Anmerkung vorweg

Zum besseren Verständnis werden die Kapitel des Tagebuch zum Krebs in Ich Form erzählt. Ich Form ermöglicht dem Leser sich in die Person hinein zu versetzen besser. Es werden keine leichten Kapitel werden.

Die Diagnose Krebs (NHL)

 Auf der Arbeit war es stressig. Sie bekam das erste Mal Magenschmerzen. Das beunruhigte sie nicht. Der Arzt empfiehl ihr eine Magenspiegelung zu machen. Sie lehnte das ab.

„Einmal Magenschmerzen und dann gleich ne Spiegelung? Wat ist dat dann von Arzt!“ versuchte sie ihre Angst und den Grund zu finden, nicht dort hinzugehen. Ein paar Monate später wieder heftige Magenschmerzen. Die diesmal nicht so einfach weggehen wollten. Diesmal ging sie freiwillig zur Spiegelung.

„Sie hat es aber böse erwischt!“ meinte der Arzt, als sie aus der Narkose erwachte, die sie sich lieber geben lassen hatte. Die Angst war zu groß, als das sie den Schlauch bei Bewusstsein geschluckt hätte.

„Sie haben ein riesiges Magengeschwür. Der ganze Magen ist eigentlich nur noch ein Geschwür. Sie müssten aber tierische Schmerzen gehabt haben!“ erklärte er ihr, die noch nicht so richtig bei sich war. Sie vernahm das Wort Magengeschwür und war getröstet. Also nur ein Magengeschwür. Nicht so schlimm, wie sie dachte. „Naja, ich hatte schon Schmerzen, aber nicht so arg, wie sie es jetzt ausdrücken. Es ging halt noch!“ antworte sie ihm. „Wir haben eine Biopsie gemacht und Gewebe eingeschickt, um sicher zu gehen.“ „Ja danke!“ nuschelte sie und verabschiedete sich. Sie ging in die Cafeteria des Krankenhauses und trank erst mal einen Kaffee, um wieder richtig beizukommen. Sie nahm ihre Tabletten, die man ihr verschrieben hatte, und genoss ein wenig die Zeit, die sie durch den Krankenschein gewonnen hatte.

Ihr Arbeitgeber schien sie loswerden zu wollen und sie dachte ernsthaft über eine Kündigung nach. Aber nun war sie erst mal krankgeschrieben und dachte, wenn ein wenig Gras über den Stress gewachsen ist, wird es schon wieder besser werden. Als sie den ersten Tag nach der AU wieder auf der Arbeit erschien, wurde sie zu dem Chef gerufen und bekam eine Abmahnung. Für sie war das ein schlechter Scherz und sie erkannte das man sie loswerden wollte. Es gab ein heftiges Wortgefecht und sofort setzten wieder heftige Magenschmerzen ein. Der Chef sah wohl, dass es ihr nicht gut ging und gab ihr einen Tag frei, damit sie sich noch ein wenig erholen konnte.

An ihrem freiem Tag rief die Ärztin sie an. „Frau Schneider, wir müssen mal über das Ergebnis der Biopsie reden!“ Carina dachte sich nichts weiter dabei, und erklärte, dass sie ja sowieso am nächsten Tag einen Termin bei ihr hätte und ging am nächsten Morgen in die Praxis ihrer Ärztin. „Sie haben da was im Magen, das man gut mit Chemo behandeln kann. Ich überweise sie mal zu der Onkologin in Wiesbaden!“ sind die Worte der Ärztin, die sie wahrnimmt, aber irgendwie nicht einsortiert bekommt. Irgendwas an den Worten war falsch. Fühlte sich nicht richtig an. Aber sie konnte nicht antworten. Ihr war im selben Moment wohl klar, dass sie Magenkrebs hatte, aber sie wollte es wohl nicht wissen. Sie fragt nicht einmal nach.

„Carlo, ich hab da was am Magen. Die Ärztin sagt das kann man mit Chemo gut behandeln.“ Wie mechanisch sprach sie die Worte der Ärztin nach. „Komm beruhige dich, erst mal sehen, was die andere Ärztin zu sagen hat!“ blieb ihr Mann die Ruhe selbst. Die Onkologin erklärte ihr, dass sie ein Lymphom im Magen hätte. Die Heilungschancen sehr gut wären. 80% aller Patienten, die an einem Lymphom erkrankten, würden zu 100% wieder gesund. Carina starrte die Ärztin nur an. Doch dann traute sie sich, die Frage zu stellen, die sie sich eigentlich selbst schon beantwortet hatte. „Was hab ich denn nun?“ „Mit einfachen Worten und verständlicher für Sie: Sie haben einen Magenkrebs!“ antwortete die Ärztin und betrachtete ihre Patientin genau.

Carina wollte erst mal nichts mehr wissen. Sie ging mit dem Wissen, das nun mehrere Untersuchungen anstanden und sehr bald auch die Chemotherapie beginnen sollte. Sie wurde sofort krankgeschrieben und schickte die Krankmeldung mit einem klitzekleinem Gehässigkeitsgefühl an ihren Arbeitgeber. Um den konnte sie sich vielleicht in einem Jahr wieder kümmern. Sie rannte wie betäubt durch die Gegend, unfähig irgendwas zu denken oder zu sagen. Sie informierte sich im Internet über die Krankheit, leider machte ihr das nur noch mehr Angst und sie stellte ihre Nachforschungen schnell ein. Ihr Mann stand hilflos neben ihr. Versuchte sie aus der Reserve zu locken. Vergebens.

„Carina, du machst mir mit deiner Sprachlosigkeit mehr Angst als wenn du jetzt wütend rumschreien würdest, oder heulend in der Ecke sitzen würdest. Bitte reagiere doch irgendwie, nur nicht so!“ mit traurigen Augen sah er sie an. „Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht!“ Damit hatte sie alles gesagt. Bei einem Abdomen CT wurde festgestellt, dass auch ein Lymphom in der Bauchgegend zu finden war. Der nächste Schock. Und die Sprachlosigkeit wurde immer schlimmer. Carina hatte Angst vor sich selbst. Wenn sie doch wenigstens weinen könnte. Aber alles was ihr durch den Kopf ging, war der Tod ihres Vaters und sein Leiden. Und sie war doch noch so jung! Sarkastische Dinge gingen ihr durch den Kopf.

„Hey Vati, ich komm dann auch bald!“ Wenn sie solche Gedanken hatte, schüttelte sie den Kopf um sie wieder loszuwerden. „Du darfst dich nicht aufgeben, du musst kämpfen!“ Mit diesen Worten bombardierte sie sich selbst, anderes war sie nicht in der Lage zu denken. Sie sah in den Spiegel, betrachtete ihre Haare. Sie hatte gerade beschlossen die Haare mal wieder etwas wachsen zu lassen. Sie waren schulterlang. Sie würde sie verlieren. Die Ärztin hatte ihr schon gesagt, dass bei der Chemo die Haare auf jeden Fall verschwinden würden. Sie bekäme eine sehr hoch dosierte Chemo. Der Krebs war schon sehr stark ausgebreitet. „Wie ich wohl aussehen werde ohne Haare? Ob ich wohl jeden Tag kotzen muss? Ob ich wohl auch so blaue Lippen und so einen ekeligen blauen Mund haben werde, wie die Kinder auf der Krebsstation?“ Sie weinte ein paar Tränen als sie an den Krankenhausbesuch ihres Kindes vor Jahren dachte.

Ihr Sohn hatte eine schwere Mandelentzündung gehabt und seine Mandeln mussten entfernt werden. Man hatte keinen anderen Platz, außer den auf der Kinderkrebsstation. Es waren schlimme drei Wochen auf dieser Station. Emotional völlig ausgelaugt kam sie mit ihrem Sohn wieder heim. Sie hatte viele nette Menschen kennen gelernt und viele todkranke Kinder. Todkranke Kinder, die ihre Eltern trösteten und ihnen sagten, sie sollten doch stark sein. Daran dachte sie als sie weinte und fand darin einen Grund sich wieder zusammen zu reißen und aufzuhören zu weinen. Dabei hätte es ihr gut getan, mal so alles raus zu weinen, was in ihr war. Aber sie wollte stark sein. Sie musste stark sein.

Sie versuchte sich abzulenken mit Schreibarbeiten und Bastelarbeiten. Dann bekam sie Besuch von einer Freundin aus der Schweiz, die sich mit ihr über das Bastelmaterial hermachte. Sie blieb eine ganze Woche und Carina merkte nicht, wie die Zeit verging. Dann kam der Tag der Knochenmarksentnahme. Der Horrortag, vor dem sie unendlich viel Angst hatte. Ihre Freundin blieb an ihrer Seite, ging mit ihr zum Arzt und wartete im Wartezimmer der Praxis. Bei der Untersuchung konnte sie nicht dabei sein.

Die Horrorvision der Biopsie entpuppte sich als etwas unangenehme Untersuchung, die aber gut zu überstehen war. Der Arzt hatte ihr eine Betäubungsspritze gegeben so dass sie den Einstich für die Probeentnahme gar nicht spürte. Er erklärte ihr, dass ein leichtes Ziehen auftreten wird, sobald er das Knochenmark entnehmen würde. Carina hielt die Hand der Krankenschwester und flüsterte nur immerfort: “Ich muss stark sein, ich muss stark sein!“ und zerdrückte fast die Hand der Arzthelferin. „Müssen sie nicht, aber sie sind tapfer, weiß Gott sie sind doch tapfer!“ lachte die Arzthelferin sie an. „Ich komm mir so blöd vor!“ antwortete sie, dann spürte sie ein sehr unangenehmes Ziehen im Beckenbereich und ihr Bein zuckte unkontrolliert in die Höhe. Sofort krampfte sie wieder die Hand der Arzthelferin und heulte plötzlich, was das Zeug herhielt. „Ich und tapfer? Ich? Ich stell mich an wie eine Zicke oder wie ein Baby!“ dann spürte sie eigentlich schon nichts mehr, weinte nur und entschuldigte sich ständig unter Tränen für ihr kindliches Verhalten.

„Schon vorbei, Frau Schneider. Beruhigen Sie sich, es ist schon vorbei. Und ich versichere Ihnen, sie waren ein guter Patient, ich erlebe hier viel Schlimmeres, als eine weinende Frau. Ihre Angst ist nur zu verständlich. Aber es ist vorbei!“ mit diesen Worten tupfte er die Stelle ab, in die er mit der Punktionsnadel gestochen hatte, machte ein Pflaster drauf und meinte zum Schluss: „Sie werden allerdings die Nächsten Tage das Gefühl haben, das sie ein Pferd getreten hat. Das ist nun mal eine Nebenerscheinung!“ Er brauchte nicht zu erklären, was er damit meinte. Carina spürte es bereits. Sie ging mit ihrer Freundin erst mal Kaffee trinken und fuhren dann mit dem Bus heim. Dann überredete Carina ihre Freundin sie zum Friseur zu begleiten und sie ließ sich die Haare bis auf 2 cm herunterschneiden. Sie sah in den Spiegel und empfand nichts. Sie hatte von ihrer Freundin einen Hut geschenkt bekommen, den sie dann anzog und beide fanden, es sähe sehr fesch aus. Einen Tag später verabschiedete sich die Freundin und fuhr mit dem Zug Heim in die Schweiz. Carina wäre am liebsten mitgefahren und stand mit Tränen in den Augen auf dem Bürgersteig des Gleis 4, als der Zug nach Basel aus der Halle fuhr. Erst jetzt bemerkte sie, wie wichtig dieser Besuch ihr war. Wie viel ihr die Freundin gegeben hatte. In einer Woche würde die Chemotherapie beginnen. Sie besorgte sich mal wieder ein neues Tagebuch, um ihre Gedanken aufzuschreiben, die auf sie einschlugen wie Hammerschläge und ihren Kopf zu sprengen drohte.