Dies und das. Mal schaun von was

Der kleine Junge

Ich stellte fest, daß das Laufen mir zwar Spaß machte, aber nicht das Richtige für mich war. Ständig taten mir die Waden weh, und ich bekam Krämpfe. Da ich dann oft langsamer wurde und hinter den anderen herlief, nahmen mich meine quälenden Gedanken wieder in Beschlag. Ich mußte an die gestrige Situation denken und schämte mich für mein Verhalten. Ob die Frau gekränkt gewesen war? Zweifel wegen meines schroffen Verhaltens nagten an mir. Ich wollte mich gern entschuldigen, wußte aber nicht wie und eigentlich nicht einmal wofür. Ins Gesicht sehen konnte ich ihr sowieso nicht. Ohne daß ich es richtig bemerkt hatte, stand ich plötzlich im großen Torbogen der Einfahrt zur Klinik. Dieses Tor wurde in der Mittagszeit immer geschlossen. "Tja, wie im Knast. Mittags bist du eingesperrt", schoss es mir durch den Kopf, doch sofort rief ich mich wieder zur Ordnung: "Verdammt noch mal, hast du denn kein Gehirn? Hör doch endlich auf damit, dich selbst fertigzumachen. Du bist nicht eingesperrt. Du kannst hier jederzeit raus. Hinten an der Mauer sind noch zwei kleinere Tore, und die sind schließlich nie abgesperrt. Da kannst du immer raus gehen, auch in der Mittagszeit. Das ist auch nicht unbedingt verboten. Nur die Mittagsruhe solltest du möglichst einhalten."  Aber wenn man zu unruhig war, durfte man schon raus in die Stadt. "Angelika! Du bist und bleibst eine dumme Eule!"  Ich mußte über mich selbst lachen.

Zur Visite befand ich mich wieder auf meinem Zimmer. Die Ärzte erkundigten sich täglich nach dem Befinden der Patienten, und es wurde uns dann auch die Gelegenheit gegeben, Probleme zu besprechen. Aber ich antwortete wie immer: "Danke bestens!" Ich wollte nicht zugeben, daß es mir manchmal reichlich schlecht ging. Nach der Sensitivtherapie fühlte ich mich ein bißchen besser. Mein Weg führte mich, wie nach jeder Stunde, auf den Balkon. Mir wurde mulmig, als ich meine gestrige Partnerin dort entdeckte, doch sie winkte mich zu sich. Sie erzählte von ihren Problemen und darüber, daß sie sehr gut verstehen könne, wie es in mir aussähe. Sie sei mir auch nicht im geringsten böse, versicherte sie. Ich solle mir ihretwegen keine Gedanken machen. Es tat gut, soviel Vertrauen entgegen gebracht zu bekommen, und so erzählte ich ihr auch von mir. Von da an verstanden wir uns prächtig.

Für die Neuankömmlinge wurde an diesem Nachmittag ein Einführungsgespräch angeboten. Da ich mitten in der Woche angereist war, kannte ich bereits einige Therapien, und als ich dem Arzt so zuhörte, wie er den Neuen alles erklärte, mußte ich lächeln. Was sagte er diesen Menschen denn schon? Die meisten machten sich ja gar keine Vorstellungen davon, was auf sie zukam. An einigen Gesichtern erkannte ich die Angst, die auch in mir steckte und die bei weitem noch nicht ganz verschwunden war. Um mich abzulenken, betrachtete ich den Raum. Man nannte ihn den altdeutschen Keller. Gott sei Dank ahnte ich damals noch nicht, was mir in diesem Raum noch alles wiederfahren sollte. Ich wäre sonst wohl sofort geflüchtet. Doch noch hatte ich Zeit und Muße mir alles in Ruhe und gelassen anzusehen. Einige Polstersessel, ein paar Stühle, zwei kleine, niedrige Holztischchen, daneben zwei Stehlampen, ein Fernseher in der Ecke und eine alte Wanduhr. Die Decke war zweimal gewölbt. Zwei kleine Fenster waren im dicken Mauerwerk eingelassen. Nur wenig Licht fiel herein. Eigentlich erschien alles recht gemütlich.

Nach dem Gespräch ging ich an den kleinen Fluß, der mitten durch die Ortschaft fließt. Ich wanderte über einen Fußweg, immer am Wasser entlang, und starrte in die Strömung. Meine Gedanken wanderten nach Hause. An all das Schlimme in der letzten Zeit mußte ich denken, an die Sinnlosigkeit meiner Ehe. Erst waren es die Eltern gewesen, weswegen wir uns dauernd gestritten hatten, dann die alkoholabhängige Schwester. Und schließlich entzweite uns das Sozialamt, das viel Geld von uns haben wollte. Doch Zeit, um uns mit unseren eigenen Problemen auseinanderzusetzen, hatten wir nie gehabt. Gerds Vater hatte mich von Anfang an nicht gemocht. Ich war in seinen Augen die böse Schwiegertochter. Und seine Schwester sah in mir eine Erbschleicherin. Als ich das alles nicht mehr ertragen konnte, bin ich damals ausgezogen. Leider machte ich den Fehler, später wieder mit Gerd zurück in das elterliche Haus zu ziehen. Es war inzwischen auf ihn überschrieben worden. Aber nachdem seine Eltern sich so klammheimlich davongemacht hatten, sollte Gerd eine Unsumme für ihre Pflegekosten im Heim zahlen. Da wir aber gerade erst unsere Wohnung renoviert hatten, brachte uns diese Forderung an den Rand des Ruins. Ich glaube, es war alles zuviel für uns beide. Unsere Ehe schien am Ende zu sein. In dieser Zeit wurde auch noch Gerds Schwester krank. Er behauptete, er könne sie nicht besuchen, weil er zuviel Arbeit hätte. Warum er sich so herausredete, verstand ich nicht. Klar, sie hatten Streit gehabt, aber es ging ihr doch wirklich schlecht, und ich hatte es ihm immer wieder gesagt, wie wichtig es sei, daß er zu ihr ins Krankenhaus gehen müsse. Doch immer mußte ich sie allein besuchen. Vergeblich versuchte ich, ein Band zwischen Bruder und Schwester zu knüpfen. Als ich ihm schließlich berichtete, daß sie im Sterben lag, glaubte er es zunächst nicht. Als er dann doch ins Krankenhaus kam, war es zu spät. Sie war an den Folgen ihrer Alkohol- und Tablettensucht gestorben.

Mein Schwiegervater gab mir natürlich die Schuld am Tod seiner Tochter. Denn ich war ja sein Sündenbock für alles. Damals erzählte er meinem erst fünfjährigen Sohn, ich hätte mich so oft mit ihr gestritten, das sie tot umgefallen sei. Er verstand zwar nicht, was der Opa ihm da sagte, aber begriff, daß es nichts Gutes war. Seitdem hatte er immer große Angst wenn Gerd und ich uns stritten. Die Worte seines Großvaters im Ohr, befahl er mir jedesmal: "Hör auf damit! Sonst muß der Papa sterben."  Daß meine Schwiegereltern ins Pflegeheim gingen, hatte mich ehrlich gesagt auch froh gestimmt, denn sie hatten mir das Leben in den letzten zehn Jahren nicht gerade angenehm gemacht. Endlich konnte ich auf etwas Ruhe hoffen. Aber wir hatten die Rechnung ohne das Sozialamt gemacht, das die treibende Kraft im Kampf um die Pflegekosten war. Und dann mußte ich auch noch die Reaktion meines Mannes ertragen, der zuerst wütend, dann hysterisch und später apathisch wurde. Alles, einfach alles in meinem Leben ging plötzlich drunter und drüber. Kein Geld, kein Frieden, und zu allem Überfluß wuchs sich plötzlich noch die grundlose Eifersucht, die Gerd schon seit langem plagte, ins Unermeßliche. An diesem Zustand sollte sich zwei Jahre lang nichts ändern. Unsere Ehe war wirklich nur noch ein Trümmerhaufen. Wenn es nicht so weitergehen sollte, mußte ich mich von meinem Mann trennen, schon der Kinder wegen, die still vor sich hinlitten. Ich wußte genau, wie man unter einer schlechten Ehe leiden konnte, denn ich hatte so wie sie unter den Streitigkeiten meiner Eltern gelitten. . Es tat mir weh, in ihre traurigen Augen zu sehen. Doch den Mut für sie und für mich noch einmal von vorne zu beginnen, hatte ich nicht.

Ich setzte mich auf eine Bank und beobachtete eine junge Familie, die am Wasser spielte. Alle schienen so glücklich zu sein. Ich freute mich für sie, musste aber wieder anfangen zu weinen. Irgendwie bekam ich das Gefühl, dass sich hier mein ganzes Leid verdichtete. Ich konnte nichts tun gegen meine Traurigkeit und diese Tränen, die immer wieder in mir aufstiegen. Es dauerte eine Weile, bis ich mich beruhigt hatte. Wieder einmal hatte ich kein Taschentuch dabei, und mußte verstohlen mit dem Pulli über Augen und Nase wischen. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind. Hoffentlich sah niemand, wie ich mich benahm.

Als nächstes stand die Meditationsstunde auf dem Stundenplan, und so ging ich wieder zurück ins Haus. Für diese Therapie mußte ich mich erneut in den altdeutschen Keller begeben. Diesmal traf ich auf eine kleinere Gruppe, wieder mit fremden Gesichtern. Die Therapeutin trat ein. Es war meine Ärztin, eine Tatsache, die mir etwas Sicherheit gab. Offenbar hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon mehr Vertrauen zu ihr, als ich zugeben wollte. Die Ärztin begann zu erzählen: »Legen Sie sich entspannt in Ihrem Sessel zurück und schließen Sie die Augen. Ich erzähle Ihnen nun eine Geschichte, und Sie versuchen bitte, sich in die einzelnen Situationen hineinzuversetzen. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und lassen Sie die Bilder, die Sie sehen werden, auf sich wirken. Lassen Sie auch Ihren Gefühlen freien Lauf. Mitten in der Geschichte werde ich verstummen. Dann denken Sie Ihre Geschichte weiter, bis ich Sie anspreche! Ich beginne -jetzt:

"Es ist ein heißer Sommertag. Sie sind etwa neun Jahre alt und stehen auf einer Lichtung mitten im Wald. Sie gehen spazieren. Ein Heuwagen hält neben Ihnen, und Sie springen auf. Sie lassen die Beine baumeln und singen ein Lied. Der Wagen fährt tiefer in den Wald hinein und kein Sonnenstrahl erreicht Sie mehr. Plötzlich werden Sie überfallen ...

Ich sah mich als Kind. Merkwürdigerweise war ich aber ein kleiner Junge. Neben mir saß ein Mann. Ich wußte aber nicht, wer er war. Er sprang vom Wagen und begann zu kämpfen. Ich kletterte ebenfalls vom Wagen, streckte den Räubern die Zunge heraus und klatschte jedem von ihnen mit der Hand ins Gesicht. Ich mußte über diese Phantasie so lachen, das ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Ich hörte die Ärztin sagen:

"Kommen Sie langsam zurück in die Wirklichkeit!"  Erstaunt sah ich, daß einige Patienten bitterlich weinten. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen, aus welchem Grund man dabei einen Weinkrampf bekommen sollte. Daß sollte mir aber später auch passieren. Doch in diesem Moment fand ich die Situation äußerst befremdlich. Ich war gutgelaunt und wollte nicht weiter über die anderen um mich herum nachdenken. Als ich den Raum verließ, stand Mike draußen im Torbogen, lächelte mir zu und lud mich zu einem Spaziergang ein.

Er war ein guter Gesellschafter und ohne daß ich es merkte, brachte er mich dazu, über meine Probleme zu reden. Als der gute Zuhörer, der er war, enthielt er sich jeder Verurteilung, bewertete wirklich nichts. Hin und wieder stellte er Fragen und kam damit dem Kern meiner Probleme immer näher. Sein Gesicht wirkte interessiert. Keine Neugierde und kein Mitleid waren erkennbar. Das gefiel mir. Wenn ich negative Bemerkungen über meinen Mann machte, unterbrach er mich und sagte:  "Das solltest du nicht tun. Ich kenne nur deine Seite, es wäre unfair, danach zu urteilen. Wenn ich dir weiter zuhören soll, dann verurteile deinen Mann nicht. Werte ihn nicht vor mir ab, denn sonst vertiere ich die Achtung vor dir. Versuch einmal, alles aus der Sicht deines Mannes zu betrachten. Auch er hatte es nicht einfach in dieser Zeit der Prüfungen." Ich erzählte ihm an diesem Abend von meiner Kindheit, meiner Jugend, meinen Ehejahren, einfach von allem, was mich bewegte. Wie kam ich bloß dazu, so viel Vertrauen zu ihm zu entwickeln? Ich hatte mich während meines Erzählens in meine Kindheit zurückversetzt gefühlt und eigentlich war es mir so vorgekommen, als hätte ich meinen Vater neben mir.

Das war es, was uns in diesem Moment besonders verband. Erst durch ihn und seine Kommentare wurde es mir so richtig bewußt, daß alles, also auch meine Probleme zwei verschiedene Seiten hat. Er richtete meine Aufmerksamkeit auf die sachliche Ebene der Dinge, die ich immer nur emotional betrachten wollte und lange Zeit auch nur konnte. Diese neue Sicht der Dinge sollte mir noch sehr helfen. Mike wurde mein Lehrer für viele Fragen des Lebens. Ich beschloß, das Risiko auf mich zu nehmen und mit ihm eine Freundschaft einzugehen. Daß dies bereits passiert war, wollte ich mir damals noch nicht ganz eingestehen. Und darüber reden wollte ich zunächst auch noch nicht. Es wurde daher zwischen uns nie über Freundschaft gesprochen. Sie war einfach da. Sie hatte keine Erklärungen nötig