Tagebuch 2 bis 22.10.2015

11.10 Der Arzt der mein Knochenmark will

Er sieht nett aus und versucht mich zu beruhigen. Ich hab panische Angst. Zittere wie Espenlaub. Er erklärt mir, dass er eine Spritze in der Nähe des Beckens setzt. Wenn das betäubt ist, kommt die Betäubung für den Knochen, eher er die Punktion durchführen wurde. Eine Arzthelferin hält mir die Hand. Ich hab das Gefühl ich breche ihr gleich die Finger. Ich spüre beide Spritzen nicht. Nur als er die Punktionsnadel in den Knochen bringt und das Mark absaugt zieht es ein bisschen und mein Bein zuckt nach oben. Es ist unangenehm, aber es tut nicht wirklich weh. Und ich schäme mich zu Tode, weil ich mal wieder, wie ein Kleinkind bin. „Ich will doch tapfer sein. Will stark sein!“ stammel ich vor mir her. „Sie sind doch stark. Ich könnt Ihnen Geschichten erzählen, was ich so erlebe. Glauben Sie mir, sie waren stark.“ Dann ist es vorbei und ich kann gehen. Mit Tränen in den Augen geh ich raus. Überstanden. War zwar nich toll, aber nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. Der Arzt meinte noch, es könnte die nächsten Tage sein, als hätte mich ein Pferd getreten. Oh ja, das merkte ich jetzt schon.

12.10

Ich denk die ganze Zeit an meine Schwester. Warum hab ich sie angerufen? Ich werde ihr den Befund schicken und mich dann zurückziehen. War ne total bekloppte Idee sie anzurufen. Sie will doch sowieso nichts mit mir zu tun haben. Ich bin doch nicht mehr ihre Schwester, seit Papa gestorben ist. Naja, ich kann und darf mich darüber nicht aufregen. Hab ja dann bei Mamas Tod das Gleiche zu ihr gesagt. Dabei liebe ich sie doch. Ich weiß immer noch nicht wirklich was ich schreiben soll. Nennenswert vielleicht die Tatsache, dass ich vor lauter Aufregung doch tatsächlich meine Tage noch mal bekommen habe. Die hatten schon vor Monaten einfach aufgehört.

13.10

Sitze wieder mal im Bus zur nächsten Untersuchung. Nur scheiße so zu schreiben. Sitze nun in der Nuklearmedizin. Wollte eigentlich noch ins Café, aber die Damen lassen mich nicht fort. Geben mir hier nen Kaffee. Der Bus von heute Morgen war überfüllt von Jugendlichen. Mir ging durch den Kopf: „Hab ja nun doch schon mehr als zwei Drittel meines Lebens hinter mir. Wieso? Keine Ahnung. Hier ist ne affektierte Alte geht mir tierisch auf den Senkel. Muss zwei Stunden totschlagen und weiß nicht wohin mit mir. Na wenigstens merk ich dir Radioaktivität in mir nicht. 1 Liter Flüssigkeit muss ich jetzt innerhalb der nächsten Stunde trinken. Naja, kein Problem für mich.

(Wenn Carina geahnt hätte, was sich längst hinter ihrem Rücken abspielte, hätte sie nicht die Kraft gehabt, sich auf all das zu konzentrieren,.Gott sei Dank unwissend. Carlo hatte da jemanden im Internet, mit der er angebändelt hatte.)

Wenn hier ein Friseur in der Nähe wäre, hätt ich vermutlich meine Haare hier jetzt wegmachen lassen. Wird das mit den Haaren für mich zu einer Mutprobe? Keine Ahnung, eigentlich häng ich nicht mal besonders daran. Mit dem Capi kann man sich auf jeden Fall vor Blicken schützen. Geh vielleicht noch bei der Arbeit vorbei. Ich könnte so viel aufschreiben, aber irgendwie ist mir auch nicht danach. Bin nervös und traurig, aber nicht hoffnungslos. Darüber bin ich dann wieder froh und kann lächeln. Auch gehen die Gedanken in die Richtung, dass es auch zu Ende sein könnte. Also das ENDE bedeuten könnte. Man muss alle Aspekte der Krankheit sehen. Ich denke ich werde darüber mit Carlo weniger reden. Im Moment bin ich selbst jetzt die Stärkere. Ich weiß nicht, wieso, aber es kommt, mir so vor. Ich bin dankbar, dass Moni im Moment noch da ist. Sie lenkt mich ab, bringt mich zum Lächeln und macht mir Mut. Vor allem überbrückt sie mit mir die Zeit bis zur ersten Chemotherapie. Ich glaube diese Wartezeit ist das Schlimmste.

14.10

Moni geht mit mir zum Friseur und ich lass mir die Haare auf 2cm kürzen. Die Friseuse schaut komisch, wieso ich meine schulterlangen Haare schneiden lassen will. „Hab Krebs und Chemotherapie kommt!“ Da sagt sie nichts mehr und schert mir den Kopf. Ich finde es steht mir das kurze Haar. Moni findet es auch cool. Hab ein Capi von ihr geschenkt bekommen das zieh ich mir cool über die Hirse. So, erste Schritt in harte Zeiten, ohne größeren seelischen Schmerz geschafft.

15.10

Wir besuchen zusammen Bogi. Eine Freundin, die ein vor kurzem ein Kind bekommen hatte. Der Kleene ist so süß. Und mir ist nach dem Besuch kotzübel und ich weiß nicht warum. Vermutlich die Blutung, die mir zu schaffen macht. Ich blute mal wieder wie ein gestochenes Schwein. 17.10 Radiologische Untersuchung. Beide Befunde, die gemacht werden sind ohne Befund. Heißt: Keine Lymphome, keine Metastasen. Eine Zentnerlast fällt mir von den Schultern. Aber: Ich kann mich nicht freuen. Ich habe Angst, ich weiß nicht weiter. Haben meine Kinder wirklich kapiert, was mit mir los ist? Will ich das wirklich wissen? Soll ich sie anrufen? Morgen krieg ich meine erste Chemo und ich habe so große Angst. Würde gerne meine Kinder sehen, aber sie sind so weit weg. Will sie nicht belasten und ihnen was vorheulen. Nichts wünsch ich mir sehnlicher als sie jetzt zu sehen, aber ich darf nicht. Ich darf sie nicht belasten. Ich weiß, ich kann nicht schlafen, schlucke aber trotzdem zwei Schlaftabletten, um dann in der Nacht doch vor dem Fernseher zu hocken. Ich kann meine Angst nicht beschreiben, aber sie nimmt Raum und Zeit ein.

18.10

Na toll. Die Tussi in der Apotheke hat vergessen für mich Rubimax (Antikörper) zu besorgen. Ärgere mich tierisch, aber bin auch froh über die Schonfrist, die ich so unerwartet bekommen habe. Allerdings die ganze Prozedur noch einmal. Angstattacken, Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit. MORGEN gibt es erstmal nur Antikörper. Damit versuch ich mich zu beruhigen. Denn die Chemo wird es erst am 20 geben. Nutzt nichts viel und mit schwer verquollenen Augen, erschein ich dann vermutlich morgen in der Praxis. Die Chemotherapie

19.10

Nun sitz ich hier und warte auf meine ersten Antikörper. Gestern ist es verschoben worden, weil die Tussi in der Apotheke das nicht auf die Reihe bekommen hat mit dem Rubimax für mich. Man ist mir übel gewesen vor Angst und dann bekam ich Schonfrist ... Und heute hab ich mir Angst, als ich es gestern hatte. Die Leute schaun mich an wegen meiner Haare. Ich hab sie mir auf 2 cm runterschneiden lassen. Hab mir keine Glatze rasieren lassen. Hab ich auch so gestarrt, wenn ich jemanden mit so kurzen Haaren gesehen habe, früher....? Moni ist auch wieder heim. Ich vermisse sie. Bin ziemlich gelassen, als ich das Wartezimmer betrete. Auch als ich die Kanüle in den Arm bekomme (für Antikörper) bin ich ziemlich gelassen. Ich denke nicht. Ich versuche die Zeit herum zu bekommen. Ich schlafe ein wenig, während es in mich hineintropft. "Man, halb so wild. Ich merk nichts, außer der Nadel im Arm. Also was hast du dich so verängstigt?" denk ich, während es mir irgendwie schlecht wird.

"Schwester, ich muss mal zur Toilette!" sag ich, anstatt zu sagen, dass es mir komisch wird. Sie macht mir den Tropf ab, ich versuch mich hochzuziehen. Sag immer noch nichts. Ich schaff das schon!!! Kurz vor der Toilette wird mir so komisch, dass es mir die Beine wegzieht. Mir ist kalt und ich fange an zu zittern. Aber ich schaffe es, auf die Toilette zu gehen!! Und nun schaff ich es auch zu sagen, das irgendwas mit mir passiert, was mir Angst macht. Die Schwester beruhigt mich, deckt mich mit einer Wolldecke zu, unter der ich vor mich hinzittere. Naja, ich find es nicht soo schlimm, mir ist halt nur kalt. War das der zu erwartende Schüttelfrost? Mir egal, ich fühl mich nach ca 10 Minuten wieder besser, und ich bekomme erst mal nur ne Kochsalzlösung. Dann wieder Antikörper und ich schlaf ein. Werde wach und habe Durst und Hunger. Ich denke überhaupt nicht daran, dass es dies der erste Teil der Chemo ist. Ich hab einfach nur Durst und tierischen Hunger. Als Carlo kommt schick ich ihn erst mal was zu trinken besorgen und was zu essen. Inzwischen haben wir es halb vier Uhr.

Seit halb 9 bin ich in der Praxis. Ich will nach Hause. Ich schau auf den Beutel, der noch Viertels voll ist. Um halb fünf hab ich es geschafft und Carlo fährt mit mir heim. Ich achte auf meinen Körper, aber nichts geschieht. Es ist komisch, ich warte darauf was passiert. Aber es passiert nichts. Kann ja auch noch nicht. Chemo kommt ja erst morgen. Wieder bin ich die ganze Nacht auf den Beinen. Meine Unruhe überträgt sich auf Carlo, ich bedauere den armen Kerl anstatt seine Hilfe einzufordern.

20.10 Gestern bin ich auf halber Strecke gekippt. Heut haben alle Verabreichungen keine Überreaktion hervorgerufen. Zumindest nicht während der Behandlung. Irgendwann kam die Ärztin zu mir, mit einem Tablett. Fünf Spritzen liegen darauf mit einer roten Flüssigkeit. Die CHEMO. Ich schaue zu, wie sie ganz langsam die Flüssigkeit durch eine Braunüle spritzt. Gleichzeitig läuft die Kochsalzlösung. Ich schaue dieses rote Zeug an und denke: „Komm her, und mach den Krebs kaputt. Wenn ich dich schon ertragen muss, dann mach den Müll in meinem Körper weg. Dafür nehm ich dich in Kauf. Ich lächel die Ärztin an und wage nichts zu sagen. Ich hoffe das es die nächsten Tage gut geht. Ich bin immer noch so wortlos. Kenn ich so gar nicht von mir. Ich fühl mich merkwürdig. Beobachte, was mit mir geschieht und habe Angst, aber auch Zuversicht. Bis zum Abend spüre ich nicht die kleinste Veränderung an meinen Körper, so das ich mit Carlo noch lecker beim Jugoslawen essen geh.

21.10 Mir ist schlecht.... Wortlos! Nehm meine Tablette gegen Übelkeit und leg mich einfach den ganzen Tag ins Bett. Gegen Mittag kann ich nicht mehr liegen bleiben. Bin unruhig und wackelig auf den Beinen. Auf den Fernseher kann ich nicht schauen. Das Bild wackelt mir zu sehr und es macht mich schwindelig und dann kommt es. Ich fange an zu weinen. Ich schluchze in mein Kissen. Denk an Papa und es wird immer schlimmer. Ich glaube ich hab bis abends spät geweint. Und ausgerechnet an dem Abend kam Carlo etwas später nach Hause. Doch ich hab mich bis dahin wieder beruhigt. Carlo sieht das ich geweint habe, nimmt mich in den Arm und flüstert: „Endlich der Knoten geplatzt!“ Ich kann nicht antworten, denn ich weine schon wieder. Spät in der Nacht beruhige ich mich erst und leg mich ins Bett.

22.10 Mir ist wieder schlecht. Es ist nicht so, dass ich mich übergeben muss, eher so eine komische Übelkeit über, die ich keine Kontrolle habe. Mal ist sie da, und dann kommt sie wieder. Besuche mit Carlo seine Eltern und bekomme eine Kalbsbrühe. Essen mag ich im Moment nichts. Aber die hat mir richtig gut getan. Wir fahren mit Mama in die Stadt und bestellen vorsorglich eine Perücke für mich. Den Antrag hatte ich mir bei der Kasse schon geholt. Immer noch alles unwirklich. Geht es mir zu gut? Kommt der große Schock noch? Ich weiß, ich sollte mich mit diesen Gedanken nicht quälen, aber sie kommen. Sie kommen einfach und ich kann nichts dagegen tun.