Dies und das. Mal schaun von was

Die Schatztruhe

Diesmal sollte sich im Therapiegespräch alles um meine Ehe drehen - ein Problem, für das sich noch keine befriedigende Lösung abzeichnete. Die Ärztin schlug ein Gespräch zu dritt vor. Ich freute mich darüber, hatte aber so meine Zweifel, ob Gerd wirklich kommen würde. Er war nämlich der Meinung, dass ich ihn in meinen früheren Unterredungen nur schlecht gemacht hätte, so daß die Ärzte ihn im Vorhinein sowieso als den Bösewicht in unserer Ehe sehen würde. Wahrscheinlich hatte er auch Angst vor einer solchen Konfrontation. Ich war gespannt, wie er auf das Gesprächsangebot reagieren würde.

In der anschließenden Rhythmiktherapie mussten wir uns wieder auf den Rücken legen und sollten uns entspannen. Wir schlössen die Augen, und der Therapeut erzählte uns eine kleine Geschichte: „Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine kleine Schatzkiste vor sich. Hier hinein packen Sie all ihre Wunschträume, die Sie hegen.“

Ich lächelte. Ich wußte sofort, was ich hineinpacken würde. „Befestigen Sie dann an der Kiste viele, mit Gas gefüllte, bunte Luftballons. Dann lassen Sie die Kiste Los!“ In Gedanken sah ich den wolkenlosen blauen Himmel, in den zahllose Kisten aufstiegen. Es war ein schönes Bild, doch meine Phantasie wurde gestört durch ein herzzerreißendes Schluchzen. Ich schlug die Augen wieder auf und sah, daß ein Patient neben mir sehr heftig reagierte, so wie ich es auch schon so oft getan hatte. Doch ich wollte nicht in die Realität zurückkehren, ich zog es vor, mich mit meinen Gedanken auf die Reise zu begeben, und kümmerte mich nicht weiter um meinen Nachbarn.

Im Anschluß an unsere Gedankenreise sollten wir versuchen, über unsere Gedanken, Wünsche und Vorstellungen zu reden. Doch niemand wollte die kleinen Geheimnisse, die er in die Kiste gepackt hatte, preisgeben. Auch ich nicht. Eigentlich empfand ich diese Übung als sehr schön und bereichernd, und ich lernte dabei, Dinge loszulassen, die ich eigentlich immer festhalten wollte, obwohl sie mich eigentlich nur belasteten. Aber damals wollte ich einfach noch nicht darüber reden. Ich hatte meinen Wunsch eingepackt, mit Mike eine bleibende Freundschaft aufrechtzuerhalten - dazu konnte ich mittlerweile stehen. Aber aus Erfahrung wusste ich, dass solche Freundschaften in der Regel beendet sind, sobald man sich nicht mehr regelmäßig und unter anderen Umständen wiedersieht. Indem ich diesen Wunsch in den Himmel steigen ließ, wollte ich diese Freundschaft symbolisch loslassen, weil ich intuitiv wusste, daß es besser für uns beide sein würde, den Kontakt einschlafen zu lassen und lieber eine positive und schöne Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, meine Kiste loszulassen. Es überkam mich auch keine Schwermut, als ich ihr in Gedanken nachsah, wie sie sich am Himmel immer weiter entfernte. Lächelnd freute ich mich ganz einfach über die Begegnung mit Mike. Ich war eins mit mir und hatte nun so viel Kraft, dass ich auch anderen etwas davon abgeben konnte.

Ich wollte Trost spenden. Viele weinten und kurz entschlossen nahm ich einen Patienten in den Arm. Ohne etwas zu sagen streichelte ich nur seine Schultern. Freude uns Stolz überkamen mich. Ich war wieder ich selbst und brauchte nicht erst zu überlegen, ob ich auf den anderen zugehen sollte oder nicht - ich tat es einfach. Es tat gut zu merken, dass er meinen  Trost auch annahm. Endlich war ich wieder glücklich!

Von diesem Moment an bemerkte ich die stetige Veränderung in mir. Langsam, aber sicher spürte ich neuen Lebensmut in mir, und ich konnte wieder froh sein - was ich lange Zeit nicht mehr für möglich gehalten hatte. Am Nachmittag löcherte mich Mike mit Fragen. Er wollte etwas über meine Gefühle bei der letzten Rhythmiktherapiestunde wissen, aber eigentlich brauchte ich ihm nichts zu erzählen, denn Conny hatte ihm schon einiges berichtet. Ich gab ihm zwar bereitwillig Auskunft, von meinem Wunsch verriet ich allerdings nichts. Der ging nur mich etwas an.

Ich dachte viel nach an diesem Tag und plötzlich hörte ich eine Stimme neben mir: „Hallo, Hallo! Wo ist mein kleiner Junge?“ Mike lachte. „Hier bin ich, Sir. Anwesend!“ gab ich zur Antwort. Ich musste ganz schön in Gedanken gewesen sein, denn diese alte Antwort kam mir automatisch über die Lippen. Ich fühlte mich seit ein paar Tagen neben Mike überhaupt nicht mehr wie ein kleines Kind und schon gar nicht wie ein Junge. Aber ich hatte ihm sehr viel zu verdanken und ging gern auf seine Späße ein.

Das Abendgespräch an diesem Tag gestaltete ein ausländischer Therapeut. Da er Schwierigkeiten mit der Aussprache hatte, bat er zunächst um Verständnis für sein schlechtes Deutsch. Ich fand es überflüssig, weil es darauf überhaupt nicht ankam. Mittlerweile konnte ich auch sehen, dass die Therapeuten es manchmal wirklich sehr schwer hatten. Schließlich steckt hinter jedem ja auch ein Mensch mit persönlichen Ansichten, Gefühlen, Meinungen und Abneigungen. All das mussten sie bei der Arbeit mit den Patienten ausser acht lassen. Ich stellte es mir auch nicht sehr leicht vor, einen Patienten zu therapieren, den man vielleicht nicht leiden kann.

Ob meine Ärztin mich mochte? Ich wußte es nicht. Aber sie hat ihre Arbeit gut gemacht. Denn sonst würde ich mich heute nicht so wohlfühlen. Und dafür bin ich ihr ein Leben lang dankbar. Nachdenklich ging ich zu Bett.