Dies und das. Mal schaun von was

Das schwarze Loch und der Glückstopf

Bei Musik passiv passierte an diesem Morgen fast gar nichts mit mir. Ich fing an zu glauben, dass mir manche Therapien mittlerweile nichts mehr brachten, nicht alle, aber diese gehörte dazu. Inzwischen wusste ich selbst, was mir guttat.

In der Hypnosesitzung hatte ich wieder das Gefühl, im Raum zu schweben, und mir selbst dabei zuzusehen. Es war ein merkwürdiges, aber auch angenehmes Gefühl, wie ich immer wieder feststellte. In der Rhythmikgruppe hörte ich meist den anderen zu, denn die Gespräche regten mich zum Nachdenken an. Um 17 Uhr stand wieder Musik aktiv auf dem Stundenplan. An dieser Therapieform hatte ich mittlerweile großen Spaß, da waren auch sehr nette Leute dabei. Und an diesem Tag sollte es eine besondere Sitzung werden.

Die Therapeuten boten uns eine Wuttherapie an. Wir sollten uns in die Mitte des Raumes ein großes, schwarzes Loch vorstellen. In dieses Loch sollten wir nun alles hineinwerfen, was wir nicht wollten, und sämtliche Dinge, die uns das Leben schwermachten. Es durfte nicht geredet werden. Dann erklang eine Art Urwaldmusik. Dumpfe, langsame Töne in sich steigerndem Rhythmus, die mit der Zeit schneller und lauter wurden. Zunächst stampfte ich, wie auch die anderen, nur zögerlich auf den Boden. Doch nach einiger Zeit merkte ich nicht mehr, wo ich mich befand.

Ich zog mir selbst an den Haaren und trampelte wie besessen auf einen Menschen ein: auf meinen Schwiegervater, den ich in Gedanken vor mir auf den Boden liegen sah. Immer schneller, immer fanatischer trat ich auf ihn ein. Und er schrie mir all die Beleidigungen entgegen, die er mir im Laufe von zehn Jahren immer wieder an den Kopf geschmissen hatte: »Du Hure, du Nutte, du faule Sau, du Dreckstück!« Ihm fielen immer neue Schimpfwörter ein, um mich zu demütigen. Was um alles in der Welt hatte ich getan, daß er mich so hasste? In diesem Moment hasste ich ihn so sehr, daß ich ihn hätte umbringen können. Ich war meinem Mann stets treu gewesen, aber vielleicht hatten die Worte seines Vaters in seinem Unterbewusstsein einen leisen Zweifel hinterlassen, so dass er begann, mich schlecht zu behandeln. Vielleicht hatte der Schwiegervater auch in meinem Unterbewusstsein Schuldgefühle ausgelöst? Vielleicht hatte ich deshalb ständig ein schlechtes Gewissen meinem Mann gegenüber?

Ja, mein Schwiegervater war schuld daran, daß es mir so schlecht ging! Daß ich mich so schlecht fühlte. Klar war er schuld! Er war auch schuld, daß Gerd so schlecht von mir dachte. „Angelika, tu dir keinen Zwang an, er hat es verdient, so von dir behandelt zu werden“, schrie es in mir. Und so trampelte ich und trampelte ich. Plötzlich erkannte ich, daß auch Gerd zu meinen Füßen lag. Ihn töten - nein, daß wollte ich nicht. So trat ich wieder gegen meinen Schwiegervater und versenkte ihn in das schwarze Loch. Dabei packte er das Bein seines Sohnes und zog ihn mit sich. Oh, mein Gott! Er ließ seinen Sohn nicht los ...

Wie aus Trance erwachte ich. Um mich herum war kein Patient, dem nicht das blanke Entsetzen über seine Gefühle ins Gesicht geschrieben stand. Alle weinten. Ein kurze Zeitlang hatte ich geglaubt, hier schon viel erlebt und sämtliche Gefühlstiefen ergründet zu haben, doch dies übertraf bei weitem alles, was vorher gewesen war. Hilflos rutschte ich zurück zur Wand und betrachtete das Bild, das sich mir bot. Mir wurde kalt. Ulrike stand an der Holzsäule und starrte mich an. Sie sah aus, als wolle sie nach Hilfe schreien. Die Tränen liefen ihr aus den Augen. Niemand sagte ein Wort. Die schnelle Musik war schon lange verklungen.

Die Therapeutin sprach mit leiser Stimme, während leise eine ruhige Meditationsmusik erklang: „Nun denken Sie an den Glückstopf. Schöpfen Sie alles heraus, was Sie für ein neues, glücklicheres Leben brauchen. Kein Geld, keine materiellen Dinge, sondern Gefühle: Glück, Zuneigung. Verständnis, Liebe usw.!“ Keiner der Patienten trat in die Mitte. Niemand holte sich etwas aus dem Glückstopf heraus. Keiner wagte nach dem ersten Spiel, an etwas Neuem teilzunehmen. Wahrscheinlich empfanden alle ähnlich wie ich. Nach dem, was ich gerade getan hatte, glaubte ich, es nicht verdient zu haben, ein wenig Glück zu bekommen. Aber hatte ich es tatsächlich nicht verdient? Musste man sich nicht auch einmal Luft machen dürfen, damit die Spannungen und der Hass heraus konnten?

Sehr schnell hatte ich begriffen, dass es sowohl mir, als auch jedem anderen zustand, Liebe und Zuwendung zu bekommen. Denn ohne dem konnte kein Mensch wirklich existieren. Immer noch standen alle an ihren Plätzen - wie erstarrt. Ulrike sah mich immer noch mit diesem herzzerreißenden, verweinten Blick aus ihren grüngrauen Augen an. Da entschloß ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder , mich einem Menschen zu öffnen und ihm etwas zu geben. Ja, ich konnte plötzlich wieder geben. „Was soll's. Ich brauche dieses Spiel des Beleidigtseins und der Verletzung nicht mehr. Ich weiß, was ich verdient habe und was nicht. Aber wichtig ist, daß ich anderen positiv begegnen kann. Gerade jetzt und hier!“

Also stand ich auf, ging zu Ulrike, die sich inzwischen auf einen Stuhl gesetzt hatte, nahm sie an den Händen und zog sie langsam bis in die Mitte des Raumes. Fragend sah sie mich an. Sanft drückte ich sie an den Schultern zu Boden, bis sie saß. Dann nahm ich meine Hände und schöpfte aus dem imaginären Topf Glück heraus und überschüttete sie damit. Sie hatte sich noch nicht ganz beruhigt und begann, fassungslos laut zu schluchzen. Ich konnte nun auch meinen Tränen keinen Einhalt mehr gebieten. Immer wieder schöpfte ich und schöpfte ich. Und bald vergass ich wieder, wo ich mich befand.

Ich sah nur noch all die Menschen, die in Ecken standen und weinten. Zum Schluss verteilte ich im ganzen Raum Glück. Ich heulte mir die Seele aus dem Leib und wollte doch nur, daß alle aufhörten, sich selbst zu strafen, indem sie nicht den Mut hatten, in den Glückstopf zu greifen. Die Musik verstummte. Mittlerweile lag mein Kopf in Ulrikes Schoß und meine Tränen strömten. Ulrike weinte auch und streichelte mir dabei über den Kopf. Nur langsam erholten wir uns von unserem intensiven Gefühlsausbruch.

Ulrike begann zu strahlen, so als sei sie ein anderer Mensch geworden. Sie erzählte von dem Erlebnis noch tagelang. Und daß sie in dem schwarzen Loch den Ekel vor sich selbst zurückgelassen habe. Aber ich hatte gelernt, wie schön es ist, wenn man anderen etwas Gutes geben konnte - wahrhaftig und von Herzen. Das war für mich eine ganz wichtige Erkenntnis. Ulli konnte sich an diesem Tag nicht mehr beruhigen, über das was geschehen war. Und es erfüllte mich mit großem Stolz, dass sie mich so lobte.

Auch die Therapeuten bestätigten mir, wie wichtig diese Handlung auf dem Weg der Selbsterkenntnis für mich gewesen war. So aufgewühlt und doch so glücklich zugleich hatte ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Natürlich erzählte ich Mike am Abend von meinem Erlebnis, aber ich berichtete ihm nichts Neues. Wie immer in letzter Zeit war er bestens informiert, was meine persönlichen Fortschritte betraf. Erst spät erfuhr ich, wie oft er sich vor den Therapieräumen herumgeschlichen hatte, wenn es mir schlecht ging. Er hatte sich immer große Sorgen um mich gemacht. An diesem Abend schlief ich zufrieden in meinem Bett ein.