Zweites neues Leben

Der Umzug in ein anders Bundesland

Er hatte eine kleine 42 qm Wohnung in der sie provisorisch ihre Klamotten, die ihr noch geblieben waren, untergebracht hatte. Von ihren Möbeln hatte sich nichts mitgenommen. Hatte sie einem jungen Mann überlassen, der ebenfalls gerade im Trennungsstress war und seinem Kind keinen Kummer machen wollte.

Sie plante eine eigene kleine Wohnung zu suchen, um erst mal auf die Beine zu kommen. Arbeit hatte sie noch nicht, und das Arbeitslosengeld war nicht die Welt. Zwar war es für beide finanziell so Angenehmer, denn Carlo war noch krank und bezog Sozialhilfe. Dennoch war sie sicher, sie muss erst einmal eine eigene Wohnung haben. Es dauerte auch nicht lange, bis die beiden sich fetzten und Carina sich am liebsten ins Auto gesetzt hätte und zurück gegangen wäre. Aber: Wo sollte sie hin? Eine Wohnung besaß sie nicht. Carlo war aus der Wohnung gestürmt und kam einfach nicht wieder.

Sie verlor sich in Erinnerungen an ihre hinter sich liegende Ehe und begann Parallelen zu ziehen. Sie weinte und stellte sich unter die Dusche. Sie wusste nicht wie lange sie in der Schüssel der Dusche gesessen hatte, als Carlo kam, sie aus der Dusche zog, sie abtrocknete und auf die Couch seines kleinen Wohnzimmers trug. Traurig sah er sie an. Versuchte sie zu trösten. Doch es dauerte lange, ehe Carina sich beruhigt hatte. „Das hatte ich alles schon einmal, das will ich nicht noch mal erleben. Hätt ich doch erst mal an mich selbst gedacht! Hätt.....schluchzte sie vor sich hin. „Psst“ flüsterte Carlo, streichelte ihr über den Rücken und versuchte zu erklären, warum er rausgelaufen war. „Carina, ich muss einfach raus, wenn ich mich ärgere. Ich geh dann nicht in die nächste Kneipe oder in einen Garten, den wir nicht haben, und hol die nächste Flasche Bier raus. Ich habe eines gelernt: Trinke niemals, wenn es dir mies geht. Bitte vergleich mich nicht mit deinem EX. Das tut weh. Und ich will dir doch beweisen, dass Männer nicht alle so sind. Es war unklug von mir, einfach wegzurennen und dich solange hier alleine zu lassen. Du konntest ja nicht wissen, wie ich auf Stress reagiere!“

Carina hatte sich beruhigt und lächelte schon wieder. „Muss ich mich daran gewöhnen, dass du einfach wegläufst wenn es dir nicht passt?“ Carlo sah sie ernst an. „Nicht wenn es mir nicht passt, sondern dann, wenn es zu aggressiv wird. Ich kenne mich und weiß, dass ich dann unfair werde, also geh ich lieber. Im Streit sagt man so viele Dinge, die einem Leid tun. Dann hau ich lieber ab.“ Carina musste noch des Öfteren lernen, alleine zu sein, nach einem Streit, aber die Streitgespräche wurden weniger und sie waren ein Paar, dass sehr ruhig miteinander reden lernte. Das er ein Schönredner war konnte sie nicht ahnen.

Einige Wochen später nahm ein Zufall ihnen die Sorgen um die Wohnungssuche ab. Eine Etage über Carlos Wohnung war eine große Wohnung leer stehend. Sie wurde nur als Dienstwohnung vermietet. Wer den Hausmeisterjob übernahm, bekam die Wohnung. Carina bewarb sich darum. Allerdings wäre die Wohnung für sie alleine zu teuer gewesen. Sie diskutierte mit Carlo und bald waren sie sich einig. Carlo würde einen separaten Raum haben und sie auch. So konnten sie eine Wohngemeinschaft bilden und jeder hätte seinen Freiraum, den er benötigte. Die Kirchengemeinde des Dorfes, vor allem aber der Pfarrer, stellte sich bzgl. Carlo quer.

Es war schon peinlich, wie sie immer wieder auf die Geschehnisse der letzten Zeit herumritten. Schlussendlich gaben sie dann doch ihr ok. Carlo hatte aufgrund seiner Depressionen keine Post mehr geöffnet, so jegliche Rechnung nicht bezahlt. Das Sozialamt hatte aber alle Rechnungen beglichen, sodass eigentlich kein Grund dafür bestand, ihm Steine in den Weg zu legen. Erst als jemand in der Versammlung sich dahin gehend äußerte, dass man schließlich eine Kirchengemeinde sei und nicht ein Gerichtssaal, hörten die dummen Anspielungen auf. Carlo und Carina liebten ihre Dachgeschosswohnung und fühlten sich pudelwohl. Leider wurde Carina von einer Mitarbeiterin des Kindergartens gemobbt. Das machte das Leben schwierig. Aber Carina wollte sich nicht unterkriegen lassen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten bekam Carlo wieder einen Job und Carina bekam endlich eine Arbeit in einer Druckerei in Wiesbaden. Alles war schön und gut. Abends, wenn Carlo heimkam, nahm er seine Carina in den Arm und sagte, das Leben ist schön.

Leider verlor er bald wieder seinen Job wegen Arbeitsmangel und musste dann gleich wieder zum Sozialamt. Denn er hatte noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Sie überlegten hin und her, Carlo bewarb sich, doch es wollte nicht klappen. Als Carlo sie von einem Arbeitstag abholte, saß sie neben ihm und bat ihn, beim Zoo in der Nähe zu halten. Dann sah sie ihn an und sage: „Du Carlo, wir haben ja eh schon beschlossen, dass wir irgendwann mal heiraten. Weißt du, was, wir heiraten. Einfach so. Gut, dann gibt’s keine Feier, aber auf die leg ich sowieso keinen Wert. Aber du wärst bei mir versichert. Du müsstest nicht zum Sozialamt und deine Eltern müssten nicht für dich bezahlen. Sei doch mal ehrlich. Ich finde es Scheiße, das deine Eltern für einen 36 Jährigen zahlen müssen. Klar, du kriegst das Geld vom Amt. Aber seine Eltern müssen wieder alles zurückzahlen. Das find ich nicht in Ordnung. Und wenn wir dann doch zusammenleben, finde ich es fairer, wenn es so geht. Ich bin kein Sozialschmarotzer. Wenn es mir zusteht, und ich in Not bin ok. Aber wir würden das auch alleine schaffen. Ohne Sozi. Was meinst du?“

Er sagte gar nichts. Nahm sie in den Arm und küsste sie. „Bist du sicher das du es so willst?“ fragte er später. „Wenn du es so akzepieren kannst, ja. Ich weiß, du hättest gerne eine romantische Hochzeit mit Gästen. Aber das können wir doch später auch noch machen. Und die kirchliche Hochzeit ist mir auf emotionaler Ebene eh wichtiger, als ein Stück Papier.“ Carina sah ihm in die Augen. „Gut, dann heiraten wir!“ lachte er, drehte den Zündschlüssel um und fuhr los. Vier Wochen später gaben sie sich das Ja Wort. Ihre Schwiegereltern nahmen sie mit aller Herzlichkeit in der Familie auf und bekam von der Schwiegermutter ein Medaillon mit einem Bild von Carlo als Baby. Das hütete sie wie einen Augapfel. Dass sie bzgl. des Medaillons in einem Testament verfügen würde, das die Nachkommen ihres Schwagers es erhalten sollten, ahnte sie nicht.

Das Mobbing der Kindergärtnerin hörte nicht auf. Carina hatte zwar Spaß an ihrem Job und verbrachte mehr Stunden im und am Haus herum, als im Vertrag vereinbart, aber sie ertrug diese hinterfotzigen Beschwerden bei der Kirchengemeinde nicht mehr. Letztendlich glaubte man ihr, aber eine Kindergartenleiterin zu kündigen, die schon seit Jahren diesen leitet, war wohl zu schwierig. Carina kündigte den Job als Hausmeisterin und prompt bekamen sie die Kündigung der Wohnung. Carlo nahm sie mal wieder in den Arm, um sie zu trösten. „Das Leben ist schön! Wir werden eine neue schöne Wohnung suchen, darauf achten das wir einen Garten bekommen! Sieh mal, du hast Arbeit, ich hab auch wieder Arbeit. Schau was wir schon erreicht haben. Wo wir jetzt stehen, und wo wir am Anfang waren. Uns geht es gut. Wir suchen eine neue Wohnung und du wirst sehen, das Leben ist schön!“

Mit einem Lächeln auf den Lippen sah sie ihn dankbar an. Ja, er hatte recht. Das Leben ist schön, und so was sollte doch Carina nicht unterkriegen können. Bald hatten sie eine Wohnung, in die sich Carina sofort verliebt hatte. Eine Terrasse war der ausschlaggebende Punkt dafür, dass sie die Wohnung haben wollten. Der Vermieter traf sich mit ihnen und machte einen sehr netten Eindruck. Nach diesem Abend war die Wohnung für sie reserviert. Der Umzug klappte schnell und unkompliziert und noch vor Weihnachten 2004 zogen sie ein. Carina fand sehr schnell neue Kontakte und fühlte sich rundherum wohl. Doch dann sollte ihr Leben bis in die Grundmauern erschüttert werden.

Zunächst gab es einen Todesfall in der Familie. Das verunsicherte sie derart, dass sie sechs Wochen in einer Psychiatrie untergebracht werden musste. Kaum das sie sich davon erholt hatte, lag ihre Mutter im Sterben und Carina musste sich wieder mit der Vergangenheit auseinander setzen, die sie am liebsten für immer vergessen wollte. Ihre Schwester würde sie mal wieder niedermachen wollen. Doch diesmal wehrte sie sich. Kaum war die Mutter unter der Erde, bekam ihr jüngster Bruder einen Schlaganfall. Carlo fuhr sofort mit ihr ins Krankenhaus, doch ihr Bruder war recht gut in Schuss. Es war wohl nur ein kleiner Anfall, der keine Schäden hinterlassen hatte. Sie bat ihn, sein Leben zu ändern, und mehr auf sich zu achten. Drei Monate später lag er im Koma. Sein zweiter Schlaganfall war schwer wiegend. Carina setzte sich in den Zug und fuhr wieder ins Krankenhaus. Als sie ihn auf der Intensivstation an all den Schläuchen beobachtete, glaubte sie nicht mehr an ein Wunder. Auch die Stationsleitung machte ihr keine großen Hoffnungen. Sie legte ihm einen winzigen Teddybären in die verkrampfte Hand und versuchte später mit Freunden von ihm einige Dinge zu regeln. Eine Woche blieb sie bei ihm, doch sie musste wieder zurück. Sonst würde sie ihre Arbeit verlieren. Während der Rückfahrt im Zug weinte sie fürchterlich und schämte sich zu Tode. Sie versuchte die Tränen zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht.

Carlo fing sie auf, als sie fast aus dem Zug stolperte. Jedes WE, das sie erübrigen konnte, fuhr sie zu ihm ins Krankenhaus, später zur Frühreha und welch ein Wunder, er kam zu sich und erkannte sie. „Der Teddy, der war von dir?“ nuschelte er. Denn er konnte sich noch nicht frei artikulieren. Er hatte, sobald er zu sich gekommen war, immer darauf bestanden diesen Teddy in seine Hand zu bekommen. Joachim war ein schwieriger Patient. Bald brachte man ihn ein Pflegeheim. Dort verbringt er nun den Rest seines Lebens und hat einen gesetzlichen Betreuer bekommen. Carina hatte ihr ganzes Urlaubsgeld für Sprit verbraucht und konnte nun nicht mehr regelmäßig zu ihm. Irgendwie erleichterte es sie aber auch. Dieses hin-und herfahren zwischen Wiesbaden und Bochum war einfach zu anstrengend für sie. Sie telefonierte mit ihm, sobald es nur ging. Joachim erholte sich zusehends, auch wenn er nie wieder alleine leben würde, so konnte er sich an alles erinnern und erkannte die Menschen, die ihn besuchten.

„Hoffentlich, hoffentlich hab ich jetzt endlich ein wenig mehr Ruhe in meinem Leben!“ seufzte sie eines Abends. Carlo lächelte sie ihn. „Siehst du, du hast nicht geglaubt das er noch mal zu sich kommt. Und wo steht er jetzt? Ja ja ich weiß, ob es ein lebenswertes Leben ist, ist fraglich. Für uns! Aber sieh dir Joachim an, er scheint trotzdem glücklich zu sein und er würde dir sagen: Trotzdem, das Leben ist schön!“ Er nahm sie in den Arm, streichelte ihr über den Rücken, nahm ihren Kopf und zog ihn zu sich heran um sie zu küssen. Dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn. Carina liebte diese Art der Liebkosung von ihm. Er gab ihr Geborgenheit und immer wieder das Gefühl, sicher zu sein, die richtige Entscheidung für ihr Leben getroffen zu haben. Auch wenn in dieser zweiten Beziehung auch heftige Auseinandersetzungen stattgefunden hatten. Sie lächelte über die Erinnerungen, die ihr plötzlich kamen. Damals, als sie sich über Ursula kennen gelernt hatten.