Dies und das. Mal schaun von was

Abschied am Teich

Als ich am nächsten Morgen in der Klinik aufwachte, stellte ich fest, dass ich ruhig und ausgeglichen war. Beim Kämmen sah ich in den Spiegel und stellte fest, daß ich mich selbst sah.

Da war ich endlich wieder!

Ein sehr gutes Gefühl. Ich schaute in meine Augen und erkannte endlich mein wahres Ich. Ich dachte daran, wie vielen Leuten ich in der letzten Zeit Auf Wiedersehen gesagt hatte und noch sagen musste. Es war mir von Mal zu Mal schwerer gefallen. Ich wusste, dass es Patienten gab, die mich hier vermissen würden. Dass ich nun selbst an der Reihe war, nach Hause zurück zugehen, war doch ein merkwürdiges Gefühl. Anfangs waren mir die sechs Wochen sehr lange vorgekommen, aber nun waren sie um. Der letzte Tag begann sehr ruhig. Zwischen den Therapien begegnete ich ständig Mike. Er zog sich irgendwie von mir zurück, er wollte mir - vielleicht auch sich selbst- den Abschied leichter machen.

Ich beschloß, einen letzten Spaziergang um den Teich zu unternehmen. Ich wollte allein gehen und lehnte daher Ullis Angebot, mich zu begleiten ab. Es sollte mein Abschiedsspaziergang werden. Kaum hatte ich das Wasser erreicht, begannen bei mir die Tränen zu laufen. Wie kleine Rinnsale kullerten sie an meinen Wangen hinab. Dieser Teich könnte sicherlich Romane schreiben, wenn er reden könnte. Jede Ecke, jeder Winkel hatte inzwischen für mich Erinnerungswert. Dort hatte ich immer allein gesessen und geweint, da an meinen Vater gedacht oder mit Gerd Eheprobleme ausdiskutiert, und hier hatte ich zum ersten Mal mit Mike gesessen und über meine Probleme gesprochen.

Ich ließ den Tränen ihren Lauf und versuchte nicht, sie zu bekämpfen. Doch der Schmerz in mir war merkwürdig, anders als sonst. Eigentlich spürte ich keine Verzweiflung. Ich glaube, ich schwankte zwischen Freude, Schmerz und Dankbarkeit.Ich setzte mich auf eine Bank und schaute auf den Teich. Hier hatte ich so viel gelernt: mit meinen Ängsten fertig zu werden, den Tod meines Vaters zu akzeptieren, mit der Sehnsucht nach Liebe, die ich nicht bekommen würde, umzugehen, meine Einsamkeit zu akzeptieren und damit zu leben, das Alleinsein als etwas Gutes anzuerkennen, die Angst vor dem Sterben einzudämmen, meine schlechten Seiten zu akzeptieren und - Freunde zu finden.

Diese Liste ließe sich noch unendlich lang fortsetzen. Aber vor allen Dingen hatte ich gelernt, dass der Tod das Ziel des Lebens darstellt, und dass er mir keine Angst machen muß. Die Aufgabe, die zwischen Geburt und Tod liegt, so zu gestalten, dass man selbst glücklich und zufrieden sein kann, muß ich selbst lösen. Und das kann ich nur allein. Mit einer Harmonie tief in mir drin. Und auch diese herzustellen, dabei kann mir niemand helfen. Denn man muss selbst sein Innerstes erkennen das was für einen gut und richtig ist. Ich hatte Bleistift und Papier zum Teich mitgenommen. Nachdem ich über meine Situation und das, was ich für die Zukunft sein wollte, nach gedacht hatte, begann ich, Verse aufzuschreiben. Erst wild durcheinander und schließlich geordnet. Später schrieb ich sie sauber ab und schenkte sie den Ärzten und Therapeuten.

Verzweifelt war ich und verbittert,

meine Gefühle eingegittert.

Panische Angst und wußte nicht wovor,

ich stand hier vor einem dunklen Tor.

Ich wußte nicht, was würde geschehen wenn hindurch ich geh.

Ob ich wohl dann vor mir selber steh?

Wer bin ich ? Was bin ich ? Wie bin ich ? hab ich mich oft gefragt.

Ob die Therapie mir das sagt?

Bald wühlten Gefühle in mir, ich wurde weich,

all die bösen, traurigen, schönen Erinnerungen und damit verbundener Schmerz

drangen nach oben und trafen mitten ins Herz.

Ich habe geweint, geflucht und saß da voller Wut,

Gefühle erleben; ich wußte lange nicht, wie gut das tut.

Nach drei Wochen Therapien glaubte ich, ich hätt' es geschafft.

Von wegen, selten so gelacht!

Irgendwo, tief in mir versteckt, Unverdautes an die Oberfläche sich reckt.

In dieser Zeit gute Therapeuten und Ärzteum sich zu haben,

an dieser Sicherheit sich laben,tat wohl.

Doch wichtig ist, nicht die Augen zu verschließen vor der Realität,

das Leben wartet draußen, denn man hat's schließlich selbst gewählt.

Nun sitz ich hier am kleinen Teich,

ich fühle die Ruhe, und mein Sein ist wieder reich.

Entscheidungen muß ich fällen, die richtigen:

Sind es die langsamen oder die schnellen?

Nur den Verstand hab ich jahrelang eingesetzt,

das hat mein Leben zerfetzt.

Die Gefühlswelt wurde nichtig,

doch nur die Harmonie darin ist letztlich wichtig.

Und das Ende von der Geschichte:

Steine im Bauch,schwer wie 50-Kilo-Gewichte.

Wer bin ich? Was bin ich? Wie bin ich? Ich weiß es immer noch nicht so genau,

doch eines ist nun sicher:

Ich bin ein Mensch mit tausend Gefühlen und eine Frau.

Ich habe so vieles über mich herausgefunden,

dafür hab ich mich geschunden.

Innere Ruhe und Gelassenheit zu bekommen,

das ist der Lohn dafür.

In Sicherheit darf ich mich jetzt sonnen. Ob ich sie mir für zu Hause bewahren kann? Ich hoffe es sehr.

Erst das einmal zu erreichen, verdammt, das war sehr schwer.

 

Einige Wochen später erfuhr ich von Ulli, daß die Therapeuten aus Musik aktiv, nach diesem Gedicht eine Pantomiemendarstellung gemacht hatten. Sie stellten mich also dar: Wie ich in die Klinik gekommen war, wie ich mich entwickelt hatte und mit welchen Gefühlen ich schließlich nach Hause entlassen wurde. Die Patienten waren wohl sehr berührt von meiner Geschichte. Und Ulrike sagte mir: „Angelika, du weißt doch selbst, als du noch hier warst, da sind alle so schnell wie möglich nach den Abendgesprächen herausgestürmt. Doch diesmal sind alle sitzen geblieben. Totenstille herrschte im Raum. Selbst Rainer hat geheult!“

Rainer war einer der Patienten, die es verlernt hatten zu weinen. Mein Geburtstag fiel mir wieder ein. Einen solchen Geburtstag würde ich wohl nie wieder erleben. So viele Menschen hatten daran Anteil genommen. Es war wirklich ein sehr schöner Tag gewesen. Langsam machte ich mich auf den Rückweg. Mike mied mich den ganzen Tag über, doch am Abend lud er mich wieder ins Bistro ein. Über den bevorstehenden Abschied konnten wir nicht sprechen. Wir versuchten beide, ihn zu ignorieren und amüsierten uns prächtig, obwohl eine gewisse Schwermut spürbar war. Auch Mike würde am nächsten Tag die Klinik verlassen.