Dies und das. Mal schaun von was

Die Realität, das Leben hat mich wieder 

Am nächsten Tag kam ich herüber, um zusammen mit meiner Familie zu frühstücken. Ich versuchte, meinen Kindern meine Situation zu erklären. Sie hörten mir geduldig zu und ich staunte nicht schlecht, denn sie waren sehr vernünftig und zogen es vor, lieber die Situation so zu akzeptieren als erneut mit den zermürbenden Streitigkeiten zu leben. Auch Gerd hörte mir aufmerksam zu. Also beschlossen wir zu viert, daß ich mir erst einmal eine eigene Wohnung in der Nähe und auch Arbeit suchen würde. Die Kinder wollten bei ihrem Vater bleiben, aber nur unter der Bedingung, das ich jeden Tag bei ihnen vorbeischauen würde. Sie liebten ihre Schule, ihre Freunde, ihre Zimmer, die Nachbarn und vieles mehr. All dies hätte ich ihnen wegnehmen müssen, wenn ich darauf bestanden hätte, dass sie mit mir gingen.

Wir fragten Gigi, ob sie Tagesmutter für die Kinder sein wollte. Sie war einverstanden. Während der ersten vier Wochen übernachtete ich bei einer Freundin in der Nachbarschaft und im nächsten Monat bei einer anderen, die mir ihre Wohnung für die Zeit ihres Urlaubs zur Verfügung stellte, denn leider konnte ich so schnell keine eigene Bleibe finden. Schließlich bat mich Gerd, zurückzukommen und im Zimmer unseres Sohnes zu schlafen. Er versprach mir, nichts zu tun, was ich nicht wollte. Dass auf diese Weise ich doch mehr Zeit für die Kinder hätte, war das Argument, das mich letztlich überzeugte. Die Kinder wünschten sich schließlich nichts sehnlicher, als dass Mama und Papa sich wieder vertrugen.

Mir fiel es sehr schwer, wieder in der ehelichen Wohnung zu übernachten. Doch den bettelnden Augen meiner Kinder konnte ich nicht widerstehen. Ich fand relativ schnell eine Anstellung. Doch machte mir der Job keinen Spaß, weil mein Arbeitgeber mich als Fußabtreter für seine schlechte Laune benutzte. Trotzdem war ich froh, wieder zu arbeiten. Ich genoß meine kleine innere Freiheit sehr. Ich beobachtete mich, ich beobachtete meine Umwelt und ich sah mir auch alle Männer, die ich traf sehr genau an. Und mir wurde immer mehr bewußt, dass das, was ich wollte mein Gerd war. Ich liebte ihn noch immer.

Ich empfand so nicht aus Mitleid, dass spürte ich genau. Aber wir mussten einiges ändern, um eine neue Basis des Zusammenlebens zu finden. Diese zu schaffen, versuchte er jeden Tag, und ich war beeindruckt, wieviel Mühe er sich damit gab. Doch er sprach nie über seine Gefühle, und ich fragte ihn nicht danach, wie es in ihm aussah. Ich ließ ihn einfach in Ruhe und bewegte ihn auf diese Weise, doch eines Tages die Initiative zu ergreifen und mit mir über das zu reden, was er eigentlich wollte. Es dauerte drei weitere Monate, ehe er mich bat: »Bitte zieh die Scheidung zurück. Die Kinder brauchen dich. Ich brauche dich. Ich kann dir nicht allzuviel versprechen, aber ich versuche, mich zu ändern. Bitte laß mich nicht allein!“

Endlich hatte er ausgesprochen, was mir so gut tat zu hören. Ich wusste, dass er es nicht leicht haben würde mit den Veränderungen in unserem Leben. Doch den Versuch war es allemal wert. Er schien es wirklich ernst zu meinen mit dem, was er versprach. Ich lächelte ihn an und nahm seine Hand. Nach langer Zeit hatte ich endlich wieder die Hoffnung, zusammen mit Gerd ein rundum glücklicher Mensch zu werden. Am nächsten Tag fuhren wir zusammen zu meinem Anwalt und ich zog die Scheidungsklage zurück.

Seltsamerweise schien er nicht erfreut über meinen Entschluß zu sein. Daher erklärte ich ihm: „Ungewöhnliche Ehen benötigen ungewöhnliche Methoden. Ich sagte Ihnen doch, das kein anderer Mann hinter der Scheidungsklage steckt! Und jetzt wagen mein Mann und ich einen neuen Anfang!“ Ich drängte Gerd zur Türe hinaus, denn eigentlich mochte ich den Anwalt nicht. Gerd nahm mich an die Hand und zog mich in ein Schmuckgeschäft. Ohne zu fragen kaufte er zwei neue Eheringe und streifte sie uns über. Wortlos sahen wir unsere alten an und schmissen sie zusammen in die nächste Mülltonne.

Die nächsten Wochen waren sehr schwer für uns, denn ich hatte mich sehr verändert. Die Wochen der Therapie hatten mich entscheidend geprägt, so daß Gerd sich oft beklagte: „Angelika, du bist nicht mehr die Person, die ich einmal gekannte habe!“ » “Nein, die bin ich nicht mehr, und die bekommst du auch nie wieder, auch wenn du es dir noch so sehr wünschst.“

Mein Arbeitgeber behandelte mich immer schlechter, doch längst ließ ich mir nicht mehr alles gefallen. Als er einmal ausfallend wurde, kündigte ich fristlos. Nun war ich wieder arbeitslos, aber glücklich, mich gewehrt zu haben und aus dieser mich sehr bedrückenden Situation herausgekommen zu sein. Ich war in großer Gefahr, wieder in Depressionen zu verfallen, das spürte ich genau. Also beschloss ich, mir die Aufzeichnungen, die ich während der Kur gemacht hatte, noch einmal anzusehen, um mich abzulenken und mir immer wieder Klarheit über mich selbst zu verschaffen.

Ich fand neue Arbeit, wurde aber wegen fehlender Kenntnisse in der Buchführung wieder entlassen. Es störte mich nicht sonderlich, denn niemand hatte sich die Mühe gemacht, mich in die komplizierte Buchführung am Computer einzuführen. Ich war eben eine personelle Fehlbesetzung. Aber trotzdem war ich zufrieden mit meinem Leben. In dieser Zeit war natürlich auch unsere Beziehung nicht unbelastet, doch diesmal war ich stark genug, alle Probleme aufzufangen. In jener Zeit las ich meine Aufzeichnungen immer wieder durch und merkte, dass es mir gut tat, dass sie mich immer wieder neu aufbauten. Also beschloß ich, meine Erfahrung auch anderen zugänglich zu machen und sie als Buch zu veröffentlichen.

Inzwischen habe ich einen guten Job in den Abendstunden. Unsere finanziellen Probleme sind zwar immer noch nicht ganz behoben, aber Gerd und ich werden sie gemeinsam in den Griff bekommen. Mein Mann ist mit seiner Firma in erhebliche Schwierigkeiten geraten und ist sehr stillgeworden. Zu still. Meiner Meinung nach hat auch er Depressionen. Ich glaube, er leidet darunter, daß sein Traum von der eigenen Firma plötzlich zu Ende gehen könnte. Gerd ist mutlos geworden, er ist nicht mehr er selbst. Letztens gestand er mir: „Ich glaube, ich verstehe erst jetzt, wie dir zumute war, als du in die Klinik gingst. Ich habe dir damals nicht geholfen, und dafür schäme ich mich heute.“ „Mache dir keine Sorgen. Das schaffen wir auch noch. Sieh das Positive an deiner Situation. Das Kind schaukeln wir auch noch“, versuchte ich, ihm Mut zu machen. Es hat fast drei Jahre gedauert, ehe er meine Krankheit als solche erkennen und akzeptieren konnte. Seine entschuldigenden Worte »Es tut mir so furchtbar leid« entschädigten mich für die schlimme Zeit, die wir erlebt hatten.

Aber es gibt keinen Mann auf dieser Welt, mit dem ich zusammen sein möchte, trotz oder gerade wegen all der Dinge, die wir durchlebt haben. Denn ich liebe ihn. Doch ich würde nie wieder, nie wieder, meine innere Freiheit für jemanden anderen opfern. Auch nicht für ihn.

Aber meine Liebe wurde mit Füßen getreten. Deshalb sollten die Männer mit denen ich es zu tun hatte, es noch schwer haben mit mir. Aber das ist Thema für ein neues Buch