Dies und das. Mal schaun von was

Ein neues Leben

Am nächsten Morgen fühlte ich mich schon beim Aufwachen anders als sonst. Ich ahnte, dass sich etwas in mir verändert hatte, und ich sollte schnell dahinter kommen, was es war. Dass ich den Tag endlich einmal mit einer positiven Einstellung begann, freute mich riesig. Auf dem Balkon traf ich wie immer auf Mike. Ich sah ihn an, und wußte plötzlich, was sich bei mir verändert hatte: zum ersten Mal betrachtete ich ihn ganz unverkrampft und nahm ihn auch als Mann wahr. Er war gutaussehend, schlank, charmant, hilfsbereit, er zeigte Interesse an mir und mochte mich einfach sehr. Ob das seinerseits Liebe war, konnte ich nicht sagen. Aber in jenem Moment war es auch nicht wichtig. Endlich war ich mir meiner selbst bewußt: Ich bin kein kleines Mädchen - und erst recht kein kleiner Junge - und konnte meine Gefühle als Frau spüren. Dieser Zustand war wunderschön.

Ich wollte meine Wiedergeburt mit niemandem teilen, zog mir daher meine Jacke über und wanderte, ja schwebte förmlich um den kleinen Teich. Ein verdammt gutes Gefühl. Während dieses Spaziergangs sah ich an mir herunter: Jeans, langer Pulli, Turnschuhe, fast ungekämmtes Haar - wie jeden Morgen. Und doch war alles anders geworden. Ich spürte meine Brüste und freute mich zum ersten Mal darüber, weibliche Formen zu haben. Das mag komisch klingen, aber es war so. Früher hatten sie mir nie etwas bedeutet. Natürlich, Männer stehen auf dieses Symbol der Weiblichkeit. Aber ich? Ich brauchte diese wackeligen Dinger doch nicht. Ganz im Gegenteil: Ich wollte meinen Körper verstecken, damit niemand davon Besitz ergreifen konnte.

Ich begann, vor mich hin zu reden: „Mann, oh Mann, Mike. Wenn du wüßtest, was du mir alles beigebracht hast. Du bist mein Lebenslehrer und weißt es nicht einmal. Mir ist auch nicht klar, wieso du dir so viel Mühe mit mir machst. Vielleicht weißt du es? Aber was spielt das Motiv für mich schon für eine Rolle. Ich freue mich einfach, dass es dich gibt. Du tust mir so gut, und ich werde die Zeit hier mit dir genießen. Aber das, was ich heute über mich herausgefunden habe, darf ich dir nicht erzählen. Diese Erfahrung ist für mich ganz allein wichtig. Aber in Gedanken kann ich ja mit dir reden. Weißt du, damals, als ich mit Alex flirtete, auf den Gerd so eifersüchtig war, da hatte ich schon mal so einen Anflug von diesem Ganz-Frau-und-wirklich-frei-Gefühl. Aber ich wollte es damals nicht wahrhaben und bekam Angst vor mir selbst. Vielleicht mochte ich Alex aber gerade wegen dieses Gefühls so gern. Vielleicht kann ich ja mit Ulli darüber reden. Ulli ist eine Frau, sie kann mich vielleicht verstehen!“

Ich fand es ein weiteres Mal traurig, dass mein Vater nicht mehr lebte. Es wäre sicher eine Freude für ihn gewesen, zu sehen, wie ich mich hier entwickelt hatte. Aber er würde trotzdem alles wissen, denn er war ja immer bei mir, tröstete ich mich. Da es mir so gut ging, konnte ich die Stunde Musik passiv sehr genießen. Zum Candle-Light-Dinner, so sagte man hier zu dem feierlichen Essen, daß alle vierzehn Tage stattfand, erschien ich dann auch endlich nicht nur äußerlich als Frau. Meine Wirkung auf die anderen war wirklich verblüffend. Jeder merkte, daß sich in mir etwas gewandelt haben musste. Mike war sprachlos und staunte sehr über seinen „kleinen Jungen“, der keiner mehr war.

Nach dem Essen zog ich mir schnell wieder meine Jeans an, denn es war so kalt, als wäre es erst April und nicht Juni. Mike fragte mich natürlich gleich, ob ich mich wieder in den kleinen Jungen verwandeln wollte, aber ich lachte nur. „Ne, aber Lust auf eine dicke Erkältung habe ich auch nicht! Was vermutest du denn schon wieder?“ “Auch wenn ich ein alter Mann bin, so erfreue ich mich immer am Anblick einer jungen, hübschen Frau. Ich bin zwar alt, aber schließlich nicht blind!“

Der alte Mann! So hatte er sich damals vorgestellt. „Geh mit einem alten Mann Kaffee trinken, und rede dir deinen Kummer von der Seele“, waren seine ersten Worte an mich gewesen. Ich werde diesen Satz wohl nie vergessen. Natürlich war er älter und weiser. Und er schaute mich wieder so an, als wüsste er, was mit mir geschehen war, doch was spielte all das noch für ein Rolle?