Dies und das. Mal schaun von was


Ankunft in der Klinik und erste Eindrücke

Mein großer Bruder( Hintergrundwissen - siehe : meine Geschwister) nahm mich in den Arm und flüsterte mir zu: »Vielleicht kommst du ja in eine Schreigruppe. Dann kannst du deinen ganzen Frust herausbrüllen!« Er grinste mich an, drehte sich um und ging. Das war typisch für ihn, so ist er, mein großer Bruder: Wenn er ausnahmsweise mal nichts zu sagen weiß, versucht er alles ins Lächerliche zu ziehen. Ich wußte damals noch nicht, daß an dieser Aussage nichts Lächerliches war! »Es ist das erste Mal seit Papa tot ist, daß du mich wieder in den Arm genommen hast«, flüsterte ich hinter ihm her. Doch er war fort und hörte mich nicht mehr.

Plötzlich fühlte ich mich wie ausgelaugt und konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Doch seine vertraute Art hinterließ einen Hauch von Liebe und Zuneigung in mir und gab mir die Kraft und den Glauben, das Richtige gewollt zu haben und jetzt auch das Richtige zu tun. Ich brauchte wirklich Hilfe und war froh zu wissen, daß ich sie hier finden würde. Trotzdem brach ich in Tränen aus. Eine Krankenschwester kam und erledigte mit mir die Formalitäten. Sie ging nicht auf meine Tränen ein, ignorierte sie. So schaffte ich es, mich einigermaßen zu beruhigen. Die Schwester brachte mich auch zu einem Aufenthaltsraum. Eine leicht geschwungene Treppe führte in diesen Saal. Sie stellte mir ein Kännchen Kaffee auf den Tisch und ließ mich dann alleine. Ich sah mich um.

Der Raum war sehr groß, mit vielen Tischen und Polstersesseln ausgestattet. In der Mitte des Raumes befand sich ein sehr großer, runder, dunkler Eßzimmertisch mit hohen Lehnstühlen davor. Es schien, als sei ich in einem riesigen Schloßsaal gelandet. Doch das Interesse für meine Umgebung erlosch schnell wieder. Dieser düstere Raum trug nicht gerade dazu bei, meine Stimmung zu verbessern, so groß und leer wie er war. Keine Menschenseele ließ sich sehen, und dann diese fürchterliche Stille. Ich sah in meine Kaffeetasse und fing an, lautlos zu weinen. Die Anspannung der letzten Wochen und Monate machten sich bemerkbar. Doch hier war es mir egal, ob mich jemand weinen sah oder nicht. Endlich keine Kinder mehr, die mir mit traurigen Augen zusahen und sagten: »Mama, ist doch gut. Hör doch auf zu weinen. Es wird doch alles bestimmt wieder besser!« In ihren Augen sah ich die Ängste, die sie mit sich herumtragen mußten.

Was soll nur aus ihnen werden?« schoß es mir durch den Kopf. Aber ich war momentan nicht in der Lage, richtig für sie zu sorgen. Instinktiv wußte ich, daß jetzt nur noch ich selbst wichtig war. Meine Gedanken taten mir so furchtbar weh, sie verursachten mir regelrecht körperliche Schmerzen. Inzwischen versuchte ich nicht einmal mehr, das Schluchzen, das mich schüttelte, zu unterdrücken. Ich kauerte mich in einen Polstersessel und wollte die Gedanken, die mich quälten, mit aller Kraft verscheuchen. Vor allen Dingen die an meinen toten Vater, die mich in letzter Zeit immer wieder schlagartig überfielen.

»Warum, warum hast du mich alleine gelassen?« schluchzte ich. »Ich hatte doch noch tausend Fragen an dich und doch auch wieder keine. Du wolltest auf deine Tochter aufpassen. Das hast du jedenfalls immer wieder versprochen. Und nun?« Ich weinte so laut, daß eine andere Krankenschwester auf mich aufmerksam wurde. Sie stand plötzlich neben mir. Ich hatte sie nicht kommen gehört. Die Schwester streichelte mir sanft über den Rücken und redete mit leiser, angenehm klingender Stimme auf mich ein: »Nun beruhigen Sie sich mal. Denken Sie nicht an all die vergangenen Dinge. Jetzt sind Sie erst mal hier, und denken Sie nur an sich. So soll es für die nächste Zeit sein. Deshalb sind Sie schließlich gekommen, oder?« Sie gab mir eine Broschüre über die Klinik, in der ich mich befand, und entfernte sich leise. Durch die fürsorgliche Art der Schwester ein wenig beruhigt, weinte ich nicht mehr so hemmungslos. Sie hatte mir noch erzählt, daß die Patienten der Klinik gerade Mittagsruhe hielten, darum sei es im Moment so still hier. Sie wollte Normalität herstellen.

Ich versuchte, die Broschüre zu lesen. Bei folgenden Sätzen blieb ich hängen: »Bei unseren Behandlungen kommt es zu größeren und kleineren Krisen. Für den Patienten sind diese Phasen manchmal recht unangenehm, aber sie sind schnell vorbei. Dies zeigt an, daß eine Entwicklung eingeleitet ist.« Was dies konkret zu bedeuten hatte, sollte ich bald erfahren. Doch zunächst dachte ich nur: »Was immer das auch heißen mag, davor hab' ich keine Angst. Was soll mir hier schon geschehen. Keine Operationen, keine Medikamente, keine Blutabnahme oder ähnliches. Aber verdammt noch mal, wieso zittere ich am ganzen Körper? Ob ich hier wirklich richtig bin?« Immer noch war keine Menschenseele in Sicht. »Vielleicht sind die hier ja alle verrückt?« Erschrocken über meine eigenen Gedanken starrte ich wieder in meine Kaffeetasse. »Ich mach' mich doch nur selbst fertig, wenn ich so weitermache«, gestand ich mir ein. Ich spürte, daß mein Zustand so etwas war wie ein Nervenzusammenbruch. Das Zittern hörte einfach nicht mehr auf.

schaute ich auf, , als eine männliche Stimme mich mit meinem Vornamen ansprach. Ein Mann, zirka 45 Jahre alt, blondes gelocktes Haar, Brillenträger, kam auf mich zu und lächelte. Er beugte sich ein wenig zu mir herab und sagte: »Hallo Angelika. Ich heiße Will. Eigentlich ja Wilfried, aber alle nennen mich hier Will. Ich bin Patient dieser Klinik. Wir duzen uns hier alle sofort, dann ist der Anfang nicht so schwer. Ich freue mich, daß du meine Tischgenossin für die nächste Zeit sein wirst. Willst du mit mir nach unten kommen und Kaffee trinken? Die beiden anderen Mädels, die mit an unserem Tisch sitzen, werden bestimmt auch gleich kommen.« Während er ununterbrochen auf mich einredete, leuchteten seine blauen Augen. Er hakte sich unter und zog mich sanft zur Tür. Ich war verstört und folgte ihm nur zögerlich . Er führte mich die Treppe, die ich zuvor hochgegangen war, wieder hinab. Ein großer schwarzer Eisenhebel mußte umgelegt werden, damit man die schwere Tür zum Speisesaal öffnen konnte. Während ich den Raum betrachtete, wunderte ich mich immer noch darüber, daß dieser Fremde meinen Namen gekannt hatte. Oder sollte ich ihn doch schon einmal kennengelernt haben?

Doch das war unwahrscheinlich. Dann sah ich: An dem Platz auf meinem Tisch befand sich eine Serviettentasche. Darauf lag ein Zettel mit meinem Namen. Daher wußte er ihn also! Ich war an diesem Tag der einzige Neuzugang.Nachdem ein paar freundliche, aber belanglose Worte gewechselt worden waren, starrte ich wieder in meine Tasse. Die Tischgenossinnen mißfielen mir. Es lag wohl daran, daß ich grundsätzlich beschlossen hatte, mit niemanden mehr etwas zu tun haben zu wollen. Doch dieser Will, der überaus freundliche Mensch, hatte meinem festen Willen, mich daran auch zu halten, etwas zum Wanken gebracht. Er war so nett und höflich. Ihm gegenüber konnte ich unmöglich abweisend reagieren. Aber all die anderen? Die interessierten mich nicht. Wahrscheinlich waren sie ja auch nicht so »normal« wie dieser Will.

Ich hörte Stimmenwirrwarr. Der Saal hatte sich langsam mit Menschen, die in dieser Klinik zur Behandlung waren, gefüllt. Mit Patienten dieser Klinik. Angst stieg in mir auf. Um herauszufinden, wie solche Leute sind, mußte ich zwangsläufig meinen Blick wandern lassen. Es kostete mich aber viel Überwindung, den Kopf zu drehen und meinen Blick auf diese Mitpatienten zu richten. Vorsichtig betrachtete ich die Gesichter. Ganz leise begann Erleichterung sich in mir auszubreiten. »Was um alles auf dieser Welt hatte ich eigentlich erwartet? Leute, die sich beschlabbern? Leute, die sich benehmen, als seien sie in einem Schweinestall? Irre, die wirres Zeug von sich geben?« Schlagartig war mir bewußt, was für einen Schwachsinn ich geglaubt und was ich von den Menschen in der Klinik angenommen hatte. Ja, ich hatte mir von anderen die Hölle heiß machen lassen. Alle hatten Witze gerissen, die sich tief in mir festgesetzt hatten. »Oh, Mann, bin ich bescheuert! Die einzige, die hier nicht normal ist, scheine ja wohl ich zu sein«, tadelte ich mich jetzt selbst.

Keiner starrte mich an, so wie ich es eigentlich erwartet hatte. Niemand kümmerte sich sonderlich um mich, dem Neuankömmling. Ich war da - und fertig. Und nun saß ich in verkrampfter Haltung kerzengerade auf meinem Stuhl. Die Finger ineinander verknotet und den Blick mal wieder auf meine Tasse gerichtet. Abermals stiegen mir Tränen in die Augen. »Um Himmelswillen, nicht schon wieder!« schrie es in mir. Doch die Tränen fanden ihren Weg. Alles Schlucken half mir nicht mehr. Aus Verzweiflung begann ich, die Tränen zu zählen, die in meine Tasse tropften. Ich wußte, daß es blödsinnig war, was ich da tat. Ich begann zu beten: »Lieber Gott! Bitte laß mich doch einfach im Erdboden verschwinden. Bitte, laß mich tot umfallen. Wenn die Leute wüßten, was ich von ihnen gedacht habe! Ich kann sie jetzt nicht einmal mehr ansehen. Ich schäme mich so sehr.

Will schreckte mich aus meinen Gedanken auf. Mit sehr ernster Stimme sprach er auf mich ein, und seine Augen sagten mir, daß er es ernst meinte mit dem, was er sagte: »Mach dir nichts daraus, Mädel. Weine ruhig, wenn dir danach zumute ist. Hier sitzt jeder mal mit Tränen in den Augen am Tisch. Du gewöhnst dich sehr schnell daran. Sei dankbar, daß du es noch kannst. Hier findest du Menschen, die das Weinen und Lachen verlernt haben und froh wären, wenn sie auch nur eins von beiden wieder könnten. Also hör auf, dich zu schämen. Ich seh dir doch an, daß du das tust.« Auch meine Tischnachbarinnen zeigten mir unmißverständlich, daß sie die gleiche Meinung hatten, und kümmerten sich rührend um mich. Sie stellten keine neugierigen Fragen. Redeten einfach drauf los und erzählten, wie der Alltag in der Klinik so aussah. Mein Appetit kehrte schlagartig zurück, und ich begann langsam, mich ungezwungener zu benehmen.

Inzwischen war der Speisesaal komplett gefüllt. Ich war überrascht, daß die Patienten zum größten Teil in meinem Alter waren. Aber auch sehr viele Jugendliche befanden sich hier. Die älteren Semester, die ich eigentlich in einer solchen Klinik vermutet hatte, waren nur spärlich vertreten. Um 15 Uhr sollte das erste Gespräch mit der für mich zuständigen Ärztin stattfinden. Wieder war es Will, der mir den Weg wies. »Du mußt hier aus dem Gebäude herausgehen, über den Innenhof auf die gegenüberliegende Tür. Die Treppe hinauf und durch die Verbindungstür durch. Dort ist ein kleiner, gemütlicher Vorraum. Da wartest du am besten. Deine Ärztin wird dich dann ansprechen. Ist übrigens 'ne tolle Frau. Sieht echt gut aus«, grinste Will. »Naja. Mal sehen, wie sie sein wird. Wenn Männer Frauen toll fanden, heißt das noch lange nichts«, dachte ich und machte mich auf den Weg. Ich fand den Raum und sah an einer Tür das Namensschild meiner Ärztin. Doch die Dame war nicht da. Verärgert setzte ich mich auf einen Stuhl und schaute mich um. Unruhig rutschte ich hin und her. um auf die Ärztin zu warten.

Wieder kroch diese unbestimmte Angst in mir hoch. Eine schlanke Frau, kaum größer als ich, betrat den Raum. Sie sprach mich an: »Frau Walk?« Sie reichte mir die Hand und drückte fest zu. Der Händedruck gefiel mir, und sofort spürte ich so etwas wie Sympathie für diese Frau. Doch versuchte ich auch gleich, mich zur Ordnung zu rufen: »Sei nicht so vertrauensselig. Vorsicht! Du weißt nicht, was sie mit dir hier vorhaben.« Die Ärztin hatte kurzgeschnittenes Haar. Braune Augen. Auf mich wirkten diese Augen, wie die eines Rehes. Aufmerksam und interessiert. Altersmäßig schätzte ich sie auch kaum viel älter als ich selbst war. Ich folgte ihr in ein Behandlungszimmer. Ohne viele Worte führte die Ärztin eine Untersuchung meines Körpers durch. Reflexe, Herztöne und ähnliches wurden kontrolliert. Eben das Übliche bei einer Erstuntersuchung. »Womit kann ich Ihnen helfen, Frau Walk?« Ich verstand sie kaum, so leise sprach sie. Ich wurde unsicher und versuchte, in Worte zu fassen, was mich quälte. Ich redete und redete. Bald wußte ich nicht mehr, wo mir der Kopf stand. Merkwürdigerweise klagte ich wenig über meine Ehe. Ein Satz ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Und den sprach ich auch aus: »Ich habe keinen Bezug zu meiner Umwelt mehr. Ich meine damit nicht meine Mitmenschen, sondern die Bäume, die Blumen, das Wasser, mir fehlt einfach die Natur.« Ich hätte alles auch einfacher ausdrücken und sagen können: »Ich habe zu Nichts mehr Lust und keinen Spaß mehr an meinem Leben und ich fühle mich innerlich zerrissen.« Aber ich denke, sie verstand meine Botschaft trotzdem.

 

Sehr aufgewühlt und verwirrt fand ich mich nach dem Gesprach in meinem Zuhause-für-die-nächste-Zeit wieder. Für die kommenden fünfeinhalb Wochen sollte dieser Raum mein Zufluchtsort werden. Zwei ältere Damen stellten sich als meine Zimmergenossinnen vor und verabschiedeten sich auch gleich wieder.

Sie hatten bemerkt, daß ich sehr durcheinander war. Ich setzte mich auf mein Bett und betrachtete alles. Das Zimmer war sehr geräumig. Ein Wandschrank mit drei Türen befand sich auf der einen Seite des Raumes. Daneben waren zwei Waschtische, die man tagsüber hinter einem Vorhang verschwinden lassen konnte. Drei Betten gab es hier, einschließlich dem, auf dem ich gerade saß. Kleine Nachtkonsolen standen jeweils daneben. In der Mitte des Zimmers sah ich einen großen runden Tisch mit drei Stühlen davor. Das ganze Mobiliar war aus einem hellen Holz gefertigt und ließ den Raum sehr gemütlich erscheinen. Zwei große Fenster, eins über dem Bett an der einen und eins über dem in der anderen Ecke, gaben dem Raum genügend Licht. Selbst wenn die Vorhänge zugezogen waren, wirkte er noch hell. Dieses Zimmer erinnerte nicht im geringsten an ein Krankenhaus. Eher an ein Hotelzimmer oder an das Kinderzimmer meiner ersten kleinen Freundin.

Wehmütig dachte ich an Margit. Ein großer Schmerz machte sich in meinem Herzen breit. »Verdammt noch mal. Kann ich denn immer nur voller Traurigkeit an irgendwas denken?« Zu jener Zeit war sie meine einzige Freundin gewesen. Ich war gerade in die Schule gekommen und lernte Margit schon am ersten Tag kennen. Täglich spielten wir miteinander. Ihre Eltern waren sehr lieb und nahmen mich auf wie ein eigenes Kind. Sie hatten neben Margit noch zwei andere Töchter. Ich selbst hatte eine große Schwester, zwei ältere Brüder und einen jüngeren Bruder. Wir lebten damals in einer Zweizimmerwohnung mit meinen Eltern und eine Zeit lang noch mit meiner Oma zusammen, bis diese irgendwann wieder auszog. Meine Mutter suchte in der Zeit verständlicherweise eine neue Wohnung für die große Familie, und als sie endlich eine gefunden hatte, war sie sehr glücklich. Alle waren glücklich. Nur ich nicht. Keiner sah meinen Schmerz.

Ich wollte nicht weg. Niemand bemerkte die Verzweiflung, die an mir nagte. Auch Margit schien keine Probleme mit unserem Umzug zu haben. »Wir sehen uns trotzdem noch«, war ihr beschwichtigender Kommentar zu dieser Angelegenheit. Ich wußte jedoch: Die Entfernung zu meiner Freundin würde zu groß sein, um sie wie bisher jeden Tag zu sehen. So schnell würden wir uns nicht wiedersehen. Der Morgen des Umzuges war grauenvoll. Ich weinte mir die Augen aus. Mutter tobte, weil sie endlich losfahren wollte. Wenn ich mich richtig erinnere, war mein Vater schon mit einem LKW vorausgefahren. Ich lag in den Armen der Mutter meiner Freundin und weinte fürchterlich, so allein gelassen und unverstanden fühlte ich mich.

Wieder flossen die Tränen - und ich spürte, wie sie mir über die Wangen liefen. Schnell wischte ich sie fort und bemerkte, wo ich mich gegenwärtig befand. Die Gier nach Zigaretten trieb mich auf den Balkon des Klinikgebäudes. Im Zimmer herrschte Rauchverbot, da meine Zimmergenossinnen Nichtraucherinnen waren. Es störte mich nicht weiter, rausgehen zu müssen. »Gott sei Dank, der Balkon ist leer«, schoß es mir durch den Kopf. Ich schaute in den blauen Himmel und bemerkte erst jetzt, daß es schon den ganzen Tag über sehr schön gewesen war. Meine Gedanken wanderten heimwärts. »Ob Gerd wohl noch sauer ist? Wahrscheinlich kocht er vor Wut. Gut, daß ich wegen der Kinder vorher alles regeln konnte. Bei Gigi (Nachbarin)sind sie gut aufgehoben. Oh, Mann. Was habe ich mir alles geschworen, als ich euch zwei Süßen in die Welt gesetzt habe. Nie, niemals solltet ihr unter einer schlechten Ehe leiden. Und nun? Chaos ohne Ende. Die Mutter mit den Nerven am Ende und krank. Der Vater wahrscheinlich ebenso. Wie soll es bloß weitergehen?

Meine Ehe ist ein Trümmerhaufen. Zerschlagen in zwölf Ehejahren! Ach ja, in zwei Tagen sind es genau zwölf Jahre.« Plötzlich erschrak ich, wurde aus meinen Gedanken gerissen und ließ vor Panik die Zigarette fallen. In meinen Ohren dröhnte es. Eine Glocke, die an einem Balken ganz in meiner Nähe hing, wurde kräftig von einer Krankenschwester geschlagen. Mit einer Hand hielt ich mir das rechte Ohr zu. Ich muß wohl ziemlich blöd ausgesehen haben, denn Will und die anderen, die inzwischen den Balkon betreten hatten, lachten herzlich über mich. »Da gewöhn dich mal dran. Das passiert dreimal am Tag. Zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendbrot!« Will hakte sich unter und führte mich wieder einmal in den Speisesaal. Wie eine Schlafwandlerin fühlte ich mich in der Schlange, in der mich Will abgestellt hatte. Erst als ich einen Teller von ihm in die Hand gedrückt bekam, begriff ich, daß ich an einem Büfett stand. Es gab reichlich und von allem möglichen etwas. Für jeden Gaumen eine Freude. Verschiedenartige Getränke standen bereit, natürlich alle alkoholfrei. »Na, wenn das jeden Abend so sein sollte, werde ich hier wohl ein paar Kilo zulegen. Na, was soll's«, dachte ich und langte kräftig zu. An diesem Abend hatte ich schon weniger Probleme, mich am Tisch zu unterhalten. Trotzdem war ich froh, als ich nach dem Essen auf mein Zimmer verschwinden konnte.

Aber um 19.30 Uhr mußten alle Patienten wieder im Speisesaal erscheinen, zum sogenannten Abendgespräch. Ein Mitarbeiter der Klinik hielt an diesem Abend einen Vortrag über autogenes Training. Es langweilte mich, da ich diese Art der Entspannung schon kannte. Nach einer Stunde konnten wir wieder in unsere Zimmer gehen.Dort angekommen bemerkte ich bestürzt, dass eine Zimmergenossin fürchterlich anfing zu stottern und merkwürdig nach Luft zog, wenn sie sprach. Da ich sie nich richtig verstand und ich nicht wusste was sie hatte, wurde ich immer unsicher und deshalb , sagte ich relativ schnell gute Nacht und verzog mich unter meine Bettdecke. Ich hatte Angst sie würde merken wie unsicher ich ihr gegenüber geworden bin und Sorge das sie verletzt sein würde, wenn sie das feststellt. Außerdem, was gingen mich die Unzulänglichkeiten der anderen an. Ich hatte ja wohl selbt genug Probleme!

Doch es zeigte sich schnell, das ich auch ein Herz für die Probleme der anderen hatte. Ich wollte es nur nicht wahr haben. Ich drehte mich in meinem Bett zur Wand und weinte bitterlich. Ich versuchte in den Schlaf zu kommen, der nicht so bald kommen wollte. Niemand sprach mich an oder versuchte mich zu trösten. Doch wie sehr sehnte ich mich nach eiinem Menschen, der mich trösten könnte. Doch dass durfte nicht sein. Das konnte ich doch nicht zugeben. In meinen Gedanken wanderte ich zwölf Jahre zurück. Zurück in die Zeit, in der ich meinen Mann kennen gelernt habe.