Dies und das. Mal schaun von was

Die Höhle

Mike passte sich meinem Gehtempo an und unterhielt sich mit mir über seinen bevorstehenden Saunagang. Er schwärmte davon. Ich hatte ihn schon oft gesehen, wenn er von dort kam, feuerrot und naßgeschwitzt. Seltsamerweise hatte ich mich dann immer etwas vor ihm geekelt. Wieso, kann ich nicht erklären. „Wart's ab! Wenn du selbst erst mal drin warst, willst du nie mehr raus“, versprach er mir. Er beschleunigte seine Schritte und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich zuckte nur die Achseln.

Nach einem allgemeinen Informationsgespräch fand die Sensitivtherapie statt. Sie lenkte mich sehr von meinen negativen Gedanken ab, denn ständig musste ich darüber nachgrübeln, dass ich Kraft tanken wollte, für das, was mir bald bevorstand. Wie sollte ich das alles verkraften? Wie einen neuen Lebensanfang wagen? Einfach gesagt, aber schwer getan. Und das mit 32 Jahren. „Ach was soll's“, dachte ich nur und sprach mir selbst Mut zu.

In der Meditationsstunde erzählte die Ärztin eine neue Geschichte, die uns selbst kennenlernen lassen sollte: „Sie befinden sich an einem Berg. Ein Eingang verlockt Sie, eine Höhle, die sich darin befindet, zu betreten. Sie gehen hinein und erkennen in der Ferne ein Licht. Sie wollen wissen, was es damit auf sich hat und dringen tiefer in die Höhle ein. Während Sie sich dem Licht nähern, spüren Sie eine angenehme Wärme. Sie erkennen, daß es sich bei der Lichtquelle um ein Feuer handelt. Dann sehen Sie einen Raum, in dessen Mitte sich eine Feuerstelle befindet...“

Ich sah dieses Feuer wirklich vor mir und spürte die Wärme, die von ihm ausging. Ich setzte mich auf eine Erhöhung und starrte in die Flammen. Dann bemerkte ich einen Menschen, der die Höhle betrat. Es war Will. Er setzte sich wie selbstverständlich neben mich. Wir redeten nicht miteinander, doch es herrschte Frieden zwischen uns. Ein anderer Mensch betrat die Höhle. Es war Monika. Auch sie setzte sich zu uns und sprach nicht. Die Harmonie wurde durch nichts gestört. Dann kam der nächste, Mike. Er lächelte und setzte sich rechts neben mich hin. Auch er redete nicht. Es kamen immer mehr Leute herein, und ich erkannte in jedem einen Patienten der Klinik. Jedes Näherkommen lief nach demselben Schema ab. Keiner sprach, und es gab nichts Beängstigendes an der Situation. Die Stille und der damit verbundene Frieden zogen in mein Herz.

Ich betrachtete die Leute, und alle lächelten mir zu. Irgend etwas zwang mich, aufzustehen und zu gehen. Ich wollte nicht, doch ich wusste, daß ich aufbrechen musste. Ich drehte mich nochmals um und schaute die Leute an. Plötzlich erkannte ich, daß ich in diesem Moment Abschied nahm. Ich drehte mich ein letztes Mal um und ging, eine Kälte in mir spürend, aber auch eine ungeheure Kraft, die mich hinauszog ... „Kommen Sie zurück“, die Worte der Ärztin holten mich in die Realität zurück. I

ch wußte sofort, was mir meine Phantasie sagen wollte: Mein Klinikaufenthalt ging langsam zu Ende. Ich wusste, daß ich mich hier nicht länger vor der Realität verkriechen konnte. Das Alleinsein am Feuer symbolisierte meine Ankunft in der Klinik. Nur langsam fanden die Menschen hier trotz meines anfänglichen Widerstandes, einen Weg zu mir. Aber schließlich hat es doch geklappt. Nun war es an der Zeit, sich langsam wieder zu lösen und an die Zukunft draußen in der Welt zu denken. Der Gedanke daran, diese Insel der Ruhe zu verlassen, machte mich nicht traurig, obwohl ich wusste, daß mir der Abschied schwerfallen würde.

Am Abend trank ich in der Kneipe zum ersten Mal ein Bier. Mike kam hinzu und überredete mich, noch mit auf sein Zimmer zu kommen. Er war mit einer seiner Traumfrauen auf dem See Boot gefahren und hatte dabei sein Hemd abgelegt. Jetzt war seine Haut völlig verbrannt. „Männer sind und bleiben blöde Gockel, wenn es darum geht Frauen zu imponieren“, ging es mir durch den Kopf. Ich sah mir die Bescherung - seinen feuerroten Rücken - an und musste lachen. Dann holte ich aus meinem Zimmer eine Salbe gegen seine Leiden und trug sie ihm auf. Dabei schlief er auf seinem Bett fast ein. Ich betrachtete ihn. Selbst erwachsene Männer sehen im Schlaf aus wie kleine Kinder, die besonders lieb sind. Und dieses Exemplar, auch wenn er sonst so vernünftig und erwachsen wirkte, war ein besonderes Kind. Ich schlich so leise wie ich konnte aus dem Zimmer, rauchte noch eine, und ging anschließend selbst schlafen.