Dies und das. Mal schaun von was

Panik

Nach einer grauenhaften Nacht, in der ich kaum geschlafen hatte, schmeckte mir das Frühstück überhaupt nicht. Wieder quälten mich meine altbekannten psychosomatischen Beschwerden. Mittlerweile wußte ich ja, wie ich die Schmerzen zu bewerten hatte, und machte mir keine Gedanken mehr darüber. Ich akzeptierte sie einfach. Ich dachte daran, die Koffer zu packen und die Kur einfach abzubrechen. Zum Äußersten entschlossen berichtete ich Ulli von meinem Vorhaben. Zuerst versuchte sie nur, mich zu beruhigen, aber da ihr das nicht gelang, weihte sie gegen meinen Willen Mike ein. Er sollte auf keinen Fall davon erfahren, denn ich wollte mir den Abschied nicht unnötig schwermachen.

So stand er nun doch vor mir, hielt mal wieder eine absolut vernünftige Rede, und überredete mich dazu, vor meiner Flucht wenigstens mit der Ärztin zu reden. Also willigte ich ein, bis nach dem Gespräch zu warten, war aber gleichzeitig wütend auf Mike. Ich glaube, ich wollte sauer auf ihn sein, damit ich den Schritt, tatsächlich abzureisen, überhaupt tun konnte. "Der hat gut reden. Bei ihr ist ja alles in Butter, wenn er nach Hause kommt. Alles in bester Ordnung", dachte ich. Mike hatte schließlich keinen eifersüchtigen, genauer: krankhaft eifersüchtigen Ehepartner. Seine Kinder wuchsen wohlbehütet auf und freuten sich auf ihren Vater. Und bei uns?

Meine Kinder mußten ja panische Angst vor meiner Rückkehr haben, denn sobald ich wieder zu Hause war, würde unweigerlich der Streit von vorne losgehen. Ja, ja Mike hatte gut reden! Aber es war letztendlich meine Freundin Gigi, die mich davon abbrachte, einfach abzufahren. Ich wollte lediglich wissen, ob Gerd und die Kinder heil zu Hause angelangt sind. „Klar, und sie sind gerade fröhlich singend zum Schwimmbad gefahren“, berichtete Gigi. „Gerd steht gerade unter der Dusche und geht gleich mit Christian und ein paar Freunden ein Glas Bier trinken. Dem geht's gut. Im übrigen ist er jeden Abend beschäftigt. Wir sorgen schon für ihn, mach dir mal keine Sorgen!“ Offensichtlich hatte mein Mann sich in den letzten Wochen recht gut amüsiert, ohne mir nur ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen! Feuerrot vor Wut ließ ich eine Schimpfkanonade über Gerd los. Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen jedem persönlichen Gespräch, ging abends höchstens eine Tasse Capuccino trinken, und mein Gatte amüsierte sich königlich!

Nicht daß ich es ihm nicht gegönnt hätte, aber hier tat er so, als ob die Welt für ihn unterginge, machte mir eine Eifersuchtsszene nach der anderen, vermittelte den Eindruck, als wäre er am Boden zerstört, nur weil ich weg war - und zu Hause lebte er wie die Made im Speck. Gigi unterbrach mich in meinen Redefluß: „Jetzt reg dich wieder ab. Und eines merke dir, ich hab die Kinder hier und versuche, ihnen alles während deiner Abwesenheit so leicht wie möglich zu machen. Für Gerd ist es wahrhaftig nicht einfach, das alles durchzustehen, bis du wiederkommst. Und du weißt doch, dass er niemals zeigt, was er wirklich empfindet. Und du bleibst gefälligst dort, wo du bist - so lange, wie die Ärzte es für nötig halten. Du bist noch nicht so weit, und ich paß hier schon auf und halte die Stellung. Jetzt mach dir mal keine unnötigen Sorgen. Und noch eins. Dieser Mike scheint, wie du schreibst, ein guter Mensch zu sein. Genieß die Freundschaft zu ihm und koste sie aus. Solange du mit dir im Reinen bist, ist es doch alles in Ordnung. So und nun mache ich Schluss und du dir einen schönen Abend. Tschau, und ein Küßchen von deinen Kindern soll ich dir geben.“

Somit war das Telefonat abrupt beendet. Hinter Gigis Worten steckte noch ein verborgener Sinn. Sie signalisierten mir: Es ist alles erlaubt, was niemandem schadet und dir die Kraft wiedergibt, eine gute Mutter zu sein. Und noch eine Botschaft, die ich viel später erst begreifen würde, eher ein versteckter Hinweis auf das was nach der Kur geschehen würde. Wahrscheinlich hatte sie irgendwie recht. Auch die Ärztin war davon überzeugt, daß es keine gute Idee sei, einfach Hals über Kopf abzureisen. Sie hoffte darauf, daß ein klärendes Dreiergespräch zustande kommen könnte, bei dem sie als Vermittler fungieren könnte.

Aber ich hatte inzwischen den Glauben, daß uns so etwas noch helfen könnte, verloren. Mein Entschluß stand fest: Ich wollte nicht mehr. Als Gerd am Abend anrief, ließ ich mich verleugnen. Ich hatte keine Kraft mehr, wieder ein Streitgespräch zu führen. Gerds immerwährende Vorwürfe waren so schrecklich zerstörerisch. An diesem Abend fühlte ich mich ziemlich einsam. Nach Gesellschaft war mir nach diesen Ereignissen nicht zumute. Daher ging ich in mein Zimmer, legte mich ins Bett und versuchte einzuschlafen. Schlechte, böse, ja grauenvolle Träume begleiteten mich.