Dies und das. Mal schaun von was

Der Geburtstag

Zwei Tage später, am 27. Juni, hatte ich Geburtstag. Obwohl Mike mit mir am Vorabend zum Chinesen Essen gegangen war - als Geburtstagsgeschenk hatte er mich eingeladen - und wir sehr schöne Stunden dort verbracht hatten, wachte ich mit recht schlechter Laune auf. Als ich aufstand, dachte ich daran zurück, wie ich vor Monaten zu Hause verkündet hatte, dass ich meinen Geburtstag diesmal nicht feiern würde. Ich lachte! Ja, aber so hatte ich mir diesen Tag allerdings auch nicht vorgestellt - dass ich in der Klinik sein würde, daran hätte ich im Traum nicht gedacht.

Am liebsten wäre ich überhaupt gar nicht aufgestanden. Doch es ließ sich nicht vermeiden, denn mein Stundenplan war voller Termine. Meine Zimmergenossinen waren die ersten, die mir gratulierten. Es war ein komisches Gefühl. Mir war mulmig bei dem Gedanken, was heute noch auf mich zukommen würde. Eigentlich wollte ich gar nicht im Mittelpunkt stehen, aber es würde sich wohl nicht vermeiden lassen. Ich wusste, dass ein Blumenstrauß auf meinem Tisch stehen würde und dazu ein kleines Bild. Dies gab es immer von der Klinik. Ich hatte das schon bei anderen Patienten gesehen, die hier ihren Geburtstag feiern mussten.

Was ich jedoch sah, als ich in den Speisesaal trat, war unbeschreiblich. Mein Platz am Frühstückstisch war förmlich zugedeckt mit kleinen Aufmerksamkeiten meiner Mitpatienten. Rührung über so viel Zuwendung und offensichtlicher Zuneigung machte sich in mir breit. Kleine Kuscheltiere, Porzellanfiguren, Glückssteine, ein Badezusatz, Bilder und viele Dinge mehr entdeckte ich. Ulli kam und überreichte mir einen kleinen Stoffdinosaurier, der ein merkwürdiges Geräusch machte, wenn man ihm auf den Bauch drückte. Damit brachte sie mich wieder zum Lachen. All diese Geschenke habe ich aufbewahrt und zu Hause in meine Vitrine gestellt. Sie erinnern mich stets an eine sehr schöne, aber auch harte Zeit.

„Wegen meines Geburtstagsgeschenkes hast du nicht geheult. Wie soll ich das werten? Positiv oder negativ?“ Mike sah mich an und lachte. Ich wusste, er meinte es nicht böse, denn ihm war sehr genau bewusst, dass mir das Essen mit ihm weit mehr bedeutete als alles, was hier auf dem Tisch stand. Ich gab ihm keine Antwort. Er hatte wohl auch keine erwartet. Lächelnd entfernte er sich.

Nach dem Frühstück stand Musik aktiv auf dem Plan. In dieser Sitzung sollte ich mein wichtigstes Therapieerlebnis haben. Im nach hinein betrachte ich es als das wertvolle Geburtstagsgeschenk, das ich mit nach Hause nehmen durfte, denn dieses Erlebnis veränderte Entscheidendes in meinem Verhalten und Denken und machte mir mein Leben erst richtig bewusst. Erst der totale Zusammenbruch und danach der Neuanfang. Das sollte mir erst mal einer nach machen!

Zunächst tobten wir wieder zur Diskomusik. Dann hatte Ulli ein Geburtstagsständchen für mich organisiert. Fast hätte ich schon wieder geheult, wenn sie mich nicht gekitzelt hätte. Ich glaube, ich hatte noch nie in meinem Leben so viele Geburtstagswünsche auf einmal bekommen. Auf einmal störte mich die Nähe der anderen Patienten, und ich wollte lieber allein sein. Aber sobald ich an dieses Wort »allein« nur dachte, zog sich in mir alles zusammen. Ich konnte mir nicht erklären, was plötzlich los war. Die Therapeutin fing mit ihrem Spiel an:

„Suchen Sie sich einen Platz, an dem Sie sich wohlfühlen“, forderte sie uns auf. Leise Meditationsmusik erklang. Es bildeten sich kleine Menschengruppen. Ulli kam auf mich zu, doch ich zog mich sofort zurück. Sie begriff, dass ich sie jetzt nicht ertragen konnte und wandte sich ab, ohne mich jedoch aus den Augen zu verlieren. Sie hatte einen besorgten Blick, der mich ärgerte. Wie sie mir später erzählte, war ich im Gesicht schneeweiß geworden. Mein Blick war unruhig, und die Angst sprang mir förmlich aus den Augen. Ich rutschte über den Boden immer weiter zurück, bis ich in einer Ecke an der Heizung angekommen war. Ich fror ungemein, und meine Angstgefühle, von denen ich geglaubt hatte, dass ich sie überwunden hätte, holten mich doppelt so heftig ein.

Ich verkroch mich. Ich zog mich ganz in mich zurück. Wie ein Panzer kreiste mich die Angst ein und schottete mich gegenüber der Außenwelt ab. „Allein, allein, allein!“ Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an dieses Wort, das mir gleichzeitig soviel Angst einflößte. Alles in meinem Leben mußte ich allein bewältigen. Als Kind stand ich stetes allein da, wenn ich Probleme hatte. Niemand war da, der mit mir redete. Als Kind musste ich mir die Probleme Erwachsener anhören und durfte um Gottes Willen mit niemandem darüber reden. Ich war wieder allein, als wir plötzlich umzogen, keiner begriff, daß für mich eine Welt zusammenbrach, und wie wichtig meine Kleinmädchenfreundschaft für mich gewesen war. Papa hat mich auch allein gelassen. Und das nicht nur einmal und endgültig. wie bei seinem Tod. Nein, er ließ mich allein, als er Mama verlassen musste, weil sie die Scheidung eingereicht hatte. Erst Monate später war die Welt wieder einigermaßen in Ordnung.

Ich begriff erst in jenen Momenten wirklich, wie sehr ich als Kind an meinem Vater gehangen hatte! Alles, alles mußte ich allein, immer allein austragen. Allein, allein, allein. In meiner Ehe war ich auch stets allein gewesen, musste alles allein erdulden, mir gefallen lassen, dass man mich quälte. Hatte die Kinder allein zur Welt bringen und großziehen müssen. Verflucht sei dieses Alleinsein. „Verdammt, ich schaffe das hier auch allein, habt ihr gehört“, schrie ich innerlich. „Ich schaffe alles auch allein!“ Ich schluchzte in meiner Ecke und nahm meine Umgebung nicht mehr wahr. Ich wollte nicht allein sein, und doch war ich verdammt dazu.

Die Therapeutin kam zu mir. Sanft zog sie mich in ihre Arme. Sie wiegte mich wie einen Säugling hin und her. Ich schluchzte immer nur: „Ich will nicht mehr so allein sein, ich will nicht mehr allein sein!“ „Du bist nicht allein, und doch wirst du stets dieses Gefühl in dir haben“, hörte ich eine Stimme. Ich weiß nicht, wer es gesagt hat und heute bin ich mir manchmal nicht so sicher, ob ich es nicht selbst war. „Ich schaffe es schon,“ versuchte ich, mich selbst zu beruhigen. Die Therapeutin zwang mir kein Gespräch auf, sie meinte nur, ich solle einmal intensiv über das, was ich gerade erlebt hatte, nachdenken.

Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht zugeben, wie gut mir diese Zuwendung tat. Ich war eben nicht alleingelassen worden. Nein, die Therapeutin gab mir nicht nur in diesem Moment Sicherheit und Geborgenheit, die ich brauchte. Aber was würde ich machen, wenn ich wieder zu Hause wäre? Aber darüber wollte ich in dem Moment nicht nachdenken. Am Abend lud ich einige Leute zu einem Glas Bier ein. um auf meinen Geburtstag anzustoßen. Mike war in einer merkwürdigen Stimmung, fast schon brummig. Er verschwand ziemlich schnell.

Da es mir inzwischen wieder besser ging, wollte ich mich nicht von seiner schlechten Laune anstecken lassen und ließ ihn ohne großen Protest gehen. Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Will stand hinter mir. Er hatte sein Versprechen wirklich gehalten und war gekommen. Vor Freude fiel ich ihn um den Hals. Er hatte mir einen Strauß rosa Rosen mitgebracht. Will schlug vor, in eine andere Kneipe zu gehen, und so zogen wir los. Als wir uns im anderen Lokal setzten, sah ich Mike in einer Ecke stehen und uns beobachten.

Ich konnte Mike einfach nicht böse sein, dass er so missmutig abgezogen war, und lächelte ihn an. Er tuschelte mit dem Kneipenwirt, bis dieser zu seiner CD-Box ging und eine andere CD einlegte. Es erklang »Angie« von den Rolling Stones. Mike sang mit und schaute mich die ganze Zeit dabei an. So ein spontanes Geburtstagsständchen hatte ich auch noch nie bekommen. Es klang sehr gut, wie er das Lied mitsang. Dieser Kerl verfügte nicht nur über gutes Aussehen, Humor und Intelligenz - nein, er hatte auch noch eine verdammt gute Stimme. Er verblüffte mich immer wieder. Kurz darauf musste Will schon wieder gehen, er gab mir einen Kuß auf die Wange und schwupp, war er zur Tür hinaus. Mike und ich unterhielten uns ganz hervorragend, bis es Zeit wurde, zur Klinik zurückzugehen.

Zum Abendgespräch gesellte sich Sabine zu mir. Sie war 22 Jahre alt und zitterte am ganzen Körper. Ich hörte dem Gespräch nicht zu, nahm ihre Hand in die meine und wünschte mir nichts sehnlicher, als ihr ein wenig Wärme geben zu können, damit dieses Mädchen aufhören könnte zu zittern. Ich sprach in Gedanken zu meinem Vater: „Ach Papa. Könntest du ihr doch ein bißchen Wärme geben - so wie du sie mir gegeben hast.“ Ich hatte Sabines Hand in meine Hände gelegt und fest umschlossen. Auf einmal fühlte ich diese Wärme, die ich schon sehr oft gespürt hatte. Erstaunt schaute ich auf meine Hände. Sabine sah mich an und fragte mit großen, erstaunten Augen: „Wie machst du das? Ich friere überhaupt nicht mehr.“ Ihre zierliche Hand in meiner schien zu pulsieren wie ein kleines Herz.

Mir wurde jetzt klar, was es bedeutete, wenn ein Sterbender zu einem Menschen sagt: „Ich werde immer bei dir sein, wenn du mich brauchst.“ Mir schössen die Tränen in die Augen. Ich dachte an Papa. Helga sah mich an. Sie war Esoterikerin und glaubte daran, dass es viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich mit rationalem Verstand nicht erklären lassen. Wir verstanden uns und hatten uns bereits vorher über solche Phänomene unterhalten. Sie nickte mir nur zu und wollte wissen, ob ich auch begreifen würde, was gerade mit mir geschah.

Zufrieden beschloß ich, ins Bett zu gehen. Doch schlafen konnte ich nicht. Das Therapieerlebnis vom Morgen machte mir zu schaffen. Bis tief in die Nacht machte ich mir Gedanken und schrieb sie wie besessen in mein Tagebuch. Ich schrieb und schrieb und schrieb, dachte nach und notierte alles, was mir wichtig war. Irgendwann im Morgengrauen schlief ich endlich zufrieden ein.