Nidda und Bobbenhausen und Birkenfeld

Nach dem Schrecken der zweiten Ehe stand für mich fest: Nie wieder vertraust du einem Mann. Alle Männer sind Schweine und du fällst darauf nicht mehr rein. Doch innerlich wusste ich, das dies nicht auf alle zutrifft. Jeder Mensch hat seine Fehler. Ich war nur an einen extrem Fall geraten. Die ersten Jahre der zweiten Ehe waren durchaus schön. Nur die letzten zwei Jahre dieses Abschnittes haben die schönen Erinnerungen fade gemacht. Aber ich war erst mal noch komplett voller Hass und hatte diese Trennung noch gar nicht verarbeitet. Steckte noch im Scheidungskrieg und war auf die Umschulung gar nicht gefasst gewesen. Nach monatelangen Streitigkeiten schaffte ich es innerhalb von 24 diese Trennung zu vollziehen. Hatte die Wohnung gekündigt und meine wenigen Habseligkeiten in Sicherheit gebracht. Nach mir die Sinnflut. Wie es weiter gehen sollte hatte ich keine Ahnung. Nur erst mal weg von diesem Menschen, den ich einmal geliebt hatte.

Ich hatte eine ungefähre Vorstellung von dem, wie ich meinen Weg gehen würde, aber keine Ahnung wie chaotisch alles werden würde. Nach Bayern zur Berufserprobung, die damit endete das man mir sagte, ich bekäme keine Weiterbildung mehr. Mein Plan in Bayern Fuss zu fassen scheiterte. Was nun. Wieder zurück in die Wohnung vorerst? Meine Panik war unvorstellbar. Gott sei dank fand ich dann doch noch eine Wohnung in Hessen, von Freunden organisiert. Ich musste nur eine Nacht in einem Hotel bleiben.

In Nidda fand ich eine kleine Kellerwohnung in der ich mich schnell wohl fühlte. Die Nachbarn waren nett. Aber ich hatte zuviel Zeit nach zu denken.  Nach drei Monaten ließ ich mich dazu überreden, in ein Dorf namens Bobbenhausen zu ziehen. 

Ich zog also nach Bobbenhausen und spielte hin und wieder Kindermädchen für ein kleines Mädchen, das ich sehr ins Herz geschlossen hatte. Hartz IV stand an, aber ich war froh, dieser Ehe entkommen zu sein. Hatte mich damit abgefunden, dort zu sein wo ich wahr, auch wenn dies ganz und gar nicht zu meinen Plänen gehört hat. Kurz bevor ich ins Hartz IV gefallen wäre, bekam ich einen Bescheid von der Rentenversicherung. Sprachlos kam ich aus der Besprechung mit dem Rentenberater wieder in meine kleine Wohnung und wunderte mich mal wieder, wie schnell sich die Dinge im Leben ändern können. In zwei Monaten würde ich nach Birkenfeld ins BfW fahren und die nächsten zwei Jahre eine Umschulung zur Qualitätsfachfrau für Längenmesstechnik machen. Hartz IV war abgewendet.

Gut, ich bekam zwar auch nicht viel mehr, aber ich konnte meine Miete und meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten und das war mir sehr wichtig. Die nächste Zeit verbrachte ich damit mich auf diese Schule vorzubereiten. Ich konnte nicht ahnen, das es mein Leben mal wieder auf den Kopf stellen würde. Am Tag der Anreise musste ich um fünf Uhr aufstehen und um 6 Uhr den Zug erwischen. Zwei mal die Bahn wechseln, was Stress für mich bedeutete. Aber davon wollte ich mich nicht unterkriegen lassen. Voller Erwartungen und dem festen Vorsatz es wieder hin zu bekommen, so wie mit der Buchbinderumschulung, lies ich die Zeit in den Zügen mit Gedanken an meine Buchbinderumschulung  verstreichen.

Nach der Buchbinder Ausbildung hatte ich Arbeit gefunden und mit diesem Beruf auch den Beruf, der mir wirklich Freude machte. Aber die Krebserkrankung hatte mir nach 7 Jahren einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Nichts war es mehr mit Arbeiten und gutes Geld verdienen. Das wollte ich wieder ändern. Denn das was man mir bei der Rentenersicherung schilderte klang gut und war eine Chance wieder beruflich Fuß zu fassen.

Am späten abend kam ich an. Die Zimmer waren nicht sehr groß, aber geräumig genug. Schnell hatte ich meine Sachen ausgepackt und es mir gemütlich gemacht. Irgendwie muss ich es immer heimelig um mich herum haben, das tat ich dann auch hier sehr schnell. Eine Kerze, war ja eigentlich verboten, stand ´bald auf dem Tisch. Der Schreibtisch schnell gefüllt. Der übrigens unter dem Fenster war und die ganze Fensterfront einnahm. Ein Zustand der sich sehr schnell als sinnvoll erweisen sollte. Dann erkundete ich das Internat. Nicht schlecht und das größte war für mich das Schwimmbad. Ein Schwimmbad in das ich immer gehen konnte, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen. Ich war überglücklich. Ich liebe das Schwimmen, ging aber selten bis gar nicht ins Schwimmbad. Die Kosten, die Wege die sehr weit waren, hielten mich davon ab. Hier konnte ich endlich schwimmen gehen. Was ich natürlich auch ziemlich schnell in Angriff nahm.

Die Chemotherapie hatte mir 25 kg mehr Übergewicht eingebracht. Das Cortison war nicht grad gut für meine Figur. Meine Situation nach der Trennung hatte auch nichts dazu beigetragen , das ich abnehmen würde. So kam ich in Birkenfeld mit einem Gewicht von 89 kg ann. Fühlte mich bescheiden und hatte kein Selbstwertgefühl. In den Spiegel schaute ich schon lange nicht mehr. Hier würde ich mit dem Schwimmen wenigstens ein wenig vom Gewicht verlieren. Dachte ich! (Als die Umschulung um war, wog ich über 104kg,  hatte eine Ausbildung mit befriedigend geschafft aber auch die Gewissheit, das ich darin gar keine Arbeit finden würde. Also wieder nur ein Papier für die Mülltonne.)

Nach dem Frühstück in der Mensa (eine sehr große Mensa und gut gepflegt und was mir schließlich auch noch ein paar Kilos bescherte) war die Begrüßungsrunde angesagt. Alle neuen Umschüler mussten in einen Raum. Dort standen die Tische verteilt in Gruppen. Auf den Tischen die Namen der Umschulung zu denen wir uns einfinden sollten. Mechatroniker, Kaufleute, Podologen und was weiß ich nicht noch was für Umschulungen. Ein langer Tisch mit dem Schild Qualitätsfachleute fand sich in der Nähe des Fensters und nur ein junger Mann saß an dem Tisch. Ich setzte ich mich weit weg von ihm und hoffte, das bald eine Frau sich in diese Gruppe gesellen würde. Doch die gingen stets an diesem Tisch vorbei an die anderen Tische. Langsam bekam ich Panik. Ich und nen Haufen Männer in einem Raum? In dem Zustand in dem ich war, mit meinem Hass auf alle Männer, eine Umschulung nur mit Männern? Das würde eine Katastrophe werden. Das kann nicht gut gehen.

Ich stand kurz davor fluchtartig den Raum zu verlassen. Der Tisch war gefüllt mit Männern unterschiedlichen Alters. Manche die mir auf anhieb furchtbar unsympathisch waren. Meine Vorurteile die sich tief in mir gegraben hatten, nach allem was ich durchgemacht hatte taten ihr übriges. Ich schaute mich um, und sah einem Mann in die Augen der etwas jünger war als ich. Er lächelte. Am liebsten hätt ich ihm eine rein gehauen, aber etwas in diesem Blick ließ mich sitzen bleiben. Ich schaute weg und musste an meinen Dad denken, der mir einmal gesagt hatte:

“Wenn du Probleme mit anderen Menschen hast, aus welchen Gründen auch immer, mach dich nicht kleiner als du bist. Stell sie dir einfach Scheißend auf dem Klo vor. Da sind sie nichts anderes als du!” Bei den Gedanken an diesem Satz musste ich grinsen und schaute mir dann diese “Mitschüler” im einzelnen an und stellte sie mir tatsächlich auf dem Klo vor. Fast hätt ich einen hysterischen Lachanfall bekommen. Aber die Augen des Mannes, dem ich zuvor schon in die Augen gesehen hatte, hielt mich davon ab. Und auch die Vorstellung davon wie dieser auf dem Klo aussehen würde. Warum, keine Ahnung. Es war da etwas was eine beruhigende Wirkung auf mich ausübte. Dann stellten sich die zuständigen Dozenten vor, natürlich bestanden auch die, nur aus Männern. Ich hätte heulen können und nahm mir fest vor alsbald den Psychologen auf zu suchen, der hier für uns zuständig war. Ich musste irgendwie mit der Situtation klar kommen, wenn ich diese Umschulung schaffen wollte. Also riss ich mich zusammen und sprach dann endlich auch mit den anderen. Wie das halt so üblich ist, wenn man sich kennen lernt. Der gute Mann mit den schönen Augen war verschwunden. Verflucht, warum denk ich an schöne Augen?

 

Anmerkung für Birkenfeld Freunde: Vermutlich hat mich es damals schon erwischt, ich habs nur nicht kapiert. Aber mit dem Abstand der Jahre und nach meinen Aufzeichnungen zu urteilen, hab ich mich wohl schon am ersten Tag in Olaf verknallt. :-)

Es wird noch lustig und interessant. Braucht aber seine Zeit. Bald das neue Kapitel.