Dies und das. Mal schaun von was

Der Brief an meine Mutter

Mittlerweile hatte ich keine Angst mehr, wenn die Ärztin vor mir saß und redete. Ich wußte, daß sie mich mit den Fragen und Aufgaben, die sie mir stellte, in meiner Entwicklung weiterbrachte, auch wenn das nicht immer schmerzfrei für mich war. Dieses Mal sprachen wir über die Beziehung zu meiner Mutter, die mir gerade eine Karte geschickt hatte. Nur einen knappen Gruß - ohne Unterschrift.

Ich hatte mich maßlos darüber aufgeregt. Sie hatte am Telefon vorher schon so merkwürdig geklungen, so als ob sie die Notwendigkeit meiner Behandlung nicht einsehen würde, sondern sie für einen Urlaub - den sie mir allerdings mißgönnte - hielt. Dann diese unmögliche Karte. Ich wußte, es ging ihr nicht gut. Aber verdammt noch mal, mir doch auch nicht! Konnte das denn überhaupt keiner verstehen? Diese Karte wirkte so anonym auf mich. Nur weil ich die Schrift meiner Mutter erkannte, wusste ich überhaupt, von wem sie kam.

Dieser merkwürdig kühle, lieblose Gruß tat mir weh, aber wieso, das wusste ich trotz aller Überlegungen immer noch nicht. Die Ärztin stellte mir die Aufgabe, einen fiktiven Brief an meine Mutter zu schreiben, um mir über meine eigenen Gefühle ihr gegenüber klarzuwerden. Dabei sollte ich sachlich bleiben und versuchen, alle Angriffe oder Beleidigungen zu unterlassen. Wie schnell kommt es dazu, in großer Wut Worte zu wählen, die man anschließend bereut. Diese Erfahrung hatte ich in den letzten Jahren zur Genüge gemacht.

Ich zog mich an meinen Baumstumpf zurück, um in aller Ruhe schreiben zu können. Merkwürdigerweise blieb man dort meist allein. Es war wohl ein ungeschriebenes Gesetz, einen Patienten nicht zu stören, wenn er dort nachdachte, es sei denn, man wurde ausdrücklich zum Bleiben aufgefordert. Ich selbst ging auch immer fort, wenn ich jemanden an diesem Platz antraf. In weniger als einer Stunde konnte ich einen Brief vorweisen, der fünf Seiten lang war. Ich hatte versucht, meiner Mutter keinerlei Vorwürfe zu machen, denn ich wollte lernen, meinen eigenen Weg zu gehen und mich von ihr zu lösen. Sie hatte keine Schuld daran, daß ich nicht in der Lage war, mich selbständig zu entwickeln, sondern die besonderen Situationen in meinem Leben und nicht zuletzt ich selbst haben dies erfolgreich verhindert. Nachdem ich zu Ende geschrieben hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich diesen Brief jemals abschicken würde...

„Liebe Mama! Ich schreibe diesen Brief, weil ich sonst den Frust über Dinge, die gesagt und getan wurden, nicht loswerden kann. Du bist meine Mutter, und wirst es ewig bleiben. Und weil Du meine Mutter bist, werde ich Dich lieben, so wie ich Dich lieben kann. Ich habe Dich eine Zeitlang abgöttisch geliebt, doch das war ein Zustand, der mich krank und abhängig machte. Du hast Dich in den letzten Jahren und vor allen Dingen in den letzten Monaten sehr verändert, so daß ich merke, daß ich mich gefühlsmäßig von Dir entferne.

Als ich klein war, da liebte ich Dich blind. Aber da liebtest Du mich auch noch so, wie ich war. Du warst meine Mami, die mich tröstete, die mir die Tränen fortwischte, die mir den Schmerz nahm, wenn ich mir weh getan hatte. Doch irgendwann war diese Mama nicht mehr ausschließlich für mich da. Du gingst arbeiten und hattest nicht mehr die Zeit, Dich ausreichend um mich und die anderen Kinder zu kümmern. Du hattest andere Verpflichtungen, die ich als Kind aber nicht akzeptieren konnte. Als wir aus unserer Zweizimmerwohnung auszogen, waren alle glücklich. Nur ich kam mir so allein vor mit meinem Kummer, den niemand sah. Auch Du nicht.

Für alle war es ein tolles Erlebnis. Für mich brachte der Umzug eine grausame Zukunft. Meine kleine heile Welt zerbröckelte Stück für Stück - stetig und unabwendbar. Sicherlich hattet Ihr, Vati und Du, so Eure Probleme. Aber mußten wir Kinder sie alle gnadenlos mitbekommen? Durch alles, was geschah, sah ich meinen Vater mit anderen Augen. Sicherlich hattest du irgendwie versucht zu verhindern, daß ich schlecht über meinen Vater dachte, doch es ist Dir nicht gelungen. Die Realität zeigte die Lüge nur zu deutlich. Du hattest Probleme mit Deiner Luft. Du bekamst Asthmaanfälle. Ich stand oft neben Dir und hatte große Angst um Dich. Und Vati war oftmals der Auslöser, zumindest in meinen Augen.

Noch heute habe ich Angst vor deinen Asthmaanfällen. Ich traute mich darum nicht, Dir meine Ängste, aber auch meine Wut, die ich oft hatte, zu gestehen. Denn dann hättest Du mal wieder einen Anfall bekommen können, und ich wäre dann daran schuld gewesen. Ich glaubte, diese Anfälle könnten Dich töten. Aber ich wollte meine Mama doch nicht töten. Also tat ich alles, was Du von mir erwartet hast. Ja noch mehr: Ich tat das, von dem ich nur glaubte, daß Du es von mir erwartet hast. Was Du aber wirklich von mir wolltest oder nicht, das kann ich heute auch nicht klar sagen. Ich erfuhr schon mit neun Jahren Dinge, die ich besser nicht gewusst hätte. Bedingt durch deine Erfahrungen, die Du gemacht hast, waren Frauen in meinen Augen nichts wert. Männer waren die Machthaber, und die Frauen hatten für sie da zu sein. Je netter und friedlicher man sich als Frau verhält, desto einfacher gestaltet man sich sein Leben, lautete die unüberhörbare Botschaft.

Also tat ich in meiner Ehe genau das, was ich gelernt hatte. Mit fatalen Folgen für mich, wie ich heute einsehen muss. Und das Thema Sexualität wurde dadurch auch durch eine getrübte Brille gesehen. Ich stand viele Jahre immer zwischen Mama und Papa. Für Mama war stets der Anspruch auf blinden Gehorsam zu erfüllen, für Papa mußte ich der starke, selbstbewußte Junge sein. Ich habe ihn lange Zeit mit falschen Augen gesehen.

Ich gebe Dir weiß Gott nicht die Schuld dafür, es waren wahrscheinlich all die schlechten Umstände, die dazuführten, daß wir alles nur noch negativ sehen konnten. Warum ich lange Jahre in dem Glauben lebte, mein Vater hätte sich lieber einen Jungen als Erstgeborenen gewünscht, hatte bestimmt mit der geringen Meinung zu tun, die ich von mir hatte. Aber ich glaubte allen Ernstes, daß Vati mich nur lieb hätte, wenn ich mich wie ein Junge benähme. Dann geschahen Dinge, die ich nach meiner Meinung auf gar keinen Fall hätte miterleben dürfen. Ich sah nur immerzu meine Mama, der man weh tat. Dabei hast Du Dir oft selbst Demütigungen zugefügt. Doch das verstand ich damals natürlich nicht.

Meine Geschwister lösten sich nach und nach von Dir und trugen heftige Auseinandersetzungen mit Dir aus. Ich konnte nicht begreifen wieso. Ich verteidigte Dich bis aufs Blut und wollte - aus Angst - nicht erkennen, daß es ein ganz natürlicher Vorgang ist, wenn Kinder sich von ihrer Mutter lösen. So stand ich dann zwischen Dir und den anderen wie ein kleiner Racheengel. Wenn sie Dir vorwarfen, daß Du sie zu sehr an sie bindest, schrie ich dazwischen. Schließlich warst Du doch die Mutter und hattest das Recht, uns Einhalt zu gebieten. Zum Schluss wurde ich von Dir und von den Geschwistern angefaucht. Du hattest wahrscheinlich Dein Unrecht eingesehen, die anderen erreicht, was sie wollten, und ich stand als Prellblock parat. Plötzlich war ich ganz allein.

 Auch wenn ich heute Probleme mit Gerd habe, so muß ich mir doch eingestehen, daß ich erst durch ihn begann, mich ein wenig von Dir zu lösen. Wie ich schon sagte, Dir mache ich keine Vorwürfe. Eher mir selbst. Es wäre nur schön, wenn Du diesen Brief eines Tages lesen und auch richtig verstehen könntest“.

Ich möchte meinen Brief hier beenden. Es ist gesagt, was gesagt werden mußte. Mehr ins Detail will und kann ich nicht gehen. Denn dann müßte ich mich schämen. Es sind alles Dinge, die eben in einer Familie nicht geschehen sollten und doch immer wieder geschehen. Ich war zu klein, um alle Vorgänge um mich herum zu begreifen, doch ich spürte die Hilflosigkeit... Diesen Brief zu schreiben fiel mir sehr schwer. Wieviel vertane Zeit, wieviele nutzlose Jahre. Doch es ging mir danach wesentlich besser. Ich hatte begriffen, daß ich meine Mutter weder hasste, noch dass ich ihr ernsthaft böse sein konnte. Es geschehen halt Dinge, die man akzeptieren muß. Wer weiß, wie meine Kinder später einmal fühlen werden, und wer weiß, was sie mir eines Tages vorwerfen können. Ich hoffe nur, dass ich selbst dann eine verständnisvolle Mutter sein kann.

Ermattet begab ich mich zur Hypnosesitzung und ließ mich ganz fallen. Das war etwas, was ich mittlerweile gelernt hatte, dieses Abschalten, das mir sehr guttat.

In der Rhytmikgruppe beobachtete ich das Leiden einer Mitpatientin. Sie war bis zu diesem Tag immer sehr lustig gewesen. Ich hörte sie gerne lachen. Meist sah man sie nicht, aber man hörte sie schon von weitem Lachen. Sie machte einen lebenslustigen Eindruck. Doch an diesem Tage knallte sie die Bälle, mit denen wir ein Spiel machen sollten, wutentbrannt gegen die Wand. Sie lieferte sich ein Wortgefecht mit dem Therapeuten, so dass ich zutiefst erschrocken war. Ich erkannte, was für ein grausames Schicksal hinter ihrer lustigen Art pulsierte und ihr das Leben schwer machte. 

Da ich nicht ins Detail gehen kann und auch nicht will, muss es dem Leser genügen; dass ich sage: Es war weit aus schlimmer als alles was ich bisher gehört hatte. Meine Probleme erschienen mir dagegen wie in Klacks zu sein. Eine Nichtigkeit. Aber selbst sogenannte Nichtigkeiten konnten einem das Leben sehr schwer machen. Man ist ja so gerne bereit sich selbst als Nichtigkeit wahrzunehmen. Nein, meine Nichtigkeiten waren für MICH unlösbare Probleme. Aber meine Wahrnehmung zeigte mir hier endlich mal wieder, das ich auch Mitleid für andere empfinden kann. 

Ich sah das Mädchen weinen. Der Drang zu trösten war stark. Doch ich konnte es nicht. Noch nicht. Sie war mir in den drei Wochen, die ich nun hier war, noch fremd geblieben. Ich fühlte mich regelrecht hilflos und schämte mich für meine NORMALEN Probleme.

Meine Gedanken schweiften ab, ich dachte an Mike. Dieser Mensch schien überhaupt keine Probleme zu haben. Aber aus welchem Grund war er dann hier, was versteckte er hinter seiner schönen Fassade? Er redete nie beziehungsweise nur wenig von sich. Vielleicht war es gerade das was mich so zu ihm hinzog: daß er immer beherrscht gelassen schien, daß er sich eben so verhielt, wie ich es gern getan hätte.

In der Einführungsphase von Musik aktiv tobte ich mich bei Diskomusik aus. Es folgte wieder das stumme Spiel. Wir sollten uns einen Platz aussuchen, an dem wir uns wohlfühlten. Ich saß am Heizkörper und wärmte mir den Rücken. Dann sollten wir uns langsam von dem gewählten Ort lösen und uns einen neuen Platz im Raum suchen. Ich bewegte mich auf eine Wandleuchte zu, die mich magisch anzog. "Warum um alles in der Welt suche ich mir diese Wandleuchte aus?“ fragte ich mich. „Weil sie Licht spendet. Licht für die Zukunft, sinnbildlich gesehen“. Ich wollte ab jetzt nicht mehr einfach in den Tag hineinleben. Nicht mehr nur reagieren, sondern mein Sein aktiv gestalten. Und rückwärts gehen? Auf keinen Fall! Ich befand mich nur noch mit meinem Körper in diesem Therapieraum und meine Tagträume waren losgelöst von Zeit und Raum.

„Lieber gehe ich einen neuen Weg. Einen Weg, der Zukunft hat. Es ist schwer, vorwärts zu gehen, aber es ist die einzige Möglichkeit, die mir bleibt. Wenn ich wieder glücklich sein will, muß ich nach vorne schauen und nicht rückwärts. Vielleicht könnte es auch ein Weg fort von Gerd sein ...“

Plötzlich war ich wieder im Therapieraum und ärgerte mich darüber, daß ich immer so tief in meine Gedankenwelt versank. Wieder stieg die altbekannte Ablehnung gegen Therapien und Therapeuten in mir auf. Die Angst vor der Auseinandersetzung mit mir selbst würde ich wohl nie verlieren. Weinend betrachtete ich die Menschen um mich herum. Diesmal schien es aber alle erwischt zu haben. Jeder saß oder stand in einer Ecke, und die Tränen flössen. „Mensch, Angelika, nimm doch endlich diese Gemeinschaft richtig an, werde endlich ein Teil von ihr. Du siehst doch, daß du hier nicht allein bist. Du wirst sonst weiter einsam sein, wie schon immer, und das wird dich langsam sterben lassen. Öffne dich endlich, und schieb die Zweifel beiseite“, meldete sich eine innere Stimme.

Da beschlich mich ein beklemmendes, aber bekanntes Gefühl. Da war etwas oder jemand in mir, der versuchte immer wieder, mir Angst zu machen. Ich mußte dringend mit Mike sprechen. Er war der einzige, der mir jetzt helfen konnte. So schnell ich konnte lief ich zu seinem Zimmer, überredete ihn, mit in die Stadt zu kommen und erzählte ihm in den nächsten zwei Stunden von dem, was mich so bewegte. Wie immer lächelte er wieder nur, beruhigte mich und brachte mich letztendlich zum Lachen. Wie schön. Ja, es war auch wieder schön, auf der Welt zu sein.