Dies und das. Mal schaun von was

Erinnerungen an meinen Papa

Am nächsten Morgen erwachte ich schweißgebadet. Meine schlechten Träume ließen mich aber nicht los und verdarben mir die Laune für den kommenden Tag. Mißmutig stand ich um sechs Uhr in der Frühe auf - das war etwas, was ich schon in den letzten Monaten abgrundtief gehaßt hatte. Oft lag ich tagelang nur im Bett, ohne mich ein einziges Mal zu erheben. Die Depression hatte mich antriebslos gemacht, apathisch.

Ich schlich mich leise aus dem Zimmer, vorbei an dem Aufenthaltsraum, rechts herum zur Dusche, die sich auf dem Flur befand. Nach dem Waschen setzte ich mich im Bademantel auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Ich begriff zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch gar nicht, daß ich tatsächlich nun in einer Klinik für seelisch Kranke angekommen war.

Eine Tür, direkt gegenüber von mir, ging auf. Ein Mann, etwa 40 Jahre alt, schlurfte auf den Balkon. „Guten Morgen“, sagte er mit fremdländischem Akzent. Seine Stimme klang angenehm. Wieso fiel mir das auf? Er schaute in den Himmel und sagte nichts mehr. „Gott sei dank!“ flüsterte ich mir zu, „wieder jemand, der dich in Ruhe läßt.“ „Bitte schön“, sagte der Mann, drückte seine Zigarette aus und ging Richtung Dusche davon. Was sollte das denn?

Nach dem Frühstück zeigte Will mir den Weg in die Bäderabteilung. Ich mußte die Treppe hinunter, aus dem Gebäude hinaus und rechts vom Innenhof Steintreppen wieder hinauf, an den Einzelzimmern vorbei. Man nannte diese Räume auch die Privatpavillons. Sie waren flach und hatten jeweils eine separate Toilette und ein eigenes Bad. Die meisten Türen standen offen. Einige Patienten rauchten oder lasen Zeitung. Sie hatten kleine Tische vor ihren Räumen stehen. Sie grüßten freundlich, was mich merkwürdigerweise ärgerte. Dahinter ging es in ein neues Gebäude. Vor mir hing an einer Tür das Hinweisschild »Physikalische Abteilung«. Rechts davon führte eine weite Wendeltreppe hinauf. An der Wand eine Leuchttafel, die blinkte: »Bitte Ruhe! Therapie!«

Ich öffnete die Tür zur Bäderabteilung und befand mich in einem langen Flur. Medizinische Gerüche stiegen mir in die Nase. Zum ersten Mal empfand ich die Krankenhausatmosphäre als bedrückend. Eine freundliche Schwester wies mich zu einem Raum. Dort zog ich mich aus und stieg in die vorbereitete Badewanne. Meine erste Therapiestunde hatte begonnen. Ich lag in einem Beruhigungsbad mit Baldrianextrakten. Es tat gut, so im warmen Wasser zu liegen. Ich schloß die Augen und versuchte, einfach zu entspannen. Bald hatte ich die Welt um mich herum vergessen.

Von irgendwoher hörte ich dumpfe Töne. Sie hatten einen ganz eigenen Rhythmus. Ich vermutete, daß es keine Radiomusik war. Doch störend waren sie nicht. In Gedanken versuchte ich, diesem Rhythmus zu folgen, und stellte mir vor, daß die Musikanten Patienten wären, die ihren Gefühlen mit Hilfe von Musikinstrumenten Ausdruck verliehen. Ich zuckte zusammen, als mich eine Stimme ansprach: „Frau Walk? Ihre Zeit ist vorbei. Ziehen Sie sich an und begeben sich zur Ruhe auf Ihr Zimmer. Und bitte 30 Minuten zugedeckt liegenbleiben“. Inzwischen war der eben noch so ruhige Rhythmus zu einem ohrenbetäubenden Lärm angeschwollen. Später erfuhr ich, daß die Musik tatsächlich von Patienten stammte, einige aber in Wut geraten waren und wie verrückt auf ihre Trommeln und Blechgeräte eingehämmert hatten. Das machte mir jetzt Angst.

Ich versuchte, die Ruhepause einzuhalten, konnte sie jedoch nicht genießen. Mein Therapieplan sah als zweiten Therapieschritt Musik passiv vor. Ich wollte unbedingt wissen, was das war, und freute mich sogar ein wenig darauf. Doch wenn ich zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte, was da auf mich zukam, hätte ich wahrscheinlich gleich das Weite gesucht. Mit gemischten Gefühlen - denn die Angst begleitete mich nach wie vor, kletterte ich die vielen Treppen bis unter das Dach hinauf zu dem kleinen Therapieraum, in dem alles stattfinden sollte.

Ich begab mich direkt ans Fenster. Um mich nicht mit den anwesenden Patienten unterhalten zu müssen, öffnete ich es und schaute hinaus. Von hier oben konnte ich das Schwimmbad der Klinik sehen: „Ein Witz! Ziemlich klein das Ding. Schwimmst du zwei Züge, stößt du dir die Rübe“, ging es mir durch den Kopf. Doch leider hatte ich nicht lange Zeit zu schauen, denn der Therapeut erschien. Der Raum war sehr klein. Beängstigend klein. Ich nahm mir genau wie die anderen eine Gummimatte und legte sie auf den Boden. Es wurde nicht viel geredet. Und wenn doch, dann flüsterten die Patienten leise. Mein ungutes Gefühl wurde immer mehr zur Beklemmung. Ich mochte die Menschen um mich herum nicht ansehen, den Therapeuten erst recht nicht.

Dieser setzte sich auf einen Stuhl und begann zu erklären: „Bitte legen Sie sich entspannt auf den Rücken. Sie hören jetzt Musik. Beurteilen Sie diese nicht. Lassen Sie sie nur auf sich wirken. Achten Sie auf Ihre Gefühle während dieser Zeit. Sie haben anschließend die Möglichkeit, mit mir über das Erlebte zu reden. Sie müssen aber nicht. Sie tun hier alles aus freien Stücken, und niemand kann Sie zu etwas zwingen, was Sie nicht möchten. Bitte legen Sie sich jetzt hin“.

Ich mußte daran denken, wie ich zu Hause in den letzten Jahren immer im Wohnzimmer auf dem Boden gelegen und klassischer Musik gelauscht hatte. Mein Vater hatte mir diese Art von Musik nahegebracht. Leider kamen mir stets die Tränen, wenn ich mich von den Tönen tragen ließ. Deshalb stieg in mir auch jetzt ein ungutes Gefühl hoch. Ich bekam kaum noch Luft. Panische Angst breitete sich in mir aus. Ein Schweißausbruch überkam mich. In Gedanken betete ich: „Oh, mein Gott. Bitte, bitte keine Klassik. Bitte, bitte nicht“ Leise erklang dennoch die gefürchtete Musik und traf mich mitten ins Herz.

Ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Namen und Stücke, doch ich kannte diese Musik, die ich da hörte, in- und auswendig. Es war eins der Stücke, die ich liebgewonnen hatte. „Was mach ich denn jetzt bloß?“ Die Tränen schössen mir in die Augen. „Ich schaff das schon, ich schaff das schon“, redete ich mir gut zu. Ich schluckte und schluckte, doch der Kloß in meinem Hals wurde immer dicker. Meine rechte Hand griff nach meinem Pulli, den ich zuvor ausgezogen hatte. Ich krallte mich daran fest, in der Hoffnung, so dem Tränenfluß Einhalt gebieten zu können. Meine Fingerknöchel taten weh. Ich bemerkte, daß mein Gesicht naß wurde. Meine Hand lockerte sich. Dann gab ich schließlich den sinnlosen Kampf gegen die Trauer, die mich durchdrang, auf. Durch meine geschlossenen Augenlider suchten sich die Tränen ihren Weg. Rinnsale bildeten sich rechts und links an meinen Ohren vorbei. Kein Laut kam von meinen Lippen.

Doch es wurde schlimmer und schlimmer. Ich begann schließlich zu schluchzen. Verzweifelt drehte ich mich in die Bauchlage. Dabei zog ich meinen Pulli mit und drückte ihn mir vor das Gesicht. Ich versuchte, die Laute zu ersticken. Ein Heulkrampf schüttelte mich. Ich trat mit den Füßen gegen den Boden. Das kleine Mädchen in mir kam wieder zum Vorschein und ließ sich nicht mehr verscheuchen. „Oh, Papi, Papi, hilf mir“, war alles was ich in diesem Moment denken konnte. Ich war so stolz auf mich gewesen, weil ich damals so wenig geheult hatte, als mein Vater gestorben war. Ob das wohl so richtig und vernünftig war?

Sechs Wochen Krankenhausbesuche bei meinem Vater zogen an meinen inneren Augen vorüber. Dreimal täglich war ich zu ihm gegangen. Meine Nachbarin ermöglichte es mir, diese Zeit meinem Vater zu schenken, indem sie sich rührend um meine Kinder und mich kümmerte. Nie kam ein Wort, daß es ihr langsam zuviel würde. So konnte ich mich voll auf meinem Vater konzentrieren. Und das wollte ich unbedingt. Ich hatte zahlreiche Gründe dafür. Aber daß mein schlechtes Gewissen der Hauptgrund war, sollte ich erst hier in der Klinik herausfinden.

Ich sah ihn, wie er, schon halb verhungert, durch das Krankenhaus, in dem er war, irrte. Oft sprach er gar nicht, wollte nur ins Raucherzimmer. Übelkeit machte ihm zu schaffen. Wenn ich ihn so sah, konnte ich nicht begreifen dass eine bösartige Geschwulst im Hals ihn so zurichtete und sein Leben bald beenden sollte. Durch Morphium geschwächt redete er nur noch wirres Zeug und versuchte trotzdem, um sein Bewußtsein zu kämpfen. All die Lügen, die ich ihm in dieser Zeit aufgetischt hatte, um ihm ein wenig Hoffnung zu geben, gingen mir durch den Kopf. Ich kämpfte um ihn, nur noch um einen Sommer mehr. Nur einen einzigen Sommer. Vergeblich.

Seine letzten Atemzüge erlebte ich, während ich seine Hand hielt. Seine Augen richteten sich ein letztes Mal auf mich und zu meiner Verwunderung waren diese vollkommen klar. Ein wissendes Leuchten stand in seinen Augen. Während dieses Leuchten langsam verschwand und sein Blick starr in Richtung Zimmerdecke ging, spürte ich, wie eine angenehme Hitze in mir aufstieg, beginnend in den Fußspitzen. Bis sie in meinem Kopf angelangt war, vergingen nur Minuten. In dieser Zeit beobachtete ich, wie langsam das Lebens aus seinem Körper wich. Ich hatte den Eindruck, etwas von ihm geschenkt zu bekommen, aber ich konnte nicht wissen oder ahnen, was da mit mir geschah. Ich hatte keine Angst, fühlte nicht mal Panik oder Trauer. Etwas verwundert registrierte ich, daß es mir gutging und ich soeben etwas sehr Schönes erlebt haben mußte, obwohl der Schmerz in meinem Herzen mich schier zu zerreißen drohte.

Die Wärme brachte mich zur Besinnung. Plötzlich spürte ich sie wieder. Sie war da und machte mich ruhiger. Schlagartig hörte ich auf zu heulen. Ich war wieder im Behandlungszimmer. Trockenes Schluchzen schüttelte meinen Körper. Um mich herum Stille. Anscheinend sprach der Therapeut zu mir: „Wollen Sie darüber reden?“ Ich schüttelte den Kopf, immer noch im Pullover vergraben. Ich schämte mich. Mir war klar, daß ich irgendwie aus diesem Raum herauskommen mußte, aber ich konnte die anderen Patienten jetzt unmöglich ansehen. Mein Pullover war tränendurchtränkt, die Nase lief, und ich hatte kein Taschentuch. Meine ganze Sorge konzentrierte sich auf ein Taschentuch, das ich nicht hatte.

„Bloß nicht darüber nachdenken, was hier gerade mit mir passiert ist“, befahl ich mir selbst. Blitzartig raffte ich mich auf, hielt den Pulli vor mein Gesicht und rannte im Dauerlauf die Treppen hinunter, hinüber ins andere Gebäude, hinein in mein Zimmer, das Gott sei Dank leer war, und drehte den Wasserhahn auf. Ich versuchte, die Spuren der Tränen mit Wasser zu beseitigen, doch gelang mir das nicht. Dann sah ich in den Spiegel. Dicke, verquollene Augen blickten mich an. Sie schimmerten immer noch feucht. Allerdings stand in ihnen ein Leuchten, das mir nur einmal, vor langer, langer Zeit aufgefallen war. Als ich noch jung und hübsch war, pflege ich zu sagen.

Wieder mal hatte ich das Gefühl, einer Fremden ins Gesicht zu sehen. „Bloß jetzt nicht nachdenken. Bloß nicht ins Grübeln kommen“, stammelte ich vor mich hin. Dies waren die ersten heilsamen Tränen der Trauer um meinen Vater. Ich hätte besser daran getan, jetzt schon darüber nachzudenken. Aber ich war noch nicht so weit, eigentlich lehnte ich die Klinik immer noch ab. Was mich hierhin gebracht hatte, war die Verzweiflung, aber Vertrauen hatte ich noch lange nicht gefaßt. Um nicht von meinen Gedanken überwältigt zu werden. sprach ich mit meinem mir so fremden Spiegelbild:

„Willkommen, Froschauge! Siehst ja mal wieder toll aus heute. Echt Klasse. Scheiße, ich brauche eine Zigarette. Egal! Raus mit dir, aber dalli!“ Während ich rauchte, fragte ich mich, was der Blödsinn von vorhin eigentlich sollte. Ich mußte das alles erst mal verdauen. Eine Patientin lud mich zum Kaffee ein. Dankbar für die Ablenkung nahm ich die Einladung an. Eigentlich wollte ich ja mit niemandem etwas zu tun haben, doch um meiner Gedankenwelt zu entfliehen, gestattete ich mir diesen Kontakt zu einem anderen Menschen. Im Grunde war dieses Argument nur eine Ausrede vor mir selbst, denn trotz aller Ablehnung meinerseits fand ich einige Menschen in der Klinik recht sympathisch - diese Patientin eingeschlossen.

In der folgenden Stunde erfuhr ich einige Details aus dem Leben dieser Frau. Dieses junge Ding war bereits mehrmals sexuell mißbraucht worden, und sie fühlte sich für den Tod ihres Vaters verantwortlich. Sie war noch ein Kind gewesen, als ihr Vater starb. Er war nie zu einem Arzt gegangen, obwohl ihn seine Tochter mehrmals inständig darum gebeten hatte. Aber konnte sie dann Schuld am Tod ihres Vaters haben? Wohl kaum. Und wie konnte sie sich dennoch dafür verantwortlich fühlen? 

Ich verstand die Welt nicht mehr. Aber irgendwie kamen mir angesichts solcher Erlebnisse meine Probleme plötzlich so unbedeutend vor. Was um alles auf der Welt hatte mich so weit getrieben, mein Leben als sinnlos zu betrachten? Ich wurde wütend auf die junge Frau. Ich wußte, daß es ungerecht war, aber Gefühle der Sympathie wollte ich ja um keinen Preis zeigen. So beschloß ich, weiterhin allen die kalte Schulter zu präsentieren. Ich wollte nicht von noch mehr Schicksalen hören, die meine eigene Situation klein und lächerlich erscheinen ließen. Denn eigentlich fühlte ich mich auch ganz wohl in meiner bedauerlichen Lage. Das wollte ich mir doch nicht wegnehmen lassen - das erkannte ich erst einige Tage später mit Hilfe meines Therapeuten.

Natürlich war mir zuvor nie bewußt gewesen, warum ich mich ständig zu solch dummen Entscheidungen hinreißen ließ, was der Motor für meine Handlungen war. Und das machte mir mein Leben so unerträglich. Nach dem Mittagessen stand Massage auf meinem Therapieplan. Na, da konnte mir ja solch eine Blamage wie am Morgen wohl kaum passieren. Ich freute mich darauf. Als der Masseur hereinkam, lag ich bereits in Bauchlage auf der Liege. Doch während der Massage begann ich schon wieder zu heulen.

Unter Tränen und gleichzeitig verlegen lachend berichtete ich dem Therapeuten, warum ich schon wieder in Tränen ausbrach. Er versicherte mir, daß alle Therapeuten dazu da seien, intensiv zuzuhören. Ich faßte ein winziges Stückchen Vertrauen zu ihm und erzählte ganz offen, was mir durch den Kopf ging. „Vor zwei Jahren hatte mir mein Orthopäde Krankengymnastik verordnet, wegen starker Rückenschmerzen“, begann ich. „Der Mann machte seine Sache sehr gut, und bald war ich schmerzfrei. Damals schwärmte ich meinem Mann von der tollen Behandlung vor. Und dem kam nichts anderes in den Sinn, mich zu fragen, ob es schön sei, von einem anderen Mann angefaßt zu werden. Ich hatte damals nicht kapiert, dass er nur eifersüchtig war.

Er war sogar krankhaft eifersüchtig. Und das sollte ich noch zu spüren bekommen. Es war die Hölle für mich. Zwei Jahre lang behandelte er mich total schlecht. Zuerst bin ich nicht dahinter gekommen, was ihn so verändert hatte. Bis er mich schließlich fragte, ob ich ein Verhältnis mit dem jungen Mann hätte. Ich war wie vor dem Kopf geschlagen“. Der Therapeut schaute mich skeptisch an und fragte mich daraufhin: „Wäre es Ihnen jetzt angenehmer, wenn eine Frau die Behandlung bei Ihnen übernähme?“ Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich richtig lachen. „Mir ist es egal. Ich habe keine Probleme damit. Aber wenn es Ihnen jetzt widerstrebt, mich weiter zu behandeln, könnte ich es auch verstehen“, antwortete ich ihm. Er blieb mein Masseur, und er machte seine Sache sehr gut.

Beim Abendbrot saß ich allein am Tisch. Merkwürdig, wie schnell man sich an fremde Menschen gewöhnen kann. Ich vermißte meine Tischgenossen jetzt sogar minutenlang. Anschließend begab ich mich nach draußen, um den Abend dort zu verbringen. Ein großer runder Tisch nahm fast den gesamten Platz auf dem Balkon vor meinem Zimmer in Anspruch. Ich setzte mich mit Blick auf die Tür auf einen Stuhl, zog die Beine hoch, so daß ich meinen Kopf auf meine Knie stützen konnte. Dann zog ich meinen langen Pulli über die Knie und zündete mir eine Zigarette an. Und ich schwor mir in jenen Minuten - ganz die Alte - keine Freundschaften zu schließen, keine Vertrauensseligkeiten zuzulassen, keinen unnötigen Kontakt zu knüpfen und keine neuen Beziehungen aufzubauen. „Nie wieder läßt du einen Menschen so nah an dich heran, daß er bis in dein Innerstes vordringen und dich verletzen kann“, beteuerte ich mir.

Nicht ahnend, daß der Mensch, der es dennoch schaffen sollte, die Mauer, die ich um mich herum aufgebaut hatte, einzureißen, schon ganz in meiner Nähe saß, und nur darauf wartete, sich mir zu nähern.

Mittlerweile waren noch mehrere Patienten auf dem Balkon erschienen. Ich beobachtete die Leute. Eine stabile, füllige Frau mit einem sehr hübschen Gesicht saß mir gegenüber. Sie hieß Monika, wie ich aus dem Gespräch entnehmen konnte. Ein großer schlanker Mann, Mitte 40, stand in der Nähe der Glocke und ließ lockere Sprüche los, über die die anderen lachten. Insgesamt saßen oder standen zwölf Leute auf dem Balkon herum. Ich ließ meine Blicke schweifen und schaute in die Augen des Mannes, dem ich schon am Morgen hier begegnet war. Er lächelte mich an. Sein Lächeln verschwand aber schlagartig wieder, als er meinen abweisenden Gesichtsausdruck bemerkte. „Sehr gut so, so soll es sein!“

Ich wußte, daß ich abweisend und kühl wirkte. Ich wollte ja, daß man mich nicht mochte. Als der Mann aufstand, stellte ich fest, daß er schlank und zirka 175 Zentimeter groß war. Er hatte einen gepflegten Dreitagebart. Er erinnerte mich etwas an meinen großen Bruder. Auch seine Art, sich überlegen zu geben, erinnerte mich an ihn. Er unterhielt sich mit Monika und zeigte ihr ein Buch.

Längst war Neugierde in mir aufgestiegen. Er erzählte aus seinem Leben, daß er seinen Beruf nicht mehr ausüben könne und einiges mehr. Was er konkret beruflich machte, verschwieg er. Er hatte eine etwas rauhe, aber angenehm klingende Stimme. Seine Art, Deutsch zu sprechen, amüsierte mich. Er war Belgier. Monika versuchte mich mehrmals ins Gespräch mit einzubeziehen. Lange Zeit reagierte ich nicht, doch irgendwann hatte sie mich soweit und eine Frage kam über meine Lippen. Ehe ich mich versehen hatte, befand ich mich mitten in einer Unterhaltung. Daß ich nur ablehnend sein wollte, hatte ich für einige Zeit völlig vergessen. So verging der Abend sehr schnell. Ich legte mich erst spät ins Bett und schlief bald ein