Dies und das. Mal schaun von was

Was es bedeutet Mutter zu sein

Um sechs Uhr in der Frühe schellte der Wecker. Da meine Zimmer-genossinnen erst später zu ihren Therapien mußten, schnappte ich mir das verdammte Ding und schmiß es unter mein Kissen. Mit dicken Augen, müde und abgespannt ging ich so leise wie es mir möglich war durch das Zimmer und kleidete mich an. Mein Traum der vergangenen Nacht beschäftigte mich. War meine Abfahrt ohne Abschied doch nicht richtig gewesen?

Um sieben Uhr stand ich im Jogginganzug auf dem Klinikhof. Der Therapeut, in diesem Fall auch mein Masseur, zeigte mir und den anwesenden Patienten Lockerungsübungen fürs Laufen. Er strahlte Ruhe aus. Keine Nervosität oder Hektik kam auf. Das übertrug sich in gewissem Maße auch auf mich. Es tat gut, von Menschen umgeben zu sein, die nicht von der Hektik des Alltags erfaßt waren. Jedenfalls spürte man sie bei ihnen nicht. Ich nahm an, daß ich nun joggen müßte, bis mir der Schweiß ausbräche. Aber dem war nicht so. Langsam, ganz langsam an die Sache herangehen war auch hier die Devise. Eine Minute laufen, zwei Minuten gehen, wenn möglich keine Unterhaltung dabei führen. Nach dreißig Minuten kehrten wir wieder in den Klinikhof zurück. Überraschenderweise taten mir die Waden weh. Die Beine waren schwer wie Blei und nach Luft schnappte ich auch ganz schön.

Mein Körper strafte mich für die mangelhafte Bewegung der letzten Jahre. So empfand ich den Schmerz zumindest. Nach dem Frühstück stand das therapeutische Gespräch mit meiner Ärztin auf dem Plan. Große Unsicherheit überfiel mich wieder, als sie mich mit ihren schönen, braunen Augen direkt ansah. Sie sprach sehr ruhig und leise. Ich hatte Mühe, sie zu verstehen. Ob das wohl an meinem blöden Ohr lag? Ich hatte seit einem Jahr Probleme damit. Mehrmals schon hatte ich mit einer Gehörgangs-entzündung zu kämpfen gehabt, eine Krankheit, die sehr schmerzhaft sein konnte. Ich bin heute davon überzeugt, daß auch diese Erkrankung psychosomatisch war, denn seit der Kur ist sie nicht mehr aufgetreten. Die Ärztin fragte mich nach meinem Verhältnis zu meinen Eltern und Geschwistern. Sie blieb dann bei der Beziehung zu meiner Mutter stehen.

Da ich, kurz bevor ich in die Klinik gefahren war, eine Auseinandersetzung mit ihr gehabt hatte, begann sofort, die Wut in mir aufzusteigen. Mutter war ja wohl die letzte, worüber ich mir im Moment den Kopf zerbrechen wollte. Mir war klar, daß gerade bei diesem Thema vieles im argen lag. Die Fragen der Ärztin brachten mich dazu, meine bislang unausgesprochenen Gedanken zum ersten Mal in Worte zu fassen - etwas, was ich bis dato immer vermieden hatte. Ich musste feststellen, daß meine Probleme mit meiner Mutter viel tiefer lagen, als ich je angenommen hatte. Ich hatte natürlich objektiv gesehen keine wirklich schlimmen Probleme, sondern nur meine Gedanken waren destruktiv. Ich wollte aber jetzt eigentlich noch gar nicht die Wahrheit wissen, und versuchte, das Thema zu beenden.

„Ich bin doch wegen meiner Eheprobleme hier. Was soll das?“ sprach ich die Ärztin im ärgerlichen Ton an. Ohne auch nur eine Spur von Verärgerung antwortete sie ruhig, aber bestimmt: „Frau Walk! Sie sind hier, weil Sie nicht im Einklang mit sich selbst sind. Sie sind nicht hier, damit wir Ihre Probleme mit Ihrem gesamten Umfeld beheben. Ihre persönlichen Schwierigkeiten müssen Sie schon selbst lösen. Zum gegebenen Zeitpunkt. Nicht jetzt, nicht hier und nicht heute. Wir sind ganz für Sie da. Sie haben hier die Gelegenheit, sich jetzt erst einmal völlig auf sich selbst zu konzentrieren. Mit unseren Fragen wollen wir Ihnen helfen, sie gehören nun mal dazu. Wir machen uns so systematisch ein Bild von Ihnen. Fragen zu Ihrer Ehe kommen bestimmt noch zu einem späteren Zeitpunkt.“ Sie stellte die nächste Frage wieder zur Mutter-Tochter-Beziehung und gab keine weiteren Erklärungen.

Ich mußte ihre Worte erst einmal verdauen. Wieso fühlte ich mich schon wieder angegriffen? Die Ärztin war doch sachlich. Sonst nichts. Aber ich war dennoch wütend und sehr durcheinander. Hatte ich hier nur Beratung und goldene Rezepte für meine Ehe erwartet? Mit was hatte ich eigentlich gerechnet? Würde ich überhaupt je Vertrauen zu den Ärzten hier bekommen? Und wenn nicht, würde diese ganze Prozedur überhaupt etwas für mich bringen? Die Ärztin gab mir keine Ratschläge. Sie nahm keine Bewertungen vor wie: Das ist richtig, das ist falsch, das machen Sie richtig, das machen Sie falsch. Doch alles was sie mit ihren Fragen bei mir im Moment erreichte, war noch mehr Ratlosigkeit. Ich gestand mir ein, daß ich eigentlich ein wenig bedauert werden wollte. Ich wollte, daß man mir bestätigte, daß mein Mann schwerwiegende Fehler in unserer Beziehung begangen hatte. Ich wollte die Absegnung dafür, daß er schuld sei, daß ich in dieser Klinik gelandet war. Doch nicht einmal hatte die Ärztin meine Eheprobleme angesprochen. Sie gab mir nur eine Frage mit auf den Weg, mit der ich mich befassen sollte: „Was verstehen Sie darunter, eine gute Mutter zu sein?“ Das war alles.

"So eine blödsinnige Frage. Ich bin eine gute Mutter. Ich liebe meine Kinder. Im Moment bin ich zwar nicht gut drauf, aber deswegen bin ich doch noch lange keine schlechte Mutter, oder?“ war meine spontane Reaktion darauf. Doch die Frage bohrte unweigerlich in meinem Inneren, denn ich hatte mich niemals wirklich mit dieser Frage auseinander gesetzt. Meine Kinder waren Wunschkinder gewesen. Ich hatte sie geboren und lebte nun einfach damit, Mutter zu sein wie viele. Doch was stellte ich mir konkret unter Muttersein vor? Mein Schädel brummte. Ich gab mir einfach Zeit bis zum Nachmittag, um darüber noch ernsthaft nachzudenken.

Ich ging in die Stadt, um Dinge zu kaufen, die ich vergessen hatte von zu Hause mitzunehmen. Vor dem Mittagessen setzte ich mich noch eine Weile auf den Balkon, um zu rauchen - etwas, was ich mir eigentlich auch abgewöhnen wollte. Doch eins nach dem anderen! Monikas Sprüche verbreiteten gute Laune. Aber ich konnte sie nicht genießen. Die forschenden Blicke des Mannes aus Belgien verunsicherten mich. Ich wollte natürlich nicht wahrhaben, daß eigentlich ich diejenige war, die ihn beobachtete. Er erinnerte mich - wie gesagt - an meinen Bruder. Er zeigte sich überlegen und wissend, ohne unnahbar zu wirken. Es schien, als wäre er hier fehl am Platz. Er hatte stets lockere Sprüche auf Lager, genauso wie mein Bruder. Sein Bart gab ihm auch äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. Aber auch an meinen Vater mußte ich denken, wenn ich seine Art zu sitzen, die Zigarette zu halten, dabei den Blick forschend schweifen zu lassen, beobachtete. Fragte er etwas, stellte er immer rein sachliche Fragen. Niemals neugierige, niemals peinliche. Dinge betrachtete er immer von zwei Seiten. Alles Eigenschaften, die mich an Papa erinnerten.

„Wie Papa! Angelika sei vorsichtig. Du bist dabei, Ersatz für deinen Vater zu suchen. Das ist bestimmt nicht gut. Befaß dich lieber mit der Frage von heute morgen. Die Ärztin will bestimmt im nächsten Gespräch etwas darüber hören“, dachte ich aufgewühlt. Abrupt stand ich auf und flüchtete in mein Zimmer. Hier konnte ich dann wirklich meine Gedanken in die geforderte Richtung lenken. Das Mittagessen verpaßte ich. Meist wurde mit den Ärzten über die gestellten Aufgaben kaum noch geredet, denn da die Patienten sich damit so eingehend befasst hatten, war das meistens gar nicht mehr nötig. Mir wurde durch die anschließenden Gespräche sehr wohl bewusst, welche meine Intentionen bei vielen Handlungen waren und was ich falsch gemacht hatte. Mit der Zeit lernte man auch mehr und mehr die Dinge richtig zu analysieren. Schließlich will die dynamische Psychotherapie, also die Behandlungsmethode, die in dieser Klinik angewendet wurde, ja vor allem Hilfe zur Selbsthilfe sein.

„Eine gute Mutter erzieht ihre Kinder zur Selbständigkeit“, ja, das war es, was ich immer gewollt hatte. Allerdings hing ich selbst wie eine Klette an meinen Kindern, genau wie an meiner eigenen Mutter. Mit meiner eigenen Selbständigkeit war es auch nicht weit her. „ Die Kinder sollen kritisch mit sich selbst umgehen“, überlegte ich weiter. Ich stellte fest, daß ich nicht gerade mit der Fähigkeit zur Selbstkritik glänzen konnte. Wie sollte ich sie dann meinen Kindern vermitteln? Wie verhindern, daß sie über andere vorschnell ihr Urteil abgaben? Außerdem regte ich mich selbst auch gern über die Macken anderer auf. „Ich erwarte keinen Dank dafür, daß ich sie geboren habe!“ sagte ich halblaut. Stimmt das wirklich? Ich hatte früher stets Probleme mit dem Ausspruch meiner Mutter gehabt: „Ich habe dich geboren, ich habe dich großgezogen, ich habe für deine Schule gesorgt, ich habe dir deine Ausbildung ermöglicht, und was krieg ich als Dank dafür?“

Ich wollte alles anders und besser machen. Aber gelang mir das wirklich? Diese Fragen nach der Dankbarkeit machten mich immer wütend - gerade deshalb wahrscheinlich, weil ich selbst nicht frei davon war, sie von meinen eigenen Kindern zu erwarten - und doch tat ich damals alles, um meine Mutter zufriedenzustellen. Leider hatte ich immer den Eindruck, daß ich das nie würde ganz schaffen können. Es gab immer etwas an mir auszusetzen. Selbst heute noch leide ich darunter, nicht die Tochter zu sein, die sich meine Mutter offensichtlich gewünscht hat. Dann kommt noch die Eifersucht dazu. Meine ältere Schwester, so schien es mir immer, hatte sie stets lieber als mich. Immer wurde sie als Vorbild hingestellt. Infolgedessen ergriff ich auch den Beruf der Arzthelferin. Sie hatte ihn ja auch erlernt. Ich hatte mir damals nie die Frage gestellt, ob ich auch etwas anderes lernen könnte, was mir mehr Spaß machen würde. Ich wollte ihr nur gleichkommen.

Ich liebe meine Kinder und möchte, daß auch sie zu liebesfähigen Menschen werden, damit sie ihre Liebe wieder an ihre Kinder weitergeben können, ohne Dank dafür erwarten zu müssen. Tja, in meiner momentanen Lebenssituation konnte ich meine Vorstellungen wohl kaum umsetzen. Konnte ich denn all das wiedergutmachen, was ich versäumt hatte? Doch ich schwor mir: “Wenn ich heim komme, wird alles anders und besser!“ Etwas deprimiert legte ich mein Tagebuch aus der Hand und wartete auf die erste Hypnosebehandlung. Sie sollte in meinem Zimmer stattfinden. Um 13 Uhr betrat ein Arzt den Raum, setzte sich auf die Kante des Bettes, in dem ich lag, erklärte mir den Behandlungsabiauf und begann, monoton zu sprechen:

„Sehen Sie mir in die Augen! Konzentrieren Sie sich auf eines davon. Sie sind ganz ruhig! Alles, was war und ist, ist jetzt nicht mehr wichtig! Sie sind ganz bei sich. Ihr Körper wird schwer.“ Er legte seine Hand in Höhe meines Bauches auf die Bettdecke und sprach leise und monoton weiter: „Wärme strömt von hierdurch Sie hindurch. Sie sind vollkommen entspannt. Sie werden immer ruhiger. Lassen Sie ihre Augen in meinen versinken. Ihr Körper wird müde und schwer. Ruhe strömt durch Sie hindurch. Gedanken kommen und gehen. Sie sind unwichtig. Lassen Sie sie vorbeiziehen. Halten Sie sie nicht fest. Sie werden immer schwerer und müder. Absolute Ruhe ist in Ihnen!“ Ich spürte all das, was er sagte. Mein Körper wurde tatsächlich schwer. Vor meinen inzwischen geschlossenen Augen sah ich, wie mein Leib vor lauter Schwere in die Matratze gedrückt wurde. Ein merkwürdiges, aber angenehmes Gefühl. Ein Kribbeln ging durch meinen Körper, während ich begann, anders zu atmen, als ich es gewohnt war. Mit jedem Atemzug verlor ich meine Gedanken, die ich eigentlich festhalten wollte, mehr und mehr. Ich hörte den Arzt weiterreden: „Spüren Sie die Ruhe. die aus Ihnen kommt. Die Ruhe aus Ihrer Körpermitte. Selbstvertrauen erfüllt Ihren Körper. Sie treiben jetzt in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen. Ihr neues Selbstvertrauen wird wirken. In einer Stunde werden Sie aus diesem Zustand wieder erwachen.“

Während er sprach, entfernte er sich und ging zur nächsten Patientin. Ich war wie gebannt und hörte seine Worte ganz intensiv. Es war wie ein Zwang, ihm zu lauschen. Auch bei der dritten Patientin bekam ich all seine Sätze mit. Ein sehr angenehmer Zustand machte sich in mir breit. Ich mochte mich gar nicht bewegen, aus Angst, dieses Wohlgefühl könnte verschwinden. Leise entfernte sich der Arzt. Absolute Stille herrschte im Raum. Und es war nichts wichtig. Alles war weit weg. Mit jedem Atemzug wurde alles unbedeutender. Die Kinder, der Ehemann, die Mutter, der Vater, die Freunde, die Tatsache, daß ich hier war. Alles war unwichtig! Unwichtig, ganz unwichtig! Egal! Nur ich, ich war wichtig. Ich öffnete die Augen, um sie gleich wieder zu schließen. Ich wollte doch nur wissen ...? Was wollte ich wissen? Unwichtig. Nichts war wichtig. Nur ich war wichtig. Ich lag da und war ...? Was war? Egal! Unwichtig.

Nach exakt einer Stunde wurde ich wieder klar. Das, was mir da widerfahren war, ist kaum nachzuvollziehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Aber der Zustand war wahnsinnig toll. Ich fühlte mich danach wie ein Fisch in klarem Bachwasser. Wieso? Keine Ahnung, aber alles war verdammt gut! Ich drehte mich in meinem Bett nochmals herum und kuschelte mich in meine Decke. Kaffeeduft, der aus dem Speisesaal herüberwehte, weckte mich aus meinem Schlummer. Ich muß wohl eingeschlafen sein! Als allererstes rannte ich zur Toilette. Vom Balkon hörte ich eine Stimme rufen: „Oh, Mann, Walk, wie siehst du denn aus?“ Ich sah eine junge Frau namens Gilla. Sie lachte mich an, sie meinte es nicht böse. An diesem Tag konnte ich zum ersten Mal über eine belanglose Bemerkung lächeln und ärgerte mich nicht. Ich ging hinaus zu ihr, rauchte und schaute durch die Gegend. Plötzlich befiel mich wieder eine große Traurigkeit, und ich wußte erneut nicht warum. Der Belgier beobachtete mich und fragte dann: „Wie geht es dir?“ „Beschissen“, fauchte ich ihn an, packte meine Zigarettenschachtel und rannte die Treppe hinunter. 

 

Ich ging rechts über den Innenhof, und dann durch einen kleinen Garten mit Schotterwegen. Dann weiter um das Gebäude herum und bis zu einem kleinen Pfad, der zu schmalen Steintreppen führte, an deren Ende sich ein kleines Plateau befand. Umrankt von Holundersträuchern, verborgen vor den Blicken anderer, war dies der ideale Platz, um allein zu sein. Ein Baumstumpf diente als Tisch. Zwei Plastikgartenstühle standen rechts und links davon. Die Mauer der Burg war hier nur kniehoch. Man hatte einen Blick auf die kleine Brücke, über die ich am Morgen gelaufen war. Es roch sehr gut hier. Ich setzte mich auf einen der Stühle und legte meine Beine auf den Baumstumpf.

„Hab ich eigentlich keine Sehnsucht nach meinen Kindern? Sehnsucht nach Gerd? Ach was, der kann mich mal. Die Kinder sind bei Gigi gut aufgehoben, daß weiß ich genau. Aber warum um alles auf dieser Welt bin ich wieder so traurig?“ fragte ich mich selbst. Ich kam nicht dahinter und begann, die Patienten, die ich bisher kennengelernt hatte, an meinen Augen vorbeiziehen zu lassen.

„Will. Tja, der ist nett. Meine Tischgenossinnen. Auch ganz nett, aber distanziert. Liegt wohl sowieso an mir. Ich will nichts mit ihren Problemen zu tun haben. Sockenklaus. Ein netter Typ. Sieht aus als käme er aus dem Studentenmilieu. Der kommt aus derselben Stadt wie ich. Nach langem hin und her haben wir inzwischen festgestellt, daß ich ihn schon einmal getroffen hatte. Damals saß er in einem Krankenhaus und strickte - genau wie hier immer - Socken. Daher kommt überhaupt der Spitzname. Antje. Strohblond und immer für einen Spaß zu haben. Sie hat ein ansteckendes Lachen. Ich höre sie gerne lachen. Gilla. Herzerfrischend frech und große Klappe. Für sie ist alles Gift. Selbst Zahnpasta. Martin. Ein großer, schlanker, dunkelhaariger Mann. Immer einen dummen Spruch auf den Lippen, aber nett. Monika. Mütterlichster Typ unter den Patienten. Sie geht eigentlich immer mit dicken, verweinten Augen durch die Gegend, so wie ich. Allerdings ist sie traurig, weil sie nicht zu Hause sein kann. Dabei darf sie schon am kommenden Wochenende Heimurlaub machen.

Der Belgier... Nur nicht über ihn nachdenken ...“

Eigentlich hatte ich bis jetzt nur nette Menschen kennengelernt. Ich war hin- und hergerissen. Mochte ich nicht die Menschen inzwischen schon wieder viel zu sehr? „Sie sind alle so nett zu mir, und was mache ich? Ich versuche, ihnen die kalte Schulter zu zeigen und nur abweisend zu sein. Aber eigentlich bin ich doch gar nicht so. Es macht mir auch keinen sonderlichen Spaß, so kühl zu sein, die Unantastbare zu mimen. Also, warum mach ich das dann? Nur weil Gerd es nicht mag, daß ich so offen bin? Genau! Und? Ist hier ein Gerd, der mir Vorschriften machen kann? Nein! Eben! Also, ein bißchen netter dürfte ich schon sein. Und Freundschaften schließen ist doch wohl nicht strafbar, oder?“

Ich hatte mir hier schnell angewöhnt, mit mir selbst zu reden. Es war eine gute Möglichkeit, sich Klarheit über die verschiedensten Dinge zu verschaffen. Also beschloß ich, ein wenig zugänglicher zu werden. Doch meine namenlose Angst stieg immer wieder in mir hoch. „Was soll der Schwachsinn mit Hypnose und Musik anhören? Das hilft doch alles nichts!“ Damals ahnte ich nicht, daß diese Auseinandersetzung mit mir selbst die ersten Schritte auf dem Wege der Heilung meiner Seele waren, der Beginn meines neuen Selbstbewußtseins. Die Therapien begannen zu wirken. Doch während ich noch im Garten saß, machte mich der ständige Gedankenwirrwarr auch wütend und traurig. Warum konnte ich nicht aufhören, zu grübeln und einfach alles auf mich zukommen zu lassen? Wieder begann ich zu weinen. Die Sehnsucht nach meinem Vater überfiel mich erneut. Beinahe regungslos blieb ich noch zwei Stunden dort sitzen, ehe ich mich wieder beruhigte.

Nach dem Abendbrot lud mich Sockenklaus ein, ihn in ein Bistro zu begleiten. Da ich ja beschlossen hatte, offener zu sein, ging ich mit, doch fühlte ich mich irgendwie fehl am Platz und verabschiedete mich bereits nach einem Glas Wasser. Ich ging wieder zu meinem Stuhl auf den Balkon. Dort waren Monika und der Belgier mitten in einer angeregten Diskussion. Als Monika mich bemerkte, ließ sie es nicht zu, daß ich mich allein in meinen Schmollwinkel verzog, sondern bat mich herüber. Es machte Spaß, ihr und dem Mann - er hieß Mike - zuzuhören. Es dauerte nicht lange und ich wurde von beiden mit einbezogen. Wir lachten sehr viel. Mir tat schon der Bauch weh, und Mike hatte einen Lachanfall nach dem anderen, so daß er kaum noch Luft bekam. Immer wieder entschuldigte er sich dafür. Das reizte Monika und mich erst recht zum Lachen. „Oh, mein Gott, so viel habe ich in den letzten Jahren nicht mehr gelacht!“ prustete ich. „Bitte schön, gern geschehen!“ sagte Mike grinsend zu mir.

Ich verstand nicht, was er damit meinte. Ziemlich verdattert schaute ich ihn an, was bei ihm einen erneuten Anfall auslöste. Er verabschiedete sich rasch, drehte sich um und ging laut lachend in sein Zimmer. Monika und ich blieben noch so lange draußen, bis die Nachtschwester uns beide sanft, aber bestimmt in unsere Zimmer scheuchte.