Dies und das. Mal schaun von was

Sensitivtherapie und ein langweiliger Sonntag

 Nach einer wirklich geruhsamen Nacht, in der ich tief und fest geschlafen hatte, ging ich kurz vor sieben in Richung Badezimmer, um ausgiebig zu duschen. Als ich fertig war, saß Mike wartend auf dem Balkon, bekleidet mit einem weißen Bademantel. Ich war ihm wohl beim Duschen zuvor gekommen. „Guten Morgen! Gut geschlafen?“ begrüßte er mich fröhlich. Ich lächelte ihn an. Ich hatte wirklich gut geschlafen und mir ging es sehr gut und hatte einfach keine Lust darauf, die Kratzbürste zu spielen.

Jawohl, Sir!“ salutierte ich vor ihm. Er schien überrascht von meiner ungewöhnlichen Reaktion und verwickelte mich in ein Gespräch. Ich erfuhr, daß er nach einem Unfall, mehrere Monate im Koma gelegen hatte und sich hier erholte. Allerdings lag dieses Ereignis schon Jahre zurück. Ich sah ihn an und war sehr erstaunt, denn vor einiger Zeit hatte ich im Fernsehen einen Bericht über solche Fälle gesehen. Dort hieß es, daß Menschen, die in ein Koma gefallen waren und wieder aufgewacht sind, viele Jahre brauchen, um sich davon vollständig zu erholen. Er aber schien keine bleibenden Schäden erlitten zu haben und wirkte vollkommen gesund und munter. Bewunderung für seinen Lebenswillen, den er bewiesen hat, stieg in mir auf. Wow! Es faszinierte mich doch sehr, mit jemanden zu reden, der so gut wie tot gewesen war. In den nächsten Tagen löcherte ich ihn mit unzähligen Fragen zu seiner Geschichte.

Um 10 Uhr begab ich mich zur Sensitivtherapie. Der Raum für diese Behandlung befand sich über denen der Bäderabteilung. Der Fußboden war mit Parkett ausgelegt. Mitten im Zimmer waren ein paar Stühle aufgestellt, an der Wand gab es ein Holzregal, in dem sich eine Stereoanlage befand. An der anderen Wand standen die Instrumente, auf die Patienten vor ein paar Tagen eingeschlagen hatten. Mitten im Raum stand ein Holzpfeiler. In einer Ecke lagen bunte, schmale Teppiche, die wir auf den Boden ausbreiteten. Diesmal nahmen 20 Patienten an der Sitzung teil. Ständig bekam man neue Gesichter zu sehen, denn in jeder Therapiestunde wechselten die Mit-Patienten und auch die Therapeuten. „Was für ein Aufwand!“ ging es mir durch den Kopf. „Wer das hier leitet und organisiert, hat aber eine Menge zu tun!“ Irgendwie hegte ich Bewunderung für all die, die hier darum bemüht waren, uns zu helfen. Auch diesmal sollten wir eine bequeme Rückenlage einnehmen. Der Therapeut gab uns ganz genaue Anweisungen, was wir tun sollten.

Er begann mit den Worten: „Rückenlage einnehmen und entspannen. In Gedanken stellen Sie sich jetzt bitte vor, Sie würden aufstehen. Bitte nur vorstellen, nicht durchführen. Nachdem Sie Ihre Gedanken zu Ende geführt haben, fangen Sie von vorne an und entwickeln Ihre Gedanken weiter. Also, jetzt stehen Sie ganz langsam, aber mit geschlossenen Augen, auf.“ Auf diese Weise beschrieb er uns jede Bewegung. Da es sehr still im Raum war, hörte man nur das gleichmäßige Atmen der anderen Leute und das eigene Luftholen. Es war eine angenehme Erfahrung, die ich dort machte. Ich spürte meinen Körper zum erstenmal ganz intensiv und anders, als man es sonst gewohnt ist. Jede Bewegung, jeder Atemzug wurde dadurch zum Erlebnis. Ich fand es ganz toll. „Akzeptieren Sie sich selbst. Akzeptieren Sie sich so, wie sie sind!“ forderte uns der Therapeut auf.

Ja, aber wie bin ich? Damit sollte ich mich später noch intensiv befassen. Aber ich spürte jetzt schon, daß ich lange nicht so ein fehlerloser Mensch war, wie ich es mir immer eingeredet hatte. Also: Bloß nicht drüber nachdenken! Jedenfalls jetzt nicht, egal, was der Therapeut gesagt hatte. Ich genoß die Stunde bis zum Ende und danach eilte ich in die Stadt, um mir Papiertaschentücher zu kaufen, denn die nächste Sitzung, die auf mich wartete, lautete wieder: Musik passiv. Immer noch beeindruckt von den Emotionen in der ersten Stunde, versorgte ich mich sicherheitshalber mit einem ausreichend großen Vorrat. Außerdem rief ich meine Mutter an, mit der ich vor meiner Abreise noch eine Auseinandersetzung gehabt hatte. Ich wollte sie nur darüber informieren, wo ich abgeblieben war, aber das hätte ich besser nicht getan. Wie üblich bestand unser Telefonat aus einem Streitgespräch über allbekannte und oft diskutierte Dinge, bis ich schließlich den Hörer auf die Gabel knallte.

Mit viel Wut im Bauch rannte ich ins Dachgeschoß. Heute betreute ein anderer Therapeut die Gruppe. Ich war unglaublich erleichtert, nicht dem Mann gegenübertreten zu müssen, der beim letzten Mal Zeuge meines Gefühlsausbruchs geworden war. Ich hatte Angst, als schwach abgestempelt zu werden. Zwar tat das außer mir niemand, aber ich glaubte es halt. Hier sah niemand etwas Negatives darin, seine Gefühle offen zu zeigen. Hier sollte man ja gerade lernen, mit seinen Emotionen zu leben und sie auf gesunde Art und Weise zu kontrollieren. Immer noch aufgeregt wegen des Telefonats und völlig außer Atem nach der Rennerei hierher klopfte mein Herz bis zum Hals und mein Puls raste - vermutlich mehr aus Wut und Enttäuschung als vor Anstrengung.

Die Musik beruhigte Herz und Kreislauf. Ich entspannte mich zunehmend. Doch einige Bilder liefen vor meinen Augen ab, die mich erschreckten. Meine Mutter saß auf ihrem Grabstein und grinste mich hämisch an. Als hätte sie Freude daran, mir weh zu tun. Daß das nicht der Wahrheit entsprach, war mir wohl klar. Ich empfand es bloß so. Im Rhythmus der Musik hörte ich sie dann sagen: »Lebendig begraben, lebendig begraben!« Dieser Satz hallte in meinen Ohren wider. Es waren meine Gedanken, die mit der Musik tanzten: „Lebendig begraben, und du kannst mir nicht helfen! Du kannst es nicht ändern!“ Aber ich wollte an das alles nicht denken. Als eine andere Musik begann, verschwanden diese Vorstellungen und die negativen Gefühle, die eine Folge davon gewesen waren.

Statt dessen machte sich Trostlosigkeit in mir breit. Aber weinen konnte ich diesmal nicht. Ich erkannte, daß meine Mutter nach dem Tod ihres Mannes in eine Lethargie verfallen war, aus der ich ihr zwar heraushelfen wollte, es aber nicht konnte. Auf einmal wurde mir bewußt, daß es im Leben immer wieder Momente gibt, in denen man nicht helfen kann, auch wenn man es noch so sehr will. Nach der Stunde hielt meine schlechte Stimmung weiter an, und ich setzte mich auf den Balkon. Die anderen Patienten, aber auch die Besucher der Klinik verursachten mir Unbehagen und Übelkeit. Ich hatte das Gefühl, daß sie uns anstarren würden, als ob sie vor einem Affenkäfig im Zoo stünden.

Ich begab mich schnellstens auf mein kleines Plateau, setzte mich auf den kurzen Mauerabschnitt und starrte in den Himmel. „Papa?! Papa, gib mir doch ein kleines Zeichen. Irgendwas, damit ich daran glauben kann, daß es noch etwas nach dem Tod gibt. Ich habe so große Angst vor dem Sterben, aber gleichzeitig sehne ich mich so sehr danach. Hilf mir doch! Bitte hilf mir!“ Ich redete mal wieder mit mir selbst. Diese Angewohnheit machte mir Angst, aber es war die einzige Form von Dialog, zu der ich im Moment überhaupt in der Lage war. „Verliere ich jetzt meinen Verstand?“ hörte ich mich fragen.

Um auf andere Gedanken zu kommen, nahm ich nach dem Abendessen eine Einladung von Monika und Mike an. Wir gingen in eine gemütliche Kneipe ganz in der Nähe. Mike begann, sich über die Klinik lustig zu machen. Wir lachten laut und ungezwungen. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, daß alle Gäste der Kneipe genau wußten, woher wir drei kamen. Doch es war egal - für diesen Moment jedenfalls. Nach diesem Abend hieß die Klinik nur noch »Ballerburg«. Mike hatte sie so getauft. Es war nicht bösartig, eher liebevoll, gemeint. Ich schätzte, daß schon viele Patienten vor uns die Klinik mit einem Spitznamen versehen hatten. In der darauffolgenden Nacht überfiel mich ein Krampf im ganzen Körper, der mich absolut bewegungsunfähig machte. In mir stieg die Erinnerung an die Nacht vor zwei Jahren auf, in der ich meinen ersten Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Wie jetzt hatte ich damals in meinem Bett gelegen, unfähig, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Damals versuchte ich, die Hand meines Mannes zu fassen, doch es gelang mir nicht. Mein Herz fing an zu rasen, und eine panische Angst ergriff mich. Ich bekam das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.

Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges mit mir und meinem Körper: Von einer Minute zur anderen begann ich, diesen Zustand zu genießen. Und je weniger Luft ich bekam, desto mehr löste ich mich von meinem Körper. Ja, ich bewegte mich sogar nach oben. Ich schwebte im Raum und sah mich selbst im Bett liegen, die Augen geschlossen, nur die Finger bewegten sich minimal. Ich beobachtete den erfolglosen Versuch, meinen Mann auf mich aufmerksam machen zu wollen. „Was machst du denn da? Laß das doch sein, es ist doch gut so wie es ist“, waren meine Gedanken in dem Körper über dem Bett. Ein Weinen aus dem Kinderzimmer ließ mich den Kopf wenden. „Schade, ich muß mich um Micha kümmern. Daß er auch immer zu den unmöglichsten Zeiten Alpträume haben muss. Schade, daß ich zurück muss! Es ist so schön hier!“

Langsam bewegte sich mein Luftkörper zurück in den Körper, der im Bett lag. Die Verkrampfung löste sich. Endlich konnte ich die Hand meines Mannes drücken, doch er rührte sich nicht. Das Erlebnis erschreckte mich zutiefst und ließ mich an meinem Verstand zweifeln. Ich versuchte, es als Traum abzutun. Doch die Angst in mir machte mir bewußt, wie real dieser scheinbare Traum war. Um ihn zu vergessen, stand ich schließlich auf und nahm ein Bad. Ein wenig beruhigt. legte ich mich dann wieder ins Bett, da auch mein Sohn wieder friedlich eingeschlummert war, auch wenn ich mich nicht um sein Weinen gekümmert hatte.

Doch kaum lag ich wieder im Bett, beschlich mich die Angst erneut. Ich begann, unkontrolliert zu zittern, und konnte es nicht mehr unterdrücken. Die Atemnot kehrte zurück, und ich war total verzweifelt. Ich traute mich nicht, meinen Mann zu wecken, der mich wahrscheinlich für verrückt erklärt hätte, wenn ich ihm alles erzählt hätte. Wieder stand ich auf und ging in die Wanne, vielmehr kroch ich auf allen Vieren dahin. Erst duschte ich kalt, dann heiß. Das Zittern und die unerklärliche Angst wuchs ins Unermeßliche. Ich sprach Beschwörungen, um mir Mut zu machen. Und dann stand Gerd plötzlich verschlafen in der Tür und schaute mich verwundert an. Ich bat ihn, den Notarzt zu rufen. Er wollte wissen warum, doch ich konnte es ihm nicht erklären. Fast hätte ich ihn verzweifelt angeschrien. Schließlich ging er doch zum Telefon. Ich trocknete mich ab und zog mich an.

Das Zittern nahm unbeschreibliche Formen an, die Angst war nicht in Worte zu fassen. Ich konnte nur flach atmen, und mir wurde zeitweise ganz komisch zumute. Ich hatte Schwindelanfälle, aber ich wollte nicht in eine Ohnmacht abgleiten. Die Panik, so krank zu werden wie die Mutter meines Mannes, machte mich wütend. Ich wollte nicht so enden wie diese Frau. Noch vor einiger Zeit hatte ich Gerd gesagt: „Wenn ich jemals merke, daß ich so wenig Herr meiner Sinne bin wie deine Mutter, dann verlaß ich dich!“ Seine Mutter war psychisch krank. Ich wußte eigentlich nie so richtig, woran sie litt. Aber ich vermutete, daß mein Schwiegervater eine Menge damit zu tun hatte, denn er behandelte seine eigene Frau wie den letzten Abschaum. Mir genügte das, was ich in den letzten Jahren erlebt hatte. Ich vermutete noch eine Menge anderer böser Dinge, die er mit seiner Frau veranstaltete, aber eigentlich wollte ich es nicht genauer wissen und es lieber verdrängen.

Leider bekam ich mit der Zeit immer mehr das Gefühl, daß Gerd sich sehr zu seinem Nachteil veränderte und viele Züge seines Vaters annahm. Der Notarzt fragte nicht viel. Nachdem mein Mann ihm erklärt hatte, daß mein Vater vor zwei Jahren gestorben sei und ich darunter offensichtlich noch immer litt, gab er mir eine Beruhigungsspritze. Kurz darauf muß ich eingeschlafen sein. Ein Internist, den ich nach dieser schrecklichen Nacht aufsuchte, verordnete mir Beruhigungstabletten. In den folgenden vier Wochen schluckte ich täglich drei dieser Pillen. Doch wie bei allen Psychopharmaka war die Gefahr, von diesen Tabletten abhängig zu werden, groß. In dieser Zeit lebte ich in einer vernebelten Welt - bis ich begriff, dass ich diese Pillen absetzen mußte.

In den folgenden Monaten schluckte in großen Mengen Baldrian, um mich ruhig zu halten und den Absprung aus der Sucht zu schaffen. Doch die Antriebslosigkeit, die mich durch meine Depression und verstärkt seit der ersten Einnahme der Tabletten befallen hatte, ließ nicht mehr von mir ab. Ich stand in der Frühe auf, versorgte notdürftig meine Kinder und ging wieder ins Bett. Mittags, aber auch nicht immer, kochte ich für sie und legte mich wieder hin. Gerd sagte kein Wort dazu, sondern ließ alles so laufen. Vermutlich verspürte er keine Lust, sich von mir die Ohren volljammern zu lassen. Und so schlief ich bis in den nächsten Morgen, um den kommenden Tag so zu verbringen wie den vorhergehenden, fast die ganze Zeit im Bett.

Hin und wieder gab es Lichtblicke. Ich schaffte es dann, an die frische Luft zu gehen. Manchmal nahm ich sogar an Feierlichkeiten teil, die leider oft damit endeten, daß ich großen Krach mit meinem Mann bekam. An einem solchen Abend fand ich mich plötzlich mitten auf einer Straße wieder. Ich wollte mich totfahren lassen. Doch im letzten Moment klingelten bei mir die Alarmglöckchen, ganz weit hinten in meinem vernebelten Hirn. Mir wurde in diesem Augenblick klar, daß ich Hilfe brauchte, daß ich von zu Hause weg mußte. Egal wohin, aber weit weg, um wieder zu mir zu kommen. Ich brauchte Hilfe, und zwar schnell. Das wußte ich jetzt endlich. So entschloß ich mich erst einmal zum Nervenarzt zu gehen. Das war der Anfang meiner Rettung. 

Ich schüttelte den Kopf, um die bösen Erinnerungen an die Qualen dieser Zeit loszuwerden. Mir war klar, dass mir der kommende Tag nach dieser horrenden Nacht sehr schwerfallen würde. Obwohl es Sonntag war, erwartete ich Gott sei Dank keinen Besuch. Ich konnte also ungestört alleine sein und mich in aller Ruhe mit Gerds Eifersucht auseinandersetzen.

Ohne jegliches schlechte Gewissen schrieb ich einen Brief an Alex, einen jungen Mann, den Gerd seinerzeit in der Firma eingestellt hatte. Rasch fand er bei uns Familienanschluss, und wir alle waren oft zusammen. Ich mochte ihn ganz gerne, vor allem konnten wir viel miteinander lachen, ein Umstand, der die krankhafte Eifersucht meines Mannes schürte. Doch erst durch seine Vorwürfe brachte mich Gerd auf Gedanken, die ich vorher nicht gehabt hatte. Verletzt durch Gerds Unterstellungen, begann ich erst recht, mit Alex zu flirten. Dadurch glaubte mein Mann erst recht, daß ich eine Affäre mit dem jungen Mann hatte. Natürlich spürte Alex die Eifersucht meines Mannes, aber er reagierte ganz ruhig. Schließlich mußten er und Gerd täglich zusammenarbeiten.

Doch mein Mann machte mich mit seinen Unterstellungen so fertig, daß ich lieber mit Alex als mit ihm Zusammensein wollte. Eines Tages, nachdem ich wieder stundenlange Unterstellungen hatte anhören müssen, setzte ich mich wutentbrannt in meinen Wagen, mit dem festen Vorsatz, meinem Mann eins auszuwischen und ihm allen Grund zu liefern, eifersüchtig zu sein. „Soll er doch endlich bekommen, was er mir immer vorwirft. Dann weiß ich wenigstens, weswegen ich mir diesen Blödsinn jeden Tag anhören muß!“

ließ Alex mich in seine Wohnung. Ich war den Tränen nahe, als ich ihm erzählte, daß Gerd mir unterstellte, daß ich eine sexuelle Beziehung mit ihm hätte, doch Alex lachte nur. Er kochte uns einen Kaffee, und wir redeten und redeten. Ich steigerte mich in eine unermeßliche Wut und hätte mich ihm fast tatsächlich angeboten, wenn er nicht abgeblockt hätte. Aber Alex nahm mich nur in den Arm, gab mir einen Kuß auf die Wange und schob mich zur Haustüre hinaus. „Reg dich ab, Mädchen. Das wird schon wieder. Wirst sehn, es wird schon wieder gut!“ Er mußte mich in den folgenden Wochen noch des öfteren beruhigen. Ohne seine Freundschaft hätte ich diese Zeit wohl kaum überstanden. Und ich zolle ihm heute noch Hochachtung dafür, daß er die Situation nicht ausgenutzt hat, denn es wäre ein leichtes Spiel für ihn gewesen.

In meinem Brief entschuldigte ich mich erneut für mein damaliges unmögliche Verhalten und bat ihn darum, unsere Freundschaft auch in Zukunft weiter zu pflegen. Sie besteht tatsächlich immer noch und das macht mich sehr froh. Inzwischen ist Alex glücklich verheiratet und hat Kinder. Aber eins ist sicher: Es war eine gefährliche Episode für mich und meine Ehe. Am Nachmittag telefonierte ich mit meinen Kindern. Sie waren guter Dinge und schienen keine Probleme damit zu haben, daß ich nicht da war. Gigi spielte viel mit ihnen, ging schwimmen und unternahm oft etwas mit ihnen.

Mit Gerd zu reden, war nicht so angenehm. Unausgesprochene Vorwürfe lagen in der Luft, und er war immer noch sauer, daß ich so Hals über Kopf abgereist war. Außerdem glaubte er immer noch nicht, daß ich krank war, sondern warf mir vor, auf seine Kosten einen schönen Urlaub zu machen. Ansonsten verlief das Telefonat besser als insgeheim von mir befürchtet. Am Nachmittag lieh Mike mir ein Buch und ich verbrachte den Rest des Tages damit, es zu lesen. Ich langweilte mich und wünschte mir, die Zeit ginge schneller vorbei. Dann doch lieber Therapien, auch wenn sie mich zum Heulen brachten, als dieses Nichtstun.