Dies und das. Mal schaun von was

Veränderungen

Als ich am nächsten Morgen auf meinen Therapieplan schaute, fand ich keinen Programmpunkt »Joggen« mehr. Ich freute mich darüber, denn richtig gerne war ich nie gelaufen. Gut gelaunt begab ich mich zum Therapiegespräch. Diesmal kam die Ärztin auf den Besuch meines Mannes zu sprechen. Sie versuchte, mir zu erklären, daß mein Mann mich sicher sehr liebe, dass er aber nicht in der Lage sei, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Ich wiedersprach ihr vehement, denn ich glaubte eher, dass er einmal mehr so etwas wie seinen Besitzanspruch auf mich geltend machen wollte.

Fast nebenbei sagte die Ärztin plötzlich: „Frau Walk, Sie sind, kurz nachdem Ihr Mann hier war, mit einem anderen Mann Hand in Hand gesehen worden!“ Das reichte, um mich total aus der Fassung zu bringen. Wutentbrannt schrie ich herum: „So ein Schwachsinn! Das war Mike, und er hatte mich kurzerhand am Ärmel gepackt und mich ins Bistro gezogen, nachdem Gerd gegangen war. Wissen Sie eigentlich, was der mir wieder für eine Szene gemacht hat?“ Ziemlich ausser mir und immer lauter werdend, schimpfte ich über die Leute, die nichts Besseres zu tun hatten, als andere zu beobachten und dummes Zeug herumzuerzählen. Außerdem fühlte ich mich von meiner Ärztin, als -ja, richtiggehend verurteilt! Ich konnte noch nicht einmal genau sagen, worüber ich mich so aufregte. Vermutlich über mein vermeintlich unanständiges Benehmen.

Nachdem alIes gesagt worden war, hörte ich auf zu schimpfen und schaute nur noch schuldbewusst und beschämt zum Fenster heraus. Die Ärztin wusste recht genau, was gerade in mir vorging. Sie sprach mich noch einmal ruhig an: „Frau Walk, bitte regen Sie sich nicht so auf. Ich habe Sie weder be- noch verurteilt. Ich habe Ihnen lediglich erzählt, was ich gehört habe, und war auf Ihre Reaktion gespannt. Versuchen Sie doch nicht, andere für Ihren Ärger verantwortlich zu machen. Bitte denken Sie einmal in Ruhe darüber nach, warum Sie deshalb so zornig werden.“

Langsam verstand ich. Ich hatte doch ein reines Gewissen! Wieso regte ich mich also über die Bemerkung eines Klatschmauls so auf? Niemand hatte mir einen Vorwurf gemacht - nur ich selbst. Ich konnte nichts Schlechtes darin sehen, einen Freund gefunden zu haben, nur weil er vom anderen Geschlecht war. Selbst wenn Mike in dieser angesprochenen Situation meine Hand gehalten hatte, was um Himmelswillen war daran verwerflich? Ich versuchte, mich genau zu erinnern, ob er nun meinen Arm oder meine Hand gehalten hatte. Leider wusste ich es nicht mehr genau.

Vielleicht hatte der Beobachter alles richtig widergegeben, aber es war trotzdem nichts Schlimmes an der ganzen Situation. Dazu musste ich stehen -jetzt und in Zukunft. Ich überlegte mir, wie oft ich mich im Leben wohl schon so sinnlos aufgeregt hatte. Vor allen Dingen in den letzten Monaten. Reinste Energieverschwendung, das war das einzige Resümee, was ich ziehen konnte. Ich schwor mir, ab sofort alles erst einmal ruhig auf mich zukommen zu lassen, bevor ich mich wieder so aufregen würde. Erst einmal die Nerven behalten.

Als ich Mike von dem Gespräch mit der Ärztin erzählte, wirkte er geschockt. Ich sah ihn an und fragte grinsend: „Na, Mike, hast du vielleicht doch kein reines Gewissen?“ Doch meine ironische Bemerkung tat mir sofort leid, weil ich merkte, daß er wirklich ein Problem mit dieser Situation hatte. Die Folge war, daß er es dann eine ganze Zeitlang nicht mehr mochte, wenn ich mich bei ihm einhängte. Das ließ später wieder nach, doch erst einmal hatte ich ihn ziemlich verwirrt. Offensichtlich hatte er Angst um seinen unbescholtenen Ruf. Er tat mir leid. Noch vor wenigen Tagen hätte ich wohl genauso reagiert.

In der Rhythmikgruppe tauchten wieder fremde Gesichter auf, und es gab gleich einen Streit zwischen dem Therapeuten und einer neuen Patientin. Bei ihr waren die Anfangsschwierigkeiten, die auch ich gehabt hatte, offensichtlich. Um ihr zu helfen, diese erste Zeit besser zu überstehen, versuchte ich, dieser Frau von meinen Erfahrungen zu berichten. Ich erzählte von den Ängsten, die ich bekämpfen mußte, und von vielem mehr. An ihrer Reaktion - auch wenn sie kaum merklich war - konnte ich erkennen, daß meine Worte zu ihr durchgedrungen waren, denn sie ging gleich anders mit dem Therapeuten um und wirkte nicht mehr ganz so verstockt wie noch zu Beginn der Stunde. Der Therapeut lächelte mich an. Mir war schon selbst aufgefallen, wie sehr ich mich im Umgang mit anderen Menschen verändert hatte. Noch vor ein paar Wochen wäre ich nicht in der Lage gewesen, mich in dieses Gespräch einzumischen.

Es hätte mich zudem herzlich wenig interessiert, was da um mich herum geschah. Was gingen mich schließlich die anderen an? War mir doch egal, ob die sich helfen lassen wollten oder nicht. Von meinen Fortschritten geradezu beflügelt ging ich in die nächste Therapiestunde. In Musik aktiv mußten wir ein Berührungsspiel durchführen. Hierbei mitzumachen, fiel mir immer noch nicht ganz leicht, doch Ulrike half mir dabei, meine Hemmungen zu überwinden. Sie kam einfach zu mir und kraulte mir den Nacken. Wir mußten die Augen dabei geschlossen halten. Ihre Bemühungen beruhigten mich sehr, und ich schlief dabei fast ein. Dann mußten wir die Rollen tauschen. Ich massierte Ulrike die Schläfen da ich wusste, daß sie häufig unter Kopfschmerzen zu leiden hatte, und davon überzeugt war, daß ihr das guttun würde. Wir beschlossen, auch den Abend miteinander zu verbringen, um uns dann ein bißchen besser kennenzulernen.

Mike schloss sich einem anderen Patienten an. Ich glaubte, einen Anflug von Enttäuschung in seinem Gesicht zu sehen, so als ob er sich ausgeschlossen fühle. Nach dem morgendlichen Gepräch drängte etwas in mir, mich mehr und mehr von Mike fernzuhalten. Vielleicht hatte er intuitiv bemerkt, daß ich beschlossen hatte, ein wenig Abstand zwischen uns zu bringen.