Oktober 2005

 Sie schrieb auf ihr Heft als Überschrift Krebs. Sie schaute in den Spiegel und bemerkte das ihr eine Träne die Wange hinablief. Aber das war's dann auch schon. Wieder fühlte sie sich wie tot. Sie hatte gehofft das die Tränen sie erlösen würden, sie wach rütteln könnten. Doch es war schon wieder vorbei, ehe es begonnen hatte.

Sie begann die Tage noch mal Revue passieren zu lassen und begann mit ihrem Tagebuch am 4.Oktober 2005

4.10.2005

Beginne mein Tagebuch hier, obwohl die Diagnose schon seit ein paar Tagen steht. Ist aber egal. „Carlo, ich hab da was am Magen. Die Ärztin sagt das kann man mit Chemo gut behandeln.“ Wie mechanisch sprach ich die Worte der Ärztin nach. „Komm beruhige dich, erst mal sehn, was die andere Ärztin zu sagen hat!“ Carlo scheint die Ruhe selbst zu sein. Wie kann er nur so gelassen bleiben, ich versteh es nicht. Ich weiß eigentlich gar nicht was ich schreiben will, außer dass ich ständig an meinen Dad denken muss. Er ist mit 52 an Krebs gestorben. Mann ich bin doch erst 45.

Die Gedanken an meinen Papa lenken mich von mir selbst ab. Ich wandere mit meinen Gedanken in die Vergangenheit nach Rinteln in eine psychosomatische Klinik in Rinteln. Ich vergesse Zeit und Raum um mich, als ich an diesen Tag im Juni 1993 denke:

Ich sehe mich in einem Therapieraum. Der Raum war sehr klein. Beängstigend klein. Ich nahm mir genau wie die anderen eine Gummimatte und legte sie auf den Boden. Es wurde nicht viel geredet. Und wenn doch, dann flüsterten die Patienten leise. Mein ungutes Gefühl wurde immer mehr zur Beklemmung. Ich mochte die Menschen um mich herum nicht ansehen, den Therapeuten erst recht nicht. Dieser setzte sich auf einen Stuhl und begann zu erklären: „Bitte legen Sie sich entspannt auf den Rücken. Sie hören jetzt Musik. Beurteilen Sie diese nicht. Lassen Sie sie nur auf sich wirken. Achten Sie auf Ihre Gefühle während dieser Zeit. Sie haben anschließend die Möglichkeit, mit mir über das Erlebte zu reden. Sie müssen aber nicht. Sie tun hier alles aus freien Stücken, und niemand kann Sie zu etwas zwingen, was Sie Bitte legen Sie sich jetzt hin“. Ich musste daran denken, wie ich zu Hause in den letzten Jahren immer im Wohnzimmer auf dem Boden gelegen und klassischer Musik gelauscht hatte. Mein Vater hatte mir diese Art von Musik nahegebracht. Leider kamen mir stets die Tränen, wenn ich mich von den Tönen tragen ließ. Deshalb stieg in mir auch jetzt ein ungutes Gefühl hoch. Ich bekam kaum noch Luft. Panische Angst breitete sich in mir aus. Ein Schweißausbruch überkam mich. In Gedanken betete ich: „Oh, mein Gott. Bitte, bitte keine Klassik. Bitte, bitte nicht“ Leise erklang dennoch die gefürchtete Musik und traf mich mitten ins Herz. Ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Namen und Stücke, doch ich kannte diese Musik, die ich da hörte, in- und auswendig. Es war eins der Stücke, die ich liebgewonnen hatte. „Was mach ich denn jetzt bloß?“ Die Tränen schössen mir in die Augen. „Ich schaff das schon, ich schaff das schon“, redete ich mir gut zu. Ich schluckte und schluckte, doch der Kloß in meinem Hals wurde immer dicker. Meine rechte Hand griff nach meinem Pulli, den ich zuvor ausgezogen hatte. Ich krallte mich daran fest, in der Hoffnung, so dem Tränenfluss Einhalt gebieten zu können. Meine Fingerknöchel taten weh. Ich bemerkte, dass mein Gesicht nass wurde. Meine Hand lockerte sich. Dann gab ich schließlich den sinnlosen Kampf gegen die Trauer, die mich durchdrang, auf. Durch meine geschlossenen Augenlider suchten sich die Tränen ihren Weg. Rinnsale bildeten sich rechts und links an meinen Ohren vorbei. Kein Laut kam von meinen Lippen. Doch es wurde schlimmer und schlimmer. Ich begann schließlich zu schluchzen. Verzweifelt drehte ich mich in die Bauchlage. Dabei zog ich meinen Pulli mit und drückte ihn mir vor das Gesicht. Ich versuchte, die Laute zu ersticken. Ein Heulkrampf schüttelte mich. Ich trat mit den Füßen gegen den Boden. Das kleine Mädchen in mir kam wieder zum Vorschein und ließ sich nicht mehr verscheuchen. „Oh, Papi, Papi, hilf mir“, war alles was ich in diesem Moment denken konnte. Ich war so stolz auf mich gewesen, weil ich damals so wenig geheult hatte, als mein Vater gestorben war. Ob das wohl so richtig und vernünftig war? Sechs Wochen Krankenhausbesuche bei meinem Vater zogen an meinen inneren Augen vorüber. Dreimal täglich war ich zu ihm gegangen. Ich sah ihn, wie er, schon halb verhungert, durch das Krankenhaus, in dem er war, irrte. Oft sprach er gar nicht, wollte nur ins Raucherzimmer. Übelkeit machte ihm zu schaffen. Wenn ich ihn so sah, konnte ich nicht begreifen dass eine bösartige Geschwulst im Hals ihn so zurichtete und sein Leben bald beenden sollte. Durch Morphium geschwächt redete er nur noch wirres Zeug und versuchte trotzdem, um sein Bewusstsein zu kämpfen. All die Lügen, die ich ihm in dieser Zeit aufgetischt hatte, um ihm ein wenig Hoffnung zu geben, gingen mir durch den Kopf. Ich kämpfte um ihn, nur noch um einen Sommer mehr. Nur einen einzigen Sommer. Vergeblich. Seine letzten Atemzüge erlebte ich, während ich seine Hand hielt. Seine Augen richteten sich ein letztes Mal auf mich und zu meiner Verwunderung waren diese vollkommen klar. Ein wissendes Leuchten stand in seinen Augen. Während dieses Leuchten langsam verschwand und sein Blick starr in Richtung Zimmerdecke ging, spürte ich, wie eine angenehme Hitze in mir aufstieg, beginnend in den Fußspitzen. Bis sie in meinem Kopf angelangt war, vergingen nur Minuten. In dieser Zeit beobachtete ich, wie langsam das Lebens aus seinem Körper wich. Ich hatte den Eindruck, etwas von ihm geschenkt zu bekommen, aber ich konnte nicht wissen oder ahnen, was da mit mir geschah. Ich hatte keine Angst, fühlte nicht mal Panik oder Trauer. Etwas verwundert registrierte ich, dass es mir gutging und ich soeben etwas sehr Schönes erlebt haben musste, obwohl der Schmerz in meinem Herzen mich schier zu zerreißen drohte. Die Wärme brachte mich zur Besinnung. Plötzlich spürte ich sie wieder. Sie war da und machte mich ruhiger. Diese Ruhe überkam mich auch jetzt wieder

Ja reiß dich zusammen. Das ist lange her und du musst jetzt kämpfen. Ich war zurück in MEINER Realität, die auch nicht grad schön war. Aber es weckte wohl auch meinen Kampfgeist für eine Weile.

6.10

Die innere Ruhe hat nicht lange vorgehalten Ich sitze an der Bushaltestelle und warte auf den Bus. Bin immer noch wie betäubt. Verdränge, was da auf mich zukommt. Wie lange geht das noch gut? Es kann doch nicht gut sein tagelang ohne irgendeinen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden, obwohl es mich betrifft? Ich mag nicht an die Zukunft denken, nicht gerade jetzt. Weil ich ahne was kommt. Es ist als würde es mich nichts angehen, aber es geht um mich! Lieber Gott hilf mir, damit der Knoten endlich platzt. Vielleicht nachher, vielleicht nach diesem Arztbesuch, wenn ich weiß, was mit mir geschieht? Sitze beim Arzt im Wartezimmer. Vor mir ein Plakat über ein Krebsforum in Frankfurt. Krebs hab ich ja nicht aber.... dort wird auch das Wort Lymphom benutzt. Eine Systemerkrankung. Doch Krebs? Mensch mach die Augen auf Carina! Nein, die kleine Carina in mir will nicht sehen, wo die Große längst weiß, was mit ihr los ist. Habe zittrige Finger und kann mich fast nicht auf dem Stuhl halten. Am liebsten würd ich wegrennen. Hab mir Bonbons gekauft. Ist das nun relevant für meine Aufzeichnungen? Nee, aber es ist wie alles in den letzten Tagen einfach nur Ablenkung. Sitz also bei der Ärztin und sie gibt mir meine Diagnose und gleich auch den Termin zur Knochenmarksentnahme. Ich lächele. Klar. Wunderbar, haben wir das auch gleich geregelt. Als ich rausgehe, wird mir erst mal klar: KNOCHENMARK.

Scheiße. Angst, Panik fang fast an zu heulen. "Schäm dich, hast noch nicht mal eine Behandlung hinter dir und du flennst jetzt schon wie ein Kleinkind!" sind meine Gedanken, die mir aber auch gleich wieder sagen, dass ich alles Recht der Welt habe, Angst zu haben. Ich bin durcheinander- und sprachlos. Etwas, was sonst nur selten vorkommt! Wenn ich an diese ganzen Horrorgeschichten denke, bzgl. der Knochenmarksentnahmen wird ich ganz blass und Übelkeit überkommt mich.

17.10

Eine radiologische Untersuchung ist angesagt. Irgendwie geht das, was die Ärztin sagt an mir vorbei. Die einzige Frage, die ich wirklich stelle und auch auf die Antwort achte ist: „Sagen sie mir doch bitte mit einfachen Worten, was ich denn nun habe.“ Die Antwort zieht mir den Boden unter den Füßen weg, obwohl ich die Antwort längst kenne. „Magenkrebs“ ist die knappe und präzise Antwort der Ärztin. Der Rest zieht an mir vorbei, während Carlo ihr zuhört. Ich beobachte mich, beobachte meinen Mann. Ich werde immer stiller. Carlo will reden, ich kann aber nicht. Ich versuche einfach nicht mehr zu denken. „Lieber Gott, lass es aufhören, das ich denken muss. Lass mich jetzt sofort tot umfallen aber erspare mir, was auf mich zukommt!“ ist alles, was ich denke. Seit dem Tag, an dem meine Hausärztin mir sagte, sie haben da was, was man gut mit Chemotherapie behandeln kann. Ich stehe vollkommen neben mir. Ich bin nicht mehr ich? Wer bin ich, wo bin ich? Es erinnert mich daran, dass ich wegen meiner seelischen Probleme in einer Klinik war. Und irgendwie auch daran, dass ich kämpfen muss. Erst da fange ich an der Onkologin zuzuhören.

Aber es dauert nicht lange, und wieder ziehen die Worte in dumpfen Tönen an meinen Ohren vorbei. ICH WILL ES NICHT WISSEN: Es schreit in mir: NEIN; ICH NICHT! Wie ein Zombie neben Carlo fahre ich heim. Setz mich auf die Couch und mach den Fernseher an. Carlo schaut mich an: „Rede mit mir!“ Ich schau ihn an. „Ich kann nicht. Bitte, ich kann jetzt nicht!“ flüstere ich ihm mehr oder weniger zu, um dann wieder auf den Fernseher zu starren. Ebenso kann ich die Wand ansehen. Ist doch das Gleiche. Armer Carlo, wie wird er damit fertig werden? Aber ich muss selbst erst mal realisieren.

7.10

Jetzt habe ich ja ne klare Antwort. Bösartige Lymphome, Magenkrebs. Eben ne andere Art von Krebs, aber KREBS. Gut heilbar hat die Ärztin gesagt. Ich müsste froh sein, bin ich aber nicht. Ich empfinde gar nichts. Das ist noch weniger als nichts. Ich ruf meine Kinder an, will das sie erfahren, was mit mir los ist. Mein Sohn ist geschockt und schon tut es mir leid, es ihm gesagt zu haben. Aber wenn nicht, und mir was passiert? Ich muss es ihnen sagen. Meine Tochter ist etwas gelassener und fragt detailliert nach. Es scheint sie zu beruhigen das die Ärzte gesagt haben, das man zu 100% wieder gesund werden kann. Carlo macht einen auf starker Mann und Stütze, dabei merke ich, das er fix und fertig ist. Soll ich es ihm sagen? Nein, nimm ihm nicht die Illusion etwas tun zu können. Muss zu meiner Psychologin. Eigentlich waren wir fertig und hatten uns schon voneinander verabschiedet. Sie wird wohl auch geschockt sein. Habe noch eine halbe Stunde und mir in der Stadt ein Fischbrötchen gekauft. Es schmeckt nicht. Ich schaue das Brötchen an und denke, bzw. Es fällt mir auf, das ich schon seit Monaten keinen Apatit mehr habe. Ich dachte es läge an der Diät, die ich machte. Nein, es war wohl die Krankheit, die mich hat abnehmen lassen.

Frustriert schmeiß ich das Brötchen weg. Bei der Psychologin sitz ich nur da und kann kaum was sagen. Sie plant und gibt Termine, damit sie mich durch die Zeit der Chemotherapie begleiten kann. Ich sage nichts. Ich denke nur. Warum weine ich nicht? Ich versteh es nicht. Warum nicht? Ich bin doch sonst so eine Heulsuse! Wahrscheinlich erschreckt mich gerade diese Haltung die ich habe so sehr. Macht mir noch mehr Angst, als ich eh schon habe. Das Weinen würde mir den Druck nehmen. Es könnte die innere Erstarrung auflösen. Vielleicht fühl ich mich dann wieder normal. (Was ist normal?) Ein Zombie(ich) fährt mit dem Bus nach Hause und schaut die Leute an. Wer von denen hat den Dreck auch im Körper. Sehe jemanden mit Glatze. So werde ich auch bald aussehen. Ich dreh den Kopf weg und lehne meine Stirn an das kühle Glasfenster und verpasse fast die Haltestelle, an der ich raus muss.

Gehe zu meiner Nachbarin und erzähl, was mit mir los ist. Sie gibt mir Tipps und will mir Antragsformulare mitbringen. Sie arbeitet am Amt. Sie spürt das ich noch nicht wirklich in der Lage bin darüber zu reden und lässt mich gehen. Zombie sitzt vor dem Fernseher. Bis tief in die Nacht, weil Zombie nicht schlafen kann.

8.10 Schweren Herzens ruf ich meine Freundin in Duisburg an. Sie hat Lungenkrebs und ihre Diagnose ist bei weitem nicht so positiv wie meine. Aber ich habe das Empfinden, es ihr sagen zu müssen. Sie weint ganz fürchterlich. „Nein Carina, nicht du!“ weint sie ins Telefon. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, weil ich hab doch „NUR“ ein NHL. Dann ruf ich noch eine Freundin in Hannover an, die auch schwer geschockt ist. Finanzielle Sorgen lenken mich von meinen negativen Gedanken weg. Dann bin ich dankbar, denn die Schwiegereltern helfen uns, wo sie nur können. Mir ist es peinlich, aber ich bin dankbar.

10.10

Ich weiß nicht was ich schreiben soll. Ich bin mundtot. Einfach sprachlos. Das ist nun wirklich selten bei mir. Ich spüre jede Bewegung meines Magens und die Angst in mir aufsteigen. Es steigert sich. Ich versuche mich abzulenken so gut es geht. Nicht so einfach. Moni, eine Freundin aus der Schweiz ist bei mir und wir beschäftigen uns. Bin aber abends froh, wenn Carlo kommt und Moni mit anderen Dingen beschäftigt. Habe Angst Moni zu belasten.

11.10

Moni und ich basteln, malen und machen buntes Papier aus Vorsatzpapier und Ölfarbe. Es hilft mir, mich abzulenken. Ich warte immer noch auf so was wie einen Zusammenbruch. Es wird wohl noch kommen. Oder hab ich tatsächlich meine Krankheit, mein Schicksal angenommen? Moni und ich gehen etwas früher in die Stadt. Und dann muss ich zur Punktion.... Moni hält mir die Hand. Aber mit rein darf sie nicht. Ich lag auf der Pritsche und der Arzt kommt rein. Meine Onkologin hatte mich darauf hingewiesen, dass sie diese Prozedur lieber ihren Kollegen machen lässt.