Dies und das. Mal schaun von was

Mike und Ulrike 

Vor dem morgendlichen Joggen begegnete mir Mike. Er wirkte abweisend, obwohl er sich sichtlich um Beherrschung bemühte. „Was war gestern abend mit dir los gewesen?“ fragte er. „Nichts weiter. Ich hatte eben keine Lust, bei euch hocken zu bleiben. Außerdem warst du ja mit deiner Traumfrau ziemlich beschäftigt, oder?“ antwortete ich ihm scheinbar patzig.

Damit er mein mühsam unterdrücktes Grinsen nicht doch sehen konnte, verzog ich mich schnell, um zu meiner ersten Therapiestunde zu kommen. Meine Laune hatte sich durch diese kurze Begegnung erheblich verbessert, denn nun war ich mir sicher, daß er wohl auch mehr für mich empfand, als es normalerweise bei einer lockeren Bekanntschaft aus einer Kur der Fall ist. Für ihn war ich nicht einfach nur eine kurzzeitige Ablenkung, sondern uns verband Freundschaft. Dieses zu spüren freute mich ungemein. Trotzdem beschloß ich, ihm ein bißchen die kalte Schulter zu zeigen. Er sollte ruhig begreifen, daß ich nicht abhängig von ihm war.

Ja, ich liebte Mike. Anders als meinen Mann, anders als meine Kinder, anders als meine Nachbarin, anders als all die anderen Freunde. Jeden Menschen liebe ich auf eine andere Art und Weise. Es gibt keine Liebe, die mit einer anderen absolut identisch ist. Liebe ist etwas sehr individuelles. An meiner Beziehung zu Mike gab es nichts Schlechtes, denn ich betrog niemanden und nahm auch keinem etwas weg.

Da man mir sehr strenge Moralvorstellungen anerzogen hatte, denen ich auch nicht zuwider handeln wollte, war ich froh, als ich erkannte, daß meine ganz besondere Liebe zu Mike nicht verwerflich war. Niemand konnte sie mir verbieten. Niemand konnte oder durfte mich dafür verurteilen. Und wenn es doch jemand tat, konnte es mir völlig egal sein. Was ging es mich an, wenn andere etwas Negatives in eine Beziehung hinein interpretierten, wo es nichts Verurteilenswertes gab. Ich wusste, ich brauchte in Zukunft nicht mehr zu leiden, wenn ich jemanden besonders gern hatte, denn ich wusste jetzt, daß ich ein Recht darauf hatte, auch anderen Menschen meine Zuwendung zu schenken.

Endlich hatte ich meinen Weg gefunden. In der Sensitivtherapie konnte ich mich wieder vollkommen entspannen, und das gab mir ein großes Glücksgefühl. Als ich danach auf den Balkon hinausging, unterhielt sich Mike gerade mit Monika. Er versuchte, mich in das Gespräch mit einzubeziehen, doch ich blockte ab. Ich zog es vor, allein zu bleiben, und merkte, daß es mir guttat, für mich zu sein. Auch erfüllte mich ein gewisser Stolz auf meine gerade entdeckte Unabhängigkeit, und dieses Gefühl wollte ich noch etwas genießen.

In der Meditationsstunde erzählte die Ärztin uns folgende Geschichte mit der Bitte, sie auf uns wirken zu lassen: „Sie befinden sich auf einer Straße. Rechts und links wird sie gesäumt von Alleebäumen. Es ist sonnig und warm, der Wind des Vortages hat alle Blätter von den Bäumen gefegt. Sie gehen durch das Laub. Auf der rechten Straßenseite sehen Sie ein Kornfeld. Es ist abgeerntet, und Kinder spielen dort mit ihren Drachen. Sie laufen weiter und sehen vor sich ein Dorf. Es kommt Ihnen bekannt vor. Dann erkennen Sie eine Person, die auf Sie zukommt. Sie meinen jedenfalls, diese Person zu kennen, und laufen etwas schneller ...“

Ich erkannte die Ortschaft, die ich vor meinen Augen entstand, aber wußte nicht wie sie hieß. Eine Person kam auf mich zu, und zuerst glaubte ich, meinen Vater zu erkennen, doch dann war ich mir sicher, daß es ein Freund meines Vaters war. Doch auch er war schon vor langer Zeit gestorben. Er war Schweizer gewesen, und wir hatten als Kinder oft die Ferien bei ihm verbracht. Ich hatte ihn beinahe fast so sehr wie meinen eigenen Vater geliebt, da er mich immer besonders herzlich behandelt hatte. Sein Tod war mir sehr nahe gegangen. Der Mann, den ich noch immer nicht identifizieren konnte, näherte sich mir. Er sah mir anscheinend an, daß ich ihn offensichtlich verwechselt hatte und daß ich ihn nicht kannte. Er sprach mich an und lud mich zum Kaffee ein. Zusammen gingen wir in ein Restaurant. Wir tranken Tee und unterhielten uns eine Weile. Dann spürte ich, daß die Zeit irgendwie drängte, und ich gehen mußte. Wehmütig verabschiedete ich mich und wanderte den Weg, den ich gekommen war,wieder zurück.

Bei den spielenden Kindern hielt ich an, ging über das Feld und legte mich am Rande eines Baches auf die Erde. Meine Beine ließ ich ins Wasser baumeln. Ich sah den Kindern zu und dachte an meine eigenen. Sie waren gut versorgt, und ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Ich legte mich zurück, schloß die Augen und war bald eingeschlafen.

„Bitte kommen Sie zurück“, hörte ich aus der Ferne eine Stimme. Wie aus einem Traum erwachte ich und merkte, daß es mir wieder ein Stück besser ging. Ich dachte an die Zeit, als ich gerade hier angekommen war - oh, Mann, es lagen Welten zwischen damals und jetzt. Und mein Aufenthalt war ja noch nicht vorbei, mir blieb ja noch einige Zeit, die ich in der Klinik verbringen durfte. Ich wusste immer noch nicht, wer die Person gewesen war, die ich da in meinem Tagtraum getroffen hatte. Aber dann war es mir schlagartig klar: Es kann nur Mike gewesen sein. Plötzlich sah ich ihn ganz deutlich vor mir.

„Mann oh Mann, der Typ verfolgt mich doch glatt bis in meine Träume“, sagte ich zu mir. Am Abend lud mich Ulrike zu einem Bier ein, und ich freute mich darauf, sie näher kennenzulernen. Natürlich wollte sie auch wissen, wer ich war. Völlig offen erzählte ich ihr von meinen ganzen Problemen: der negativen Einstellung zur Männerwelt, von meinen Schwierigkeiten mit meinem Mann und dem Schrecken, der mir in die Glieder gefahren war, als ich irrtümlich glaubte, mich verliebt zu haben. Mike, der mitgekommen war, schaute verwirrt drein. Obwohl ich mich eigentlich mit Ulrike unterhielt, versuchte ich doch in erster Linie ihm zu sagen, wie es in meiner Gefühlswelt aussah. Daß ich eben nicht in ihn verliebt sei, sondern daß wir nur gute Freunde wären. Ich erzählte auch von meinen Träumen. Nur das Wort Liebe benutzte ich nicht, denn ich wusste, daß ich den beiden die feinen Unterschiede der Arten der Liebe nicht hätte erklären können. Mir hätte wohl auch niemand zwischen zwei Therapien und einem Glas Bier beschreiben können, wie er die Welt sah. Es hat halt jeder seine eigene Realität. Es reichte mir, daß ich meine gefunden hatte. Das war wichtig - nur das. Und in diesem Moment war alles, was ich wollte, Mike die Hand zu einer tiefen Freundschaft zu reichen.

Als Mike und ich einige Zeit später noch einmal über diese Unterhaltung sprachen, gestand er mir, dass er kurzzeitig den Verdacht gehegt hatte, ich sei wirklich in ihn verknallt. Als er dann hörte, daß dem nicht so war, nachdem er verstanden hatte, was ich ihm sagen wollte war er richtig gehend erleichtert gewesen. Komplikationen gab es in meinem Leben genug. Da hätte ich eine Liebesgeschichte nicht gebrauchen können, die alles mühsam Aufgebaute wieder zerstören würde. Es wäre auch zu schade um die Freundschaft, die zwischen uns beiden - Mike und mir- gewachsen war, gewesen. Sie war mir viel zu wichtig geworden. Meine Entscheidung, der Eifersucht in meinem Leben keinen Platz zu lassen, ermöglichte es mir, noch einen Menschen kennenzulernen, der mir noch sehr viel bedeuten sollte: Ulrike.