Dies und das. Mal schaun von was

Verabschiedungen

Auf meinem Therapieplan stand »Gehen«, und ich hoffte, in Mikes Gruppe zu kommen. Zwar wurde mir mein Wunsch erfüllt, aber leider kam ich mit seinen großen Schritten nicht mit. Deswegen versuchte er, sein Tempo zu drosseln, aber ich bat ihn, keine Rücksicht auf mich zu nehmen. Also zog er mit weiten Schritten davon. Da ich jetzt niemanden in der Gruppe gut kannte, ergab sich die Möglichkeit, wieder neue Gesichter zu entdecken und sie zu studieren. Das war etwas, was mir inzwischen viel Freude machte und was ich sehr spannend fand.

Endlich konnte ich mich auch wieder ungezwungen mit neuen Menschen unterhalten, meine Ängste waren verschwunden. Inzwischen fragte ich mich sogar manchmal, wieso ich solch eine große Angst vor Begegnungen mit fremden Menschen hatte entwickeln können. Nach der Sensitivtherapie mußte ich wieder einmal von Patienten, die ich liebgewonnen hatte, Abschied nehmen. Von Mal zu Mal wurde das schwieriger für mich. Die Tränen fanden jeden Samstag ihren Weg, aber ob ich sie erfolgreich schlucken oder unterdrücken konnte, war nicht mehr wichtig.

Mike amüsierte sich darüber, aber gleichzeitig war er mir in solchen Momenten eine große Stütze. Um mich abzulenken, gingen wir wie oft einen Capuccino trinken. Ich fand es schade, daß Ulli nicht dabei war. Da sie uns alle immer zum Lachen brachte, vermißte ich sie sehr. Nachdem wir über die unterschiedlichsten Themen gesprochen hatten, landete unserer Unterhaltung wieder einmal bei Gerd.

Mike versuchte, mich aufzubauen und mir die Kehrseite der Medaille vor Augen zu führen: „Nach dem, was du mir nach seinem letzten Besuch erzählt hast, bricht für ihn eine Welt zusammen, wenn du ihn verläßt. Er hat in dir allen Halt, den er braucht, denn sonst hat er niemanden. Versuch doch einmal, ihn zu verstehen. Es sind Verzweiflung und Angst, die ihn so grundverkehrt handeln lassen. Du läßt dir hier helfen. Aber welche Hilfe hat er? Du mußt natürlich tun, was du für richtig hältst, doch mache nichts nur aus Wut über ihn. Wäge genau ab, bevor du dich zu einer Entscheidung hinreißen läßt, die du vielleicht später bereuen könntest!“ „Dein Wort in Gottes Ohr“, versuchte ich, vom Thema abzulenken. Mike brachte mich an diesem Tag noch oft zum Lachen, er versuchte, mir meine Angst zu nehmen und gab mir Zuversicht - und stärkte vor allen Dingen mein Selbstvertrauen