Dies und das. Mal schaun von was

Meine Familie

Seit 9 Uhr saß ich nun schon auf dem Balkon und wartete. Gerd hatte am Telefon versprochen, er würde rechtzeitig losfahren. Was hatte ich vorgestern noch zu Mike gesagt? „Bald kommt Gerd, und ich habe Angst!“ Das stimmte inzwischen nicht mehr, denn die Angst war einer maßlosen, altbekannten Wut gewichen. Um 9 Uhr wollte er hier sein. Ich hatte alle verrückt gemacht, einen Frühstückstisch organisiert und den Kaffee schon bestellt. Es wurde halb zehn, und er war immer noch nicht da. Wie ein gefangenes Tier rannte ich auf dem Balkon hin und her. „Mensch beruhige dich doch! Vielleicht ist er im Stau steckengeblieben. So etwas passiert doch schon mal. Oder er hat länger geschlafen als geplant“, versuchte Mike, mich zu beruhigen.

Doch ich wollte mich gar nicht beruhigen. Zu oft hatte ich mir von Gerd leere Versprechungen anhören müssen. „Ich komme gegen 17 Uhr nach Hause“, war seine Lieblingsankündigung. Um 21 Uhr stand er dann endlich müde, gereizt und abgespannt in der Haustür. „Ich musste noch eine Arbeit zu Ende bringen“, flüsterte er mehr, als daß er sprach. Und so ging es Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Und Angelika, die brave, liebe und verständnisvolle Ehefrau, lächelte dazu, winkte ab und kümmerte sich um ihn, denn sie hoffte, daß es der Familie eines Tages finanziell besser gehen würde. Er hatte es ja versprochen. „Macht nichts, Schatz. Jetzt bist du ja da. Soll ich dir einen Kaffee kochen?“ fragte ich ihn oft noch höflich, obwohl ich eigentlich vor Wut kochte und die Enttäuschung mich allmählich von innen zerfraß. Ich war eifersüchtig auf seine Arbeit, die ihm mehr zu bedeuten schien als die Kinder und ich.

Aber eigentlich hatte ich gar keinen Grund, mich zu beklagen. Mein Ehemann war fleißig, führte eine eigene Firma, besaß ein eigenes Haus, trank nicht und hatte auch sonst keine Flausen im Kopf. Also, eigentlich hatte ich kein Recht mich zu beklagen und tat es doch, denn immer versprach er etwas und hielt sich letztlich doch nicht daran. All das ging mir durch den Kopf, während ich ungeduldig wartete.

Inzwischen hatte ich totale Sehnsucht nach meinen Kindern, auf die ich mich sehr freute. Sie zu vermissen und mich um sie zu sorgen, hatte ich mir in den letzten Wochen verboten, um nicht auch noch vor Heimweh zu heulen. Mike versuchte krampfhaft, mich in eine Unterhaltung zu verwickeln. Er redete sogar über Fußball, da unsere beiden Jungs im Verein spielten. Aber ich konnte ihm nicht zuhören, sondern lächelte ihn nur an. Er war immer so besorgt um mich, und eigentlich hätte ich ihm dankbar sein sollen, daß er versuchte, mich abzulenken. „Und denk dran, bleibe ruhig, wenn sie nachher da sind.“

Als ich sie endlich durch den Torbogen kommen sah, saß die ins Unermeßliche gestiegene Erwartung wie ein Knoten in meiner Brust. Mein Sohn Michael würde bestimmt als erster auf mich zustürzen, um mich herzlich zu umarmen, dicht gefolgt von meiner Tochter Stefanie. Doch war meine Enttäuschung kaum auszuhalten, als beide eher heranschlichen und verstört in meine Richtung schauten. Sonst so lebenslustige Kinder hatten heute offensichtlich Angst, das spürte ich genau. Ihre Haltung war angespannt und ihre Augen irrten von rechts nach links, als erwarteten sie jeden Moment, etwas Schreckliches zu erleben. Das zu sehen, brach mir das Herz.

Auf dem Balkon angekommen, grüßte Michael nur leise und wich den Blicken der für ihn fremden Patienten aus. Mike sah mich nur kurz an, aber sein Blick signalisierte mir erneut, dass ich es schaffen würde. Als er aufstand, um auf sein Zimmer zu gehen, fühlte ich mich plötzlich hilflos und klein. Martin sprach meinen Sohn an, doch dieser reagierte nicht. Er drückte mich, gab mir einen Kuß und machte Platz für seine kleine Schwester. Sie kam nur zögernd die Treppe hinauf, warf sich mir dann doch an den Hals und ließ mich nicht mehr los.

Und dann kam der gefürchtete Augenblick, denn mein Mann stand vor mir. Gerd sah mich unsicher an und erwartete wohl einen Begrüßungskuss. Doch mir war nicht danach zumute. Daher drehte ich meinen Kopf zur Seite, so dass er nur meine Wange traf. Immer noch kochte ich vor Wut, denn natürlich machte ich ihn für die Verspätung und auch für das seltsame Verhalten der Kinder verantwortlich. „Was er den Kindern wohl Schreckliches über mich erzählt hat? Er glaubt anscheinend immer noch, daß ich Urlaub auf seine Kosten mache“, war alles, was ich denken konnte.

Nachdem die Begrüßung so mager ausgefallen war, gingen wir spazieren, um die entstandene Fremdheit etwas zu überspielen. Die Kinder waren in Alarmbereitschaft, und ich traute mich nicht, mit Gerd ein persönliches Gespräch zu beginnen. So beschränkte sich unsere Unterhaltung auf Fragen und Floskeln wie: Wie geht es dem, wie geht es jenem, das Wetter war schön, das Wetter war schlecht usw. Endlich wurde es Zeit für das Mittagessen. Die Kinder aßen kaum, Gerd und ich gar nicht. Eisiges Schweigen am Tisch. Wir fühlten uns so unsicher, so ohnmächtig. Ich hätte ihnen so gern Mike vorgestellt, doch ich wusste genau, daß dies kein geeigneter Zeitpunkt gewesen wäre.

Nach dem Essen gingen wir ins Eiscafe. Die Kinder bestellten sich Eis im Hörnchen und liefen ein Stück weg, um an einem künstlich angelegten Bach zu spielen. So saßen wir beide, zum ersten Mal seit langer Zeit, alleine da. Da sagte er mir. dass er beinahe gar nicht gekommen wäre und letztlich nur der Kinder wegen gefahren sei. Ich wusste nicht genau, ob er mich kränken oder auch nur provozieren wollte, und so bemühte ich mich, so neutral wie möglich zu antworten. „Ich hätte Verständnis gehabt, wenn du angerufen hättest, daß du nicht kommen willst.“ Leider war diese Bemerkung doch nicht so unverfänglich, wie ich gedacht hatte, denn er zischte mich wütend an. „Ich hab's doch gewußt! Du wolltest mich überhaupt nicht sehen. Aber vielleicht hast du ja schon Ersatz für mich gefunden. Den netten Kerl vielleicht, den du im Brief erwähnt hast? Ich will jetzt endlich wissen, woran ich mit dir bin. Ich will eine Entscheidung von dir!“

Ich versuchte, meine Wut hinunterzuschlucken. Mir war völlig klar, daß es eine Katastrophe geben würde, wenn ich jetzt etwas falsches sagen würde. Also schwieg ich dazu und versuchte, die Zeit bis zum Abschied mit Belanglosigkeiten auszufüllen. Schließlich flunkerte ich ihm sogar vor, daß hier sehr früh zu Abend gegessen würde. Ich bot ihm natürlich an, daß er und die Kinder daran teilnehmen könnten, doch nach seinem Verhalten beim Mittagessen zu urteilen, würde er dieses Angebot ablehnen. Und ich hatte richtig getippt. Als wir mit den Kindern zum Wagen gingen, war er immer noch sehr aufgebracht. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, denn ich wollte nicht, daß er drei Stunden lang mit dieser Wut im Bauch über die Autobahn raste. Und auch die Kinder spürten genau, dass dieser Besuch völlig daneben gegangen war. Sie verabschiedeten sich von mir, ohne eine einzige Träne zu vergießen, aber mit großer Angst in den Augen. Das machte den Abschied für mich auch nicht leichter. Immer noch aufgebracht fuhr Gerd endlich los.

Ich war heilfroh, dass er weg war. So enttäuschend der Tag auch gewesen war, er hatte mir deutlich vor Augen geführt, daß Gerd immer noch nicht akzeptiert hatte, dass ich krank war. Wieder einmal hatte er meinen Aufenthalt in der Klinik als einen angenehmen Urlaub von Heim, Mann und Kinder abgetan. Mein Brief hatte also gar nichts bei ihm bewirkt, meine Worte waren nicht bis zu ihm vorgedrungen. Wütend und enttäuscht, ohne Aussicht auf eine hoffnungsvollere Zukunft wollte ich am liebsten sofort die Koffer packen, nach Hause fahren, mein Kinder nehmen und irgendwo ein neues Leben beginnen. Doch mein gesunder Menschenverstand sagte mir, daß ich das nicht durchhalten würde, und dass es für mich lebenswichtig war, die begonnene Behandlung erfolgreich zu beenden.

Wieder einmal suchte ich Zuflucht auf dem Balkon und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Mike kam aus seinem Zimmer und erfasste mit einem Blick meinen Zustand. Er ergriff mich am Arm und schleppte mich in die nächste Kneipe. Ruhelos vor Sorge um meine Familie stürzte ich ein Glas Cola nach dem andern hinunter. Erst wenn ich sicher sein könnte, daß ihnen nichts passiert war, daß Gerd und die Kinder gesund zu Hause angekommen waren, würde diese Ruhelosigkeit nachlassen. Um mich abzulenken machte ich schließlich einen ausgiebigen Spaziergang um den See und war natürlich noch nicht wieder zurück, als Gerd anrief. Als er das nächste Mal anrief, stürzte ich schnell zum Telefon. „Zweimal habe ich schon angerufen. Aber du läßt dich ja verleugnen. Mit wem warst du denn weg?“ hagelte es gleich Vorwürfe. Daß ich allein unterwegs gewesen war, wollte er natürlich nicht glauben. Mir kam der Verdacht, daß er nicht mehr ganz nüchtern war.

Plötzlich war Michael am Telefon: „Mama, sieh zu, daß du gesund wirst. Das mit Papa, das mach ich hier schon. Ich hab dich sehr lieb. Es bringt jetzt sowieso nichts zu reden. Tschüs, Küßchen!“ Dann war die Leitung unterbrochen. Mein Sohn besaß offensichtlich mehr Einfühlungsvermögen für die Situation als mein eigener Ehemann! Es tat weh, daß dieser kleine und doch schon so vernünftige Junge so stark sein musste. Ich saß in der Telefonecke, den Hörer in der Hand und starrte reglos darauf. Ich wollte am liebsten vor Verzweiflung schreien. Die Tränen begannen wieder einmal in Strömen zu fließen. Mike hatte wohl schon einige Zeit neben mir gestanden. Er nahm mir den Hörer aus der Hand und legte ihn auf. Dann zog er mich vom Stuhl hoch und brachte mich in sein Zimmer. Ich heulte immer noch. Er steckte mir eine brennende Zigarette zwischen die Lippen. Auf einmal begann ich, zu schimpfen, zu fluchen und meiner Wut freien Lauf zu lassen. Er saß nur da, sagte nichts und schaute mich mit ernstem Gesichtsausdruck an. Dann nahm er mich fest in seinen Arm und flüsterte: „Mädchen, das wird schon wieder!“ Er schob mir eine Schachtel belgischer Zigaretten in meine Tasche und schickte mich aus dem Zimmer, da es inzwischen spät geworden war.

Aber ich hatte keine Lust, in mein Zimmer zu gehen, also nahm ich mir eine Wolldecke und setzte mich in den verlassenen Aufenthaltsraum. Dort heulte ich mir die halbe Nacht die Augen aus. Schließlich schlief ich völlig leergeweint und erschöpft zusammengekauert auf meinem Stuhl ein. Dies war ein schrecklicher Sonntag. Doch der nächste sollte noch viel schlimmer werden. An diesem Tag erlebte ich den Tiefpunkt in meiner Ehe.