Dies und das. Mal schaun von was

Die Niknoks

Im tiefen Thüringer Wald, dort wo sich kein Mensch hinwagte, lebten die Niknoks. Kleine Zwerge, die Menschengestalt besaßen. Einmal im Jahr wurde eine Versammlung berufen und alle Niknoks des Waldes kamen herbei geströmt. Denn dies war ein ganz besonderer Tag und ein aufregendes Treffen.

Der einzige Tag im Jahr an dem sie offiziell laut sprechen, singen und lachen durften. Der Rest des Jahres war es unter Strafe verboten Laute von sich zu geben. Und wenn sie es doch taten, so verheimlichten sie es voreinander. An diesem speziellen Tag wurde von der Allgemeinheit bestimmt, wer für das kommende Jahr die besondere Aufgabe übertragen bekam, die Niknoks und ihre Jahrtausend alte Tradition und deren Einhaltung zu überwachen.

Dazu gehörte dann die tägliche Reinigung von Schiefertafeln, auf denen die Niknoks ihre Kommunikation betrieben. Man traf sich also jedes Jahr um die gleiche Zeit auf einer Waldlichtung, die für diesen Zweck hergerichtet war. Viele große Holzstümpfe standen auf der Lichtung. Sie dienten als Tische für die Schiefertafeln, die daneben lagen. Mit Kreidebrocken konnten die Niknoks hier ihre Mitteilungen offiziell hinterlassen. In diesem Jahr bekam Anit diese Aufgabe zugeteilt. Anit war eine freundliche und immer zu Scherzen aufgelegte Person, manchmal etwas rechthaberisch aber sonst bei allen beliebt. Wie es zum Ritual gehörte, überreichten ihre Freunde den goldenen Schlüsselbund für die goldene Vitrine, in der sich ein goldener und weicher Schwamm befand. "Mögest du dein Amt immer in weiser und gerechter Form erfüllen!" sprachen dabei alle anwesenden Niknoks laut im Chor.

Danach wurde abgestimmt wie viele Nachrichten auf dem Schiefertafelplatz zu stehen hatten und man einigte sich auf 100 Mitteilungen. Für Anit bedeutete dies, täglich zu kontrollieren, ob die 100 schon erreicht waren, wenn ja, musste sie die zu erst geschriebenen Mitteilungen wegwischen.

Die Niknoks waren ein friedfertiges Volk und waren lustig. Besonders Anits Freunde: Ekir, Alokip, Somat, Flor, Namfoh, Aivlis und Natipak waren eifrige Schreiber und Scherze Treiber. Sie veräppelten sich selbst oder manchmal auch gegenseitig. Oft hörte Anit einen der Freunde laut lachen auf dem Schiefertafelplatz. Da dies nun Mal bei Strafe verboten war, rannten sie dann schnell weg. Anit wusste immer, wer da gerade so gelacht hatte, aber sie war eine gütige Hüterin des Gesetzes und verzieh ihren Freunden solche kleinen Ausrutscher schnell.

Doch eines Tages sollte dieses friedliche Miteinander zerstört werden. Nicht alle Niknoks lebten in diesem Wald. Es gab noch viele Niknoks in den umliegenden Wäldern. Und hin und wieder wanderten die Niknoks aus. So auch Eigna. Sie traf eines Tages bei Ekir ein, die sie von früher kannte. Ekir schäumte über vor Freude und stellte Eigna den anderen als eine ganz besonders liebe Freundin aus alten Tagen vor. Eigna wurde mit großem Hallo und Herzlichkeit in der Gemeinschaft um Anit aufgenommen.

Anit war freundlich zu Eigna, aber beobachtete misstrauisch die Entwicklungen in der Gruppe. Ekir war ein besonderer Schützling von Anit. Um so misstrauischer beobachtete sie das Verhältnis der beiden. Eigna fand Gefallen an Namfoh und bald waren die beiden ein Paar. Namfoh war ein besonnener und immer höflicher Niknok, der seine Worte stets abwägte, ehe er eine Nachricht hinterließ. Man schätzte und respektierte ihn in hohem Maße und alle weiblichen Niknoks flirteten gern mit ihm.

Eigna fand Gefallen an den Wortspielen der anderen und beteiligte sich daran. Zu Anfang waren alle recht lieb bis sich ausgerechnet Ekir fürchterlich beleidigt fühlte, obwohl kein Grund dafür vorlag. Die Mitteilungen wurden immer böser und Anit machte einen vorsichtigen Schritt der Schlichtung zwischen den alten Freunden Eigna und Ekir.

Doch Eigna hatte schnell begriffen, das Anit Partei für Ekir ergriff, und ehe der Streit ausarten konnte, hatte sie in ihrer nachgiebigen und verständnisvollen Art den Streit selbst beendet. Einige Wochen war der Streit wohl oberflächlich wieder hergestellt, doch Eigna spürte, das man in ihr eine gewisse Unruhestifterin sah. Dann geschah das scheinbar Unfassbare: Eigna besaß die Unverblümtheit zu fragen, warum sie nur einmal im Jahr reden durften! Und Alokip unterstützte diese Frage auch, noch indem sie ebenfalls danach fragte! Eine Ungeheuerlichkeit fand Ekir und bekundete dies sofort an einer anderen Tafel. Anit, die eigentlich besonnen und gerecht reagieren sollte, dies geschah üblicherweise mit einem Verweis und der Aufforderung zu einem persönlichen Austausch und ohne Aggressionen, beteiligte sich an den bösen Mitteilungen.

Sie war unfähig sich aus diesem Streit heraus zu halten. Sie bezog Partei für ihren Schützling. Jeder Versuch von Eigna, ihr Tun zu verteidigen oder zu entschuldigen wurde sofort im Keim erstickt mit noch böseren Mitteilungen. Die Situation spitzte sich derart zu, das Anit, sonst mütterlich und vorsorglich, wutentbrannt die Vitrine zerstörte und mit dem Schwamm alle Nachrichten einfach fortwischte. Selbstgerecht stand sie dann vor ihrem Werk und lachte.

Entsetzt standen die Niknoks vor den Tafeln. Keine einzige Mitteilung mehr! Sie fühlten sich um ihre Kommunikation betrogen. Zumal einige Niknoks nicht einmal wussten, welcher Kleinkrieg unter einzelnen Mitgliedern der Gruppe ausgebrochen war. Man hatte doch Anit nicht zum Diktator über ihre kleine Welt gewählt! Bald darauf meldete sich Namfoh zu Wort und forderte Aufklärung über die unüberlegte Aktion. Keine Reaktion. Dann meldete sich Flor, der ebenfalls nur mit einem kurzen, nichtssagenden Kommentar abgespeist wurde. Namfoh, der bisher besonnen und zurückhaltend reagiert hatte, oft noch ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen hatte, weil der diesem Treiben noch etwas Kurioses zugestand, wurde langsam ärgerlich und forderte Rechenschaft von Anit.

Ebenfalls forderte er die Gemeinschaft dazu auf, sich zu dieser Aktion zu äußern. Namfoh musste feststellen, dass seine Meinung, die man früher so geschätzt hatte, nicht mehr zählte. Anit und Ekir begannen ihn persönlich anzugreifen und wollten ihn lächerlich machen. Sie zogen die Freundschaft, die sie einmal verband in den Schmutz. Namfoh war tief verletzt und jede weitere Verständigung wurde unmöglich. Niemand aus der Gemeinschaft wagte sich, gegen Anit oder Ekir aufzulehnen. Man kuschte vor deren Bösartigkeit. Eigna war todtraurig und fühlte sich schuldig an Namfohs Elend.

Doch er nahm sie in den Arm und flüsterte ihr tröstende Worte ins Ohr. Ja er gebrauchte nach langer Zeit, obwohl es verboten war, seine Sprache. Namfoh und Eigna beschlossen den Wald zu verlassen und begannen miteinander zu reden. Bald wussten sie um das Geheimnis des Sprachgebrauchs und erfreuten sich an freundlicher und kluger Kommunikation.

Im Wald erfuhr man von Eigna und Namfoh, und bald kamen viele Niknoks aus dem Wald und gründeten eine neue Gemeinschaft, in der das Reden erlaubt war. Doch leider gibt es auch heute noch einige Niknoks, die nicht von den alten Traditionen lassen können. "Arme Niknoks im Wald" Arme Eigna 7 Jahre später. Sie wurde von Namfoh von hinten bis vorne betrogen, und sie wünschte sich, ihn nie kennen gelernt zu haben. Und auch diesen Wald nie betreten zu haben.