Dies und das. Mal schaun von was

Eifersucht

Durch Krampfadern verursachte Wadenprobleme verhinderten weitere Fortschritte beim Laufen. Aber das war mir sowieso egal, denn irgendwie machte mir alles keine Freude mehr. Gedanken an Gerd und seine Vorwürfe schob ich die meiste Zeit erfolgreich beiseite. Ich machte mir aber große Sorgen um die Gefühle meiner Kinder und beschloß, meine Freundin Gigi anzurufen.

„Gräm dich doch nicht so, Geli. Micha hat schon kleine Andeutungen gemacht, wie mies euer Tag verlaufen ist. Ich hab ihn zur Wasserskianlage geschickt, damit er ein bißchen Ablenkung hat. Steffi geht mit Tina und einer Freundin später schwimmen. Sie verkraftet alles besser, als man glauben sollte. Hey, ich sorge schon dafür, daß es den beiden gut geht. Du weißt doch, sie sind für mich fast wie eigene Kinder. Also, mach dir ihretwegen keine Sorgen. Ich gebe mein Bestes und sogar ein bißchen mehr! Okay?“( ein bischen mehr sollte sich noch als negativ erweisen, aber erst Jahre später)

Beruhigt ging ich zur Klinik zurück. Gestern waren neue Patienten angekommen, die von den alten natürlich immer eingehend gemustert wurden. Mike berichtete mir davon und erzählte ganz beiläufig, daß er nun auch seine Traumfrau gefunden habe. Ich wusste, daß er glücklich verheiratet war, und schüttelte natürlich verständnislos den Kopf. Gleichzeitig spürte ich einen kleinen Stich im Herz. Ich dachte an seine Frau, die ich vermutlich nie kennenlernen würde. Im Grunde tat sie mir sehr leid. Was hatte sie nicht schon alles ausgehalten als Gefährtin dieses Mannes. Erst sein Beruf, der nicht ungefährlich zu sein schien, obwohl er immer noch nicht preisgegeben hatte, was er eigentlich tat, dann der Unfall, die langen Monate der Ungewißheit - und jetzt hatte er nichts besseres zu tun. als nach anderen Röcken Ausschau zu halten. Daß ich auch zu diesen Röcken gehörte, verdrängte ich lieber ganz. Nein, mit dieser Frau wollte ich nicht tauschen.

Ich grübelte lange darüber nach, wie die Neue, die offensichtlich sein Interesse geweckt hatte, wohl aussehen mochte. „Verdammt noch mal, Angelika, hör doch auf. darüber nachzudenken. Laß ihn doch machen, was er will. Geht dich doch auch gar nichts an!“ rief ich mich immer wieder zur Ordnung. Wirklich? Hatte ich nichts damit zu tun? Doch ich kam nicht dahinter, was mich daran störte. Da ich mich über mich selbst ärgerte, schwänzte ich die Hypnosebehandlung und lief prompt meiner Ärztin über den Weg. Es war mir peinlich, daß sie mich erwischt hatte. Sie wies mich mit ein paar Worten auf meine Pflichten hin, die ich während meines Aufenthalts hier hätte, aber als sie erkannte, daß ich zu unruhig für die Therapiestunde war, ließ sie mich gehen.

Mike hatte mir einmal verraten, daß er hin und wieder aus der Klinik verschwand, um tagsüber in die Stadt zu gehen. In der Hoffnung, ihn bei einem seiner Streifzüge zu erwischen, ging ich in den Ort. Leider traf ich ihn nicht, was mich erneut ärgerte. Aus irgendeinem Grunde war ich verstört, aber ich wußte nicht warum. Mir schwirrten dumme Gedanken durch den Kopf, und ich hatte das dringende Bedürfnis, mit ihm zu sprechen um herauszufinden, was eigentlich mit mir los war.

Ziemlich überdreht ging ich schließlich zur Musik-aktiv-Therapie. In einer Ecke stand die junge Frau, von der Mike mir vorgeschwärmt hatte. Sie war lustig, hatte ein hübsches Gesicht und eine gute Figur. Sie wirkte sehr nett und war mir auch sofort sympathisch. Ich konnte gut verstehen, daß es ihm genauso ging.

Beim Abendessen saß mir eine neue Patientin gegenüber. Sie hieß Helga und hatte einen bitterbösen Blick. „Sprecht mich bloß nicht an,“ signalisierte ihre ganze Haltung. „Habe ich auch so ausgesehen, als ich hierherkam?“ fragte ich mich selbst. Wahrscheinlich! Nein, ganz sicher! Mein Gott, plötzlich schämte ich mich für mein damaliges Verhalten. Daher lehnte ich Helga nicht gleich ab oder fällte ein Urteil über sie, ich hatte nur Mitleid. Für mich war es erschreckend zu sehen, wie abweisend und böse ein depressiver Mensch wirken kann, obwohl er in Wirklichkeit gar nicht so ablehnend ist. Eigentlich suchen gerade depressive Menschen jemanden, der sie wirklich versteht. So war es mir zumindest ergangen. „Hoffentlich bist du schneller wach als ich, Helga“, dachte ich spontan. Plötzlich hob sie ihren Kopf und sah mir direkt in die Augen. Fast schien es mir, als hätte sie meine Gedanken gespürt. Ich wünschte mir nur zu sehr sie, wie auch immer, unterstützen zu können.

Nach dem Abendessen ging ich auf der Suche nach Mike nach draußen. Ich vermisste seine Gesellschaft sehr. „Naja, zu Hause hast du auch keinen Mike zur Unterhaltung. Also, sieh zu, daß du allein etwas unternimmst! Deine Probleme mußt du letztendlich auch allein lösen“, versuchte ich, mich zu motivieren. Immer wenn ich dieses Wort - ALLEIN - aussprach oder daran dachte, machte sich in der Herzgegend ein merkwürdiges Gefühl breit. Es wurde von mal zu mal schlimmer, doch ich kam noch immer nicht dahinter, was das zu bedeuten hatte. Oder vielleicht wollte ich mir einfach nicht eingestehen, was ich tief in mir drinnen wohl schon spürte?

Ich beschloß also, in der Kneipe gegenüber etwas zu trinken. Irgendwie hoffte ich natürlich, Mike vielleicht dort zu treffen. Da die Ortschaft nicht sehr groß war, lief man sich zwangsläufig immer wieder über den Weg. Tatsächlich saß er dort an einem der Tische - allerdings war er in Begleitung dieser jungen Frau. Mike bat mich herüberzukommen, und ich setzte mich zu ihnen. Ulrike, so hieß sie, war ausgesprochen unterhaltsam und aus ihren Worten sprach eine enorme Lebenserfahrung. Aber als ich merkte, daß Mike vollauf mit diesem anspruchsvollen Wesen beschäftigt war, fühlte ich mich überflüssig und verabschiedete mich schnell.

Ein wenig traurig holte ich meinen Walkman und setzte mich auf die Mauer der kleinen Brücke, über die wir morgens immer joggten. Ich hatte einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen, doch ich schimpfte mit mir: „Fang jetzt bloß nicht an zu heulen. Frag dich lieber mal, was eigentlich mit dir los ist. Ist dieses Gefühl in deiner Brust vielleicht Eifersucht?“ Immer wieder stellte ich mir diese Frage und versuchte, sie ehrlich zu beantworten. „Bin ich etwa verliebt in Mike? In einen verheirateten Mann?“ Ich mochte Mike, daß wußte ich. Aber mir war plötzlich klar, daß ich wieder einmal den Fehler gemacht hatte, einen Freund haben zu wollen, der ganz und gar und nur für mich allein das ein sollte! „Wenn ich mich aber nun so einsam fühle, wenn er nicht da ist, ist das dann gleich Liebe? Kann man auch einen Menschen vermissen, den man nicht liebt? Und dieses flaue Gefühl in der Magengrube, als ich Ulrike an seiner Seite entdeckte, was war das? Wenn das Eifersucht ist, dann möchte ich in Zukunft davon verschont bleiben. Das ist ja grauenhaft!“

Ich mußte mir wirklich eingestehen, daß es eine Form von Eifersucht vermischt mit einer gehörigen Portion Neid war, die mich da befallen hatte. Vor allem missgönnte ich Ulrike ihre Gewandheit, ihre Lebenserfahrung und ihr gutes Aussehen. Allmählich wurde mir klar, daß ich Mike tatsächlich liebte, auf eine ganz eigene und besondere Weise. Nicht den Mann, sondern die Person, den Menschen. Ich hatte keinerlei sexuelle Bedürfnisse, was ihn betraf. Aber warum um alles auf der Welt sollte solch eine Liebe schädlich oder gar verboten sein? Liebe ist nicht das selbe wie Sex. Sie hat viele verschiedene Gesichter, und mein aufkommendes schlechtes Gewissen wegen der Gefühle, die ich Mike entgegenbrachte, war nach diesen Überlegungen ganz schnell wieder verschwunden.

Aber wieder einmal hatte ich etwas Wichtiges über mich gelernt: Jeden Menschen, den ich mochte, hatte mein Mann gerade in der letzten Zeit abgelehnt. Genauso hatten sich auch seine Eltern verhalten. Das war einfach Eifersucht. Bislang hatte ich dieses Gefühl nicht gekannt und bekam hier zum ersten Mal eine Kostprobe davon zu spüren. Es tat weh, und ich beschloß, dass in meinem Leben kein Platz für dieses zerstörerische Gefühl ist.

Um diese merkwürdige Empfindung wieder loszuwerden, entschloß ich mich. Ulrike näher kennenzulernen und zu akzeptieren, dass sie und Mike eine Beziehung eingegangen waren, gleich welcher Art sie auch sein würde. Wahrscheinlich musste ich mich nur ein wenig aus meiner engen Bindung zu Mike lösen, dann würde ich bestimmt schnell merken dass ich endlich allein mit mir klarkommen kann. Auch bekam ich allmählich eine Ahnung von dem, was Gerd empfunden haben musste, als er so eifersüchtig auf Alex gewesen war. Er war nie wirklich böse gewesen, nur konnte er sich nicht aus seinem zwanghaften Denken befreien. In jenem Moment tat er mir einfach nur noch leid.

Nach diesen Überlegungen fühlte ich mich zum ersten Mal eins mit mir selbst. Es ging mir dann ausgesprochen gut. Ich hätte die beiden, Ulrike und Mike, umarmen können. Ulrike ahnte nicht, wie sehr sie mir allein dadurch geholfen hatte, daß sie mir begegnet war. Plötzlich fühlte ich eine Wärme in mir aufsteigen. Sie durchströmte mich. Allmählich kannte ich dieses Gefühl schon. Ich mußte an meinen Vater denken und fühlte irgendwie, daß er bei mir war und mir sagen wolle, daß er mich verstehe. Ich schloß meine Augen und sah sein Gesicht vor mir. Ja, er hätte mich bestimmt verstanden. Ein tiefes inneres Gefühl der Zufriedenheit und Gelassenheit ergriff mich. Ich ging zurück zur Klinik.

Mike und Ulrike traf ich an diesem Abend nicht mehr, aber das störte mich nicht mehr. Liebevoll dachte ich an Papa und wie traurig ich an dem Tag gewesen war, an dem mir bewusst geworden war, dass ich ihn für immer verloren hatte. Die Leute, die meinen Vater gekannt hatten, sagten oft zu mir: „Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten!“ Ob ich ihm wohl auch im Wesen ähnlich bin? So ruhig und ausgeglichen wie an diesem Abend hatte ich mich auch noch nie gefühlt. Ich ging ins Bett und träumte von meinem Vater. Meine Träume in der kommenden Nacht, waren sehr angenehm und trugen dazu bei, daß ich meine Zufriedenheit genießen und richtig erleben durfte.