Tagebuch ab 23.10.2005

23.10

Ich bin furchtbar müde und antriebslos. Bin froh das Carlo da ist, mir den Kopf streichelt oder den Rücken massiert. Das tut so gut und hilft die Gedanken zu verdrängen, die momentan nur sehr negativ behaftet sind. Das Carlo mich hinter geht, wusste ich noch nicht. Aber das war wohl ganz gut so, denn sonst hätte ich die vermeintlich liebevolle Unterstützung da schon als Hohn empfunden. So konnte ich mich in den wenigen Momenten wo er für mich da war, wenigstens ein wenig sicher fühlen.

24.10

Mir ist komisch. Kann es nicht beschreiben. Lenk mich ab mit Fernsehfilm. Will später versuchen ein wenig aufzuräumen. Erst mal nach dem Film baden gehen. Baden, da kann ich die Augen schließen und die Wärme fühlen, die mich umgibt. Es ist mir so furchtbar schnell eiskalt, obwohl es noch warme Temperaturen hat.

25.10

Mein Mädchen hat Geburtstag. 20 wird sie. Was für ein schönes Alter. Wenn sie das doch auch sehen könnte. Ich wollte mich jetzt entspannen hinsetzen und schreiben, aber es geht nicht. Es geht einfach nicht. Bitte Blockade in meinem Kopf verschwinde doch endlich. Will nicht wie in Trance die nächsten Wochen leben. Entweder mit Wut und Schmerzen und Tränen, aber doch nicht sooo...... so wortlos. Habe mit einer ehemaligen Schulfreundin telefoniert und wir sprächen über Chemo und all den Kram. Sie hatte vor fünf Jahren einen Brustkrebs und neben der Chemo noch Bestrahlungen bekommen. Sie sagt, sie hat auch sehr viel geschlafen zu der Zeit. Vermutlich das Beste, was man da tun kann.

26.10

1 Blutabnahme nach der ersten Chemo. Schwitze wie verrückt. Mach mir Sorgen wegen unseres Sexuallebens. Ich kenn mich so überhaupt nicht. Keine Lust absolut keine Lust. Carlo macht Späße darüber. Aber ich helfe ihm eben auf andere Weise. Mit ihm schlafen kann ich einfach nicht. Biete ihm sogar an, in den Puff zu gehen um sich Erleichterung zu verschaffen. Ich war dazu bereit, hauptsache er geht nicht fremd. Aber das hatte er scheinbar längst gemacht. Doch dazu später. Ich weiß nicht. Scheiß Gedanken. Warte jetzt auf das Taxi. Der Taxifahrer heißt Michael und wir unterhalten uns nett. Er erklärt mir, dass er viele Kranke durch die Gegend fährt und schon viele Schicksale erlebt hat. Aber auch vieles, was dann im Positiven endete. Hat mich ein wenig beruhigt. Meine Blutwerte sind o.k. Naja, Leukos etwas sehr niedrig, aber bei der Chemo sei das Normal, sagt die Schwester. Hab bei der Kasse soweit alles erledigt (Taxischein, Krankengeldbescheide, Auszahlungsscheine usw.) Bin dann nach Hause gelaufen und hab die Luft genossen. Ich genieße viel mehr als früher. Sehe Dinge dich ich vorher nicht sah. Hab mir sogar für fünf Euro was zum Malen geleistet. Ob ich es je benutze? Mir geht’s grad sehr gut und entspanne kurzzeitig. Ja ich lächel sicherlich sogar. Versuche diese Stimmung zu halten und geh jetzt erst mal wieder Baden. Da fühl ich mich nämlich am wohlsten.

27.10

Hab es geschafft ein bisschen aufzuräumen. Carlo und ich trinken Kaffee auf dem Balkon. Ein bisschen geredet. Momentan hab ich das Gefühl, das wir uns auch ohne viel Worte verstehen. Tja, irgendwie war es doch das, was unsere Beziehung von Anfang an zu etwas Besonderem gemacht hatte. Ich lächel. Genau jetzt. Das „Schweigen“ zwischen ihm und mir ist auch jetzt nicht unangenehm sondern es „ist“ einfach nur. Er weiß das ich noch neben mir stehe. Vermittelt mir das Gefühl, das er wirklich versteht und das er nicht ärgerlich ist über meine Wortlosigkeit. Ich liebe ihn, wie ich nie zuvor einen Menschen geliebt habe. So anders und doch so gut! Ich will kämpfen. Will kämpfen für diese Beziehung. Viele schöne Jahre mit so schönen angenehmen „Schweigen“.

Wie konnte ich ahnen, das seine Schweigsamkeit andere Bedeutung für mich bekommen sollte? Das er mit seinen Gedanken ganz woanders war, als bei mir.

28.10

Hab mir Duschgel gegönnt. Mein Duftnote "Tresor" war im Angebot für 10 Euro. Als ich heimkomme, ist das Päckchen aus dem Forum „Nur Ruhe“ eingetroffen. Es hat tiefe Gefühle in mir ausgelöst und Freude gemacht all die kleinen Aufmerksamkeiten auszupacken. Viele von ihnen kenne ich persönlich. Andere wieder wohnen zu weit weg, sodass wir sie nicht besuchen können. Aber alle hab ich ins Herz geschlossen. Mir laufen die Tränen die Wangen hinab. Es ist so schön zu wissen, dass es Menschen gibt die aus der Ferne an mich denken. Was macht da schon ein Gast aus, der mir in dem Forum den Tod an den Hals wünscht. Nichts.

Denn er ist ein Nichts. Ein armer Wurm, ein kranker Wurm. Hinzu kommt das Wochenende ist und Carlo wieder ein ganzes Wochenende bei mir ist. Das ist mir grad jetzt besonders wichtig.

29.10

Einkaufen mit Carlo, ich kann nichts mehr tragen und kann auch nicht mehr weit laufen. Dann fahren wir zu seinen Eltern und meine Schwiegermutter holt mit mir meinen „Fiffi“ ab. Sie begutachtet den Schnitt, den der Friseur der Perücke an meinem Kopf verpasst. Erst als sie sagt, ok. bin auch ich zufrieden. Weil es mir gut ging, sind wir dann noch chinesisch essen gegangen. Ich empfand das Essen als anstrengend, aber ich bin zufrieden und vor allem satt.

Auf dem Rückweg besorgte ich mir noch mein Tresor (Parfüm) Muss doch zwischendurch wenigstens ein bisschen gut riechen. Kann mich selbst nicht, riechen im Moment. Ich denke ich stinke nach Chemie. Mir wird regelmäßig übel, weil ich so einen komischen Geruch in der Nase habe. Carlo meint, ich bilde mir das ein, er würde nichts riechen. Hoffentlich sagt er das nicht nur so. Solange ich mich nur selbst rieche, ist es mir weniger unangenehm. Carlo fährt dann plötzlich nicht mehr Richtung Heimat sondern biegt ab und fährt zum Media-Markt. Er überredet mich, mir einen neuen MP 3 Player zu kaufen. Der Alte war Fratze. Ich liebe ihn für diese Ideen.Auch wenn ich für diese Ideen selbst zahlen musste.  Nun habe ich meine Lala um mir die Ohren wieder zudröhnen zu lassen, wenn ich nicht denken will.

30.10

Mir geht es gut. Ich bin dankbar. Muss wieder weinen, aber es ist nicht nur Traurigkeit über das, was mir geschieht. Freude am Leben, froh auf der Terrasse sitzen zu können. Carlo in der Nähe haben. Er saß mal wieder am PC. Grenzenlose Liebe zu alles und jedem und um mich herum. Und trotzdem, es tut weh und treibt die Tränen hinaus. Naja, wir wissen ja, dass das heilsam ist. Ich denke an meine beiden. Habe Sehnsucht nach ihrem großen Vertrauen, das sie als Kidis zu mir hatten. Dumme Sehnsucht, es wird nie wieder so sein, sie sind erwachsen, keine liebebedürftig, unmündigen Kinder mehr. Ach herrje, ich liebe sie halt so sehr.

Dieter war zum Frühstück da. Ich mag den Kerl. Es ist immer lustig ihm zuzuhören, wenn er von seinen „Pappenheimern“ erzählt. Er leitet ein Bildungszentrum und ein Kollege von Carlo, der ab und zu bei ihm als Aushilfe tätig war. Später auch mal länger, aber nach ein paar Monaten war dann da auch wieder Schluss mit Arbeiten.

Und ich hab meine ersten Muffins gebacken. Meine Allerersten in diesem Leben.

31.10

Bin was früher los und noch in Bad Schwalbach spazieren gegangen. Hab mir noch ein kleines Büchlein für meine Tasche besorgt, denn das hier nehm ich ja nicht immer mit. Busfahrt zur Psychologin war durchwachsen. Hatte Wasser dabei und immer wenn mir komisch wurde, hab ich einen Schluck davon genommen. Die Fahrt über die Eiserne Hand war sehr schön. Die Bäume tragen ihr Herbstlaub. Die Sonne schien und ich saß gleich ganz vorne, sodass ich einen Panoramablick hatte. Es war ein wundervoller Anblick, so dass ich mal wieder das Gefühl hatte, mit allem eins zu sein. Carlo hat mich dann von der Therapiestunde abgeholt. Ich bin so froh das er bei mir ist. Ich weiß, auch ohne ihn müsste ich es schaffen, und ich würde es auch. Aber ohne ihn würde das Leid schwerer zu ertragen sein und ich würde vermutlich viel mehr weinen und jammern und in Selbstmitleid zerfließen. Ohne ihn vielleicht aufgeben? Nein, aber es wäre viel viel schwerer. Das weiß ich. Wieso hatte ich mir eingeredet, das er was für mich tut? Als ich mit ihm heimkam, kotzte mich die Wohnung an. Wie immer, musste ich nach Tagen das Geschirr in die Spülmaschine räumen, weil er zu faul dazu war.

1.11.2005

Irgendwie antriebslos heute morgen. Ich sollte was tun, aber keine Lust. Der Blick aus dem Fenster bestätigt meine Stimmung irgendwie. Regen und trüb. Naja, erst mal Kaffee trinken. Hab meine Papiere sortiert und bin froh es gemacht zu haben. Leonie hat angerufen. Eine Freundin aus dem Internet und erzählt mir ihre Geschichte vom Krebs. Das war sehr lieb, aber jede neue Erfahrungsgeschichte verunsichert mich. Will nichts davon hören. Muss es selbst erledigen. Hab innere Unruhe. Weiß nicht wieso. Weil die nächste Chemo näher rückt mit Blutergebnissen morgen?

2.11. Blutwerte weiter in den Keller. Arzthelferin sagt ist normal. 14 Tage noch, dann wird die zweite Chemo fällig. Ich versuche die Zeit zu genießen so gut es geht. Die Leukos sind noch mehr in den Keller gegangen. Die Arzthelferin sagt, es wäre aber normal und ich soll mir keine Sorgen machen. Ich verdräng es einfach und versuch weiter zu machen. Nächsten Donnerstag muss ich dann wieder zur Magenspiegelung und dann erfahr ich auch, inwiefern die Chemo schon was nutzt.

3.11

Heute vertrage ich die Infusionen gut. Die Schwester erklärt mir, wofür das Zeugs alles gut ist, was man mir da spritzt. (Hilfe für den Magen, Mittel für die Harnwege, damit sich nichts entzündet usw.) Ich vertrage die Infusionen im Gegensatz zu gestern recht gut. Ich merke nichts. Dann kommt die Ärztin und spritzt mir noch separat chemische Mittel durch die Braunüle. Ich merke nichts davon. Ich beobachte mich, ob mein Körper reagiert, aber nichts passiert. Und ich bin heilfroh fürs Erste. Nach einer Ampulle Kochsalzlösung bin ich dann auch wieder befreit und bin froh die Chemo intus zu haben. Ich bin immer noch wortlos. Beobachte mich und kann nichts, rein gar nichts feststellen. Heute Morgen ist mir merkwürdig, kann eigentlich gar nicht genau sagen, wie mir zumute ist. Ich muss zur Apotheke ein Mittel gegen Übelkeit besorgen. Sie hatten es gestern Abend nicht vorrätig. Ich schleppe mich mehr recht als schlecht zur Apotheke und nehm gleich dort eine Tablette ein, weil mir spei übel ist. Sehe zu das ich wieder Heim komme und verbringe den ganzen Tag im Bett und trinke, trinke und trinke einen Liter Wasser nach dem anderen. Naja, vielleicht kriegt man damit die Chemie schneller aus dem Körper, außerdem hat es gegen den Würgreiz geholfen, der mich ständig quält. Neuer Morgen, neuer Anfang. Ich nehm gleich zur Profilaxe (hab Angst das mir übel wird) die Tablette, mit dem Wissen, das ich danach keine mehr nehmen darf. Mir geht es ansonsten sehr gut. Mir geht es so gut, das ich einen Termin beim Friseur mache und mir meinen Fiffi (Perücke) aussuchen geh, mit den Schwiegereltern Kaffee trinken. Mir geht es so gut, das mir die Zweifel kommen. Geht es mir zu gut? Das kann es doch nicht sein? Ich schimpfe mit mir selbst. Ich sollte dankbar sein das es mir so gut geht und ich hab nichts Besseres zu tun als zu zweifeln und auf ...., ja auf was eigentlich warte ich? Dass ich zusammenbreche?

Ach, ich will nicht denken, ich will einfach nur schnell dadurch. Ich werde furchtbar müde und antriebslos. Ich bin so froh das Carlo mir den Rücken krault, mir über den Kopf streichelt. Es tut so gut und gibt mir für ein paar Minuten ein wenig Ruhe und Ablenkung von den Gedanken, die sich nur noch um die Krankheit und um meine Kinder kreiseln. Ich vermisse sie so, aber weiß auch das ich sie in Ruhe lassen muss. Sie werden von alleine den Weg zu mir finden. Ich kann mich jetzt nicht mit ihren Problemen befassen, ich muss für mich selbst kämpfen. Kann mich ein wenig mit Fernsehfilmen ablenken. Fühl mich merkwürdig. Beobachte meinen Körper, fühle jede Reaktion auf die Chemie, obwohl es mir nicht weh tut. Noch nicht????

Carlo sagte er hätte am Freitag was vor. Jetzt trifft er sich Samstag mit den Kollegen. Warum werde ich jedes Mal so griesgrämig. Ich weiß er muss auch was anderes sehen, er braucht auch Ablenkung und jedes Mal tut es mir leid, wenn ich ihn so angefurzt habe. Wie kann ich das nur abschalten? Bin traurig das ich wieder so blöde reagiert habe. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, das da was nicht stimmt.Hat er da auch schon was am laufen gehabt?

4.11

Meine Schamhaare fallen aus. Am Kopf ein bisschen nur, aber da unten war der absolute Ausfall. Ganz plötzlich. Komisches Gefühl. Irgendwie weiß man, was da kommt und ist trotzdem schockiert. War zur Apotheke und bin dann noch mal zum Friseur und hab die Haare endgültig auf ein paar mm gekürzt. Sie waren ja schon wieder etwas nachgewachsen.Diesmal hat nicht viel zur Glatze gefehlt. Wow, ganz schön kurz.

8.11

Ich bin enttäuscht von Carlo. Obwohl er weiß wie wichtig mir es ist das er mich begleitet kümmert er sich nicht. Aber erzählt mir, wie wichtig ich ihm sei!? Erwarte ja nicht, dass er sich jeden zweiten Tag frei nimmt. Aber er vermittelt mir das Gefühl von Gleichgültigkeit in Momenten die für mich furchtbar wichtig wären. Er weiß das ganz genau. Wo sind seine Gedanken? Kann man wirklich so herzlos sein? Oder besser gedankenlos? Denn Herz hat er ja, das weiß ich. Oder bin ich eben nur eine Mimose, die jetzt Aufmerksamkeit will. Mensch, ich bin 45 ich werd doch wohl noch alleine klar kommen!

9.11

Blutabnahme steht bevor. Meinen Fiffi werd ich wohl bald tragen müssen. Die Haare fallen aus und es pickst und sticht am Eierkopf. War ja klar, jetzt muss er auf der Arbeit erscheinen obwohl er gestern sagte, er hätte heute frei. Scheiße Scheiße. Bin ja schon groß, kann das auch alles alleine bewältigen. Man bin wieder total unsicher, was Carlo angeht. Warum werde ich so unsicher, wenn ich krank bin? Vermutlich wegen der Psychiatrie damals.

Lieber Gott hilf mir selbstsicherer zu werden. Die Gedanken an die Psychiater quälen mich. Carlo hat da wohl ne schlechte Phase gehabt und mich vernachlässigt. Jetzt hab ich Angst das es wieder passiert. Krach mit Carlo. So nun wag ich es mal zu sagen was mir nicht gefällt, da bin ich zickig! Ich versuche alles so weit wie möglich von ihm fern zu halten damit er sich auf sich konzentrieren kann und er meint ich bin zickig! Wie alt bin ich eigentlich? Zickig! Ich bin doch keine 18 mehr das ich zickig sein könnte! Das tut weh! Blutwerte auf dem Weg zur Normalisierung. Dienstag geht's dann weiter mit Chemo. Morgen erst mal wieder Magenspiegelung.