Dies und das. Mal schaun von was

Trauer 

Beim Aufstehen am nächsten Morgen sah ich in den Spiegel und ärgerte mich. Zwar schaute endlich ich mich an und nicht mehr das andere, doch das Auf und Ab meiner Gefühle ließen das Spiegelbild oftmals nicht sehr befriedigend ausfallen. Ich fühlte mich nicht besonders an diesem Tag und hätte am liebsten auf das Joggen verzichtet, doch ich überwand meinen inneren Schweinehund, stieg in den Jogginganzug und lief mißmutig meine gewohnte Strecke ab. Inzwischen wartet ich nicht mehr auf den Therapeuten, der allmorgendlich den neuen Patienten Anweisungen gab, sondern lief allein. Ich hoffte nur, daß die erste Therapiestunde dieses Tages, Meditation, meine Stimmung heben würde.

Die Ärztin begann wieder mit einer Geschichte: „Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Kind von zirka fünf Jahren. Sie freuen sich auf den Abend, denn es ist Sankt Martin. Es findet ein Martinszug mit abschließendem Feuer statt. Ihre Eltern begleiten Sie zu dem Zug, und Sie stehen am Ende vor einem großen Feuer. Es wärmt Sie, und Sie starren fasziniert in die Flamme ...“

Ich spürte die Wärme des Feuers. Ich sah in die Flammen. und Nebel tauchte vor meinen Augen auf. Was ich dann erlebte, war schön, sehr schön, aber es tat auch in meinem Herzen sehr weh. Endlich nahm ich Abschied von meinem Vater. Ich spürte seine Wärme, glaubte, seinen Atem zu fühlen, sah seine Augen, die vor Lebensfreude leuchteten. Ein wissendes, ja erschreckend wissendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Sie sagten mir alles. Plötzlich war mir klar, was ich nie für möglich gehalten hatte. „Ich hab es all die Jahre gewußt“ sprachen seine Augen und sein Lächeln zu mir. „Ich wußte, wie sehr du an mir gehangen hast, auch wenn du es nicht zeigen konntest. Ich wußte es, und ich war nie wirklich böse wegen deines schlechten Benehmens. Ich habe dich geliebt, ich habe dich immer geliebt und liebe dich bis über den Tod hinaus. Ich werde für dich da sein, zwar nie wieder so, wie ich es im Leben war, aber ich werde bei dir sein. Du wirst es spüren. Ich war immer für dich da und werde es auch weiterhin sein ...“

Ich sah ihn, wie er mich über seinen Kopf hinweg in die Höhe wirbelte, ich selbst noch ein Säugling. Ich sah ihn, wie er versuchte, mir die ersten Wörter beizubringen. Ich sah ihn mit einem Gipsbein im Park Fußball spielen. Ich sah ihn, wie er mir mit viel Geduld das Radfahren beibrachte. Ich sah ihn, wie er mich stützte, als ich schwimmen lernte. Und stets hatte er dieses Lächeln auf den Lippen, das ihn so liebenswert machte. Dieses Lächeln hat verhindert, daß ich ihn haßte. Langsam verstärkte sich der Nebel wieder. Seine Gestalt verlor an Kontur. Das Leuchten verschwand aus seinen Augen, und auch das Lächeln ermattete. Ich spürte nur noch die Wärme, die von ihm zu mir hinüberfloß, was mich schlagartig an mein Empfinden während seines Todes erinnerte

... „Kommen Sie zurück“, hörte ich von weit her die Stimme der Ärztin. Als mir bewußt wurde, wo ich war, flössen Tränenströme über meine Wangen. War dies sein endgültiger Abschied? Habe ich erst jetzt seinen Tod begriffen - oder akzeptiert? Verwirrung machte sich in mir breit. Nur eins war in diesem Moment ganz klar: Er hatte es gewusst! Er hatte es die ganze Zeit gewusst, wie sehr ich unter der Sprachlosigkeit zwischen uns gelitten hatte. Irgendwie hatte ich es verdrängt, wieviel Zeit er mir in all den Jahren gewidmet hatte. An die Jahre als Säugling und Kleinkind konnte ich mich natürlich nicht wirklich erinnern, aber mir stand noch sehr deutlich vor Augen, wie ich Schwimmen und Radfahren lernte.

Als ich in die Pubertät kam, konnte mein Vater mir leider nicht mehr helfen. Mittlerweile war ich so verschlossen, daß ich sowieso niemanden mehr an mich heranließ. Als ich endlich, nach vielen Jahren, eine liebevolle Beziehung zu ihm fand, war er bereits todkrank. Da waren Gespräche über meine Probleme nicht mehr möglich. Er hätte mir sowieso nicht helfen können, weil er seine Rolle spielte. Endlich verstand ich ihn. Was hätte er denn gegen ein 14jähriges, pubertierendes Mädchen, das von seiner Mutter hoffnungslos abhängig war, ausrichten können? Niemals wäre ein vernünftiges Gespräch dabei herausgekommen. Er konnte mir nur helfen, indem er passiv blieb. Er blieb stumm, aber er vermittelte mir mit seinem Lächeln all die Liebe, die er für mich hatte. Aber ich hatte es nie verstanden, sondern fragte mich immer wieder, blind vor Eifersucht und Wut, ob er mich jemals so lieben würde wie seine Stiefsöhne.

Mitpatienten kamen und wollten mich trösten. Ich schickte sie fort, wollte allein sein mit meiner Trauer und meinen Tränen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich bereit war. den Therapieraum zu verlassen. „Hallo Froschauge, willkommen in der Wirklichkeit“, begrüßte ich mich selbst. Meine Augen waren vom Weinen fast zugeschwollen, doch die Lust auf Zigaretten war größer als die Sorge um mein Aussehen und zog mich magisch auf den Balkon. Als ich den Kellerräum verließ, stand Mike pötzlich vor mir. In seinen Augen stand ein großes Fragezeichen. „Warum in drei Teufels Namen interessiert sich dieser Mann für mich?“ schoß es mir durch den Kopf.

Gleichzeitig wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen, um sofort weiterzuheulen. Doch mein Kopf blieb Sieger. „Halt, stopp! Jetzt ist Schluß! Du mußt mit deinen Problemen allein fertigwerden. Zu Hause gibt es auch keinen Mike, der dir zuhört und dir gute Ratschläge gibt. Und merk dir ein für allemal, er ist nicht dein Vater. Er ist nicht dein Bruder. Er ist ein Fremder mit eigenen Schwierigkeiten, auch wenn er dies nicht zugibt. Also laß ihn in Ruhe mit deinem Kram, solange du dich nicht beruhigt hast. Und jetzt geh so schnell du kannst an ihm vorbei, und verzieh dich, kapiert?“ Und so lief ich so schnell ich konnte, wortlos an ihm vorbei, setzte mich auf den Balkon und rauchte.

Ich wußte, er beobachtete mich, guckte bewusst nicht in seine Richtung. Ich vermied es, ihn direkt anzusehen. Aber er schaute nur nachdenklich und ließ mich in Ruhe. Nach dem Bad und der Massage sprach er mich an: „Bitte, Angelika. Bitte, geh mit mir Kaffee trinken. Ich weiß, du hattest heute eine schwere Therapiestunde, und ich kann verstehen, daß du allein sein willst. Aber es hilft dir nicht, wenn du dich wieder vergräbst!“ Vielleicht hatte er ja recht! Und so ging ich mit ihm und berichtete ihm, was ich erlebt hatte.

An jenem Tag erzählte er mir das erste Mal von sich und weshalb er in der »Ballerburg« war. Seine Probleme lagen nicht wie bei mir in der Familiengeschichte, er hatte extreme Schwierigkeiten mit seinem Selbstvertrauen. Ihm fehlten fünf Monate seines Lebens im Gedächtnis, und er konnte nur sehr schlecht damit umgehen. Zwanghaft versuchte er, sich seine Erinnerungen zurückzuholen. Er hatte irrationale Ängste entwickelt und konnte seitdem nicht mehr allein in einen Laden oder überhaupt irgendwohin gehen, wo er sich nicht auskannte. Es sei zwar schon besser geworden, aber noch nicht besonders gut. Nun verstand ich erst, wieso ich ihn immer begleiten sollte. Ich gab ihm Sicherheit, so merkwürdig das auch klingen mag