Dies und das. Mal schaun von was

Der Tod

Um halb sieben schien schon die Sonne in mein Zimmer. Der Himmel war wolkenlos und strahlte blau. Ob es draußen wohl auch so warm war, wie es von hier aus schien? Nachdem ich meinen Jogginganzug angezogen hatte, rannte ich in den Innenhof. Es war doch noch recht frisch. Ich hatte gute Laune und nahm den Weg bewusst wahr, den wir liefen. Zunächst ging es aus dem Klinikhof hinaus, rechts herum, ein kurzes Stück an der Klinikmauer entlang. Heute saß jemand auf »meinem« Plateau; man konnte es von dieser Seite sehen. Eine kleine Brücke führte über einen Bach. Hier hatte ich vorgestern einer Entenfamilie zugesehen. Mit meinem Walkman hatte ich klassische Musik gehört und es schien, als wolle die Entenmutter dazu tanzen. Ein kurzer Feldweg folgte, wieder eine Brücke. Dann liefen wir zirka 300 Meter eine befestigte Straße entlang. Auf der rechten Seite standen schöne Villen. Dann führte eine Steintreppe zu einem Schotterweg. Links davon lagen Kleingärten, in denen einige Jungen spielten. Es war alles ruhig. Nur die Rufe der Kinder waren zu hören.

Ich lächelte und begriff gar nicht, wie ich mich noch vor kurzem über Kinderlärm hatte ärgern können. Dann rannten wir durch ein Kornfeld. Ein schmaler, unbefestigter Weg war der Beginn des schwierigsten Teils der Laufstrecke, aber auch der schönste. Rechts lag der kleine Teich. Die Sonne begann uns zu wärmen, und die Sicht war klar. Am Horizont konnte man eine leicht ansteigende Hügellandschaft erkennen. Für einen Stadtmenschen wie mich wirkten sie schon wie richtig ausgewachsene Berge. Im Teich spiegelten sich die verschiedenartigen Pflanzen, Gräser, Sträucher und Bäume, die ihn säumten. Die verschiedenartigen Düfte vermischten sich zu einem betörend schönen Geruch.

In diesem Moment herrschte eine sehr schöne und ruhige Stimmung, die mir sehr gut tat. Insgesamt gab es drei Seen, doch wir liefen immer nur an zweien entlang. Rechts der eine, links der andere. Eine Ente schwamm schnatternd über das ruhige Wasser. Bald gelangten wir an eine Straße, eine Allee. Rechts und links standen große Linden. Ein Stück weiter kamen wir erst an einem Weizenfeld, dann an einem Maisfeld vorbei. Dahinter gelangten wir wieder an dem Weg mit den Kleingärten und ab ging es zurück zur Klinik. Er war wunderschön, dieser Lauf, ganz anders als sonst. Nein, ich war anders als sonst. Ich glaubte langsam daran: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Mein Appetit, mich selbst zu entdecken, war angeregt. Zufrieden gab ich mich in Musik passiv den Klängen hin und genoß die Hypnose. Diesmal fühlte ich mich wie ein Hohlkörper. Wie eine leere Dose. Ich konnte - meine Augen waren dabei stets geschlossen - durch meinen Körper hindurchsehen. Alles war leer. Es ist sehr schwierig, in Worte zu fassen, was ich dort erlebte. Aber es war einfach ein tolles Gefühl, sich so ganz sich selbst hinzugeben. Zudem schien ich im Raum zu schweben. In Musik aktiv spielten wir an diesem Tag mit Stühlen. Mir gefiel dieses Spiel überhaupt nicht, ich fand es richtig blöd. Doch eigentlich lag dies nicht an dem Spiel, sondern ich lernte wieder einmal eine negative Seite meines Selbst kennen, die mir gar nicht gefiel:

Mir wurde klar, dass ich manchmal kein sonderlich zuvorkommender und rücksichtsvoller Mensch sein kann. Hinter mir weinte ein junges Mädchen. Es tat mir leid, sie so bitterlich heulen zu hören. Sie war noch so jung. Aber ich hatte mittlerweile gelernt, wie wichtig es ist, seinen Schmerz und Kummer herauszulassen, und ließ sie in Ruhe. Spontan hatte ich zu ihr hingehen und sie trösten wollen, aber dazu war ich wohl doch noch nicht in der Lage.

In dieser Situaion wurde mir zum ersten Mal mein Alter richtig bewußt. Eigentlich fühlte ich mich noch immer jung. Doch wenn ich jetzt dieses verzweifelte Mädchen sah, noch keine 19 Jahre alt, da wurde mir ganz bewusst, daß ich Mutter bin und durchaus - oder vielmehr wieder - in der Lage, andere zu stützen. Ich fühlte diese Kraft zurückkommen. In diesen Augenblicken begann wohl das, was ich mein Erwachsenwerden nenne. Immer noch nachdenklich folgte ich am Abend dem Gespräch des Therapeuten. Mike lud mich anschließend zum Kaffee ein, und ich freute mich sehr darüber. Wir verbrachten einige Stunden in einem Lokal, und geschickt hatte er das Thema auf meinen Vater gelenkt.

Ich erzählte ihm von den letzten Stunden seines Lebens. Zu Mike hatte ich Vertrauen soviel Vertrauen wie noch nie zu einem anderen Menschen. Nur deshalb konnte ich ihm ganz offen erzählen, daß dieser Tod mich nicht so geschockt hatte, wie man es eigentlich hätte erwarten können, denn tief in mir drinnen empfand ich den Tod meines Vaters als ein schönes Erlebnis, obwohl der Herzschmerz mich zu zerreißen drohte. Mit meiner Familie konnte ich aber darüber nicht reden. Meine Mutter hätte mich in dieser Zeit wahrscheinlich aus dem Haus geworfen, wenn sie gewußt hätte, wie ich empfunden hatte. Inzwischen ist das völlig anders geworden; jetzt kann ich vieles mit ihr besprechen, und sie weiß heute, wie es damals um mich stand.(Inzwischen ist auch sie verstorben, aber ich habe meinen Frieden mit ihr gemacht)   Und sie bringt Verständnis für meine Gefühle auf. Doch früher wäre das noch vollkommen unmöglich gewesen.

Mike bat mich, ihm sämtliche Einzelheiten zu berichten. Sanft streichelte er mir über den Arm, als er merkte, daß es mir nicht so gut ging. Tränen liefen mir über das Gesicht, als ich zu erzählen begann: "Als Papa sich zwei Tage vor seinem Tod förmlich aufgegeben hatte, dauerte es nicht lange, und er war nicht mehr ansprechbar. Ich saß an seinem Bett, sah in sein Gesicht und streichelte unentwegt seine fast blutleere Hand. In diesen zwei Tagen machte er kaum die Augen auf. Die Nacht vor seinem Tod schlief ich in einem Bett neben ihm. Mutti saß auf einem Stuhl. Sie starrte ihn nur an, tränenlos und apathisch. Ich wünschte mir so sehr für beide, daß alles bald vorbei wäre. Am nächsten Morgen frühstückte ich völlig normal. Einer meiner Brüder sah mich deshalb vorwurfsvoll an. >Mein Gott<, dachte="" ich,="">ich lebe! Und wenn ich das durchstehen soll, was jetzt kommt, mußte ich doch was in den Magen kriegen. Ich lebe - und er stirbt.  An seinem Bett sitzend beobachtete ich, wie die Atmung schlechter wurde. Da er lebensverlängernde Maßnahmen abgelehnt hatte, gab man ihm nur eine Atemhilfe. Ich bat die Ärztin um ein Beruhigungsmittel für mich, denn meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Lange konnte es nicht mehr dauern. Ich bekam, was ich wünschte und merkte bald, daß die Tropfen wirkten, ich wurde ganz ruhig und gelassen. Die Atmung von Papa wurde schlechter und schlechter und plötzlich wusste ich: Jetzt ist es soweit. Ich klingelte nach der Ärztin, die darum gebeten hatte. Mama schaute irritiert, so als begreife sie gar nichts. Ich glaube, sie wollte nicht wahrhaben, daß es soweit war. Sie tat mir leid, aber ich konnte doch nichts ändern. Außerdem hatte ich genug Mühe damit, mit mir selbst klarzukommen. Mein Blick war fest an Papa geheftet, schließlich hatte ich ihm versprochen, ihn in seiner schwersten Stunde nicht allein zu lassen. Hilflos mußte ich seinem Sterben zusehen. Ich nahm seine Hand und hielt sie mir an die Wange. Ich konnte den Tod fast in ihn hineinkriechen sehen. Die Finger bekamen ganz langsam eine gelbliche Färbung. Blutleer waren sie - in Sekunden. Die Verfärbung stieg weiter in ihm hoch. Vom Hals über das Kinn, zur Nase, zu den Augen. Und da geschah es!

Er öffnete die Augen und sah mich an. Seine Augen waren vollkommen klar. Es war nicht zu fassen, so vollgepumpt mit Morphium wie er war. Aber der Unterschied seines jetzigen Zustandes zu dem der letzten Tage war zu offensichtlich. Er war bei klarem Verstand. Ich konnte Freude in seinen Augen erkennen. Und ich glaube ganz fest, er hat sich wirklich gefreut - wahrscheinlich darüber, daß endlich alles vorbei war, daß er nun vom Leben und vom Leid erlöst war. Und sein Blick traf mich mit so viel Liebe. Ohne Worte wußte ich. daß er mich liebt. All die vorangegangengen Wochen wollte ich es nur ein einziges Mal hören. Nun hatte ich meine Antwort. Diese Liebe bedurfte keiner Worte. Das hatte ich in diesem Augenblick begriffen. Ich konnte Abschied nehmen. Während der Glanz aus seinen Augen verschwand, spürte ich eine angenehme Hitzewelle in mir aufsteigen. Seine Hand lag in meiner, er drückte sie ein letztes Mal schwach, und die Wärme wurde intensiver.

Seine Hand erschlaffte, doch in mir war ein Feuerwerk an Wärme, und es tat so gut, sie zu spüren. Ich hatte keine Angst mehr. Der Tod meines Vaters gab mir etwas, daß ich nicht in Worte fassen kann. Aber er war schön. Natürlich empfand ich den Schmerz des Verlustes, aber ich glaubte nicht mehr, daß der Tod ganz schrecklich sei. Das war einfach so. Nur ein paar Sekunden später schloß die Ärztin die Augen von Papa, und alles war vorbei. Fassungslos starrte ich die Ärztin an. Ich glaube, sie wußte, was ich gerade erlebt hatte. Ich drehte mich um und öffnete das Fenster. Kaum hatte ich die Fensterflügel ein wenig auseinandergezogen, spürte ich ganz deutlich, einen Hauch an mir vorbeiwehen. Lach jetzt bitte nicht" , sagte ich ernst zu Mike, "aber ich glaube, es war seine Seele, die an mir vorbei in den Himmel emporschwebte!"  

"Oh, nein, ich lache dich nicht aus, ganz im Gegenteil. Nehme dieses Erlebnis so an, wie du es empfunden hast, und denke stets positiv daran. Es wird dir viel Kraft geben", war alles was Mike zu meiner Geschichte sagte. Danach versuchte er mit allen Mitteln, mich in besssere Stimmung zu bringen, doch da seine Ablenkungen vergeblich waren, begleitete er mich bald bis vor meine Zimmertür. Dort gab er mir einen Kuß auf die Stirn und sagte: "Gute Nacht, mein kleiner Junge."  Ich mußte lächeln. So eine ähnliche Situation hatte ich erst vor kurzer Zeit im Traum erlebt. Aber ich hütete mich davor, ihm davon zu erzählen