Dies und das. Mal schaun von was

Der Zirkus

Vor dem Frühstück rannte ich rüber zu Ulrike. Sie hatte eine Kaffeemaschine in ihrem Zimmer und kochte uns schon vor dem Frühstück einen leckeren, starken Kaffee. Ihr Zimmer lag genau gegenüber meinem Balkon. Von hier aus konnte man den anderen, die sich dort aufhielten, gut zusehen. Mike saß da und schaute gerade herüber. Ich lachte und zeigte ihm meine Kaffeetasse. Er gab mir zu verstehen, dass ich doch herüberkommen solle. Ich winkte lachend ab. Während ich Mike beobachtete, wurde mir klar, daß sich unsere Beziehung verändert hatte. Wir waren Freunde geworden. Ein unbeschreibliches Gefühl der Dankbarkeit überkam mich.

Ulrike lenkte mich von diesen Gedanken ab. Sie redete und redete wie ein Wasserfall, sprach ganz offen über ihre Männerbeziehungen und ihre Sexualität. Ich wünschte mir, ich hätte genauso unbefangen über dieses Thema reden können, und hörte ihr einfach nur zu. Sie bemerkte, daß ich in der Hinsicht Probleme hatte, und fragte mich, ob ich jetzt schockiert sei. "Nein, nein. Ich hoffe nur. daß ich hier noch lernen werde, mit mir selbst so offen zu sein, wie du es mit dir und mir bist!" antwortete ich ihr.

Ulrike ging in die Modelliertherapie, eine Behandlungsform, die ich nicht kennengelernt hatte. Die Patienten arbeiteten dort mit Ton und bekamen oft die Aufgabe, Gefühle zu modellieren. Am liebsten hätte ich alle Therapieangebote der Klinik ausprobiert, nachdem ich begriffen hatte, wie sehr mir diese helfen konnten.

Nach dem Frühstück ging ich wieder einmal zur Meditationsstunde. Die Ärztin erzählte an diesem Tag folgende Geschichte: »Sie befinden sich in einem Zirkus. Das Zelt ist voller Menschen. Sie entdecken auf der gegenüberliegenden Tribüne jemanden, den Sie überhaupt nicht leiden können. In der Mitte der Manege sind Clowns, die einen riesigen Waschkübel mit Seifenlauge füllen. In diesem Moment wünschen Sie sich nichts sehnlicher, als daß man diesen verhassten Menschen in diesen Kübel werfe. Ein Lichtkegel wandert durch die Besucherreihen und hält genau bei der Person an, die Sie verabscheuen. Ein Clown rennt die Treppe hinauf und zieht sie die Treppen hinunter in die Manege .," 

Ich sah, wie mein Schwiegervater unter dem Gelächter der Zuschauer von seinem Platz gerissen wurde. In der Manege schmissen ihn die Clowns in den Waschkübel. Zunächst machte sich Schadenfreude in mir breit, daß es ihn erwischt hatte. Doch als man ihn an überdimensionalen großen Klammern an einer Leine aufhängen wollte, fand ich die Situation nicht mehr angenehm. Es wirkte alles so grotesk, wie der sehr kleine und alte Mann an der Wäscheleine hing und zeterte. Ich holte ihn eigenhändig hinunter. Doch als Dank beschimpfte er mich wieder. Es tat weh, aber ich drehte mich weg und schwieg.

Bauchschmerzen, von denen ich eigentlich schon geglaubt hatte, daß ich sie vergessen könnte, machten sich bemerkbar. »Kommen Sie zurück!« befreite mich die Ärztin aus der seelischen Qual. In dem Gespräch mit ihr fand ich heraus, daß ich noch immer nicht in der Lage war, mit meiner aufgestauten Wut richtig umzugehen. Ich solle mir doch den Gefallen tun, ihr wenigstens in meiner Phantasie freien Lauf zu lassen, riet mir die Ärztin. Das schade den anderen nicht und würde mir nur helfen. Am Abend gingen Mike, Ulrike und ich in eine Kneipe. Als Ulli für einen Moment zur Toilette ging, meinte er: "Ich hab bei der Frau ein komisches Gefühl, du solltest vorsichtig sein!"  Ich musste lachen. Erst schwärmte er mir die Ohren voll von seiner Traumfrau, und nun schien er derjenige zu sein, der anscheinend etwas eifersüchtig wurde. Irgendwann würde ich mit ihm einmal gründlich über dieses Thema diskutieren, um etwaige Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Doch an diesem Abend hatte ich dazu keine Lust.Wir hatten soviel Spaß und lachten ausgelassen. Das lag in erster Linie an Ullis Art. Sie anzusehen und ihr zuzuhören bereitete mir immer mehr Freude. Sie war so anders als ich. Ich wünschte mir so manches Mal, ein wenig von ihrer Lebenslust ab bekommen zu haben. Erst viel später erfuhr ich etwas von ihrer Geschichte und dass sie im Grunde genommen ein sehr einsamer Mensch war. Ihre lustige Art war eben auch nur eine Rolle.

In der vergangenen Nacht hatte ich wieder einmal  geträumt. Dieses Gefühl, ganz Frau zu sein, verschwand auch nicht in seiner Gegenwart. Ich glaubte nicht, dass er ahnte, was in mir vorging. Auf alle Fälle hatte er meine schlechte Meinung von der Männerwelt grundlegend revidiert. Ich war nicht in ihn verliebt, er nicht in mich. Aber ich war mir seiner bedingungslosen Freundschaft sicher. Das gab mir Kraft.

In die Sensitivtherapie gingen Ulli und ich gemeinsam. Wir legten uns nebeneinander hin und hielten uns während der Stunde die Hände. Ich spürte ihre Hand in meiner. Doch plötzlich verschwand das Gefühl der Begrenztheit der Hände. Unsere Hände wurden eins und keiner spürte, wo die eine Hand aufhörte oder die andere anfing. Während wir aufstanden, mussten wir notgedrungen loslassen. Das tat keinevon uns beiden gern, das spürte ich. Es war eine besondersschöne Erfahrung des Miteinanderseins.

In der nächsten Meditationsstunde fuhr ich im Geiste durch die Wüste und nahm einen Anhalter mit, der mir an einem Wasserfall Mundharmonika vorspielte. Ich schlief auf seinem Schoß ein. Die Ärztin gab mir anschließend zu verstehen, daß diese Assoziationen meine Sehnsucht nach Harmonie in meinem Leben symbolisieren würden .Am Nachmittag begleitete ich Mike zum Einkaufen. Er suchte Geschenke für seine Kinder und seine Frau. Im Schmuckgeschäft ließ ich ihn dann alleine, da ich es stillos gefunden hätte, für seine Frau so etwas Persönliches auszusuchen. Er verstand meine Einstellung zunächst nicht. "Paß mal auf, Mike. Wenn ich deine Frau wäre, du kämest mit diesem Schmuck an und ich erführe, daß ihn eine Frau ausgesucht hätte, mit der du deine ganze Freizeit in derKur verbracht hättest, dann würde ich dir das sehr übelnehmen!" Das hatte er dann doch begriffen..