Dies und das. Mal schaun von was

Helga

An diesem Tag brachte ich meine erste Saunastunde hinter mich. Sie war wirklich entspannend, aber für meinen empfindsamen Kreislauf wohl nicht das Richtige. Mir war danach etwas mulmig. Vermutlich würden sich meine Kreislaufprobleme bessern, wenn ich regelmäßig gehen würde, aber ich entschied mich dagegen: Das Schwindelgefühl und die Übelkeit danach hatten mich doch mitgenommen. Wenn nicht Anja und Elisabeth, zwei andere Patientinnen, zu mir gestoßen wären, hätte ich wahrscheinlich um Hilfe gerufen, solche Angstzustände hatte ich allein in dem engen Raum bekommen.

Mike lachte sich kaputt über meine Bedenken. „Mensch, so ein richtiger Kerl wie du, der muss das doch abkönnen“, meinte er provozierend. „Blödmann“, gab ich verärgert Antwort. „Es war ja schließlich das erste Mal für mich.“ Außerdem ärgerte ich mich immer mehr darüber, wenn er mich wieder auf diese Art und Weise aufzog. Als hätte er meine Gedanken gelesen, sprach er weiter: „Na gut, auch eine Lady muß lernen, damit fertig zu werden“, meinte er einlenkend.

Im nächsten Therapiegespräch mit meiner Ärztin wurde noch einmal die Beziehung zwischen meinem Vater und mir durchgesprochen. Sie führte mir nochmals deutlich vor Augen, was ich intuitiv immer besser erkannte: Mein Vater hat mich geliebt, ich habe ihn geliebt, aber wir beide waren nicht in der Lage gewesen, es dem anderen mitzuteilen. Trotzdem war mein Vater stark genug, die Liebe zu mir zu bewahren, obwohl ich ihm oft, aus Liebe zu meiner Mutter, übel mitgespielt hatte. Ich glaube, sein Tod gab mir letztlich die Kraft, die ich heute habe. Denn die Kraft seiner Liebe blieb. Er schenkte mir seine Lebensenergie, die er nicht mehr brauchte, weil er mich liebte.

Ich ging wieder einmal zu meinem Baumstumpf und weinte leise vor mich hin. Die Trauer um meinen Vater hatte mich wieder. Doch ich fühlte, daß solche Regungen mich nur stärker machten. Und der Schmerz, wenn ich an ihn dachte, war nicht mehr so groß. Ich war nur noch dankbar. Plötzlich stand Helga vor mir. Sie wollte sofort wieder gehen, als sie meinen Kummer sah, doch ich hielt sie zurück. Sie sah mich an und nahm mich tröstend in den Arm.

Mir kam sie auf einmal vor wie eine gute Fee, aber es war sehr schwer zu begreifen, wer sie eigentlich war. Sie hob nach einiger Zeit ihren Arm und pflückte über meinen Kopf hinweg die Blüten eines Holunderstrauches ab. Dann ließ sie sie über meinem Kopf rieseln und flüsterte: „Dies sind alles kleine Glückssterne, die über dich kommen werden. Du wirst sehen, bald wird dein Glück bei dir sein!“ Dann zeigte sie mir, wie ich meine Körperkonturen im blauen Himmel erkennen könnte. Wie ein Kind schaute ich in das Blau und erfreute mich an den Anblick, der sich mir bot. „Das bist du, mein Kind, ein kleiner Engel am Firmament!“ flüsterte sie. Dann war sie, lautlos wie sie gekommen war, wieder verschwunden.

Verwundert suchte ich sie. Sie hatte mir erlaubt, hinter ihre steinerne Mauer zu blicken, und ich hatte etwas gefunden, was mich sehr freute. Ich fand es schade, daß sie fort war. Helga hatte auch das Symbol der Verbundenheit, das ich spontan gewählt hatte, für sich entdeckt. Es hatte fast etwas Beschwörerisches und Mystisches.