Würli im Kaufhaus (Advent)

Gegen Jahresende wurde es immer hektischer in der Familie um Max. Max verließ öfter das Haus und sagte nicht mal wohin er ging. Wenn er dann wieder kam, schaute er um die Ecken, schloss´ die Türe und fing an zu kramen in den Tüten die er mitgebracht hatte. Wenn die Türe aufging, schob er alles schnell unter seine Decke und redete ganz merkwürdig. So als wollte er etwas verheimlichen!

Aber Geheimnisse haben, war doch nicht gut. Oder etwa doch? An einem solchen Tag konnte ich meine Neugierde nicht mehr unterdrücken. „Max!? Was machst du denn da? Warum hast du Heimlichkeiten vor deinen Eltern und vor Felix? Sonst seid ihr doch auch ein Herz und eine Seele!? Du hast mir mal gesagt, das deine Eltern keine Heimlichkeiten mögen, und das ihr immer ehrlich zueinander seid. Aber in den letzten Tagen hab ich nicht das Gefühl als wärst du den anderen gegenüber ehrlich!“

„Würli. Das sind erlaubte Heimlichkeiten! Und jeder in der Familie weiß auch warum das so ist. Denn es ist bald Weihnachten! Und da beschenken sich die Menschen!“ antworte Max. „Weihnachten? Was ist denn das?“ fragte ich ihn. „Weihnachten? Hmm, du das ist mir jetzt viel zu kompliziert das alles zu erklären. Es geht auf jeden Fall um die Geburt Jesu an den die Menschen glauben. Und weil die drei heiligen Könige zu der Geburt Jesu Geschenke gebracht hat, ist es Tradition geworden das man sich beschenkt. Aber frag ich mich nicht mehr dazu, das lerne ich alles noch im Konfirmanden Unterricht, was da hinter steckt.

Ich finde das mit dem Schenken ne tolle Sache. Man wünscht sich was, und wenn man besonders artig war, und man Glück hat, bekommt man auch das was man sich wünscht. Du musst halt nur gut aufpassen was die anderen so sagen, was sie gerne hätten. Ich schreib mir das immer auf, ein paar Monate vor Weihnachten, dann weiß ich was ich besorgen kann und was nicht. Dann packt man die Geschenke ein und versteckt sie bis zum heiligen Abend!“

„Wie blööööd! Kann man nicht einfach die Geschenke jetzt schon auspacken?“ sagte ich unwissend. Weihnachten, das sagte mir nun gar nichts.

„Würli, Würli. Du musst noch ne Menge Lernen. Das ist nun mal so, und es macht Freude auf den 24ten  zu warten. Das sind die erlaubten Heimlichkeiten, wenn es auf Weihnachten zu geht!“ lachte Max

„Maaaaxx? Nimmst du mich mal mit, wenn du wieder Heimlichkeiten einkaufen gehst?“fragte ich sehnsüchtig. „Warum eigentlich nicht. Ich steck dich in die kleine Tasche oben von meinem Cappy. Da bist du relativ sicher!“ versprach er und würde mich beim nächsten Mal mitnehmen. Max hatte Schulferien und so konnte er morgens lange schlafen. Aber ich war so aufgeregt und wollte doch mit ihm „Heimlichkeiten“ holen.

„Maax! Maaaaax! Aufstehen! Du wolltest mit mir heute in die Stadt!“ versuchte ich ihn zu wecken. Doch er gähnte nur und drehte sich mit seinem bunten Oberbett einfach noch mal um. Es dauerte noch bis fast in den Nachmittag bis Max sich auf den Weg in die Stadt machen wollte. Er nahm mich aus dem Aquarium und band mir einen Barby Schal um. Den hatte er vor zwei Tagen von Vanessa für mich geschenkt bekommen. Bei Barby sah das elegant aus, aber ich verschwand fast ganz in diesem kleinen Schal. Dann stopfte er mich in die kleine Tasche vom Cappy, so das nur noch mein Kopf herausragte. „Bleib schön da drin. Es ist kalt draußen!“ mahnte Max mich.

„Hoh Man, puhh zu warm!“ jammerte ich. „Wart ab, gleich wirst du froh sein, da oben zu hocken!“ und mit diesen Worten hatte er die Haustüre geöffnet und ging zu seinem Fahrrad. Schwang sich auf den Sattel und fuhr einen Radweg in die Stadt. Mir wurde klar, was „kalt“ im Winter bedeutet. Ich hatte mich weit aus der Tasche gearbeitet, aber ganz schnell hab ich mich wieder verzogen. „Brrrr, war das ekelig da draußen! Und dann traf ich so was weißes, wie Watte sah es aus. „Hey Max! Was ist das, was da vom Himmel fällt?“ fragte ich „Das ist Schnee. Ich freu mich über den Schnee, dann können wir später einen Schneemann bauen!“ antwortete Max außer Atem. Er strampelte kräftig mit den Beinen, so das sie flugs voran kamen.

Ich saß wie in einem Nest in seinem Cappy und konnte die Felder beobachten, an denen wir vorbei fuhren. Ziemlich bald waren sie am Einkaufzentrum angekommen. Es roch nach Mandeln, Nüssen, gebratenen Äpfeln und Tannengrün. „Hmmmmm, riecht das gut!“ dachte ich. Max rannte so schnell er konnte in den Eingang, denn es hatte heftig angefangen zu schneien. Max griff nach der Eingangstür und schaute aber zurück. „Weiße Weihnachten, wie schön. Das wäre wirklich schön!“ dachte er. Ich konnte damit nicht wirklich was anfangen, aber wenn es Max besonders gefiel, dann gefiel es mir auch.

„Ja, weiße Weihnachten sind schön!“ unterstützte ich seinen Gedanken. Er lächelte. Dann wandte er sich um. Das Einkaufszentrum war riesig mit ganz vielen Geschäften. Und in der Halle waren Holzhütten aufgebaut. Viele Menschen bewegten sich zwischen den Hütten hin und her. Manchmal roch es nach Mandeln, dann nach Bratwurst, oder nach Waffeln. Eine Flut von Gerüchen kam ihnen entgegen. Max ging von einer Hütte zur anderen und schaute was es da zu kaufen gab. Beide waren in dem Betrachten der Dinge versunken.

Riesige Tannenbäume, bunt geschmückt mit Kugeln und Figuren, ein Krippenspiel wurde aufgeführt und tausend andere Dinge waren zu entdecken. „Du Max, suchst du was bestimmtes?“ fragte ich ihn zwischendurch, aber er hörte mich gar nicht. Er suchte mit den Augen sämtliche Geschäfte ab und wandte seinen Blick nach oben. Dann sah Würli etwas, das machte ihm große Angst.

„Maaax. Da vorne, was ist das? Es frisst die Menschen auf. Schau doch nur, ein Monster und es macht ein komisches Geräusch. Ob es die Menschen zerkaut? Ohhhh Maaxx. Nicht da hin gehen!“ entsetzt merkte ich das Max direkt auf dieses Ding zu ging. „Maaaax. Nein, bleib stehen, es wird dich und mich auffressen!“ ich hatte richtig große Angst. „Schau doch nur, es frisst alle auf, wenn du da hin gehst!“

„Würli, du Dummerchen. Das ist kein Tier und kein Monster. Das ist doch nur eine Rolltreppe. Da stellt man sich drauf, und dann bringt es dich nach oben in die 1 Etage. Und das was du als Maul siehst, ist nur ein runder Bogen der geschmückt ist und man kann auf der anderen Seite wieder weiter laufen!“ erklärte Max. Max war inzwischen an der Treppe angekommen, aber ich traute dem Ding immer noch nicht so ganz. Trotzdem hatte ich mich fast ganz aus der Tasche heraus gearbeitet.

„Komisch fühlt sich das an!“ dachte ich, als es einen heftigen Ruck gab und ich aus der schützenden Tasche herausflog. Max hatte mich fliegen sehen und versuchte mich aufzufangen. Ich war aber auf dem schwarzen Handlaufband gelandet und rutschte langsam aber stetig daran herunter. Man hatte ich eine Angst! Max rannte rückwärts die Treppe runter und wollte mich auffangen. Was ihm Gott sei Dank auch gelang. Sonst wäre ich in den silbernen Rillen der Treppe verloren gewesen.

Die Menschen schimpften ganz heftig, weil ein Kind die Notbremse der Treppe gedrückt hatte. Das arme Kind tat mir richtig leid, denn es hatte es wohl nicht mit Absicht getan. Aber die Menschen um uns herum waren laut und ich wollte nach dem Schrecken einfach nur weg. Für mich war diese Rolltreppe trotzdem ein Monster, egal was Max da sagte. Er hatte mich vorsichtig wieder in den Schal gewickelt, in die Tasche gepackt und den Reißverschluss fast zugezogen, so das ich nur noch rausschauen konnte, aber nicht raus fliegen würde, wenn noch mal so eine Erschütterung kommen würde.

„So ist es besser Würli! Ich will dich doch nicht hier verlieren!“ ganz zart strich er über mein Köpfchen und ich fühlte mich so sicher und gut aufbewahrt. So zogen wir noch von einem Laden in den anderen, bis Max alle „Heimlichkeiten“ gekauft hatte, die er brauchte. Ich durfte an seiner Waffel knabbern, ich durfte in seine Wurst beißen und sogar an seinem Kakao, den er sich gekauft hatte, durfte ich schlürfen. Aber erst als er nicht mehr so heiß war. Max war ein lieber Freund und ich fühlte mich geborgen. Auf dem Heimweg schlief ich in meinem Schal fest ein und merkte nicht, wie Max mich in das Aquarium ablegte.