Dies und das. Mal schaun von was

Berührungsängste

Während des Joggens am nächsten Morgen nahm ich zum ersten Mal die weitere Umgebung wahr. Ich hatte gut geschlafen, und meine Laune besserte sich zusehends. Die Sonne schien, aber es war noch angenehm kühl. Der Weg führte um einen kleinen Teich. Graswiesen, durchzogen von Lupinengruppen, Mohn und Disteln, säumten den Teich. Dazwischen duftende Blumen. Kein Straßenlärm war zu hören. Auf dem Teich schwammen blühende Seerosen. Im Teich spiegelten sich die größeren Gewächse wie Holunder, Schlehen und Weiden. An diesem friedlichen Morgen gelang es mr, alle aufkeimenden Gedanken an zu Hause zu verscheuchen.

Nach dem Frühstück erwartete mich wieder ein Bad und die Massage, auf die ich mich richtig freute. Alles schien hier auf Ruhe ausgerichtet zu sein. Keine Hektik. Immer genug Zeit zwischen den Therapien, um sich zu erholen. Das tat mir gut. Jedoch, Ängste verfolgten mich nach wie vor. Aber ich genoß meinen Aufenthalt hier und machte während der Ruhepausen Notizen in mein Tagebuch. Nach dem Mittag sah ich in mein Postfach, denn heute war mein Hochzeitstag und ich hatte zumindest eine Karte erwartet. Das Fach war jedoch leer und ich redete mir ein, sowieso keine Post erwartet zu haben. Selbstbetrug war doch das einzige, was mir in meiner Situation noch helfen konnte, oder? Ich war frustriert, wollte es aber nicht wahrhaben. Wieder einmal war ich in alte Verhaltensweisen zurückgefallen. Von da an klappte erst einmal einfach gar nichts mehr - ich konnte mich weder auf die Hypnose noch auf das autogene Training konzentrieren.

Am späten Nachmittag lernte ich eine neue Therapieform kennen: Musik aktiv. Die anderen Patienten erklärten mir, daß man dabei tanzen würde. Da ich schon immer gern das Tanzbein geschwungen habe, freute ich mich natürlich. Vielleicht würde meine Niedergeschlagenheit dann verschwinden. Unsere Gruppe bestand aus männlichen und weiblichen Patienten, und wir durften uns nach Herzenslust bei Disco- musik austoben. Da die Therapie im großen Parkettsaal stattfand, hatten wir genügend Platz dafür. Auch in dieser Therapiestunde entdeckte ich wieder vereinzelt neue Gesichter. Die Therapeutinnen waren zwei junge Frauen, denen es offensichtlich Spaß bereitete, mit uns zu arbeiten. Nachdem die letzten Töne verstummt war, dachte ich, ich könne jetzt gehen, aber eine der beiden begann zu erläutern, was jetzt folgen sollte:

"Suchen Sie sich einen Partner, und stellen Sie sich ihm gegenüber. Dann halten Sie ihre Handflächen - genau wie vor einem Spiegel - gegeneinander. Aber bitte berühren Sie sich nicht. Und während die Musik erklingt, versuchen Sie, mit den Händen im Takt mitzugehen. Und bitte dabei nicht reden." Als leise Meditationsmusik erklang, wagte ich nicht, mein Gegenüber anzusehen. Ich versank im Anblick unserer Hände. Als meine Partnerin mir entgegengekommen war, kroch Angst in mir hoch. Ihre Gesichtszüge wirkten hart und unerbittlich. Mir fiel sofort meine Mutter ein, und ich konnte von dem Augenblick an an nichts anderes mehr denken. Ich glaubte, die Autorität, die sie ausstrahlte, regelrecht an meinem Körper zu spüren. So als bedeute sie mir: Ich hab das Sagen, und du bist still. Doch all das war nur Einbildung, denn als ich sie später besser kennenlernte, stellte ich fest, daß sie eine durchaus liebenswürdige Person war.

Doch in diesem Augenblick war ihre Gegenwart für mich kaum zu ertragen. Ich spürte die mir vertrauten Bauchschmerzen, die ich immer dann bekam, wenn ich mich nicht wohlfühlte. Einer meiner Ärzte hatte sie als psychosomatische Beschwerden diagnostiziert. Und das waren sie wirklich, wie ich inzwischen wußte: der körperliche Ausdruck seelischer Probleme. Nach dem ersten Spiel mußten wir uns auf den Boden setzen und die Augen schließen. Wir sollten mit unseren Händen die Hände des anderen ertasten. Kaum saß ich, grabschte mein Gegenüber schon nach meiner Hand. Ihre Hände waren eiskalt und furchtbar zittrig. Jetzt bekam ich zusätzlich zu meinen Bauchschmerzen auch noch furchtbar Herzstiche. Ich zog, so schnell ich nur konnte, meine Hände zurück und rutschte auf meinem Po zur Wand. Voller Entsetzen starrte ich in das Gesicht der Frau, die nicht weniger betroffen dreinschaute. So blieb ich sitzen, bis die Therapiestunde zu Ende war.

Mir ging meine Leidensgeschichte wieder durch den Kopf, wie diese Schmerzen, die mit der Zeit unerträgluch geworden waren, mich von Arzt zu Arzt getrieben hatten. Ich begann zu weinen. Vor Wut, Scham und zuletzt auch aus Pein. "Ich hab doch nichts, ich hab doch nichts! Ich bin vollkommen gesund. Das geht gleich wieder weg", versuchte ich, mich selbst zu beruhigen. Nachdem alle gegangen waren, saß ich immer noch an derselben Stelle. Ich konnte kaum atmen vor Schmerz. Schließlich erhob ich mich und zog meine Schuhe an. Die Therapeutin kam zu mir und sagte: "Beruhigen Sie sich. Das geht vorüber. Versuchen Sie darüber zu reden, was sie da gerade erlebt haben - wenn es geht."  Zuerst wollte ich eigentlich nicht sprechen, doch die Therapeutin blieb hartnäckig, und so erzählte ich von meiner Mutter und deren Dominanz in meinem Leben.

Plötzlich bemerkte ich, daß die Schmerzen langsam nachließen. Ich war erleichtert. Also sollte sich dieser Zustand diesmal nicht zu einem Horrortrip auswachsen. Zu Hause hatte es manchmal Stunden gedauert, ehe die Schmerzen aufhörten. Beim Abendbrot hatte ich jedoch immer noch leichte Beschwerden, und ich beschloß, sofort zu Bett zu gehen. Das Abendgespräch ließ ich einfach ausfallen. Es war zwar Pflicht, an diesen Unterredungen teilzunehmen, aber ich würde mich am nächsten Tag entschuldigen.