Carlo mit der Maske

Carlo entpuppte sich als junger, höflicher aufmerksamer Mann, der irgendwann täglich anrief. Er erzählte von seiner Freundschaft zu jener gemeinsamen Bekannten und erfuhr so, dass er sich in Selbige verliebt hatte. Er hatte diese Verliebtheit wohl noch nicht ganz verdaut und war froh, jemanden gefunden zu haben, der ihm zuhörte.

Carina schmunzelte in sich hinein. Ja, so kannte sie Ursula zu genüge. Sie telefonierte stundenlang mit Carlo und vergaß dabei ihr Badewasser, das sie eines Abends hatte, angestellt. “Ich muss mal kurz in die Küche mir was zu trinken holen. Warte mal einen Augenblick!” sagte sie zu ihm, um den Hörer dann beiseite zu legen. Carlo hatte XXL der Telekom und es würde ihn nichts extra kosten, so machte sie sich auch keine Gedanken über seine Telefonkosten.

/ Das würde sich Jahre später rechen!

Als sie die Küche betrat, traf sie der Schlag. Das Badewasser lief schon über den Rand der Wanne und das vermutlich schon seit zwei Stunden. Entsetzt schrie sie auf. Aber anstatt den Wasserhahn zuzudrehen, rannte sie ins Wohnzimmer und sagte ihm, was los sei. Er sollte später noch mal anrufen, da sie sich jetzt erst mal um den Schaden kümmern müsste.

Das Bad hatte eine abschüssige Ecke, so das die Teppiche in den angrenzenden Räumen verschont geblieben waren. Sie schmiss alle greifbaren Handtücher und schmiss sie einfach auf den Boden. “Man Carina! Wo bist du eigentlich mit deinen Gedanken?” fragte sie sich selbst, während sie versuchte das viele Wasser mithilfe der Handtücher aufzusaugen. Eine viertel Stunde später rief Carlo wieder an und amüsierte sich köstlich über dieses Missgeschick. Keiner von beiden wäre zu jenem Zeitpunkt auf den Trichter gekommen, dass sie mal ein Paar werden würden. Und mit dem Wissen um sein Umfeld hätte Carina vermutlich auch von vornherein Reißaus genommen. Doch so wusste sie nicht, was noch auf sie zukommen würde.

Drei Tage später kam Anja aus Hannover zu Besuch. Es war mal wieder ein netter Besuch und Carina liebte ihre Freundin. Plötzlich klingelte es an der Haustüre. “Sagen sie mal, hatten sie einen Wasserschaden im Bad?” fragte eine ältere Nachbarin. “Im Keller da plätschert es und es sind mindestens 10 cm Wasserstand auf dem Kellerboden!” Entsetzt und schuldbewusst starrte Carina ihre Nachbarin an. Als diese gegangen war, erzählte sie ihrer Freundin von dem übergelaufenem Badewasser. “Sag erst mal bloß nichts. Könnte davon sein, aber wir schauen uns das erst mal an!” war deren besonnene Reaktion. Nachdem sie sich den Wasserschaden im Keller begutachtet hatten, wussten sie beide, dass irgendwo ein Rohrbruch sein muss, denn bei der Menge Wasser die von den Wänden lief konnte es nicht von dem Bad aus ihrem Badezimmer sein. Es stellte sich heraus, dass in Carinas Bad ein Rohrbruch eingestellt hatte.

Ihre Badezimmerwand wurde auf gehämmert und der Schaden beseitigt. Und Carina war erleichtert. Sie brauchte also keine Haftpflichtversicherung beanspruchen. Es ging eh nicht, sie hatte keine mehr. Zu ihrem einsamen Leben, das sie nun lebte, gehörten die Telefonate am Abend mit Carlo zu ihren Höhepunkten. Manchesmal verquatschten sie die halbe Nacht mit sinnvollen, aber auch unsinnigen Gesprächen. Eines Tages schrieb Carlo, ob er ihren PC einrichten kommen dürfte. “Das Ding stimmt doch hinten und vorne nicht!” las sie auf ihrem PC-Bildschirm. “Ich komme dann Samstag und bin abends wieder verschwunden!” Sie schrieb ihm, das sie einverstanden wäre. Jenes Wochenende sollte ihr Leben mal wieder vollends auf den Kopf stellen. Doch bis dahin verging noch so einige Zeit. Bald machte sie sich Vorwürfe über diese Einladung. “Ich kann mir doch hier keinen wildfremden Menschen einladen. Gut im Netz schreiben und telefonieren am Telefon ist was ganz anderes. Jetzt wird er dir direkt gegenüberstehn. Was wenn da so ein Spinner ist?” Sorgenvoll grübelte sie über ihre unüberlegte Einladung nach, bis sie vor Angst ihre Freundin in Augsburg anrief. “Sag mal, kennst du den?” fragte sie vorsichtig nach.

“Klar, er hat mich hier auch schon besucht. Ist ein ganz feiner Kerl. Vor dem brauchst du keine Angst zu haben. Der tut keinem was zuleide. Kannst du mir echt glauben!” antworte diese im Brustton der Überzeugung. Carina fragte sich, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte. Sie fand keine Antwort und beschloss die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Als es dann soweit war, fuhr sie so frühzeitig los, dass sie noch ihre Freundin in Duisburg besuchen konnte. Sie erzählte ihr von dem jungen Mann und das er vermutlich abends dann weiterfahren würde nach Recklinghausen. Er hatte ihr erzählt bzw. Angedeutet, dass er dort noch ein ganz besonderes Date erleben wollte. Eine Internetbekannte hatte ihm ziemlich eindeutige Angebote gemacht. Die CD für "besondere Stunden" hatte er im Rucksack, so sagte er. Carina lächelte darüber. "Schön, dann brauch ich mir ja nun wirklich keine Gedanken mehr zu machen!"

Sie freute sich jetzt auf das Zusammentreffen und war sehr gespannt auf das Kennenlernen. Lange vor der Zeit verabschiedete sie sich von ihrer Freundin, weil sie doch sehr nervös wurde. "Hey Carina! Vielleicht ist er der Mann deines Lebens, wer weiß das schon!" sagte sie zum Abschied. "Och du. Ich hab die Schnauze voll, das weißt du doch!" mit diesen Worten machte sie sich auf den Weg zum Wagen. Schnell fand sie einen Parkplatz am Ostausgang des Bahnhofes. Carlo sollte auf Gleis 4 ankommen. Sie schaute auf die Uhr. Noch fast eine ganze Stunde Zeit. Also besorgte sie sich einen Kaffee bei Burger King und setze sich an einen der kleinen Tische nahe der Glastüre. Dann bimmelte ihr Handy. Carlo teilte ihr mit, dass der Zug ein paar Minuten Verspätung hatte und sie nicht so früh losfahren bräuchte. "Ich weiß, sitz am Bahnhof!" lachte sie. Die nächste Stunde verbrachten sie damit, sich SMS zu schicken. Als es nur noch ein paar Minuten dauern sollte, begab sich Carina auf den Bahnsteig und kam sich dann doch etwas merkwürdig vor. "Ob ich ihn erkenne? Wie er wohl in Real aussieht? Sein Foto war ja nicht grad vorteilhaft auf der Homepage!" sind Gedanken dir ihr durch den Kopf gehen. Als der Zug mit den typischen Geräuschen eines Bahnhofes einfuhr, klopfte ihr Herz zum Zerspringen.

"Was ist denn nu los!" kann sie nur kurz denken, dann sah sie ihn auf sich zukommen. Er war sehr groß, naja immerhin fast zwei Köpfe größer als sie, mit ihren 160 cm. Stabil aber nicht fett. Er strahlte und hatte ein offenes Lächeln im Gesicht. Als er dann regelrecht lachte und auf sie zukam, da war es bereits um sie geschehen, ohne das sie es wusste. Sie reichten sich die Hände zur Begrüßung, was ihr irgendwie fehl am Platze vorkam. "Wieso nimmt er mich nicht einfach in den Arm?" denkt sie, um sich auch gleich wieder zur Ordnung zu rufen. "Sag mal tickst du noch ganz sauber?" Die üblichen Floskeln fielen. "Wie war die Fahrt? War es langweilig oder wie hast du die Zeit rumgekriegt? Mein Auto steht da und da, wir können ja mal losgehen!" Dann schwiegen sie, während sie nebeneinander den Bahnsteig entlang liefen. Carina musste ihn einfach noch mal ansehen. Sie wandte den Kopf und musste zu ihm hochsehen. Er sah auf sie hinunter und lächelte. "Was mach ich nur, wenn der mich jetzt in den Arm nimmt, ist alles gegessen. Alle guten Vorsätze vorbei! Was ist denn bloß los mit mir. Ich bin doch keine 17 mehr, dass ich mich hier Hals über Kopf in einen fremden Kerl verliebe!" Sie lächelte ihn an, sagte aber nichts. Bis sie zu ihrem Wagen kamen, sagten sie kein Wort. Das Schweigen war aber nicht unangenehm und das überraschte Carina sehr.

Später erfuhr sie von Carlo, dass es ihm ähnlich ging. Am Wagen angekommen, öffnete sie ihm die Tür und griff auf das Armaturenbrett. Dann gab sie ihm ein selbst gemachtes Püppchen. "Sozusagen als Willkommensgruß!" stotterte sie. Jetzt fragte sie sich allen Ernstes, wie sie nur auf den Trichter kam, ihm eines ihrer Püppchen zu schenken. Einem Mann von 37 Jahren schenkte man doch kein Püppchen? Oder doch? Er nahm es entgegen, lächelte weiterhin, nein er strahlte sie an. Sie konnte seine schönen, geraden weißen Zähne sehen, und am liebsten hätte sie ihn gleich auf den Mund geküsst, für diesen schönen Anblick. Er sah sich das Püppchen genauer an und musste lachen, als er sah, dass es vorne auf dem Pullover seinen Nicknamen aus dem Internet aufgestickt hatte. "Dankeschön! Das finde ich wirklich mal eine nette Idee!" sagte er.

Carina war inzwischen losgefahren und konzentrierte sich auf die Straße. Etwas schwierig für sie, denn sie war nachtblind. "Ach so, keine Sorge falls ich mal über die Linie fahr, aber ich bin nachtblind!" informierte sie ihn über ihr kleines Handykap. "Wow, das find ich echt klasse. Da fahr ich mit einer Nachtblinden durch die Gegend. Das kommt davon, wenn man sich auf Abenteuer einlässt!" Sie sah in von der Seite an und erkannte, dass er sich über diesen Zustand wirklich amüsierte. Er machte es sich erst recht bequem in seinem Sitz und zeigte keinerlei Sorge deswegen. Carina grinste und sie schwiegen wieder, bis sie bei ihr vor der Türe angekommen waren. Inzwischen war es 22.00 Uhr. Er würde wohl kaum noch die Nacht weiterziehen. Aber Carina machte sich keine Sorgen. Er konnte ja notfalls auf der Couch im Wohnzimmer schlafen. Er schlief in dieser Nacht nicht. Ebenso wenig Carina.

Sie kochte Kaffee, nachdem Carlo sich im Wohnzimmer auf die Couch gesetzt hatte. Als sie den Kaffee servierte, hatte er bereits die Kerzen auf dem Tisch und ihre Beleuchtung am Fenster eingeschaltet. Es war noch die Weihnachtsbeleuchtung, die sie noch nicht entfernt hatte, weil sie es schön fand, abends bei den bunten Lichtern zu sitzen. Sie redeten die ganze Nacht. Sie erzählten sich ihr ganzes Leben. Er hörte ihr zu, sie hörte ihm zu. Es war, als würden sie sich ein Leben lang kennen. Und er machte ihr nichts vor. Er erzählte ihr seine Schwierigkeiten, in denen er gerade steckte. Erzählte von seinen Depressionen, die ihm das Leben schwer machten. Carina verstand ihn nur zu gut. Am zweiten Abend ihres Zusammenseins bat er sie um eine Chance! Sie gab sie ihm. Ihr Bauchgefühl hätte sie warnen müssen.