Dies und das. Mal schaun von was

Resignation?

 „Heute siehst du gut aus, Froschauge“, begrüßte mich Mike am nächsten Morgen. Er erzählte, daß er sich ein Ohrloch stechen lassen wollte. „Meine Frau schmeißt mich hochkant hinaus, wenn ich mit so einem Ding nach Hause komme«, gab er zu bedenken. „Du bist um keine Ausrede verlegen! Sag doch einfach dass du zu feige bist“, lachte ich ihn aus. „Übrigens, du siehst viel besser aus, wenn du mal ein paar Tage nicht geweint hast“, sagte Mike, beschleunigte seine Schritte und war weg.

Dieser Mensch war einmalig. Ich würde ihn sehr vermissen, das wusste ich jetzt schon. In der Sensitivtherapie versank ich so sehr, daß der Therapeut mich wecken musste. Das jagte mir einen leichten Schrecken ein, aber er meinte, dass die Therapie auf mich wie eine Hypnose gewirkt habe, dass sei allerdings nicht weiter schlimm. Im anschließenden Gespräch mit meiner Ärztin musste ich mich gedanklich darauf vorbereitet, daß mein Mann heute kommen würde. Nach einigem Zögern hatte er dem Gespräch zu dritt zugestimmt.

Die Ärztin bat mich darum, mich in dem Gespräch auf jeden Fall zurückzuhalten, denn sie wolle besonders auf meinen Mann eingehen. Ich hätte hier ja Hilfe, soviel ich brauche, er aber stünde ganz alleine da. Ich versprach es und wartete, bis Gerd erschien. Ich hatte keine Angst mehr, aber meine Hoffnung, dass alles wieder in Ordnung käme, war auf den Nullpunkt gesunken. Als er mich dann während des Gesprächs wieder einmal übermäßig angriff, artikulierte ich meine Befürchtung. Die Ärztin konnte selbst miterleben, wie mein Mann deshalb hochging. Aber auch ich verlor die Kontrolle.

Jedes Gespräch bei uns zu Hause endete so. Ich kannte das ja bereits. In mir brodelte es, alle alten Erinnerungen kamen hoch. Bald war auch ich für gute Argumente nicht mehr zugänglich. Wütend rannte Gerd davon. Ich lief hinter ihm her. Er stand am Baum bei der kleinen Brücke und weinte. Ich sah seine Verzweiflung, doch ich konnte ihm in diesem Moment nicht helfen - und ich wollte es auch nicht. Schließlich gingen wir noch einen Kaffee trinken, redeten aber nicht. Dann schlenderten wir in Richtung Parkplatz, wo sein Auto stand. Im Schatten stand eine kleine Bank, auf die wir uns setzten.

Vorsichtig begann Gerd zu sprechen. Verzweiflung spiegelte sich in seinen Augen wieder. Ich wusste, dass das vorausgegangene Gespräch ihm endlich die Augen geöffnet hatte. Endlich! Komischerweise konnten wir auf einmal reden. Wir fanden wieder einen Weg zueinander, wenn auch einen anderen als zu Anfang unserer Beziehung. Völlig sachlich teilte ich ihm meinen Entschluss mit, die Scheidung einzureichen. Er lächelte mich an und sagte: „Weißt du, die Ärztin hat gerade gesagt, dass das Gespräch leider sinnlos gewesen sei, aber ich glaube, so sinnlos war es nicht. Immerhin kann ich dir jetzt zuhören, ohne gleich auszurasten.“ Dann redeten wir seit vielen Jahren zum ersten Mal vernünftig und sehr intensiv miteinander. Ich fragte ihn, warum es erst soweit mit uns kommen mußte? Doch zunächst schwieg er nur, wie er es immer tat, wenn ich ihn etwas gefragt hatte.

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe“, sagte er dann zögernd, „aber ich hole dich auf jeden Fall mit den Kindern ab!“ Traurig schaute er mich an, wandte sich wortlos ab und ging. Ich blieb auf der Bank zurück und hatte ganz tief in meinem Inneren das Wissen, dass noch einiges an Auseinandersetzungen auf mich zukommen würden. So leicht, wie in diesem Augenblick alles aussah, konnte es nicht werden. Er winkte mir zum Abschied, als er an mir vorbeifuhr. Trotz dieser Auseinandersetzung hatte ich die Hoffnung, dass etwas für mich Wichtiges nicht zerstört war: unsere Freundschaft! Doch diese würde noch auf eine harte Probe gestellt werden, wenn ich erst wieder zu Hause war.

So ganz traute ich dem Frieden noch nicht, denn Gerd hatte die Angewohnheit, Probleme immer erst einmal unter den Teppich zu kehren, so wie es ihm gerade in den Sinn kam - sie schlicht zu verdrängen. Doch ich wollte um unsere Freundschaft kämpfen, nicht nur wegen der Kinder, auch für mich. Schwere Tage standen uns noch bevor. Und ich wollte nur noch Kraft sammeln, um meine Zukunft zu meistern. Der Tag hatte so schön begonnen, und nun schlich sich wieder dieses beklemmende Gefühl ein. Depremiert ging ich allein in die Kneipe und kippte drei Gläser Bier in mich hinein. Ich vertrug das Zeug nicht und leicht angetrunken sank ich schließlich in mein Bett.