Dies und das. Mal schaun von was

Würli kann lesen

Würli fraß sich täglich kreuz und quer durch das Aquarium. Max und Felix kümmerten sich vorbildlich um ihn und wechselten oft genug die Erde und gaben ihm so manch Leckerei dazu. Dies war sein Alltag bis Max aus der Schule heim kam. Max war inzwischen sein Menschenfreund. Sein bester Freund. Als Max heute aus der Schule kommt, ist wie jeden Tag, sein erster Gang zum Aquarium um mich zu begrüßen. „Würli? Bist du wach?“ fragt er „Klaro, hab schon auf dich gewartet. Ist doch nicht lustig ohne dich!“ antworte ich.

„Würli, du wirst noch ne Weile alleine sein und dich selbst beschäftigen müssen. Ich muss heute soooo viele Hausaufgaben machen. Und du hast ja mitbekommen, das ich nur zum Basketballtrainning darf, wenn ich meine Hausaufgaben erledigt habe!“ erklärt Max. „Ooooch!“ denke ich enttäuscht. „Kannst du mich nicht wenigstens mit auf deinen Schreibtisch nehmen. Da schau ich mich einfach mal um. Ist bestimmt lustig auf deinen Tisch!“ bettel ich Max an.

„Na gut! Aber nur wenn du aus meinem Kopf heraus bleibst und mich in Ruhe arbeiten lässt. Versprochen?“ fragt Max. „Klaro, versprochen!“ Ich zappel mit meinem Oberkörper vor Aufregung hin und her. Max nimmt mich aus dem Aquarium und setzt mich auf seinen Schreibtisch neben der Schreibtischlampe ab. „Hier hast du es dann auch noch ein bisschen warm, wenn es dir kalt wird“ lächelt Max, der sich dann so gleich über seine Hausaufgaben beugt. Es ist spannend aufs Max Schreibtisch. Ich denke bewusst keine Sekunde an Max, um ihn nicht zu stören. Ich schlängle mich über den Tisch von Buch zu Buch. Max hat viele Bücher auf dem Tisch. Und die großen Buchstaben der Büchertitel kann ich sehr gut sehen.

„Bbbbiiiiiiiioooolllogi!“ lese ich auf einem Buch. Hey, ich kann tatsächlich die Buchstaben zusammen setzen und lesen! Nach ein paar Ansätzen klapp das sogar viel schneller. Ich lese: „Biologie, Mathematik, Geschichte!“ Aber mit den Wörtern an sich kann ich nichts anfangen. Ich bin verwirrt. Hatte man mir früher das lesen bei gebracht? Ich kann mich nicht erinnern. Aber vielleicht waren das ja auch die Gene, von denen Opa immer erzählt hatte. Gene die bei mir anders wären als bei allen anderen Würmern. Ich schlängle von Buch zu Buch und bin ganz fasziniert von meiner Entdeckung das ich Lesen kann. Das muss ich Max unbedingt erklären wenn er mit den Hausaufgaben fertig ist. 

Leider hatte Max keine Zeit sich mit dem Würli zu befassen. Er war knapp in der Zeit und legte das Würli vorsichtig ins Aquarium. „Tut mir leid Würli, aber ich hab kein Zeit mehr!“ sagte es und rannte dann im Eiltempo zur Tür hinaus. Würli wusste, das es jetzt ein paar Stunden dauern würde, bis der Max heim kommen würde. Aber er würde keine Langeweile haben, denn schon kam der zottelige Haushund Tiger um die Ecke geschlichen.

„Puh, bin ich kaputt. Der Spaziergang war mal wieder ne Wucht.!“ Tiger erzählte ihm jeden Tag was er da draußen für einen Unfug trieb und er seinen Menschen zum Lachen brachte. Die Zeit verging dann immer wie im Flug bis Max zurück kam. Und Max würde wieder fragen: „Na, was hat Tiger dir heute schönes erzählt!“ Aber das würde er dem Max nicht sagen, denn Tiger der Hund hatte eines Tages zum Würli gesagt: „Weißt du. Mir gefällt es so wie es ist. Meine Menschen verstehen mich auch so. Ich will keinen Dolmetscher für meine Menschen. Es ist gut wie es ist.“ 

Ich bin klug genug und würde Max nicht wissen lassen was der Hund mir sagt. Denn Max weiss ja nicht, dass ich auch den Hund verstehe. Menschenkinder müssen halt nicht alles wissen! „Weißt du Würli. Menschen sind manchmal so kompliziert. Machen wir es nicht komplizierter als es ist. Es soll für mich so bleiben wie es ist. Weißt du, eines Tages wird Max erwachsen werden und dann wird es schwieriger dich mit ihm auszutauschen. Wenn aus Kindern Erwachsene werden, verlieren sie oft das Neugierige und ihre kindliche Freuden. Er wird dich eines Tages nicht mehr verstehen. Aber mich, mich versteht er immer, auch wenn wir keine Gedanken tauschen können. Genieß die Zeit die ihr habt und eure Freundschaft. Ich hoffe Max wird lange ein Kind oder wenigstens ein Erwachsener mit kindlichen Resten werden.“

Das ist wohl die längste Erklärung die ich je von Tiger bekommen würde. Denn eigentlich ist Tiger sehr wortkarg. Ich respektiere den Wunsch vom Hund und schweig immer gewissenhaft, wenn Max danach fragt. Und schon kommt Max um die Ecke gerannt. Erschöpft aber glücklich kommt er vom Training heim. Nach ein paar Minuten holt er mich und legt sich auf sein Bett und ich liege auf seinem Brustkorb. „Na, was hat Tiger dir heute so erzählt!“ „Ach du und deine Fragen immer! Ich hab aber was ganz tolles entdeckt heute!“ lenke ich ihn ab und mach ihn neugierig. „Ach ja. Was denn?“ fragt Max

„Ich kann die Buchstaben auf deinen Büchern erkennen und zusammen setzen. Aber ich kann mit den Wörtern nichts anfangen!“ antworte ich. „Was? Du kannst lesen?“ Fast hätte er mich vom Bett geschmissen, denn er ist aufgesprungen. Er hat mich aber noch rechtzeitig gepackt bevor ich in hohem Bogen durch die Gegend geflogen wäre. „Tschuldigung Würli. Aber ich war so überrascht!“, entschuldigt Max sich sofort. „Aha, lesen heißt das also. Ja, ich kann wohl lesen. Aber was ist Geschichte?“ frage ich ihn. „Hmmmm“ überlegt Max. „Also Geschichte ist... Hmm Hmm. Da erfährt man halt alles was vor vielen vielen Jahren alles auf der Welt passiert ist.“ „Und was ist Mathematik? Und Biologie und....“, ich frage Max Löcher in den Bauch. „Mathematik ist ein anderes Wort für Rechnen!“ antwortet Max „Klar, und was ist Rechnen?“ lass ich das Fragen nicht sein. So beginnt Max dem mir viele Worte zu erklären. Selbst seine Hausaufgaben erklärt er mir und merkt nicht, das er beim Erklären der Dinge selbst eine Menge lernt! Zwischen Schule, Hausaufgaben und Basketballtraining fragte Würli so oft er nur konnte, wenn Max Zeit für ihn hatte. Und Felix hatte einen guten Zuhörer, wenn er von seinen Hobbys erzählte und erklärte wie er in seiner kleinen Werkstatt im Keller seine Bastelarbeiten machte. Aus Würli würde so sicher eines Tages ein ganz schlauer Wurm werden!“

An einem solchen Tag kam Max mal wieder heim und stöhnte über die Menge an Hausaufgaben die er bekommen hatte. „Würli, weißt du was. Du kannst doch lesen. Wie wäre es, wenn ich dir ein Buch ins Aquarium lege und du dann lesen kannst, während ich Hausaufgaben mache?“ „Super Idee, am liebsten das Märchenbuch im Regal. Das würde ich gerne lesen!“ antworte ich ganz begeistert. Gesagt getan. Max öffnet das Buch und legt es flach in den Sand. „Tschhhh tschhh tschh“ hört er ein unbekanntes Geräusch. Was war denn das? Ich hob meinen Körper an und meinte:“ Ich glaube ich habe gelacht. Bin mir aber nicht sicher!“ Mein kleiner Mund hat die verdächtige Form eines Grinsens. „Wieso hast du gelacht?“ fragt Max verwundert. „Tja, wie soll ich denn die Buchseiten umschlagen so ohne Arme und Beine!“ Ich halte meinen kleinen Kopf ganz schräg während ich Max fragend anschaue. Max tippt sich vor die Stirn. “Ohje. Da hab ich auch nicht dran gedacht. Machen wir es so. Sobald du fertig bist gibst du kurz einen Piep von dir, dann komm ich die Seiten umschlagen!“ Max geht zu seinem Schreibtisch und packt seine Schulbücher auf den Tisch und hätte fast das leise klägliche Piep piep von mir überhört.

„Würli!! Ich bin ja schon viel gewohnt, aber selbst du kannst unmöglich so schnell lesen. Das glaub ich jetzt einfach nicht!“ lacht Max als er sich zu mir beugt. „Das kann ich ja auch nicht!“ ich höre mich ganz traurig an. „Was issn los Würli!“ besorgt schaut Max mich an. So bedröppelt kennt er mich ja gar nicht. „Die Buchstaben. Ich kann die Buchstaben nicht erkennen und nicht mehr zusammen setzen. Auf dem Schreibtisch, die großen Buchstaben konnte ich zusammen setzen. Aber die hier nicht. Die verschwinden irgendwie und kommen zu sammen. Ganz verschwommen alles!“ es fehlt nicht viel und ich fange an zu weinen, weil ich so traurig bin. „Oh Würli. Das liegt an deinen Augen. Die sind wohl nicht so gut ausgeprägt wie alles andere an dir. Hhmmm, was machen wir denn nun. Wart ab, ich frag mal den Felix, der hat bestimmt ne Idee.“

Max rennt aus dem Zimmer zu Felix, dann rufen beide aus dem anderen Zimmer: „Wir kommen gleich wieder!“ Nach einiger Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, kommen Max und Felix mit einer Tüte in der Hand wieder ins Zimmer. Felix nimmt mich in die Hand und Max kramt in der Tüte und holt riesige, runde Dinger aus der Einkaufstüte heraus. „Würli. Das sind Brillen! Wir haben im Kaufland die ganz billigen Dinger besorgt in verschiedenen Stärken. Die probieren wir einfach mal aus!“erklärt Max. Er hält das Märchenbuch in der Hand und mit der anderen mich fest, so das ich durch die Brillengläser schauen kann und ich ganz langsam anfange zu lesen. Max und Felix grinsen sich an. Ja, das war es. Ich brauche eine Brille! Aber die riesen Dinger ging ja nun nicht. Und jeden Tag in der Hand vom Max lesen lassen ging auch nicht. Felix legte mich auf den Tisch. Dann ruft er: „Ich hab ne Idee!“ und rennt zur Tür hinaus.

Nach ein paar Stunden kommt er wieder und hält etwas Winziges in seiner Hand. „Ich war bei meinem Freund Carlo. Sein Vater ist Optiker. Ich hab ihm erklärt, ob er mir die Gläser im Sehstärkenbereich ganz klein machen kann, weil ich es für einen winzigen Freund brauche. Der hat mich ausgelacht!!!!! Und dann musste ich ne Lügengeschichte erfinden! Der hätte mir doch sonst nie geglaubt. Und ihr wisst doch, lügen soll man nicht. Ich hoffe ihr wisst was für ein Opfer ich für euch bringen musste!“ bei diesen Worten grinst Felix breit und man merkt, dass er es nicht wirklich schlimm fand, eine kleine Lügengeschichte zu erzählen.

„Naja, ich hab ihm dann erklärt, das es für Vanessas winzig kleine Puppe eine Brille sein soll. Das hat er mir dann doch eher abgenommen. Er hat sie klein gemacht, so gut es ging und ich hab noch im Keller ein Brillengestell dafür gebastelt“ mit diesen Worten und voller Stolz hob er seine rechte Hand und öffnet sie. Da liegt sie; meine eigene Brille! „Wer ist Vanessa?“ frag ich nebenbei, und betrachte sehnsüchtig das Ding in Felix Hand. „Das ist die Tochter vom Nachbarn. Ne ganz süße. Ein bisschen aufgedreht, aber sonst ganz in Ordnung. Ich glaub die ist fünf!“ antwortet Max. „Lern  ich die mal kennen?“ frage ich, während ich immer noch wie hypnotisiert die Brille anstarre. „Klar. Ich denke so im Dezember. Da sind die Eltern oft gemeinsam unterwegs und dann ist Vanessa auch hier zu Besuch.

„Mensch Felix, nun gib ihm schon die Brille!“ lacht Max, der sich fast nicht mehr einkriegte über das Bild wie ich die Brille anstarre. Felix legt mir die Brille vorsichtig auf den Kopf und ich beginne sofort zu lesen. „Es war einmal ein kleiner....!“ Sie legten mich samt Buch ins Aquarium. So versunken im Lesen, merke ich nicht wie die beiden Jungs sich bücken und mich beobachten. Beide grinsen bis über beide Ohren. Als ich piep mache, blättert Max die Seite um mit den Worten: „ Aber nur noch die zwei Seiten, dann ist Zeit zum Schlafen!“  Max ging dann auch zu Bett. Würli saß immer noch auf dem Buch und arbeitete sich durch die Seite. Das Aquarium hatte eine kleine Nachtleuchte, die dem Würli ausreichend Licht zum Lesen gab. Als Max am nächsten Morgen aufstand staunte er nicht schlecht. Das Würli lag zusammengerollt mitten auf dem Buch. Aber erstaunlich war nur, das das Buch bei den Seiten 26-27 aufgeschlagen war. Wie hatte er das denn bloß bewerkstelligt?