Tagebuch die letzten Tage

17.2

Sitze mit Carlo bei Dr. Raki. Er muss eine Darmspiegelung gemacht bekommen. Vorne an der Anmeldung saß gerade eine Frau die zusammenbrach, als wir gerade reinkamen. Oh wie Klasse und das mir, wo ich eh schon vor Sorge um Carlo selbst bald umfalle. Carlo scheint die Ruhe selbst zu sein. Er war ein wenig benommen als er fertig war und natürlich ein Charmeur, wie immer. Durch das Schlafmittel allerdings noch verstärkt. War richtig putzig und ich zufrieden, dass er es so gut hinter sich bringen konnte. Ich habe bei der letzten Blutabnahme eine junge Frau kennen gelernt und wir werden uns noch mal zum Kaffee treffen.

19.2

Waren bei den Schwiegereltern. Carlo musste mal getreten werden das er mal seinem Vater unter die Arme greift. Es war sehr schön wie immer in den letzten Wochen. Habe einen Dankbrief an meine Schwiegereltern geschrieben. Für Elli werde ich mal einen schönen Strauß Blumen besorgen und für Detlev einen guten Rotwein. Es hilft mir, die Besuche bei seinen Eltern. Vielleicht, weil sie so ganz anderes sind, als es meine Eltern waren? Oder weil meine nicht mehr da sind?

21.2

Blutwerte soweit o.k. Komische Gefühle in der Praxis zu gehen. Ob ich auch so ausseh. So endlos verzweifelt? Ich geh ins Café' um die Zeit zu überbrücken. 14 Tage Schonfrist noch. Vielleicht hab ich bis dahin genügend Kraft gesammelt. Hab ein bisschen aufgeräumt und Lesezeichen gebastelt. Meine Freundin bekommt von mir das Hochzeitsbuch. Ihr Neffe heiratet. Weiß nicht ob Nala so was toll finden würde. Naja bei Karola bin ich mir sicher das dieses Geschenk geschätzt wird. (Und es ist gut angekommen bei dem Neffen!)

28.2

Blutabnahme ging relativ schnell. Werte sind in Ordnung. Jetzt warte ich auf Sabine Jacobs. Eine junge Frau die ich im Cafe kennen gelernt habe. Hoffentlich kommt ihr nichts dazwischen. Hab mich nämlich sehr auf das Treffen gefreut.

8.3

Mal wieder lange keine Lust gehabt zu schreiben. Moni und Kerstin waren zu Besuch. Gestern Antikörper, heute letzte Chemo bekommen. Ich hoffe es war die Letzte. Karola hat sich frei genommen und bleibt bei mir.

9.3 Chemo überstanden. Meine Nachbarin Karola hat sich liebevoll um mich gekümmert und ich hab die Kinder angerufen. Und Carlo ist irgendwie merkwürdig. Einmal zeigt er Interesse an mir, und dann wieder tut er so, als wäre das alles doch überhaupt nicht so toll. Oft gehe ich einkaufen, alleine, weil ich sonst betteln muss, das er mit mir geht, er aber keine Lust hat. Wie er zu nichts irgendwie Lust hat. Ich versuche mich zu bewegen, denn ich werde immer dicker. Ich bitte ihn mit mir in den Park zu gehen, aber nein. Ist es weil ich so dick geworden bin? Schämt er sich für mich? Gut, ich bin vielleicht demnächst gesund, aber um welchen Preis. Wenn er merkt das ich über mein Aussehen weine, dann tröstet er mich, ich „bin eine schöne Frau“ sagt er, aber ich glaube ihm nicht, weil mein Spiegelbild mir was anderes sagt. Sexuell läuft bei uns gar nichts mehr. Nach mehrmaligen Versuchen hab ich es aufgegeben, entweder ich wollte nicht, oder ich musste ihn anderes befriedigen, oder er hatte wieder Potenzprobleme, für die er mich offiziell verantwortlich machte. Um dieser Situation aus dem Weg zu gehen, hatte ich ihm sogar angeboten zu einer Nutte zu gehen, wenn es ganz schlimm werden würde. Wohlwissend, was er da im Netz treibt, allerdings ohne über den Sexchat Bescheid zu wissen. Er sah mich an und lächelte. „Also wirklich Carina, ich bin doch dein Mann und sowas käme überhaupt nicht in Frage. Ich liebe dich, und werde doch wohl die Zeit mit dir hier überstehen!“ Welcher Hohn im Nachhinein.

10.03

Ich hab am Donnerstag meine letzte Chemo bekommen. Ein Zeichen, das ich es gut verarbeitet habe, ist die Tatsache das ich vor dem PC sitze uns schreibe und das so kurz danach! Meine letzten Reserven scheinen enorm stark zu sein. Es zeigt mir deutlich, wie wichtig die innere und positive Einstellung bei allem sein kann.

11.3

Warum bringt Carlo mich zum Weinen? Ist er nur gedankenlos oder gefühllos? Irgendwie versteh ich es ja auch. Die Krankheit ist nicht sichtbar. Wieder einmal hatte er in der Nacht neben mir gelegen und sich selbstbefriedigt. Ich tue so als merke ich es nicht. Aber irgendwann übertrieb er es und ich maulte ihn an, er soll gefälligst aufs Klo gehen, wenn es ihn überkommt.

13.3

Es geht mir soweit ganz gut. Finger taub, latente Übelkeit und Chemiegeschmack im Mund begleiten mich, aber damit kann ich leben. Hab seit der Chemo Bläschen am Mund und das tut weh. Der Popo brennt, ein bisschen wenn ich zur Toilette war. Ich hoffe das geht auch wieder vorbei. Hab mich am Samstag übernommen, mir ging es so gut das ich meinte, Bäume ausreißen zu können. Quittung kommt sofort. Bin schlapp und ziemlich k.o. Trotzdem irgendwie glücklich, wenn auch nicht restlos, wie man so schön sagt. Mein Körper zeigt mir sehr schnell meine Grenzen.

19.3   1.20 Uhr in der Nacht

Mir tut der Mund so weh und ich muss die Zähne raustun. Etwas, was ich überhaupt nicht gerne tue. Kann mal wieder nicht schlafen. Mir tut der Nacken weh, die Finger sind taub und überall pickst im Körper und brennt. Es ist schlicht weg nervig. Verdränge die Gedanken daran, ob die Chemos geholfen haben oder nicht, denn wenn ich sie zulassen würde, würde ich durchdrehen. Außerdem nutzt es keinem, wenn ich darüber nachdenke. Müssen halt die Ergebnisse abwarten. Ich vermisse meine Kinder. Möchte mal wieder ihre Nähe und Wärme spüren. Will ihr Lachen, ihre Lebensfreude sehen. Hoffe bald fit zu sein, um wieder mal nach Duisburg zu fahren.

Carlo hat eine Bilanzbuchhalterprüfung. Ergebnisse haben wir noch nicht. Carlo wirkt jetzt erleichtert. Für Carlo ist Duisburg natürlich doof. Aber ich möchte seine Nähe, brauche ihn für danach, weil es mir so weh tut wieder zu fahren. Wenn er da ist, ist es nicht so schlimm und ich sehe dann sein Gesicht. Sein Lächeln, seine Neckereien. All das brauch ich um den Schmerz bzgl. Meiner Kinder zu überwinden. Ich lag gerade noch neben ihm. Ich höre sein Schnarchen, sehe aber sein Lächeln mit geschlossen Augen. Wie sehr ich es liebe, wenn er so lächelt. Ich bin so müde. Nur leider galt dieses Lächeln nicht mir, sondern einer anderen, von der er träumte, wie ich später lesen durfte. Denke ich versuch es noch mal mit dem Schlafen. Werde später wach und er sitzt am PC. Wieder schaltet er schnell die Seite um, ich sehe wie sie verschwindet. Aber ich habe keine Kraft mehr, mich damit auseinanderzusetzen. Ich geh wieder ins Bett und schlaf dann endlich ein

24.3

Treff die Ex vom Uwe. Mach meine Lautsprecher in den Ohren lauter und red nich mit ihr. Warte bei der DAA auf Carlo und wer tritt mir entgegen? Noch sone bescheuerte Tussi, eine die, was von Carlo wollte. Längere Story, vielleicht erzähl ich es später mal. Gedankenwirrwar versuche ich mit MP 3 zu vertreiben. Ich bin richtig froh das Carlo mich manchmal zu solchen Käufen animiert. So hab ich jetzt wenigstens meine Lala zum mitnehmen. In der Regel bin ich der, der solche Käufe verhindert. Aber ich ließ mich hin und wieder doch belabern. Sitze bei Detlef, bei nem Kollegen von Carlo. Außnahmsweise hat Carlo eine Stelle die länger anhält. Krieg zuhause nichts gebacken aber hier mach ich grad nen Salat und Kartoffeln. Naja, woanders ist es eben doch immer was anderes. Fühl mich soweit recht gut, ab und an mal ne kleine Hitzewallung, aber sonst geht’s. Zieh mir ständig Pulli an und wieder aus. Das nervt. Detlef will ne Lesung für mich organisieren.

27.3

Sitze bei Karstadt und trinke einen Kaffee. Gegenüber sitzt ein junger Mann, der mich anstarrt. Vermutlich wegen meiner Glatze. Ist ein Türke. Warum fällt mir das auf, ist das wichtig??? Blutwerte erholen sich langsam und ich muss gleich zur Psychologin. Bin gespannt, wie das bei ihr abläuft. Fange gerade an zu realisieren, das ich gerade von der Schuppe gesprungen bin, wie wir Ruhrpöttler gern sagen. Ich hoffe das es jetzt so bleibt, wie es ist, denn ich liebe das Leben und ich liebe meinen Carlo. War sehr nett bei Frau X. Sie ist so herzlich und sie meinte mich auch erst einmal fest in den Arm nehmen zu müssen und hat mich fest gedrückt. Hab plötzlich weinen müssen. Es ist wie beim ersten Mal. Sie sagte danach: Mein Kopf hat alles aufgenommen und verarbeitet, aber meine Seele hinkt mal wieder gewaltig nach. So fühlt es ich im Moment auch an. Alix ist fertig mit der Welt. Ich hoffe sie kommt am WE. Hab zum Ersten mal mit Sören telefoniert. Hat Spaß gemacht und er ist ein netter Kerl.

29.3

Hab grad festgestellt das es nur noch 11 Tage bis zur Anschlussheilbehandlung sind. Muss Carlo Medikamente abholen und dann noch einmal zum Zahnarzt. 21 Uhr. Hab schon mal Zeugs in Koffer gepackt. Bin nervös deswegen. Wegen der Reha. Neue Schlüpfer und Socken gekauft. Am WE muss ich unbedingt was für die Wohnung tun. Ach herrje, wieso bin ich so ein Nervenbündel. Hab heute erst einmal Baldrian für die Nacht genommen, damit ich von dem Schlafmittel weg komme. Sie machen süchtig, aber helfen nicht. Da kann ich auch Baldrian nehmen.

30.3 Magenspiegelung. Ergebnis: NHL abheilend Ich habs geschafft? Wirklich? Erst mal heul ich vor Freude. Ich kann gar nicht aufhören, fange immer wieder an. Habe mit Hope telefoniert. Es war schön und sie scheint wieder ganz die Alte zu sein. Und Herr X scheint sich bei ihr auch nicht mehr zu melden. Ist das wichtig? Nee es ist eigentlich scheiß egal.

31.03

CT sind in Ordnung, Krebs ist rückläufig. Magenspiegelung auch o.k. SIEG!! Ich hatte ja so eine große Angst vor der letzten Chemo, weil die Fünfte mich total umgehauen hat, mit allem was dazu gehört. Nervenzittern, Kotzen, Übelkeit usw. usw. Und nun ist schon wieder alles soweit vorbei das ich vorm PC sitzen kann. Hurra, ich habe meinen Lebenswillen nicht verloren, nein, ganz im Gegenteil, jetzt erst recht! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, dass ich es bis hierher geschafft habe. Nun warte ich noch auf die Ergebnisse der Nachuntersuchungen, die aber zum Teil erst im April stattfinden. Ich bin einfach nur froh, die hoffentlich letzte Chemo bekommen zu haben. Nach Aussage der Ärztin ist sie sich "fast" sicher. Aber garantieren kann auch kein Arzt nichts, denn auch sie sind nur Menschen. Jetzt kann ich zuschauen, wie meine Haare wieder wachsen und hoffen, dass die anderen Nebenwirkungen (Taubheit in den Fingern, latente Übelkeit usw.) auch noch verschwinden.

1.04.2006

Weiß nicht, alles ist irgendwie wie immer und dennoch ist irgendwas anders. Ich glaube darüber werde ich in der Reha mehr Gedanken machen können als jetzt. Hab ne kurze Nachricht im Forum geschrieben. Am Mittwoch gibt’s noch mal Antikörper. Mal schaun, was Frau Dr. sagt. Stress im Linitex Forum. Man sind die Leutz dumm.

2.4 Kann ich einfach weitermachen wie bisher? Was ist mit mir los? Irgendwas stimmt nicht, aber die Lösung will nicht in mein Hirn. Verdrängungsmechanismus, halleluja. Da biste ja wieder mein Freund.

4.4

Mit Carlo und seiner Mama Klamotten gekauft. Carlo zum Krankenhaus begleitet. Anschließend zum Arzt wegen Rückenschmerzen. Mit Rosanna telefoniert und mich in einem Forum angemeldet, wo Sören mir den Link gegeben hat.

7.4 Hab geheult wegen Susanne. Enttäuschung macht sich jetzt Luft. Mit Geli telefoniert. Abends wieder mal ne Pizza bestellt.

8.4

Jasmin kommt heute zu Besuch. Um halb 12 schön gefrühstückt. Dann in die Stadt und Jasmin hat mir eine Bluse geschenkt. Zwar etwas früh, aber sie wollte es so. Dann haben wir uns ein fettes Eis mit viel Schokosoße gegönnt und abends wieder ne Pizza bestellt. Jasmin ist dann auch zeitig wieder heimgefahren. Es war ein schöner Tag mit ihr.

9.4

Kaffee trinken bei den Schwiegereltern. Letzte Sünde bei dem Eiscafé. Nala zeigt Anteilnahme, die ich allerdings irgendwie als geheuchelt empfinde. Weiß nicht wieso. Naja, es drängt sich mir der Gedanke auf, das man in einem halben Jahr mit dem Wissen um meine Krankheit wenigstens mal auf nen Kaffee hätte vorbei kommen können. Aber ist ja unwichtig. Was sich seelisch daraus ergibt, wart ich mal ab. Bin genau wie am Anfang sprachlos. Ein bisschen zumindest.

10 Apr. 2006  21:33

Ich fahr am Dienstag in die Reha nach Bad König in die Odenwaldklinik Packe die restlichen Sachen zusammen. Schreibe eine Liste für Carlo, was er während meines Klinikaufenthaltes erledigen könnte. (Hat natürlich nichts davon gemacht, wieso wusste ich das schon, während ich es schrieb? Die riesige Enttäuschung bestand mir dann auch bevor, als ich nach der Reha wieder heimkam.) Zum Vierten mal den Koffer kontrolliert, ob ich auch wirklich alles drin hab. Und dann das warten auf morgen früh. Warten auf das Ergebnis der Biopsie.

11.4

Biopsieergebnis: NEGATIV Sieg Hab Kuchen zur Arbeit gebracht. Am Abend haben wir dieses Ergebnis bei einem chinesischen Essen gefeiert. Dann habe ich mir ein schönes Bad gegönnt. Morgen früh geht’s dann mit dem Bus zu den Schwiegereltern und von da per Auto nach Bad König in die Odenwaldklinik zur Anschlussheilbehandlung