Dies und das. Mal schaun von was

Die Insel

Das Ende der Kur nahte. Es ließ sich nicht mehr leugnen.Ich begann, die Tage zu zählen, die mir noch verblieben.Für diesen Morgen war das Abschlußgespräch mit dem stellvertretenden Chefarzt angesetzt worden. Er erzählte mir etwas von der ungeheuren Stärke, die ich besitzen würde. Ich spürte zwar, dass es mir viel besser ging, aber ich kam in diesem Moment nicht dahinter, was er mir eigentlich damit sagen wollte. Vielleicht war diese Aussage auch hauptsächlich dazu da, mir noch mehr Mut zu machen.

Ich erzählte ihm vom Tod meines Vaters, und der Arzt bestätigte meine Vermutung, daß ich meine ganze Lebenskraft aus dem Beziehung zu meinem Vater schöpfen würde. Heute weiß ich, dass sie tatsächlich meine wichtigste Kraftquelle ist.

Eine Therapie schloss sich der nächsten an. In der Hypnosestunde wurde ich zu einem zentner schweren Stein. In der Rhythmikgruppe machte ich zum ersten Mal das Marionettenspiel mit. Da ich nun wusste, dass ich keine Marionette war, konnte ich diese Übung sehr genießen. In Musik aktiv ging es sehr schwungvoll zu. Dann spielten wir, wir wären auf einer Insel. Mit geschlossenen Augen sollten wir uns durch den Saal bewegen. Ich wanderte eine Weile umher, bis es mir zu langweilig wurde, legte mich dann auf den Boden und stellte mir das Meer im Hintergrund vor.

Dies war nicht schwer, da die Meditationsmusik aus Meeresrauschen bestand. Also lauschte ich den Wellen. Plötzlich fasste mich jemand an den Fuß und kitzelte mich. Ich mußte lachen. Natürlich war es Ulli, die meinen Fuß festhielt. „So was Blödes kannst auch nur du dir ausdenken“, kicherte ich. Dann legte sie sich neben mich, und wir lachten zusammen weiter. Nach einer Weile wurden wir ruhiger. Ulli hatte ihren Kopf in meinen Arm gelegt, und ich streichelte ihr über das kurze Haar. Irgendwie erinnerte mich diese Situation an ähnliche, die ich mit meinem Sohn erlebt hatte. Die Sehnsucht nach meinen Kindern stieg wieder in mir hoch.

Plötzlich war ich sehr traurig und Tränen kullerten mir über die Wangen. Doch auch der Abschied von hier würde mir schwer fallen. Ulli würde ich sehr vermissen. Seit unserem Glückstopf-Erlebnis war sie noch ausgeglichener und fröhlicher als zu Anfang. Vor allen Dingen war sie fröhlich, ohne eine Maske vor dem Gesicht zu haben. Sie hörte gar nicht auf, jedem von unserem gemeinsamen Erlebnis zu erzählen. Mir wurde es langsam schon peinlich, dass sie diese Sache immer wieder heraus stellte.

Noch drei Tage, dann würde alles vorbei sein und ich würde der Klinik den Rücken kehren. Wehmütig schaute ich zum Fenster hinaus. Dass es mir hier so gut gefallen könnte, hätte ich am Anfang nicht für möglich gehalten. In der letzten Meditationsstunde war meine Ärztin nicht anwesend, ein anderer Arzt hatte die Stunde übernommen. Mit gemischten Gefühlen hörte ich ihm zu, als er mit seiner Geschichte begann: „Sie befinden sich an einem Strand. Die Sonne scheint, und Sie graben sich im Sand ein. Sie fangen an zu träumen. Sie hören das Meeresrauschen und sind still, in sich gekehrt. Plötzlich vernehmen Sie in der Ferne eine Stimme, die Sie beim Namen ruft. Sie stehen auf und erkennen im Meer eine kleine Insel. Die Stimme ruft Sie ganz eindringlich. Sie werfen sich in die Wellen und schwimmen auf die Insel zu ...“

Als ich in Gedanken auf der Insel ankomme, sagt die Stimme zu mir: „Ich habe auf dich gewartet.“ Ich gehe mit der Person in das Innere der Insel. Ich weiß nicht, wer die Person ist, aber sie ist mir vertraut. Ich kann dem Geschehen nicht folgen und erkenne nur noch, wie ich mit der Person wieder an den Inselstrand zurückkomme. Dort nimmt mich die Person - sie ist männlich - in den Arm und zeigt mir den Weg zurück. Ich will noch nicht, doch er weist mir den Weg immer wieder und eindringlicher, bis ich begreife, dass ich diesen Weg zurückgehen muss. Ich schwimme zum Festland und spüre eine Kraft, die in mir wächst. Ich kenne meine Zukunft nicht, doch ich weiß, ich werde es schaffen ...

Plötzlich dachte ich an eine Reise nach Spanien, zusammen mit Gerd und den Kindern. Mir war es dort verdammt schlecht gegangen, und viele böse Erinnerungen wurden in mir wach. Ich war wütend, weil der Therapeut mich dahin gebracht hatte. Musste er mir ausgerechnet zum guten Schluß noch solch eine Geschichte erzählen? Ängstlich und mit gemischten Gefühlen wachte ich auf. Ich versuchte, die Geschichte mit der Insel für mich zu interpretieren. Mike war mir schnell vertraut geworden. So ähnlich vertraut wie mein eigener Vater. Vielleicht konnte ich deshalb die Person auf der Insel nicht erkennen. „Man musste schon sehr viel Vertrauen haben, um mit jemandem auf einer Insel zu verschwinden, den man nicht kennt,“ dachte ich zufrieden.

Mike hatte mir in dieser Klinik, meiner Insel, auf der ich mich lange Zeit sehr einsam gefühlt hatte, so unendlich oft beistanden. Mike war auch derjenige, der mich langsam und behutsam darauf vorbereitet hatte, dass die Zeit hier zu Ende ging. Für die Zukunft versuchte er mir Mut zumachen. Es gab kein Zurück, nur ein Vorwärtsgehen. “Die Realität liegt außerhalb der Mauern dieser Klinik“ ,waren seine Worte. Oh ja, und er hatte so recht damit. Die tapferen Gedanken daran trieben mir die Tränen in die Augen. Ich sah erneut aus wie ein Froschauge. Mike stand im Klinikhof und blickte mich fragend an. Ich hatte das Gefühl, dass er wie ein Geier darauf wartete zu erfahren, was denn nun schon wieder mit mir los sei.

Ich wusste nicht wieso, doch ich fauchte ihn an: „Laß mich in Ruhe,ich bin doch keine Mona Lisa, die immer nur lächeln kann!“ Im selben Moment, in dem ich das ausgesprochen hatte, tat es mir auch schon wieder leid. Der arme Kerl musste meine Launen ertragen, die ich eigentlich woanders hätte ablassen sollen. Wahrscheinlich an mir selbst, denn im Grunde war ich wütend auf mich. Aber das, was ich zu ihm sagte, stimmte in gewisser Weise auch. Jahrelang bin ich nur lächelnd durch die Welt gerannt, obwohl ich wütend oder traurig war. Doch das an ihm abzureagieren war ungerecht, und ich entschuldigte mich schnell bei ihm. Er lächelte nur und sagte: „Was soll's,Froschauge.“ Wir tranken wie immer Capuccino zusammen und mussten dann in verschiedene Therapiestunden.

Das autogene Training machte mich wieder ruhiger. Am Abend packte ich alles, was ich nicht mehr benötigte, schon in den Koffer. Nur ein paar Kleidungsstücke ließ ich noch draußen. Ich wollte die nächsten Tage in aller Ruhe genießen und nicht die letzten Stunden mit Packen beschäftigt sein. Am späten Abend ging ich noch mal mit Ulli aus. Sie war sehr unterhaltsam, und das hob meine Stimmung enorm. Viel zu spät kamen wir in die Klinik zurück. Die »Nachtschwester« Peter wollte gerade die Türe abschließen. Peter war ein Pfleger, den wir aus Spaß »Schwester« riefen. Mike saß auf dem Balkon und meinte, er habe mich vermißt. Es war das erste Mal, dass er das offen zugegeben, hatte. „Tja, lieber Mike, wenn du wüßtest, wie sehr ich dich jetzt schon vermisse, bei der bloßen Vorstellung wieder zu Hause zu sein“, dachte ich nur still bei mir.