Dies und das. Mal schaun von was

Überraschungsbesuch

In der nächsten Nacht hatte ich sehr schlecht geschlafen, die meiste Zeit wachgelegen. Daher ließ ich meine Joggingrunde ausfallen, blieb im Bett und vergegenwärtigte mir den vergangenen Tag noch einmal: die Meditationsstunde, der Abschied und die überströmende Liebe die ich jetzt für meinen Vater empfand. Wie schlecht hatte ich immer von meinem Vater gedacht, und es tat immer noch weh, mir dies selbst einzugestehen. Zu meinem Trost fiel mir ein, daß Papa und ich mal ein kurzes Gespräch über diese Dinge geführt hatten. Damals erklärte er mir, ich solle mir keine Sorgen machen, denn er wisse genau, daß ich nicht anders handeln könne. Und damit war die Sache für ihn erledigt gewesen.

Es war eigentlich nichts Schlimmes, was ich tat, wenn ich sauer auf ihn war - ich ließ ihn nur tagelang links liegen, wenn er meine Mutter wieder zum Weinen gebracht hatte. Ich bestrafte ihn mit bösen Blicken, wenn er sie bis in die Nacht hatte warten lassen, nachdem er morgens nur kurz zum Frühschoppen gegangen war. Meine Gedanken jedoch waren viel düsterer, als meine Blicke ausdrücken konnten. Daß meine Mutter an der Situation nicht unschuldig sein könnte, auf diese Idee kam ich damals einfach nicht. Aber mein Vater lächelte mich immer nur an. Auch wenn er sich längst wieder mit seiner Frau vertragen hatte, schmollte ich. Ich konnte nie verstehen, wieso sie ihm so schnell verzieh, und war nachtragender als sie. Manchmal, wenn ich meine sture Haltung vergaß, gab es für mich nichts Schöneres, als mit meinem Vater zusammen zu sein und von ihm ernst genommen zu werden. Aber mit zunehmendem Alter wurden diese Augenblicke der Übereinstimmung seltener.

Erst nach meiner Heirat konnte ich ein offeneres und ehrlicheres Verhältnis zu meinem Vater entwickeln. Und tief im Innersten schämte ich mich viele Jahre ihm gegenüber für mein früheres Verhalten. Ich versuchte es ihm immer wieder zu erklären, doch er winkte meist nur ab und wollte keine großen Worte darüber verlieren. Aber dies legte ich ihm wiederum als Gleichgültigkeit aus.

Irgendwann rappelte ich mich dann doch auf, denn ich mußte wieder zu einem Therapiegespräch. Die Ärztin fragte mich nach meinem gestrigen Erlebnis. Selbst mir war klar geworden, wie wichtig diese Gefühlsüberschwänge in der Meditation für mich waren. Die nächste Aufgabe, die sie mir stellte, war, einen Brief an meinen Mann zu schreiben. Ob ich ihn absenden würde oder nicht, sei allein meine Entscheidung, erklärte sie mir. Da ich nicht gerade darauf brannte, sofort mit diesem Brief zu beginnen, verschob ich das erst einmal auf den Nachmittag und ging in die Rhythmikgruppe.

Diesmal konzentrierten wir uns auf Atemübungen. Die Situation hier erinnerte mich an meinen Weinkrampf von gestern, und wieder dauerte es nicht lange, bis die Tränen erneut flossen. Martin. ein junger Mann von 24 Jahren nahm mich tröstend in den Arm und flüsterte: „Ach Angelika, nimm es dir nicht so zu Herzen. An einem anderen Tag bin ich wieder dran - oder Conny oder Ursula. Und dann geht es dir wieder gut. Nimm es nicht so tragisch. Du bist nicht unkontrolliert, sondern deine Gefühle, die du all die Jahre versteckt hattest, kommen endlich hoch. Laß das einfach zu! Wenn du erst wieder zu Hause bist, wirst du dich noch oft genug beherrschen müssen. Wegen der Kinder, wegen Besuch, der vielleicht gerade anwesend ist, oder weil du einfach Gefühle nicht zeigen willst. Wir lernen hier unsere Gefühle neu kennen - und damit umzugehen. Hier darfst du ruhig hemmungslos sein.“

Dankbar nahm ich seine Worte in mich auf und war beruhigt. Doch während der Ruhepause kamen mir wieder die Tränen. Als der Arzt zur Hypnose erschien, stellte ich mich schlafend. Ich glaubte, er merkte es, aber er ließ mich allein. An Nachmittag versuchte ich, den Brief an Gerd zu schreiben. Wo sollte ich nur beginnen? Ich wusste, daß ich meinen Mann noch gerne hatte, aber ob ich ihn immer noch liebte, war mir nicht klar. Was ist das eigentlich, Liebe? In meiner damaligen Situation, so voller Emotionen und total durcheinander, wusste ich keine Antwort auf diese Frage. Doch sicher war ich mir, daß der Schwebezustand der Glückseligkeit, den man normalerweise mit Verliebtheit bezeichnet, mit echter Liebe, dieser Art von Zuneigung, die Paare in der Ehe zusammen schmiedet, nur wenig gemein hat. Zu dieser Art von Liebe musste viel mehr gehören.

Die Belastungen in unserer Beziehung waren im Laufe der Jahre immer größer geworden. Leider hatten wir es nie gelernt, mit solchen Kriesen richtig umzugehen. Im Moment waren die durch die Schwierigkeiten verursachten unschönen Gefühle größer als unsere Liebe. Vielleicht liebten wir uns noch genug, um unsere Ehe zu retten, doch sicher war ich mir nicht. In meinem Brief beschrieb ich meinem Mann zunächst alles, was mir bislang widerfahren war, und daß ich hier sehr nette Menschen kennengelernt hatte. Ich bat ihn auch darum, mir die Zeit zu lassen, die mir hier in der Klinik noch blieb, da ich den Abstand zu ihm und den Kindern brauchte. Als nächstes folgte eine Beschreibung dessen, was ich in der letzten Zeit über mich selbst herausgefunden hatte. Inzwischen sei ich auch nicht mehr wütend auf ihn. Auch für manche Handlung, mit der ich ihm in den Wochen vor meinem Klinikaufenthalt traktiert hatte, entschuldigte ich mich. Ich hoffte, dabei die richtigen Worte gefunden zu haben, nein, ich glaubte, die richtigen Worte gefunden zu haben - und steckte den Brief in den Briefkasten, in der festen Überzeugung, daß nun alles gut werden würde.

Durch das Schreiben diese Briefes hatte sich meine Laune sehr gebessert. Nach der Bewegungstherapie sollte wieder eins der üblichen festlichen Essen stattfinden, so wie alle vierzehn Tage. Eigentlich mochte ich diese Feierlichkeit nicht, aber dieses Mal wollte ich meine Mitpatienten zeigen, daß ich auch ganz Dame sein konnte, wenn ich wollte. Also putzte ich mich für diesen Abend richtig groß raus. „Wow, wie siehst du denn aus? Du bist ja richtig hübsch. Das hätte ich dir ja nicht geglaubt! Das hast du bisher aber gut versteckt!“ kommentierte eine meiner Tischgenossinnen mein verändertes Aussehen. Die andere schaute mich mit großen Augen an, sagte jedoch zunächst nichts. Dann lächelte sie und meinte zu mir: „Du, wenn mein Mann am Wochenende kommt, dann erscheine doch bitte wieder als kleiner Junge. Sonst muß ich ja Angst haben, dass er sich in dich verguckt!“ Sie meinte es scherzhaft und als Kompliment. Überrascht stellte ich fest, daß mir diese Bemerkung überhaupt nicht peinlich war. Mein Selbstvertrauen schien tatsächlich zu wachsen. Früher hätte ich verklemmt am Tisch gesessen und alle Komplimente zurückgewiesen.

Glücklicherweise nahm Mike an diesem Abend nicht teil und bekam mich daher nicht zu Gesicht. Im Grunde war ich erleichtert darüber, denn es wäre mir nicht recht gewesen, wenn er meine Bemühungen um mein Aussehen auf sich bezogen hätte. Nach dem Essen schminkte ich mich wieder ab, zog mir meine Jeans an und schlenderte zu der kleinen Kneipe gegenüber. Wie der Zufall es wollte, saß Mike an einem der Tische. Er war nicht gut drauf, freute sich aber über meine Gesellschaft, wollte aber viel lieber ganz allein mit mir sein. Daher bat er mich, mit auf sein Zimmer zu kommen. Zuerst zögerte ich, denn es war verboten, Besuch auf den Zimmern zu empfangen, und fühlte mich überhaupt nicht wohl in meiner Haut.

Was würden wohl die anderen über mich und Mike denken, wenn das herauskäme? Aber wie so oft nahm mir Mike meine Zweifel. Also begeleitete ich ihn nach oben. Eigentlich hatte ich erwartet, daß wir über ihn reden würden, doch er saß einfach nur da, rauchte seine belgischen Stummel und fragte, wie ich mich fühlte. Damit spielte er auf den bevorstehenden Besuch meines Mannes an, der sich für den nächsten Sonntag angesagt hatte. Ich erklärte ihm, dass ich unruhig sei. „Sag nichts Unüberlegtes, wenn er dir gegenüber steht. Denk nach, bevor du sprichst. Denk an eure Kinder, denk daran, wie wichtig dir eure Familie ist. Angelika, du wirst es schon schaffen. Ich glaube, du machst das schon richtig!“ Dann gab er mir einen Kuß auf die Wange und bat mich, ihn allein zu lassen.

Ich schaute wohl etwas verdutzt und schuldbewußt drein, und so sagte er zum Abschied: „Mach dir keine Sorgen. Ich genieße deine Gesellschaft wirklich und höre dir auch gerne zu, aber du hast heute einen schlechten Tag erwischt. Ich bin ganz einfach müde!“ Mit diesen Worten schob er mich sanft durch die Tür. Manchmal glaubte ich, er konnte meine Gedanken lesen. Offensichtlich spürte er, daß ich nervös war und mich nicht wohl in meiner Haut fühlte. Da er mich anlächelte, ging ich beruhigt auf mein Zimmer.

Am nächsten Tag, es war Samstag, sank meine Zuversicht auf den Nullpunkt. Der morgige Besuch von Gerd schnürte mir die Kehle zu. Mich beschlich eine Ahnung, dass irgend etwas passieren würde. Noch blieb mir ein Tag, bis ich ihm gegenüberstehen würde. Mein Kraft verließ mich- stündlich hatte ich weniger Energien. Die Zeit verrann nur langsam. Einige Patienten waren entlassen worden, andere auf Heimurlaub. Mike hatte sich einer Besichtigungsgruppe angeschlossen, und ich saß allein auf dem Balkon, als plötzlich Steffen und Antje, Freunde von Alex, vor mir standen. Sie waren einfach auf einen Überraschungsbesuch vorbeigekommen. Vor einiger Zeit hatte ich sie spontan angerufen und gefragt, ob sie nicht Lust hätten, einmal vorbeizukommen. Richtig zugesagt hatten sie nicht. Um so überraschter war ich jetzt.

Ihre herzerfrischende Offenheit tat mir gut. Über meinem Alltag in dieser Klinik stellten sie mir haufenweise Fragen und behandelten auch die anderen Patienten völlig normal. Ich hatte schon viele Besucher beobachtet, aber die meisten zeigten so eine merkwürdige Art von Sorge und Ängstlichkeit, dass es kaum zu ertragen war. Es gab selten Leute, die mit so wenigen Vorurteilen hierher kamen, wie diese beiden. Es wurde ein sehr interessanter Nachmittag, und es fiel mir schwer, Abschied zu nehmen, denn ich wusste damals nicht, ob ich sie so schnell wiedersehen würde. Wir wurden gute Freunde, als ich wieder zuhause war.

Vor dem Abendessen beschloß ich, noch einmal um den See zu gehen. Unterwegs dachte ich an Gerd und unsere Beziehung. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass unsere Ehe an ihrem Ende angelangt war, obwohl ich nichts unversucht lassen wollte, um sie zu retten. Es fing an zu regnen, darum lief ich schnell zurück. Mike war noch nicht wieder zurück, und so beschloß ich nach dem Abendbrot, gleich ins Bett zu gehen und schlief trotz meiner Vorahnungen schnell ein.