Anschlussheilbehandlung und Arbeitsverlust

Am 12.April 2006 fuhren die Schwiegereltern Carina in die Klinik. Sie versorgten sie noch mit Kleingeld für Kuchen und „befahlen“ ihr, es auch nur dafür auszugeben. Nach der Begrüßung und dem Kofferauspacken stellte sie fest, dass ihr so einige Kleinigkeiten fehlten. Sie ging erst mal in die Stadt, Tee und diverse andere Kleinigkeiten besorgen. Dann erkundete sie die Klinik und fand sehr schnell das Schwimmbad, das sie sofort auch nutzte. Sie war schon Jahre in keinem Schwimmbad mehr gewesen. Das vermisste sie doch sehr. Carlo ging zum Verrecken nicht mit ihr ins Schwimmbad. Vermutlich wegen seiner Minderwertigkeitsgefühle, denn auch er hatte ziemlich zugenommen.

Carina hatte sich so gefreut, als sie ihn kennen lernte und er sagte, er hätte kein Problem mit Schwimmen. Er ist aber nie mit ihr in ein Schwimmbad gegangen. Die fremde Umgebung, die vielen Krebskranken Menschen, all die neuen Eindrücke, all das ließ sie nicht wirklich gut schlafen. Beim Wiegen wird es ihr übel. 86 kg bei einer Körpergröße von 1,60m ist eindeutig zu viel.

Den Tränen nahe, ging sie auf ihr Zimmer. Tröstete sich damit, lieber fett und dem lieben Gott von der Schuppe gesprungen als dünn und kurz vorm Tod. Aber wirklich beruhigen tut es sie nicht. Dann folgten die ganzen Formalitäten. Von einem Zimmer zum anderen und vom Blutabnehmen zur Sonografie. Sie lebte sich schnell ein und fand auch Kontakte. Aber irgendwie wurde sie nicht wirklich heimisch, weil sie sich verkroch vor den anderen Krebspatienten.

Sie war höflich, zuvorkommend, aber sie versteckte sich. In den fünf Wochen lernte sie viele Schicksale kennen, versuchte ihr eigenes Leid als weniger dramatisch zu sehen und organisierte sogar eine Lesung in der Klinik. Die kam gut an und sie fühlte sich wieder ein wenig mehr im „Leben“. Nach fünf Wochen war sie aber auch froh, von ihren Schwiegereltern wieder abgeholt zu werden und heim zu können.

Carlo war jedes Wochenende bei ihr gewesen, in ihr war wieder die Sehnsucht nach Sexualität geweckt, doch er lehnte es ab, oder ließ sich bedienen ohne an sie dabei zu denken. Carina verlor immer mehr ihr Selbstwertgefühl. Immer machte er Andeutungen, als sei es ihre Schuld das er keine Lust mehr hätte. Irgendwie war was mit der Prüfung auch nicht in Ordnung und sie hatte Angst ihn zu verlieren, also verlor sie darüber lieber kein Wort und akzeptierte es, das er kein Interesse an ihr hatte. Er war zwar da, aber nicht anwesend und wollte immer schnell nur zurück nach Hause.

Vielleicht konnte er auch nicht mit den vielen Krebspatienten die in dieser Klinik Erholung suchten umgehen. Die Klinik hat eine gewisse Erholung bewirkt, aber trotzdem hatte sie auch das Gefühl, das es ihr eigentlich nicht viel gebracht hatte..

Die Wohnung war verdreckt und unaufgeräumt, Carlo hatte Töpfe von mindestens 2 Wochen auf der Spüle stehen. Sie wurde laut und böse. Irgendwie gab sie es dann auf und räumte die Wohnung auf.  Dann stürzte sie sich in die Vorbereitungen auf das Berufsleben. Sie hatte noch fast 12 Wochen bevor sie eine Widereingliederung machen konnte, und wollte sich ganz auf ihre Genesung konzentrieren. Sie kaufte sich eine Karte für den Wellness-Bereich eines nahe gelegenen Hotels und ging täglich schwimmen. Das brachte ihr mehr, als der Klinikaufenthalt. Es motivierte sie unsagbar und sie freute sich auf die Wiedereingliederung. Leider war es die nächste herbe Enttäuschung, die auf sie zukommen sollte.

Freudestrahlend saß sie bei ihrem Arbeitgeber, auf den sie große Stücke hielt. Er war mit der Wiedereingliederung einverstanden und unterzeichnete diesen dann auch. Nach vierzehn Tagen befand die Ärztin, dass Carina mehr arbeiten könnte, als nur vier Stunden und erstellte einen neuen Plan. Diesmal nur für eine Woche. Carina sollte schauen wie es ihr damit gehen würde. Es ging ihr ausgezeichnet damit. Nach der Arbeit ging sie stets ins Schwimmbad. Sie war kaputt und müde am Abend, aber sie war glücklich. Nun sollte sie wieder ihre volle Stundenzahl arbeiten und sie wollte es auf ihrer Arbeitsstelle regeln. Niemand fühlte sich zuständig und der Chef war in Urlaub.

Irgendwie hatte sie ein sehr ungutes Gefühl, die anderen Vorgesetzen gingen ihr aus dem Weg und immer wenn sie versuchte etwas zu regeln, bekam sie ausweichende Antworten. Also ging sie zu dem Büro der Abrechnungsstelle und teilte mit, dass sie ab 22. Oktober wieder voll arbeiten würde. Man sah sie schräg an. Sie nahm an, dass ihre Mitteilung angekommen war. Da sich niemand zuständig fühlte, beantragte sie ihren Urlaub und wollte auf den Ansprechpartner, der für sie wohl alleine zuständig war, warten. Eine Woche nahm sie Urlaub um dann wieder ihre Arbeit aufzunehmen.

Sie wurde zum Mobbingopfer ihres eigenen Chefs. Der Chef war sehr ungehalten, weil sie wieder arbeite. Er hätte sie gerne noch ein paar Monate auf Wiedereingliederung beschäftigt. Carina war geschockt und schwer enttäuscht. Es endete mit einem gegenseitigen Aufhebungsvertrag, indem er ihr sogar noch das ihr gesetzlich Zustehende minderte. Carina war viel zu aufgewühlt und vor allem sehr wütend, über die Art und Weise wie das alles zustande kam. Ohne das zugeschaltete Integrationsamt hätte der Arbeitgeber vermutlich nicht mal eine Abfindung zahlen müssen. Sie wäre auch ohne gegangen.

Sie konnte diesem Mann, dem sie einmal Hochachtung entgegengebracht hatte, nicht mehr anschauen, ohne einen Kotzreiz zu bekommen. Sie fühlte sich bestraft. Erst die Krankheit und dann diese Abfuhr auf diese Art , das tat weh.

Aber trotzdem, das Leben ist schön. Sie muss weiter kämpfen. Es folgten Arbeitsamt und Reha-Beratung. Das Arbeitsamt war nicht zuständig. Man leitete ihre Unterlagen weiter an die Rentenversicherung. Die Rentenversicherung schrieb, das eine erneute Reha, diesmal für Adipositas, für Carina von größter Bedeutung sein würde. Vorher könnte man nicht über den Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben entscheiden. Carina hatte sich mal wieder Luftschlösser gebaut und alles fiel zusammen.

Neue Reha, neuer Anfang. Zuerst wurde sie vor dem Tod gerettet und nahm 25 kg zu. Nun musste sie in die Reha das Gleiche wieder abnehmen. Carina ist ein Kämpfer und so denkt sie nur: „OK. Dann werde ich die Zeit bis zur Reha genießen und das Leben nehmen wie es ist. Hoffentlich wird sich dann mal wieder alles zum guten Wenden! Trotzdem, das Leben ist schön.“ Auch das wirst du hinbekommen.“

Leider fanden sich immer öfter Hinweise dafür, das Carlo sich irgendwie anders orientierte. Immer wieder redete er sich heraus, da wär ja nichts gewesen. Hat hoch und heilig versprochen diese Dummheiten sein zu lassen. Je mehr sie ihn bobachtete merkte sie, das es schon früh Anzeichen gegeben hatte, das er sich fremd orientierte. Aber Liebe macht bekanntlich blind. Sie war sehr blind.  Aber sie wollte glauben und suchte nach Ablenkungen. Sie setzte sich an ihren PC und begann ihren „Lebensroman“ zu schreiben. So viele negative Erlebnisse, und immer wieder der Tod mit seinen schlimmen negativen Erscheinungen. Nach drei Wochen las sie alles noch mal durch und stellte fest, dass sie aus diesem Roman ein Werk von über tausend Seiten erstellen könnte. Das Telefon klingelte und sie wollte erst gar nicht dran gehen, doch dann ging sie doch.

Todesmeldung einer Freundin! Carina weinte und entschloss sich zu der Beerdigung zu gehen, um Abschied nehmen zu können. Abschied, den man nicht immer nehmen kann, wie sie aus bitterer Erfahrung weiß. Erinnerungen an ihre erste Schwiegermutter Mira schlichen sich in ihren Kopf.

Die Erinnerungen an Mira und die Umstände ihres Ablebens ließen Carina mal wieder heftig weinen. Sie sah noch das Gesicht der alten, toten Frau vor sich. Sie fuhr noch ins Altenheim, ehe man sie fortschaffte und erfuhr von der Krankenschwester, das sie sich am Abend vorher noch sehr intensiv gepflegt hatte. Dann hatte sie sich hingelegt und war friedlich eingeschlummert. Sie hatte die Wange der alten Frau gestreichelt und ihr zugeflüstert: “Wenigstens durftes du friedlich sterben. Wenn es jemand verdient hat, dann du!“ Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging. Diese Frau hatte ein furchtbares Leben hinter sich gebracht und das Leben im Altenpflegeheim hat ihr wenigstens ein wenig Frieden gebracht. Carina wusste von Mira, dass sie auf keinen Fall verbrannt werden wollte. Sie dachte sich, wenn ich zu Lebzeiten für sie nichts tun konnte, so sollte sie zumindest ihren letzten Willen bekommen.

Carina rannte von einer Behörde zur anderen. Sprach bei der Friedhofsverwaltung vor und versuchte zu verhindert, dass der Schwiegervater die Überreste seiner Frau verbrennen ließ. Ohne Erfolg. Er bekam Recht und brachte es fertig, die arme Frau anonym beerdigen zu lassen. Dieser Mann hasste seine Frau abgrundtief und gönnte seinem Sohn keinen Abschied von seiner Mutter. Die Friedhofsverwaltung hatte ein Herz und teilte ihnen dann doch mit, wann und wo Mira beigesetzt werden sollte. Doch Carinas erster Mann war so am Ende, das er nicht dort hinging, und Carina so müde und leer, das es ihr auch egal war. So wurde ein Mensch, vollkommen gegen seinen Willen verbrannt und in der Erde verscharrt ohne das jemand jetzt weiß wo sie liegt. Niemand nahm Abschied von dieser armen Frau.

Als ihr Schwiegervater Jahre später im Suff aus seinem Rollstuhl fiel und sich den Kopf einschlug, war Carina nicht sonderlich gerührt. „Lieber Gott, sei mir gnädig und ich versuche keine Freude über seinen Tod zu empfinden!“ flüsterte sie, als sie die Nachricht von seinem Tod verdaut hatte. Nein, sie hatte keine Freude daran, aber sie war auch nicht traurig. Sie schüttelte den Kopf um die Gedanken aus der Vergangenheit zu verscheuchen.

Carina mochte die Gedanken um den Tod nicht sonderlich. Aber in letzter Zeit, bedingt durch ihre Krankheit und das Sterben der Leute, die sie kennen gelernt hatte, wurde sie immer öfter gezwungen, sich damit zu beschäftigen. Geld zum Leben, oder das was man unter Leben versteht, wird jetzt knapp. Klar, ich liebe Carlo und es wäre schön noch viele Jahre mit ihm zu verbringen, aber:.......“ Erbost über ihre Gedankengänge , die ihr viel zu depressiv wurden, stellte sie sich vor den Spiegel sprach laut und deutlich, während sie sich in ihre eigenen Augen sah: „Gib die Hoffnung nicht auf, denn die Hoffnung stirbt als vorletztes. Noch eher du wirklich gehen musst. Hoffnung stirb nicht in mir! Das Leben ist doch trotz dem schön, zu schön um jetzt aufzugeben!“

Sie fuhr zu der Beerdigung dieser Freundin, die sie in der Odenwaldklinik kennen gelernt hatte. Prompt für sie zum falschen Friedhof und kam erst zum Ende der Messe am richtigen Friedhof an. Sie konnte noch kurz an den Sarg treten, und fuhr dann traurig nach Hause. In ein Zuhause, das nicht mehr das gleiche war, wie zuvor. Sie spürte tief in sich, das die Zeiten sich zum schlechten wenden würden. Aber sie wollte es nicht wahrhaben, alles in ihr sträubte sich dagegen, dass diese Liebe, die ihr doch vermeintlich so viel gegeben hatte, zu Ende gehen könnte.