:” Schau mich bitte nicht so an!” Erschrocken fuhr ich zusammen. “Wie schau ich denn? Ich weiß nicht was du meinst!” Instinktiv rückte ich von ihm ab. Wir hatten sehr nahe bei einander gesessen, so dass sich unsere Oberschenkel berührten. Plötzlich war mir diese Berührung unangenehm. Die ganze Situation war unangenehm. “Vielleicht sind es die Beruhigungspillen, die mich so schauen lassen. Keine Ahnung was du meinst!” Tief in mir wusste ich zugut, was los war. Und ich hatte in seinen Augen das gleiche gesehen. Ich hätte diese Frage auch stellen können. Aber das Verbot ich mir. Bevor dieser Moment in ein Chaos enden konnte, bat er mich, sich wieder mit ihm zu den anderen zu gesellen. Das taten wir, aber ich schaute oft verstohlen in seine Richtung. Unsere Blicke trafen sich ständig. Er lächelte und ich wurde dadurch nur noch unruhiger. Erst mal schlafen gehen, dann wird es vorbei sein, dachte ich. Aber ich fand keinen Schlaf. Sobald ich die Augen schloss, sah ich sein Gesicht vor mir. “Verdammte Scheiße. Nein, nein, nein. Das darf doch nicht wahr sein. Das kannst du nicht gebrauchen. Ich wälzte mich im Bett von der einen zur anderen Seite und ständig hatte ich seine Lächeln vor Augen. Erst spät überkam mich der Schlaf in der Nacht und am nächsten Morgen war ich wie gerädert. Im Schulungsraum rieb ich mir die Schläfen als mich plötzlich jemand von hinten an die Schultern griff und mir den Nacken massierte. Als ich hochsah, sah ich sein Gesicht. Ein elektrischer Schlag traf mich. Ich zuckte zusammen. Erst wollte ich ihn anschreien, das er die Finger von mir nehmen sollte. Aber wie hätte das ausgesehen. So tat ich also, als wäre das alles ganz toll und täte mir gut. “Oh ja, mach weiter. Ne Massage tut gut!” Als er nach ein paar Minuten aufhörte, war ich heilfroh, dass er nicht in mich hinein sehen konnte. Gott sei Dank war Freitag und am Nachmittag würde es zurück nach Bobbenhausen gehen. Da hätte ich genug Zeit über das was hier grad passierte nach zu denken. Zur Not würde ich Notbremse ziehen und die Umschulung hin schmeißen. „Nein, ich verliere mich nicht wieder in eine Verliebtheit um dann wieder in ein Loch zu fallen ohne mich Olaf!“ mit den Gedanken im Kopf geh ich am Abend in mein Zimmer.