Dies und das. Mal schaun von was

Das beseelte Püppchen 

Susanna hatte begonnen, für ihren Sohn Tobias eine Puppe zu basteln. Ihr Sohn war ein kleiner Wüterich und zerstörte oft aus Wut seine Spielsachen. Diese Puppe sollte eine Wutpuppe werden, in der Hoffnung, dass Tobias dieses Angebot auch annehmen würde. Als die Puppe anfing Formen anzunehmen, bekam sie den Eindruck das diese Puppe etwas Lebendiges bekam. Ihr näher kam. „Du bist bekloppt!“ dachte sie, während sie die Puppe betrachtete. „Nein, bist du nicht!“ hört sie dann plötzlich die Puppe antworten.

Sie schüttelte den Kopf und legte das Teil, so nannte sie es vorsichtshalber, aus der Hand und ging in die Küche um das Mittagessen zu zubreiten. Erst am Abend hatte sie wieder Zeit sich mit der Puppe zu befassen und schon längst vergessen, was sie am Nachmittag erlebt hatte. Es dauerte nicht lange, und sie bekam das Gefühl, das die Puppe sie ansah. Förmlich mit den Augen fixierte. „So ein Blödsinn, es hat ja nicht mal richtige Puppenaugen. Bloß aus Wolle aufgestickt!“ sprach sie gedanklich mit sich selbst. Sie wollte natürlich nicht, dass ihr Mann sie hörte, der neben ihr saß. Er hätte sie doch glatt für verrückt erklärt, wenn er ihre Vermutungen vernommen hätte. Außerdem mochte er es sowieso nicht, wenn sie von Ahnungen sprach, die sie des öfteren befielen.

„Kann doch!“ hörte sie nun die Stimme wieder sagen. „Kann nicht, verdammt noch mal!“, hätte sie vor Schreck fast laut geantwortet. „Und kann es wohl! Hab keine Angst Susanna, du bist nicht verrückt. Ganz bestimmt nicht. Deine Liebe zu deinem Sohn hat mir eine Seele eingehaucht und deshalb kannst du jetzt meine Gedanken hören. Du lebst zwar im 21 Jahrhundert, trotzdem hast du etwas Mythisches bei deiner Geburt erhalten. Ein tief verwurzeltes Urwissen aus vergangenen Zeiten!“ erzählte ihr die Puppe. Verwundert hörte Susanne zu, die gar nicht mehr verstört war, denn sie hatte sich gerade in den letzten Monaten mit Mystik beschäftigt. Sie wusste nicht wieso, doch jetzt schien es ihr Sinn zu machen. „Wozu soll es gut sein?“ fragte sie die Puppe.

„Ich werde dich in eine Zwischenwelt führen, dir zeigen, welche Fehler du machst, wie du sie zwar nicht rückgängig machen kannst, aber wie du sie ausgleichen kannst! Keine Sorge, die Zeiten der feuerspuckenden Drachen, der gefährlichen Zauberer und bösen Hexen ist vorbei. Die, die noch existieren haben andere Aufgaben übernehmen müssen. Du wirst schon sehen. Ein paar dieser armen Gesellen wirst du kennen lernen müssen, um zu verstehen, welche Lebensfehler du machtest und wie du es wieder besser machen kannst. Bist du bereit?“

„Was jetzt?“

„Wieso nicht? Es wird Nacht und niemand wird merken, dass du nicht da bist. Dein Körper bleibt hier und geht gleich zu Bett. Doch deine Seele wird mich begleiten, wenn du die Kraft hast, an das zu glauben, was gerade geschieht!“ Ganz tief in ihrem Unterbewusstsein kam das Wissen, dass das was sie gerade erlebte Realität für sie war. Deshalb antwortete sie, ohne zu zögern: „Na dann los, lassen wir die kostbare Zeit nicht verstreichen!“ Ihr Mann bekam von alldem nichts mit, denn Susanne hatte ja nur einen Gedankenaustausch mit der Puppe.

Plötzlich schwebte Susanne im Raum. Sie sah sich, wie sie ihrem Mann nur halbherzig einen Kuss gab und sich für die Nacht ins Bett legte. Nebel umzog ihre Beine und bald sah sie nichts mehr als Nebel und die Puppe auf ihrer Schulter. Die Puppe erklärte ihr: „Zunächst gleiten wir zum Zauberer Namens Hass. Du brauchst keine Angst zu haben. Hass ist ein armer Wicht und überhaupt nicht bösartig. Er ist eigentlich ein sehr trauriger Zauberer, der leider nicht mehr zaubern kann, denn sonst würde er ja den Hass einfach aus der Welt verschwinden lassen!“

Im Nebel tauchte ein dunkles Schloss auf. Susanne erkannte nur die Umrisse des düsteren Schlosses. Ein großer Torbogen war geöffnet und darin stand ein alter hässlicher Mann. Susanne empfand aufsteigenden Hass, denn dieser Mann sah ihrem Schwiegervater, der sie immer böse beschimpft hatte, sehr ähnlich. „Da kommt ja endlich der Erlöser meiner Seele. Willkommen Susanna!“ sprach der alte Mann, dessen Züge sich plötzlich veränderten. Er sah überhaupt nicht mehr wie ihr Schwiegervater aus. Sie war höchst erstaunt. Der alte Mann hatte sie erwartet! Und sie sollte seine Erlöserin sein? Er führte sie in einen kleinen Raum mit Kamin, indem ein wärmendes Feuer brannte. Sie setzten sich in tiefe, gemütliche Ledersessel und Hass erklärte ihr, wieso sie seine Erlöserin sei.

„Es kommt nur noch selten vor, dass jemand aus deiner Welt zu mir findet. Es könnten ruhig mal wieder mehr werden. Ich trage den Hass der Menschheit auf meinen Schultern. Du kannst jetzt den Hass auf alles, was dir einmal weh getan hat, verlieren und damit nimmst auch du mir ein wenig meiner Last von den Schultern. Und das schafft Platz für den Hass anderer. Leider wird es mir dann doch Zuviel und werde mir eine Hilfe suchen müssen. Der Hass in euerer Zeit ist doch enorm groß und einfach zu viel für meine alten Schultern!“ Gespannt hatte Susanna zugehört: „Und wie soll ich das nun machen, denn Hass loswerden?“ „Es ist schon geschehen! Du wirst es merken, wenn du zurück bist. Deine Umwelt wird sich verändern, weil du dich verändern wirst. Und dein Sohn wird diese Puppe niemals brauchen! Du wirst unbewusst für das Verschwinden des Hasses in deinem Umfeld sorgen!“, mit diesen Worten verabschiedete sich der Zauberer Hass und Susanna und die Puppe schwebten wieder im Nebel.

Ein prachtvoller Palast mit einem Lustgarten und einem riesigen Schwimmbad tat sich vor Susannas Augen auf. Leise kroch der Neid in ihr hoch. Im Palasteingang stand eine junge hübsche Frau und lächelte ihr entgegen. Susanne verglich sich sofort mit dieser unglaublich schönen Person und der Neid wuchs ins Unermässliche. Das Püppchen auf ihre Schulter lachte. „Darf ich dir vorstellen. Das ist unsere Fee des Neides!“ Susanne schämte sich augenblicklich ganz fürchterlich. „Ach nein Susanna, das brauchst du nicht,“ sprach die Fee des Neides mit einer rauchigen Stimme, die überhaupt nicht zu ihrem äußerem Erscheinungsbild passte. Susanne schaute in das Gesicht der Fee, welches sich plötzlich in ein altes Gesicht verwandelte. Der ganze Körper veränderte sich und kurz darauf stand eine alte, hässliche, dicke Frau vor ihr. Der Palast verwandelte sich in eine alte Hütte, und die Fee führte sie in einen schönen Saal, der sich bald darauf in eine Rümpelkammer verwandelte.“Nichts ist, wie es scheint!“ lachte die alte Fee, die nicht mal mehr Zähne in ihrem Mund hatte.

Susanne ließ ihren Neid zurück, als sie wieder in Nebelschwaden versank. Die Puppe führte sie so zum Drachen der Hoffnungslosigkeit, der Hexe der Verzweiflung, der dreiköpfigen Kröte der Gehässigkeit, zur Schlange der Verführung, zum Hexenmeister der Angst und zur Oberhexe der Wut. Überall hatte sie ähnliche Erlebnisse. „Püppchen, können wir nicht langsam zurück. Ich bin so erschöpft, entmutigt und traurig über all die Eigenschaften, die ich hier an mir feststellen musste. Ich bin müde!“ fragte sie die Puppe.

„Nein, noch sind wir nicht fertig, denn jetzt kommt doch noch das Wichtigste. Ohne diesen Besuch können wir gar nicht zurück!“ antwortete diese. „Wohin geht es denn noch. Noch so schlechte Eigenschaften verkrafte ich nicht mehr!“ Doch bald darauf verstummte sie. Sie kamen in ein helles, wärmendes Licht und standen plötzlich vor den Engeln der Liebe. Sie redeten nicht, die dachten nicht. Sie schauten Susanne nur lächelnd an. Susanne spürte Kraft auf sich zukommen, verlor ihre Angst, ihre Müdigkeit. Es herrschte Vertrautheit, Ausgeglichenheit und tiefe Zuneigung. All dies ohne Worte. Als Susanne sich abwenden wollte, sprach dann doch noch ein Engel mit ihr. „Susanna, du besitzt soviel Liebe in Dir. Verstecke sie nicht mehr. Lebe mit ihr, zeige sie und lass diese Liebe nie wieder unterdrücken. Du wirst sehen, dann wird sich dein Leben verändern und das Leben wird wieder lebenswert. Du wirst dein Leben und das deiner Umwelt verändern. Nun schließe bitte deine Augen und hab Vertrauen!“ Susanna schloss die Augen. Eine wohltuende Wärme umfing sie, und sie spürte eine ungekannte Zufriedenheit in sich aufsteigen.

„Guten Morgen mein Schatz! Hast du gut geschlafen? Mir scheint doch sehr gut so gar. So wie du grad im Schlaf gelächelt hast und wie du auch jetzt noch strahlst. Das ist ja fast beängstigend. Wie lange ist es her, das ich dir gesagt habe, wie sehr ich dich liebe? Ja, ja ich weiß, des öfteren. Aber so richtig aus voller Seele!“ bei diesen Worten nahm ihr Mann sie in den Arm und drückte sie fest an sich. In den folgenden Wochen veränderte sich Susannas Leben zum Positiven. Das Püppchen, welches sie eigentlich für ihren Sohn hatte gebastelt saß seit dem auf der Sofalehne ihrer Couch. Immer wenn sie die Hoffnungslosigkeit und Angst befiel, gesellte sich die Seele der Puppe zu ihr und gab ihr neue Kraft.

Als sie viele Jahre später dem Tod gegenüberstand, gesellte sich das Püppchen wieder zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Du hast deine Sache gut gemacht. Und bevor du nun dort hingehst, wo du hingehörst, sollst du noch ein Dankbarkeitsfest der Zwischenwelt erleben. Denn du hast ihnen das Leben auch einfacher gemacht!“ Susanne lächelte dieses Lachen, welches ihr Mann lieben gelernt hatte, als sie starb. Er sah dieses Lächeln und wusste, das es ihr nun gut geht. Viele, sehr viele Menschen weinten an ihrem Grab, die nicht mal wussten, dass Susanne ihr Schicksal unbewusst gelenkt hatte.