Wer ist Carina?

Carina über sich selbst

1960 J.F. Kennedy wird zum Präsidentschaftskandidaten gewählt und in diesem Jahr werde ich am 27.Juni auf einer kaputten Couch im St: Anna Krankenhaus in Duisburg geboren. Ich hab keine Ahnung von dieser Welt und weiß nicht, wer J. F. Kennedy ist. Ich werde es eines Tages wissen und staunend vor dem Fernseher sitzen und mich erschrecken, wie Millionen anderer Menschen auch, als man den Präsidenten von Amerika erschießt.

Gott sei Dank weiß ich von dieser Welt noch nichts und hätte sie fast auch schnell wieder verlassen. Dank der Ärzte wurde ich in 7 Monaten aufgepäppelt und konnte dann Heim zur Mutter. Mein kleines Leben fing mit einer starken Eisenanämie an und hätte mich fast wieder einschlafen lassen, bevor ich vom Leben auch nur eine Ahnung gehabt hätte. Manchmal denk ich, es wäre besser gewesen. An meine frühen Kindheitsjahre erinnere ich mich teils nur schemenhaft. Einige Dinge sind tief in mir eingebrannt. Größtenteils hatte ich eine schöne Kindheit und die Welt war noch in Ordnung. Wir waren fünf Kinder und liebten sowie hassten uns. Wie es eben unter Geschwisterkindern üblich ist. Ich erinnere mich an viele schöne Zeiten, aber auch an Zank und Streit. Doch die meiste Zeit hatten wir viel Spaß. Ich erinnere mich sehr genau, an die Tage, an denen wir zu dritt in den Kindergarten gegangen sind. Der große Bruder (der Mittlere von Dreien) musste auf uns Kleineren aufpassen. Wir tippelten jeden Morgen zu dritt los. Mussten über eine Hauptverkehrsstraße und dann über einen Bahnübergang. Mir bleibt noch heute das Herz stehen, wenn ich mir vorstelle, meine Kinder hätten das jeden Morgen über Jahre hinweg alleine machen sollen. Ich hätt es nicht gekonnt. Ich war stolz auf meinen großen Bruder, der immer mit uns ging. Wenn man bedenkt das er selbst grad mal sechs Jahre alt war... Ich erinnere mich an einem Nachmittag auf dem Spielplatz, ich stürzte kopfüber von der Schaukel. An einem anderen Tag jagte mich mein Cousin (mit dem Downsyndrom) durch die Straße, dass ich Todesängste ausstand. Er schmiss irgendwann seine kleine Schwester aus dem ersten Stock der Wohnung. Sie überlebte es mit Arm und Beinbrüchen. Sie war noch sehr klein. Erst Jahre später erfuhr ich, dass es ein Unfall war und nicht die Schuld meines Cousins. Ein anderer Tag. Ein Sommertag. Die Jungs sitzen im Sandkasten und zeigen sich gegenseitig ihre Geschlechtsteile. Ich starre und starre und rsnnte dann weg. Das war meine erste Begegnung mit dem andren Geschlecht in dieser Form, das mich für die Zukunft prägte. Meine Mutter tat ihr Übriges dazu, denn sie erzählte mir, dass Männer die Frauen nur als Mülltonne benutzen würden. Infolge dessen hatte ich eine wahnsinnige Angst vor Männern oder heranwachsenden Jugendlichen. Ich erinnere mich an einen heißen Sommertag. Ich musste meinen Mittagschlaf halten. Ich war ca. vier Jahre alt. Ich entdeckte meinen Körper auf die unschuldige Weise eines kleinen Kindes und wusste nicht, was Selbstbefriedigung bedeutete. Nach diesem Sommertag verlernte ich es. Denn eine Tante war zu Besuch, die meinte sich dazu äußern zu müssen, denn sie war zufällig ins Schlafzimmer gekommen und hatte mich dabei beobachtet. Ich werde niemals dieses Gesicht vergessen, wie sie mich anstarrte und dann begann, auf mich einzuschimpfen. Dann kam auch noch meine Mutter, die ebenfalls auf mich einredete. Ich erinnere mich nicht an die Worte, aber daran, dass ich was ganz Schlimmes getan hatte. Ich schämte mich furchtbar und hatte sehr geschwitzt. Seit jenem Tag stand ich unter Beobachtung Klarer und deutlicher werden meine Erinnerungen, wenn ich an die Schulzeit denke. Mein Dad brachte mir Fahrradfahren bei, das Schwimmen und er unternahm sehr viel mit uns. Wenn er denn da war. Die meiste Zeit fuhr er mit seinem LKW durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Italien. Ich war eine Träumerin, konnte mich in eine Pfütze legen und den Regenbogen beobachten, während Autos an mir vorbeirasten, die wie verrückt hupten. Meine Mutter meinte eines Tages ich sei wohl nicht ganz normal. Eben kein richtiges Mädchen. Vermutlich, weil ich auf Bäume kletterte, mit meinen Brüdern Feuerchen machte und für jeden Blödsinn zu haben war. Und ich denke an eine kleine Freundin, die ich seit dem ersten Schuljahr hatte. Ich wurde in ihrer Familie aufgenommen, als wäre ich das vierte Mädel in dem Frauengeschwader. Ich liebte sie heiß und innig. Umso schlimmer war für mich der Umzug in eine andere Stadt. Der Umzug, der mein Blickfeld veränderte, der mir die Schrecken der Erwachsenenwelt vor Augen führte und mich schon damals tot unglücklich werden ließ. Ich wusste es nur nicht. Konnte meine Traurigkeit nicht einordnen. Margit. Wehmütig denke ich an Margit. ..... Sie war meine einzige Freundin zu jener Zeit gewesen. Ich war gerade in die Schule gekommen und lernte Margit schon am ersten Tag kennen. Täglich spielte ich mit ihr. Ihre Eltern waren sehr lieb und nahmen mich auf wie ein eigenes Kind. Sie hatten neben Margit noch zwei Töchter. Ich selber hatte eine große Schwester, zwei ältere Brüder und einen jüngeren Bruder. Wir lebten damals in einer Zweizimmerwohnung mit meinen Eltern, und eine Zeit lang noch mit meiner Oma, bis diese irgendwann wieder auszog. Meine Mutter suchte damals verständlicherweise eine neue Wohnung für die große Familie, und als sie endlich eine gefunden hatte, war sie sehr glücklich. Alle waren glücklich. Nur ich nicht. Keiner sah meinen Schmerz. Ich wollte nicht weg. Niemand bemerkte die Verzweiflung, die in mir brannte. Auch Margit schien keine Probleme mit unserem Umzug zu haben. „Wir sehen uns trotzdem noch“, war ihr beschwichtigender Kommentar zu dieser Angelegenheit. Ich wusste jedoch: Die Entfernung zu meiner Freundin würde zu groß sein. So schnell und vor allen Dingen oft, würden wir uns nicht wieder sehen. Der Morgen des Umzuges war grauenvoll. Ich weinte mir die Augen aus. Mutter tobte, weil sie endlich losfahren wollte. Wenn ich mich richtig erinnere, war mein Vater schon mit einem LKW vorausgefahren. Ich lag in den Armen der Mutter meiner Freundin und weinte. Ich fühlte mich so furchtbar allein gelassen und unverstanden. Die Tränen flossen. Der Umzug fand statt und ich verlor meine Freundin aus den Augen. In den folgenden Jahren spielte ich die meiste Zeit mit meinen Brüdern, fand keine Freundin wie Margit. Wollte ich auch nicht. Die Enttäuschung saß zu tief und ich wollte so etwas nicht wieder erleben. Mit meinen Brüdern konnte ich auf Bäume klettern, ich konnte Feuerchen machen und mein Dad fand das alles nicht schlimm. Er fand es gut, das ich nicht zimperlich war. Und da ich dachte, nur so die Anerkennung meines Vaters zu erringen, wurde ich immer mehr zu einem Jungen. Ich wollte keine Kleider tragen, ich wollte kein Mädchen sein. Und schon gar nicht, nachdem mir meine Mutter erklärte, wie böse die Männer sind. Ich erfuhr Dinge aus ihrem Leben, die ich aus heutiger Sicht lieber noch nicht erfahren hätte. Letztendlich hab ich als ihren Mülleimer gedient. Doch das wurde mir erst Jahre später klar. Meine Mutter war Asthma krank. Und ich war stets mit den notwendigen Medikamenten bewaffnet, um ja einschreiten zu können, wenn es mal wieder soweit war, das sie einen Anfall bekam. Die bekam sie regelmäßig, wenn mein Dad mal wieder in der Kneipe war. Und ich wurde langsam sehr böse auf meinen Dad. Wie konnte er der Mama immer und immer wieder so was antun! Ich litt Todesängste, wenn sie plötzlich anfing, zu röcheln. Ich rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her und brachte ihr die Tabletten, damit sie aus den Anfällen kam. Ich bemerkte nicht, dass sie das Asthma auch dazu benutzte, uns zu strafen, wenn wir mal nicht artig waren. Was immer man darunter verstehen mag. Sie fesselte mich so an sie, dass ich keine normale Entwicklung in der Pubertät hinter mich brachte. Noch heute habe ich Schwierigkeiten, wenn jemand in meiner Nähe ist und nach Luft schnappt, dann fängt mein Herz an zu rasen und ich möchte einfach weglaufen. Dann betrog mein Dad meine Mam. Ich war noch zu klein, um zu begreifen, was das bedeutete. Ich weiß nur, dass meine Mutter mich zu dieser anderen Frau, die so alt war wie meine älteste Schwester, mitschleifte. Sie hat mich nicht zur Schule gefahren, sondern mich in das Haus dieser anderen Frau geschleppt. Es war nur die Mutter des Mädchens da, die uns in das Zimmer des Mädchens führte. Ich sah Bilder von meinem Daddy in Umarmung mit diesem Mädchen. Ich war traurig, erinnere mich aber, dass ich noch dachte, sie sind ein schönes Paar. Meine Mutter weinte auf dem Heimweg und beachtete mich nicht. Als wir zuhause ankamen, nahm sie ein Brotmesser und begann die neue Wohnzimmercouch und die dazugehörenden Sessel aufzuschlitzen. Und sie wütete verbal, dass mir Angst und bange wurde. Ich klingelte bei meiner Nachbarin fing an zu weinen und stotterte nur noch. Die Nachbarin brachte meine Mutter zur Ruhe und ich zitterte in meinem Zimmer wie Espenlaub. Dann hörte ich sie wie sie wieder einen Anfall bekam. Ich rannte hin, streichelte sie und gab ihr die Tabletten. Sie registrierte mich nicht. Ich existierte nicht. Wieder ging ich in mein Zimmer und wurde ganz, ganz wütend auf meinen Vater. Ich beschloss, nie wieder ein Wort mit ihm zu reden. Als er zwei Tage später kam, um mich und den kleinen Bruder abzuholen, rannte ich in seine Arme und heulte ganz fürchterlich. In meiner Brust wütete das Gefühl der Wut, aber auch der Verzweiflung darüber, dass mein Dad nun nicht mehr hier wohnen würde. Er nahm uns mit zu jener Tante, die mir damals als ich klein war, so ins Gewissen geredet hatte. Ich konnte sie nicht leiden und jetzt erst recht nicht mehr. Mein Dad weinte, ließ sich aber sehr von dieser Schwester beeinflussen. Ein paar Wochen später zog er wieder ein. Aber es war nicht mehr wie vorher. Immer gab es Spannungen. Er gab seinen Job als Fernfahrer auf und arbeitete von da an bei Mannesmann als Arbeiter. Er trank mehr und regelmäßiger. Bis ihm klar war, das er zu viel trank. Dann trank er nicht mehr, dafür aber um so heftiger, wenn er es denn tat. Es endete in stummen Vorwürfen meiner Mutter und anhaltenden Asthmaanfällen, die mir den Schlaf raubten und sicher auch ein wenig die Gesundheit. Denn ich landete im Krankenhaus und bekam die Mandeln entfernt. Seit dem hasse ich Krankenhäuser und Vanilleeis. Das Verhalten gegenüber meinem Vater änderte sich in der Form, dass ich ihn zwar heimlich über alles liebte, aber nach außen Missachtung und Abneigung zeigte. Schließlich war er verantwortlich für die Anfälle meiner Mutter.

Freiheit

Carina heiratet 1982 und bekommt 2 Kinder. 18 Jahre Ehe mit Höhen und Tiefen, die letztlich mit einer Scheidung endet. Mit knapp 40 Jahren also ein Neuanfang. Ihr fragt euch sicher, warum ich darüber schweige. Aber das ist ein Teil meines Lebens das ich nicht mit der Öffentlichkeit teilen möchte. Dafür sind mir die Kinder und die schönen Zeiten, die es zweifellos gab zu wertvoll.

Freiheit

Manchmal stellt man seine Welt auf den Kopf. Stellt sein Leben vollständig um. Gibt Altbekanntes auf und schmeißt sich blind in ein neues Abenteuer. Viele neue Dinge wollen entdeckt werden, für die man zuvor keine Zeit hatte. Oder man durch andere daran gehindert wurde. Durch Geldmangel, weil man Verpflichtungen hatte, (Ex-Mann und Kinder) und diese einen so gefordert haben, das man seine eigenen Interessen schlicht und einfach vergaß. Das alles lag nun hinter ihr. Sie hatte ein neues Leben begonnen. Ohne Ehemann und Kinder. Das sie die Kinder nicht bei sich hatte, tat sehr weh. Aber sie waren zu alt um über ihren Kopf weg zu entscheiden. Sie hatten sich für den Vater entschieden. Die lieben mich genauso wie ihren Vater, aber für die beiden war es die vorteilhafterer Entscheidung. Das es mir weh tat, spielte einfach keine Rolle und ich nahm es ihnen auch nicht böse.

Eine eigene Wohnung, Umschulung, Arbeit.

Und dann schlich es sich an. Ganz vorsichtig, aber zielsicher. Es kroch von hinten heran und krallte sie. Das ZEITALTER des INTERNET ließ sie nicht unverschont. Das Ding, welches man Modem nennt, grinste Carina an. Einen PC hatte sie schon seit Jahren, da ihr Hobby die Schriftstellerei war. Aber ansonsten interessierte sie nicht sonderlich, was auf der Festplatte zu finden war. Am Anfang war das natürlich anders. Sie war neugierig und wollte dieses Ding namens Personal Computer näher kennen lernen. Carina probierte dies und das, mit dem Erfolg das der PC abstürzte. Carina war mit den Nerven am Ende, als sie einen PC Shop betrat und ihr Motherboard( wieso heißt dieses Teil eigentlich irgendwas mit Mutter übersetzt) womit natürlich dieses viereckige Teil, in dem sich die Festplatte, Grafikkarte? CD-Rom? Und Laufwerk A? enthalten waren, zur Reparatur brachte. (Die Fragezeichen sind für ihr Unverständnis jener Zeit. Klar war alles drin und dran an dem Apparat! Man muss ja alles haben! Klar?!) Man klärte sie auf, war sehr freundlich und zuvorkommend.

Beim fünften Mal lächelten sie anders. Ihre Gedanken waren offensichtlich: “Die ist einfach zu blöd dafür!” Zuvorkommend waren sie immer. Carina war ja auch ein sehr guter Kunde. Irgendwann unterließ Carina es, Neues auszuprobieren. Die Kosten überstiegen den Inhalt ihres Geldbeutels. So befreundete sie sich ausschließlich mit ihrem Schreibprogramm. Ein Anflug von Internet wurde im Keim erstickt durch den Alltag der Carina nicht losließ. Doch von dem Tag an, als sie ihre neue Wohnung bezog, verfolgte sie dieses Wort “INTERNET” Die Dozenten während ihrer Umschulung schworen darauf. Wiesen darauf hin, wie wichtig in Zukunft das Tor zum World wide web??? sein würde. Auszubildende Mediengestalter, die ebenfalls in den Schulungsräumen geschult wurden, unterhielten sich ständig und täglich über Links? Online? Banking? Urls= was ist das denn nun schon wieder? Und Tausender anderer Fachausdrücke. Für sie Fremdwörter einer anderen Welt. Langsam begann es sie zu nerven, daneben zu stehen und nichts zu verstehen. Die Überlegung nun doch mit der neuen Welt “INTERNET” Kontakt aufzunehmen, reifte heran. Man kann sich ja mal unverbindlich nach Preisen und Anbietern erkundigen. Das www. hatte sie. Die Frage war nur, wann würde Carina starten?

Es dauerte nicht mehr lange. Ca. 14 Tage. Hartmut, ein Klassenkamerad, war schon drin! Er zeigte ihr in kleinen Zügen was das www. bedeutete, indem er mit ihr im Internet surfte. Ihr Geldbeutel sagte zu ihrem Interesse allerdings eindeutig nein. Ein paar Tage später traf Carina sich mit ihrer Freundin Antje aus Duisburg. Sie ist Schriftstellerin und war auch schon drin! Überall war man schon drin! Nur Carina nicht. Und dann passierte es! Sie schenkte ihr das Tor zum WWW. Sie schenkte ihr ein nigel-nagel-neues Modem. Und die CD-ROM von AOL war gleich dabei. Am Abend war Carina dann auch endlich drin. Mitten drin in der Welt des World Wide Web. Die Übersetzung dieser drei Worte kannte sie immer noch nicht. Aber es faszinierte sie. Das Abenteuer konnte beginnen. Und was für eins!

Schon die ersten zwei Tage, in denen Carina ihre ersten 20 Freistunden verballerte, waren ein Erlebnis mit Höhen und Tiefen, die sie so aufwühlten, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Voller Vorfreude trug sie ihren Eingang zu dieser neuen Welt nach Hause. Vorsichtig öffnete Carina den Karton indem sich dieses Modem, welches ihr vor zwei Wochen noch unerreichbar schien. Sie starrte sie dieses Ding an, wie eine Kostbarkeit aus tausendundeiner Nacht Sie grinste wie ein Honigkuchenpferd dabei. Freude und Aufregung wechselten sich. Und schließlich kam die Frage auf: "Und wie mach ich das nu?” Na, wo für hat, man Freunde? Sie rief Hartmut an, in dem Glauben das er ihr alles anschließen und ihr alles später genau erklären kann, wie es funktioniert. Dass er keine Zeit haben würde, auf die Idee kam Carina erst gar nicht. Carina konnte sich lebhaft vorstellen, wie er bis über beide Ohren grinste über ihre Unsicherheit, aber gleichzeitige Ungeduld. “Weißte was? Du machst das schon!” sagte er nur. Eigentlich hatte sie es sich so nett vorgestellt, und einfacher wäre es ja auch gewesen, wenn er es angeschlossen hätte. Aber so. Nun stand sie da mit ihrem Talent! Aber wie lautet die Devise? Selbst ist die Frau. Und naja, so schwer war es nun wirklich nicht, die Stecker in die dazugehörigen Buchsen zu stecken. Und nachdem Carina die CD-Rom für das Modem ins Laufwerk gelegt hatte, ging auch alles wie von selbst. Ehrlich!

Nur leider hatte sie nicht richtig verstanden, was der Bildschirm von ihr verlangte. Es kam die Aufforderung: Bitte geben sie eine weitere Einwahlnummer ein. Was für ein Ding??? Einwahlnummer. Sie ging einfach weiter, sie hatte doch nur die eine Telefonnummer. Wozu brauchte man noch eine Weitere? Aber es ging nicht weiter. Immer wieder die Aufforderung, bis sie aus Verzweiflung die Nummer ihrer Tochter eingab. Plötzlich kamen so merkwürdige Geräusche aus dem Modem und es hörte sich an, als würde eine Nummer gewählt. Und tatsächlich, da bimmelte ein Telefon!!! Und prompt hörte sie die helle Kinderstimme ihrer Tochter. ”Hallo? Wer ist denn da?” Verdutzt schaute sie das Modem auf ihrem Schreibtisch an. Ja wie kriege ich das denn wieder aus? Vor lauter Schreck brach Carina die Installation des Modems ab. Was hatte sie denn da veranstaltet? Beim dritten Versuch wurde ihr klar, wieso es nicht funktionierte. Musste nur genau den Bildschirm ansehen, um zu erkennen, dass das Modem seine zweite Einwahlnummer selbst gesucht hatte. Na bravo!!

Nach 45 Minuten hatte sie das Modem installiert. (Im Normalfall wohl höchstens 3 Minuten!!) Aber jetzt brauchte Carina nur noch die AOL CD einlegen. Der Bildschirm wies ihr den Weg und voller Spannung erfüllte sie alle Aufforderungen, die ihr gestellt wurden. Bald wäre Carina drin! Und könnte anfangen. Aber was war das? Ach herrje! Ihre ersten Anmeldungsangaben finden sie im Cover der AOL CD. stand dort. Die Reklame hatte sie bereits in den Müll geworfen und natürlich vorher schön klein gerissen. Also auf zum Puzzlespielen. Sie kriegte es wieder zusammen, obwohl es im Mülleimer gelegen hatte, zwischen Teebeuteln und Kippenresten. Sie folgte den Anweisungen und endlich, endlich hatte sie die erste Seite, in der sie ihren Namen und ihr Geheimwort eingeben musste. Aber was stand noch da? Geben sie ihre Pin ein? Wieder wühlte sie in ihrem Mülleimer. Doch sie fand kein kleines Restchen von Papierschnipseln, die noch zum Cover gehört hätten. Sie hatte in ihrer Wut natürlich nicht zu Ende gelesen. Am Bildschirm stand eindeutig, was Carina zu tun hatte. Rufen Sie den AOL Service an und sie erhalten ihre Pin. Genervt nahm sie den Hörer ihres Telefons und besorge sich die Pin die sie benötigte. Und dann war es geschafft. Tatsächlich geschafft.

Jetzt weiß sie auch warum Boris Becker in seiner Werbung so offensichtlich erleichtert sagen muss: “Ich bin drin!” Bei den Geschichten um Herrn Becker bekommen diese Worte allerdings einen ganz anderen Sinn.

Carina war also auch endlich drin. Sie kämpfte sich durch die ersten Angaben, die sie finden konnte. Ging auf den Link für Sicherheit und so fort. Sie blätterte mal hier hin, mal dort hin, immer mit der Vorsicht bloß nicht zu viel anzuklicken, um kein Chaos zu veranstalten. Dann lächelte sie das Wort Chat an. Sie hatte von den Freunden ihrer Kinder schon oft davon gehört und ihre Neugierde war geweckt. (Und ihre nur kurze Chatsucht begann!!!) In Chatträumen kann man per Tastatur mit anderen kommunizieren. Das faszinierte sie. Aber zunächst schaute sie sich den Bildschirm erst einmal nur an. Ein viereckiger Kasten, in dem immer wieder neue Namen auftauchten. Ständig blinkte der Bildschirm, weil die Zeilen nach oben rutschten. So konnte sie beobachten, wie die Teilnehmer sich verbal mithilfe der Tastatur austauschten. Was für ein Chaos.

Es schien ihr, als wäre sie in einer Kindergartengruppe gelandet. Man malte sich Gesichter. Machte Heulzeichen :Ich bin doch Ebru!” konnte sie danach entziffern. Sie schaute zu, wie man herumalberte. Die Namen der Teilnehmer waren fantasievoll bis geschmacklos. Hier eine kleine Auswahl der etwas interessanteren Art. Babydoll, Pokermon, Geizkragen, Hallodrio, Überflieger und, und ,und. Wozu diese Nicknamen? Es dauerte noch einige Stunden, ehe sie begriff, dass dies durchaus einen Sinn machte! Doch dazu später. Obwohl Sie sich nicht bemerkbar gemacht hatte, machte es plötzlich: plink!! Ein kleines Fenster erschien links oben mit der Anfrage: Welli Pirelli hat ihnen ein Telegramm geschickt. Möchten Sie es annehmen. Klar wollte sie! Sie nahm es an und ein weiteres Fenster öffnete sich. Hier waren die Worte eingetippt: hey Carina! Wie geht es dir? Bei näherem Hinsehen fand sie einen weiteren Kasten, indem sie ihre Antwort eingeben konnte. “Danke gut! Woher hast du jetzt meinen Namen?” “Aus dem Kasten, rechts neben dem Chattraum!” schreib ihr Welli Pirelli. So erfuhr sie, dass man die anwesenden Mitglieder, auch wenn sie sich nicht bemerkbar machen sehen konnte. So ging es eine Weile hin und her zwischen Carina und dem Chatter. Doch Welli Pirelli, wer immer es auch gewesen sein mochte, verlor schnell das Interesse an Carina und verabschiedete sich wieder.

Carina klickte sich weiter durch die verschiedensten Chatträume. Von Herzkopfen und Liebeskummer zum Netzkaffe und Fußballclub. Und fast überall erschien es ihr, das meistens die Kidis in diesen Chatträumen zu finden waren. Um herauszufinden ob es wirklich an dem war, gab sie in die Eingabezeile: Ist da jemand unter euch, der das biblische Alter über 30 auch erreicht hat?” Die Reaktionen waren rasend schnell. Zum Teil konnte sie gar nicht so schnell lesen, wie man ihr antwortete. “Ne Omi, nur 15” “Hey, süße Carina, bin 24 kann mich, aber wie ein 30iger benehmen. Lust?” “Wat, du bist schon über 30. Wat willst denn hier?” “Frauen ab 30 sind die Besten, melde dich bei mir!” Dies ist nur eine kleine Auswahl der Antworten die Carina bekommen hatte. Sie musste lachen. Die wussten ja nicht das sie schon die 40 erreicht hatte.

Ohne Antwort verzog sie sich in den nächsten Chattraum, in ein so genanntes Foyer. Carina beobachtete dieses stattfindende Frage Antwortspiel, und diesmal schien die Altersgruppe doch schon höher zu sein. Zumindest waren die Fragen und Antworten nicht ganz so albern und kindlich wie zuvor. Sie versuchte ihr Glück wie zuvor. “Ist da jemand über 30 bei euch?” “Plink! Machte es. Ein Telegramm von Heydu2003. Sie nahm es an, und es war der Beginn einer scheinbar wundervollen Freundschaft. Die folgenden zwei Stunden verflogen im Nu. Heydu musste sich verabschieden. Ihr Glück! Denn sie hätte noch viele Stunden vor dem PC verbringen können. Aber nachdem er sich verabschiedet hatte, hatte sie eigentlich auch keine Lust mehr, mich mit neuen Leuten zu befassen. Sie musste das Erlebte erst mal sacken lassen.

Vorsichtiges Abtasten der anonymen Person hinter diesem Namen. Hilfreiche Tips für den Anfänger. Gut gemeinte Warnungen, die ihr in den folgenden Tagen noch sehr hilfreich sein würden, technische Hilfen. All das bot ihr Heydu, Volker, wie er ihr später verriet. Carina hatte jede Menge technische Probleme, die natürlich auf ihre Eingabefehler zurückzuführen waren. Mal funktionierte dies nicht, dann das nicht. Heydu half, wo er nur konnte. Sie redeten über Gott und die Welt. Volker ist Christ. Er hat mehrmals darauf hingewiesen. Schon deshalb mochte sie ihn wohl auf Anhieb. Carina war wohl eher der Zweifler, aber bewunderte die, die an Gott glauben und immer so ausgeglichen und zufrieden scheinen. “Wie finde ich dich wieder!” frage sie ihn. “Ich finde dich! Ich melde mich!” waren seine letzten eingetippten Worte. Sie beendete das Programm und legte sich ins Bett. Aber schlafen konnte sie noch lange nicht. Die Unterhaltung via Bildschirm beschäftigte sie noch lange. So gut und nicht nur belanglos hatte sie sich schon seit Monaten nicht mehr unterhalten. Nur mit autogenem Training fand sie zur Ruhe und Entspannung.

Oh, Carina hätte ahnen müssen, was sie sich mit diesem Einstieg in die Netzwelt antun würde! Morgens ging sie zur Schule. Am Nachmittag lernte sie und abends versank sie in der Welt des Internets. Es half ihr nicht an ihre Kinder denken zu müssen, die ihr eigenes Leben lebten. Ihr Sohn war bereits 18 und sehr selbständig. Die Tchter 15, Sie wollte ihren Hund nicht verlassen,denn leider fand Carina nur eine Wohnung ohne Tierhaltung. Sie meldeten sich selten und am Wochenende hatten sie eh etwas anderes zu tun. Hin und wieder geriet sie mit ihren Kindern in einen Streit, den sie allerdings immer schnell schlichten konnte.

 

Freiheit teil 2

Sie wollte ihren Kindern keine Vorwürfe machen. Sie hatte nicht das Recht dazu. Außerdem fand sie, das der Vater hinsichtlich der Kinder diese neue Verantwortung auch mal tragen konnte. Sie beruhigte sich mit den Worten: “All die Jahre habe ich nur für sie gelebt. Was ist daran falsch, dass der Vater nun mal zuständig ist!”

Manchmal half es, manchmal nicht. Doch das Internet gab ihr eine Möglichkeit, sich den Grübeleien, die ihr sowieso nur weh taten, nicht hinzugeben. Heydu wurde zu einem netten Unterhaltungspartner, der ihr in vielen Dingen weiterhalf. Leider musste sie nur allzu schnell erfahren, dass jener ein Gläubiger der besonderen Art war. Nicht dass er sie versucht hätte, von seinem Glauben zu überzeugen, aber er redete ständig davon. Carina verunsicherte ihn in manchen Dingen zutiefst, auch in seinem Glauben. Er kam irgendwo aus Süddeutschland und eines Tages hatten sie die Telefonnummern ausgetauscht. Sie telefonierten täglich und Carina machte ihm klar, das er sich nicht in diese Freundschaft verlieren sollte. Er schien nach einer Partnerin zu suchen, doch davon wollte Carina nun überhaupt nichts wissen.

Etwas völlig Unerwartetes trat ein. Eine alte Freundin von früher fand Carina im Netz. “Mensch Schneider altes Haus, bist du das wirklich?” fand sie eines Tages ein Telegramm von Ursula vor. Aufregung folgte und viele, viele Mails. “Installier doch mal den AIM Messenger!” schrieb Ursula “Den was?” fragte Carina “Da können wir direkt miteinander chatten!” schrieb Ursula. Doch Carina kam nicht zurecht. “Warte mal, ich schick dir mal jemanden vorbei, der dir das erklärt!” schrieb Ursula. Es folgten viele Telegramme und Carina war kaum in der Lage so schnell zu antworten, wie sich die Freunde von Ursula meldeten. Kurzzeitig hatte sie 10 AOL Fenster mit irgendwelchen Nachrichten vor sich. Ständig klingelte es in ihrem Ohr, da sich diese Telegramme mit einem Bimmelton anmeldeten. “Hier ist Carlo 4711!” las sie in einem Telegramm. “Wat willst du, bin beschäftigt!” schrieb Carina leicht wütend über diese Mail.

Hörte sich eh schon wieder nach so einer Mail eines Kerles an, der nur das eine will. Cybersex. Davon hatte sie in den letzten Tagen mehr als genug bekommen. Früher oder später rückten die Kerle doch damit raus. “Klopf, Klopf! Ursula schickt mich. Ich soll dir helfen!” stand in einem neuen Telegramm von jenem Carlo4711. “Tschuldigung, aber ich blick hier nicht mehr durch, bei den vielen Telegrammen!” antwortete sie schuldbewusst. “Wart mal, das haben wir gleich!” schrieb Carlo zurück. Innerhalb weniger Sekunden erhielt sie keine Telegramme mehr. Er hatte dafür gesorgt, dass die anderen sie erst mal in Ruhe ließen. “Was ist dein Problem beim Installieren des AIM?” schrieb er sachlich. “Hey, sag mir erst mal, wer du bist? Würd mich ja mal interessieren, wer da soviel Einfluss auf die Leutchen hatte!” schrieb Carina amüsiert und malte mithilfe der Tastatur ein Grinsegesicht.

“Ich? Ich bin Carlo 4711!” schrieb er.