Dies und das. Mal schaun von was

Allein

Jeder Mensch ist letztlich sein ganzes Leben allein. Jeder ist ein Individuum und für sich selbst verantwortlich. In diese Einheit kann kein anderer Mensch wirklich eindringen. Eine Partnerschaft ist eine Verbindung von zwei Individuen - so als gäbe man sich die Hände, aber eins ist man dadurch nie. Jeder bleibt so für sich allein, sein ganzes Leben lang.

Allein beginnt man seinen Weg im Bauch der Mutter. Allein beendet man ihn, wenn man stirbt. Und selbst, wenn man helfen will, ist man allein. Aber, man ist nicht einsam, wenn sich eine helfende Hand entgegenstreckt. Das ist der entscheidende Punkt. Einsamsein und Alleinsein sind zwei verschiedene Dinge.

Jedes Kind will seinen Weg so bald wie möglich allein gehen, braucht aber die helfende Hand, die Sicherheit, um ihn finden zu können. Wenn man größer wird, wächst das Bedürfnis, selbständig zu sein, immer mehr. Also ist es an sich etwas Positives. Ständige Einmischung in sein Leben verbittet man sich, aber einsam möchte man nicht sein. Eigentlich zeigt das doch nur, daß der Mensch ein natürliches Bedürfnis hat, selbst klarzukommen. Er braucht nur einen Ort der Geborgenheit im Hintergrund, der Sicherheit verspricht. Meist ist die Familie so ein Ort der Ruhe.

Diesen Rückhalt suchte ich immer bei anderen Menschen, in meinen Eltern, in Gerd. Doch irgendwann konnte ich ihn nicht mehr finden. Ich fand niemanden, der stark genug gewesen wäre, all meine Blessuren zu heilen. Das Unglück war vorprogrammiert. Ich wußte nicht, daß der Ort der Ruhe nur in mir selbst sein konnte. Nur dort findet man wirklich Ruhe und Geborgenheit. Das Gefühl der Sicherheit muss aus sich selbst heraus entstehen. Dieses Alleinsein, das mich ängstigte, war in Wirklichkeit Einsamkeit.

Allein zu sein hat mir nie Probleme bereitet. Wie sonst hätte ich all die Jahre mit Gerd überstehen können? Wie oft habe ich allein zu Hause gesessen, bis spät in die Nacht. Gerd wollte sich - genauso wie ich - Kraft holen. Aus Selbstschutz hat mein Ich ihm das verboten. So klammerten wir uns aneinander wie zwei Ertrinkende - und mußten zwangsläufig untergehen. Mein Mann spürte, daß ich mich ihm nie ganz öffnete. Und das machte ihn unsicher und letztendlich auch so unerträglich eifersüchtig. Das wiederum zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Ich weiß, daß mir niemand letzte Sicherheit bieten kann, ich muß sie in mir selbst finden. Gerd hatte das nie geschafft und wollte seine Sicherheit nun durch mich erlangen. Aber das funktionierte nicht. Er wollte Dinge von mir, die ich ihm nicht geben konnte. Auch deshalb steigerte sich seine Eifersucht ins Unerträgliche. Er verlangte bedingungslos, daß ich seinen Weg gehe, damit er Sicherheit finde. Ich ging zwar mit, war aber innerlich zerrissen und eigentlich auch nicht stark genug dazu.

Ich war dabei, meine eigene Sicherheit, mein Selbst auch noch zu verlieren. Um mich zu schützen, schottete ich mich ab. Ich wollte allein sein, aber nicht einsam. Mein Ich. mein Innerstes rebellierte. Gut, daß ich hierher gekommen war. Ich ahnte, daß meine Kraft tief aus mir heraus neu geboren wurde. Allein zu sein war meine einzige Chance, mich - mit Hilfe der Therapeuten - wiederzufinden. Aber das positive Erleben des Alleinseins mußte ich erst erlernen. Ich erkannte, daß es nichts Schöneres im Leben gibt, als allein an einem Teich spazierenzugehen, die Natur zu erleben und sich damit eins zu fühlen. Als ich solche Dinge wieder empfinden konnte, spürte ich dass ich wieder ein richtiger Mensch war, wieder lebte.