Ursula

Ursula war eine Bekanntschaft, die sie in der psychosomatischen Klinik kennen gelernt hatte. Carina erinnert sich an die Therapierstunde mit Ursula. Sie hatten zuvor alles in ein imaginäres Schwarzes Loch alles hinein eingetreten was nicht gut war für sie. Dinge aus der Vergangenheit. Ein absolutes Chaos war in ihrem Kopf. Als diese Loch dann beendete wurde rutschte sie hilflos zurück zur Wand und betrachtete das Bild, das sich ihr bot.

Ihr wurde kalt. Ursula stand an der Holzsäule und starrte sie an. Sie sah aus, als wolle sie nach Hilfe schreien. Die Tränen liefen ihr aus den Augen. Niemand sagte ein Wort. Die schnelle Musik war schon lange verklungen. Die Therapeutin sprach mit leiser Stimme, während leise eine ruhige Meditationsmusik erklang: »Nun denken Sie an den Glückstopf. Schöpfen Sie alles heraus, was Sie für ein neues, glücklicheres Leben brauchen. Kein Geld, keine materiellen Dinge, sondern Gefühle: Glück, Zuneigung. Verständnis, Liebe usw.!

Keiner der Patienten trat in die Mitte. Niemand holte sich etwas aus dem Glückstopf heraus. Keiner wagte nach dem ersten Spiel, an etwas Neuem teilzunehmen. Wahrscheinlich empfanden alle ähnlich wie Carina. Nach dem, was sie gerade getan hatte, glaubte sie, es nicht verdient zu haben, ein wenig Glück zu bekommen. Aber hatte sie es tatsächlich nicht verdient? Musste man sich nicht auch einmal Luft machen dürfen, damit die Spannungen und der Hass heraus konnten? Sehr schnell hatte sie begriffen, dass es sowohl ihr, als auch jedem anderen zustand, Liebe und Zuwendung zu bekommen. Denn ohne dem konnte kein Mensch wirklich existieren.

Immer noch standen alle an ihren Plätzen - wie erstarrt. Ulla sah sie immer noch mit diesem herzzerreißenden, verweinten Blick aus ihren grüngrauen Augen an. Da entschloss sie sich zum ersten Mal nach langer Zeit , sich wieder einem Menschen zu öffnen und ihm etwas zu geben. Ja, sie konnte plötzlich wieder geben. »Was soll's. Ich brauche dieses Spiel des Beleidigt seins und der Verletzung nicht mehr. Ich weiß, was ich verdient habe und was nicht. Aber wichtig ist, dass ich anderen positiv begegnen kann. Gerade jetzt und hier!«

Also stand sie auf, ging zu Ulla, die sich inzwischen auf einen Stuhl gesetzt hatte, nahm sie an den Händen und zog sie langsam bis in die Mitte des Raumes. Fragend sah sie Carina an. Sanft drückte ich sie an den Schultern zu Boden, bis sie saß. Dann nahm sie ihre Hände und schöpfte aus dem imaginären Topf Glück heraus und überschüttete sie damit. Sie hatte sich noch nicht ganz beruhigt und begann, fassungslos laut zu schluchzen. Carina konnte nun auch ihren Tränen keinen Einhalt mehr gebieten.

Immer wieder schöpfte sie und schöpfte sie . Und bald vergaß sie wieder, wo sie sich befand. Sie sah nur noch all die Menschen, die in Ecken standen und weinten. Zum Schluss verteilte sie im ganzen Raum Glück. sie heulte sich die Seele aus dem Leib und wollte doch nur, dass alle aufhörten, sich selbst zu strafen, indem sie nicht den Mut hatten, in den Glückstopf zu greifen. Die Musik verstummte. Mittlerweile lag ihr Kopf in Ullas Schoß und Tränen strömten. Ulrike weinte auch und streichelte Carina dabei über den Kopf. Nur langsam erholten sich beide von ihrem intensiven Gefühlsausbruch.

Ulrike begann zu strahlen, so als sei sie ein anderer Mensch geworden. Sie erzählte von dem Erlebnis noch tagelang. Und dass sie in dem schwarzen Loch den Ekel vor sich selbst zurückgelassen habe. Aber Carina hatte wieder gelernt, wie schön es ist, wenn man anderen etwas Gutes geben konnte - wahrhaftig und von Herzen. Das war für Carina eine ganz wichtige Erkenntnis. Ulla konnte sich an diesem Tag nicht mehr beruhigen, über das was geschehen war. Und es erfüllte Carina mit Freude, das Ulla sie  so lobte. Auch die Therapeuten bestätigten spätere, wie wichtig diese Handlung auf dem Weg der Selbsterkenntnis für Carina gewesen war. So aufgewühlt und doch so glücklich zugleich hatte sie sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Man muss wissen was Ulla und Carina verbunden hat, um den krassen Gegensatz zu dem verstehen kann, was dann geschah. 

Ursula Teil 2

Ulla war der Grund ihres ersten heftigen Streits mit Carlo. Ursula, war der Grund für ihr Kennen und Lieben lernen, aber auch einer sehr heftigen und emotionalen Enttäuschung die Carina erleiden musste. Als sie sich von ihrem Exmann getrennt hatte, redete sie viel mit Ursula. Die Bekanntschaft lebte wieder auf, wenn auch nur telefonisch. Sie vertraute ihr all ihre Sorgen an. Auch das sie verunsichert über viele Dinge war und Sehnsüchte in sich trug, die sie leugnen wollte.

Ursula war eine geduldige Zuhörerin, aber auch sehr hinterhältig, was Carina zu dem Zeitpunkt nicht ahnte. Nachdem Carlo und sie ein Paar waren, beschlossen sie, Ursula zu besuchen. Schon alleine den Termin mit ihr zu bekommen, war ein schwieriges Unterfangen. Irgendwie hätte man ahnen müssen, dass sie darauf keinen Wert legen würde. Die fünfstündige Fahrt verbrachte Carina in vollkommener Unruhe. Als sie sich auf der Tankstelle einfanden, die zum Treffen erst einmal vereinbart war, hatte sie vor Vorfreude Tränen in den Augen. Und dann kam sie mit ihrem kleinen, grünen Smart um die Ecke geschossen. Sie sah gut aus für ihre 50 Lenze. War sehr schlank und für Carinas Geschmack etwas zu jugendlich gekleidet. Aber das war nur ihr Geschmack.

Sie rannte Ursula förmlich in die Arme. Aber irgendwas stimmte nicht. Ursula bemühte sich um Freundlichkeit, sie war nicht echt. Carina spürte es sofort, konnte es aber nicht einordnen. „Na, dann fahr mal jetzt mit Ulla im Auto. Ihr habt sicher ne Menge zu erzählen nach 7 Jahren!“ forderte Carlo die beiden zum Aufbruch auf. Carina stieg in den Smart und kam nicht zu Wort, weil Ursula sofort zu reden begann.

„Also weißt du Carina, pass gut auf das er dich nicht benutzt und dir das Geld aus der Tasche zieht. Er hat keine geregelte Arbeit und er ist sehr jähzornig und......“ Carina schaute ihr verstört ins Gesicht. Sie erzählte und erzählte und ließ kein gutes Haar an Carlo. „Bin ich im falschen Film!“ dachte Carina nur noch. Das WE gestaltete sich äußert merkwürdig. Ursula tischte auf, als hätte sie 20 Gäste zu Besuch, rannte hektisch hin und her, und als sie endlich zur Ruhe kam, gefiel es ihr wohl gar nicht, das Carina gemütlich im Arm von Carlo lag. „Wenn ihr ins Bett wollt, dann sagt das;“ schien sie beleidigt zu sein. Es war schwer zu beschreiben, diese Atmosphäre war gestört und bald verabschiedeten sich die beiden fürs Bett.

Ursula hatte ihr Bett für die beiden zur Verfügung gestellt. Carlo wäre gerne mit seiner Freundin unter die Dusche gegangen doch Carina war zu prüde und ängstlich. Am nächsten Morgen wurde sie prompt von Ursula angesprochen ob die beiden es schön hatten unter der Dusche.

„Ursula, du müsstest mich doch kennen. Du weißt doch ganz genau, dass ich mit ihm hier keinen Sex haben würde. Das könnt ich nicht!“ antwortete sie etwas unsicher. Ursula schien darauf hin wie ausgewechselt. Sie wurde netter und für Carinas Geschmack ziemlich aufdringlich gegenüber ihrem Freund. Sie schleimte um ihn herum, stellte sich hinter ihm und begann von rechts und links mit beiden Armen um seinen Hals zu wuseln und rutschte wie zufällig immer tiefer seinen Bauch entlang. Carina sah dem Schauspiel belustigt zu. „Endlich kann ich mir dir gegenüber wieder normal verhalten." Bitte? Ihr Verhalten soll normal sein?

Kommst du mal mit in Zimmer“ flüsterte CARINA  ihm ins Ohr, aber laut genug damit Carina es hören konnte. Carina ließ ihren Carlo nicht alleine mit so einer Schlange. Sie trottelte hinterher. Sie hatte Carlos Reaktion sehr genau beobachtet und gesehen, dass seine Haltung vollkommen auf Abwehr stand. Sie machte sich also keine Sorgen. Doch den Triumph, dass sie mit ihm alleine sein würde, den gönnte sie Ulla nicht.

„Was soll das bloß alles? Erst sagt sie mir, er ist harmlos, dann erzählt sie mir, dass sie von ihm nie was wollte und jetzt tut sie so, als wäre ich nicht vorhanden!“ denkt Carina, während sie die Reisetasche zur Abfahrt vorbereitete. Sie wollte nur noch weg und zwar so schnell wie möglich. Carlo war ihrer Meinung und fand einen Vorwand früher zu fahren. Den günstigen PC, den sie über Ulla erstanden hatten, nahmen sie mit. Die Verabschiedung zwischen Ulla und Carina war sehr kühl. Als Carlo an der Reihe war, fiel sie ihm um den Hals und quasselte wie ein Wasserfall. Carina war schon zum Wagen gegangen und beobachtete die Szene aus der Ferne.

„Na, das war dir aber nicht grad angenehm, diese Verabschiedung,“ stellte sie später im Wagen fest. Sie beobachtete Carlo während der Heimfahrt. Carlo wandte ihr kurz sein Gesicht zu und meinte: „Also ich kam mir vor wie im falschen Film. Was war denn mit der los?“ Carina erzählte ihm von der Hinfahrt mit Ulla im Auto. Er fing an zu lachen. „Sie hat dir erzählt ich würde meine Frauen schlagen?“ „Naja, nicht so direkt, aber sie hat versucht einen Stachel zu setzen, und wenn ich ganz ehrlich bin, so ein bisschen sitzt er auch!“ gab Carina zu. „Ich hab als kleiner Junge mein Spielzeug verdroschen und es gegen die Wände geknallt. Das hab ich ihr mal erzählt. Das ist mir ja vielleicht eine Kanaille!“ amüsierte sich Carlo.

Einige Tage später konnten Carina und Carlo dann in einem Internetforum das sie beide besuchten lesen, welchen wilden Sex sie in Augsburg gehabt hätten. Und das so gar die Stühle kleben würden, auf die Ulla sich setzte. Schockiert starrte Carina auf die Forumsmitteilung. Man beschimpfte sich zum Schluss gegenseitig und nahm keine Rücksicht mehr auf andere. Carina schämte sich, ließ Popup Fenster für ihre Homepage erstellen, in der sie sich für alles entschuldigte. Da es keine Reaktion darauf gab, befand Carlo, dass es genug sei, und löschte das Fenster wieder. Carlo und sein enttäuschter Männerstolz ließen aber keine Ruhe. So zimmerte er eine Würdigungsseite für Ulla mit ihrem Bild, indem es natürlich nicht um ihre Würdigung ging, sondern eher darauf abzielte, ihr ihre eigenen Gemeinheiten vor dir Nase zu führen.

Das hatte zur Folge, dass Ulla einen Anwalt einschaltete. Carina ging dieser Kleinkrieg fürchterlich auf die Nerven und bat Carlo, damit aufzuhören. Er wollte noch einmal mit Ulla reden und rief sie an. Ulla wusste nicht, dass das Telefon auf Mithören geschaltet war: „Ach weißt du Carlo, du warst lange alleine, sie hat sich von ihrem Mann getrennt, und wählerisch ist sie auch nicht grade. In den letzten fünf Monaten hat sie mir erzählt, hat sie sechs Männer gehabt. Tobt euch aus und dann wirst du sehen, geht sie wieder!“ hörte Carina ihre vermeidliche Freundin sagen. Sie starrte Carlo an und wollte gerade Luft holen, als sie sah, dass Carlo ihr ein Stillzeichen gab. Also hielt sie sich zurück. Aber das was sie zu hören bekam, entsetzte sie immer mehr. Carlo und Ulla stritten zum Schluss, sodass er nur noch den Hörer aufknallte.

Er nahm Carina in den Arm. „Ich glaub kein Wort von dem, was sie sagte. Ich kenn dich inzwischen sehr gut, auch wenn wir nur kurz zusammen sind. Das wäre eher eine Beschreibung ihrer Selbst gewesen als deine!“ flüsterte er seiner weinenden Freundin ins Ohr. Doch Carina konnte sich über soviel Gemeinheit einfach nicht beruhigen. Und Carlo wurde stink sauer auf das Telefonat, das er geführt hatte. Nachdem Carina sich beruhigt hatte, erzählte sie ihm einige Dinge, die sie von Ulla erfahren hatte. Sie fühlte sich dem Schweigeversprechen, das sie Ulla gegeben hatte, nicht mehr gebunden. Nicht bei so einer Hinterhältigkeit die Ulla an den Tag gelegt hatte.

Carlo verwandte sein Wissen für eine satirische Geschichte; geggen Carinas Willen,  und prompt hatte er wieder ein Anwaltsschreiben im Briefkasten. Er wurde aufgefordert die Geschichte von seiner Homepage zu nehmen, was er nicht tat und auch nicht brauchte. Das ärgerte Ulla wieder derart, dass sie ihn anrief. Und wieder war Carina im Hintergrund und hörte mit. „Geht dir einer ab, wenn du so was schreibst? Du weißt ganz genau, meine Freunde wissen, wer Julia ist!“ schrie sie in den Hörer. „Also wirklich Ulla, heißt du Julia und kommst aus Bremen?“ antwortete ihr Carlo. „Ja ich heiße Julia! Und mir geht einer ab, wenn du Schreiben von meinen Anwälten bekommst!“ schrie sie unkontrolliert in den Hörer.

Carina wandte sich ab und ging in die Küche, sie wollte dieses hysterische Getue einfach nicht mehr hören. Carlo amüsierte sich köstlich. Einige Tage später wollte er ein Rezept ausprobieren und lass dieses Rezept von Ullas Homepage ab. Carina fühlte sich gedemütigt und wollte eigentlich selbst kochen, denn schließlich kannte Ulla dieses Rezept von ihr. Sie hatte es ihr per Mail zukommen lassen. Carina zankte mit Carlo und sie wurden lauter und lauter, doch irgendwann knallte er die Türe hinter sich zu und war weg. Carina setzte sich in die Duschschüssel und ließ das Wasser laufen....

Sie erinnerte sich an die Anfangstage, als sie bei Carlo eingezogen war. Ziemlich schnell stellte sich heraus, das er nicht einfach nur ein bischen Depressiv war, sondern schwer krank. Eines Morgens standen zwei Polizisten vor der Haustüre. Carlo hatte einen Strafzettel nicht bezahlt. Wenn er nicht zahlen würde, würden sie ihn mitnehmen in Zwangshaft. Carina zahlte das Geld und als die Türe geschlossen war, tat Carlo so, als sei nichts gewesen. Carina starrte ihn an. „Du weißt schon wer da gerade an der Türe war?“ „Wie?“ sagte er nur kurz und wandte sich wieder seinem PC zu. Das wars.

Carina konnte es nicht fassen. Sie starrte auf die Kiste unter dem Tisch, die gefüllt war mit ungeöffneter Post. Sie trat hinter ihm und zwang ihn, den PC zu schließen. Sie wusste ja das er Probleme mit Zahlungen und so weiter hatte. Aber das mit der Polizei war einfach zu viel. „Du machst jetzt sofort deine Briefe hier auf!“ nötigte sie ihn. Er tat es nur widerwillig. Als er einen Brief öffnete, indem ihm mitgeteilt wurde, das er einen Therapieplatz gehabt hätte, (sie hatten versucht eine Klinik für ihn zu finden) und dieser nun aber anderweitig vergeben wurde, da er nicht reagiert hatte, brach er zusammen. Er lag auf dem Boden, weinte und rief immer wieder , ich will diese Maske nicht mehr. Carina konnte ihn nicht beruhigen. Sie rief bei seinem besten Freund an, dessen Frau Psyhiaterin war, und diese kam vorbei. Sie brachte ihn endlich dazu sich freiwillig in die Psyhatrie einweisen zu lassen. Drei Monate war er dort.

Viele unschöne Dinge passierten. Aber aus eigener Erfahrung wusste sie ja, was einem Menschen so alles durch den Kopf ging wenn er depressiv war und welche Fehlentscheidungen daraus entstehen konnten.Dennoch hielt Carina zu ihm und sagte ihm, wenn er mit ihr eine gemeinsame Zukunft haben wollte, müsse er erst einmal sein Leben in den Griff bekommen. 5 Monate später zog sie dann bei ihm ein. So viele Warnsignale, aber Carina sah sie nicht.

Bei den Erinnerungen daran schüttelte Carina mal wieder den Kopf, um diese loszuwerden. Wie in allen Partnerschaften gab es Höhen und Tiefen. Sie meinte aber mal wieder, glücklich zu sein. Auch wenn es so viele komische Augenblicke gab, die ihrem Bauchgefühl etwas anderes sagte. Darüber dachte sie nicht nach. Doch der nächste Schock erwartete Carina kurz darauf, der auch ein rationales Denken für die nächste Zukunft nicht zuließ.