Dies und das. Mal schaun von was


Meine Geburt bis zur Jugendlichen

 Am 27 Juni 1960 wurde ich auf einer kaputten Couch im St.Anna Krankenhaus geboren. Laut meiner Mutter hatte ich es verdammt eilig auf die Welt zu kommen. Das ich ein absolutes Wunschkind meines Vaters war, erfuhr ich erst nach seinem Tod. Hätte ich dies gewusst, hätte ich mich vermutlich anders entwickelt. Aber so hatte ich es nur eilig und wäre fast gleich wieder gestorben. Ich hatte eine Blutkrankheit und aus den Erzählungen meiner Mutter erfuhr ich, das ich keinen Tropfen Blut von meinen Eltern in den Adern hätte, weil man mein ganzes Blut ausgetauscht hatte. Nach 7 langen Monaten konnte ich als geheilt entlassen werden. Als ich die Geschichte erfuhr dachte ich in meinen schlechten Zeiten oft, es wäre wohl besser gewesen.

An meine früher Kindheit habe ich nur verschwommene Erinnerungen. Andere sind tief in mir eingebrannt, obwohl ich als Kind die Dinge nicht verstand. Heute weiß ich es, damals hat es dazu geführt, dass ich verstört und unsicher wurde. Wir waren fünf Kinder. Die große Schwester, zwei ältere Brüder und ein kleiner Bruder. Wir liebten und wir zankten uns. Es war eben normal.

Ich erinnere mich daran, das mich jemand von einer Schaukel schubst, als sie am höchsten war. An einen Cousin mit dem Down Syndrom, der mir eine höllische Angst einjagte. An Nachbarsjungen die wohl zuhause einiges vom Liebesleben ihrer Eltern mitbekamen, die sich im Sandkastenalter schon mit ihren Geschlechtsteilen beschäftigten. Als sie mich damit konfrontierten rannte ich heim und erzählte es meiner Mutter.

Ihre Reaktion: Eine sehr eindringliche Mahnung mit vielen Worten, die ich nicht verstand. Das einzige was hängen blieb: Männer sind Schweine und benutzen Frauen nur als Mülltonne. Ein Satz den ich in den folgenden Jahren oft zu hören bekam, der sich in mir einbrannte und ich erst im Alter von 34 Jahren zu dem machen konnte, was es war. Ein Satz ohne wirkliche Bedeutung. Doch es sollte mich für die Jugend prägen.

Von dem Zusammenleben meiner Eltern bekam ich nicht viel mit. Mein Papa war Fernfahrer und tourte die meiste Zeit zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz hin und her. Wenn er zuhause war, war er ein liebevoller Vater der sich um mich bemühte. An den Wochenenden war er oft zum Frühschoppen. Mama fuhr dann mit uns in die Kneipe um den volltrunkenen Vater abzuholen. Meist waren ich und mein kleiner Bruder dabei. Klar was es komisch den Papa so lallen zu hören und wenn er zur Tür schwankte, hatte ich oft Angst das er mit meiner Mutter stürzen könnte. Aber er war niemals aggressiv. Noch nicht. Wir Kleinen bekamen dann immer alles was wir wollten und gingen gerne mit, den Papa abholen. Welche Qual es für meine Mutter bedeutete wurde mir erst als Jugendliche klar. Ich lernte Alkohol ist Scheiße und so konnte ich mich in all meinen Beziehungen nie damit anfreunden, das diese Männer tranken. Selbst wenn es aus heutiger Sicht sicher nicht übermäßig war. Zumindest nicht bei meinem zweiten Ehemann Jörg. Aber zu diesem Sonderexemplar später mehr.

Mit ca. 5 Jahren entdeckte ich auf kindliche Art meinen Körper und seine Reaktionen auf bestimmte Bewegungen. Ich wusste nichts von Selbstbefriedigung, ich wusste nur, das ich da plötzlich Gefühle entdeckte, die aufregend waren. Ich tat das, wozu mein Körper von Natur aus bestimmt war und mich auf die Pupertät und ein späteres Liebesleben vorbereiten sollte. Unschuldig und ohne Gewissensbisse. Leider beobachtete eine Tante mich und begann zu zetern und machte meine Mutter auf die „unanständigen Bewegungen“ ihrer kleinen Tochter aufmerksam. Ich erinnere mich an eine furchtbare Schimpftirade meiner Mutter. Ich verstand rein gar nichts von dem was sie mir da erzählte. Ich wusste nur, ich „muss was ganz schlechtes und übles getan haben“. Ich tat es nie wieder und sollte deshalb später massive Probleme mit meiner Sexualität bekommen.

Ich entwickelte mich zu einer Träumerin, ich konnte an einem heißen Sommertag in Regenpfützen herumtollen oder ich legte mich hinein und beobachtete den Regenbogen der sich in der Pfütze spiegelte. Meine Mutter schüttelt oft den Kopf über mich. Mei  Vater störte es nicht, das ich mit den Brüdern auf Bäume kletterte oder Feuerchen machte. Einmal haben wir einen ganzen Kartoffelacker nieder gebrannt. War das eine Aufregung. Papa kannte den Bauern und der schmunzelte nur. „Ist nichts passiert, die haben nur das übrig gebliebene der Ernte verbrannt. Ist doch schon alles bestellt gewesen. Ich glaub heute noch, das es ihm sogar recht war.

Eines Tages wohnte eine alte Oma bei uns in der kleinen Wohnung. Sie entpuppte sich als unsere Oma aus der DDR. Sie war hart und ohne Wärme. Als sie endlich ihre eigene Wohnung bekam, war ich froh das sie weg war. Ich sah meine Mutter an und dachte, wie kann man so eine lieblose Mutter haben. Die Härte in den Augen dieser alten vergrämten Frau spiegelten sich in den Augen meiner Mutter wieder, wenn sie schlecht gelaunt war. Ich hatte regelrecht Angst vor ihr, wenn sie wütend war. Und das war sie oft. Die Situation war sehr angespannt und ich war froh in die Schule gekommen zu sein.

Dort lernte ich meine erste richtige Freundin kennen. Ich war schon als Kind sehr emotional und wenn wir uns stritten ging es mir richtig schlecht. Noch schlechter ging es mir, als es hieß, wir ziehen um. Der Umzug, der meine kleine heile Welt zusammen brechen ließ und mich sehr sehr einsam machte. Der Umzug in einen anderen Stadtteil und mir die vermeintliche Erkenntnis brachte, dass Erwachsensein grausam sein muss.

Viel war nicht zu verpacken. Wir hatten ja nur eine Zweizimmer-Wohnung in Wanheim. 7 Personen in so einer kleinen Wohnung. Die Schwester war damals schon 13. der eine Bruder 11, der andere ca.8, ich 7 und der kleine 6. Klar wurde es Zeit eine neue Wohnung zu bekommen. Ich war es gewohnt so zu leben und wusste nichts von den Qualen meiner Eltern, die diese Umstände quälten. Wenn ich heute daran zurück denke, frage ich mich wie meine Eltern das geschafft haben. Logisch freuten sich alle. Nur ich nicht. Ich lag in den Armen der Mutter meiner Freundin und weinte mir die Augen aus. Ich war dort wie ein weiteres Kind aufgenommen worden und meine kleine Freundin Margit war mein EIN und ALLES zu jener Zeit. Ich wollte nicht weg. Niemand verstand meinen Schmerz. Und ich fühlte mich unsagbar einsam. Ich verlor meine Freundin aus den Augen und wollte keine neuen Freunde mehr. So klein und doch schon so verbittert. Sicher hatte ich Spielkameraden am neuen Ort. Aber es war nicht wie bei Margit. Keine Freundin konnte mich so begeistern.

Die meiste Zeit spielte ich mit meinem kleinen Bruder. Ich wollte kein Mädchen sein. Ich wollte ein Junge sein der auf Bäume klettert und Feuerchen machte. Meine Mutter sagte in der Zeit oft zu mir, ich wäre so anders! Ich konnte damit nichts anfangen, aber es prägte sich ein. Oft habe ich später darüber nachdenken müssen was „anders“ an mir sein sollte. Konnte es aber nicht fassen. Mein Dad fand es nicht so schlimm. Er nörgelte nicht, wenn ich lieber Hosen anzog als Kleider. Ich hab mich als Kind schon unwohl gefühlt in Kleidern. Ich verstand nicht was andere Mädchen an neuen Kleidern fanden. Irgendwie fand ich nur die Anerkennung bei meinem Vater, wenn ich nicht so zimperlich war. Außerdem wurde mir von meiner Mutter suggeriert, das man es als Mädchen schwerer hätte. War es da ein Wunder das ich lieber ein Junge gewesen wäre?

Als Mädchen konnte ich mich nicht durchsetzen, war schüchtern und zurückhaltend bis ängstlich. Wenn ich mit meinem Bruder unterwegs war, war alles anders. Da war ich mutig und traute mir vieles zu. Sobald ich zuhause war, wurde ich wieder zum kleine ängstlichen Mädchen. Es wurde nicht besser, eher schlimmer. Ich war 8 Jahre alt, meine Mutter erzählte mir Dinge aus ihrem Leben (sie hatte keine schöne Jugend) die ich besser noch nicht hätte erfahren sollen. Zwangsläufig entwickelte ich ein gestörtes Verhältnis zu mir selbst. Die Beziehung meiner Eltern zu der Zeit bezeichne ich gerne als Krieg und Frieden, aber immer mit ein wenig Harmonie. Das war vorbei. Mein Dad hatte den Fernfahrerjob aufgegeben und hatte bei Berzelius begonnen zu arbeiten. Regelmäßige Arbeitszeiten sollten das Familienleben verbessern, tat es aber nicht. Er begann wieder regelmäßig in die Kneipe zu gehen. Meine Mutter war wütend und irgendwann bekam sie ihren ersten Asthmaanfall.

Ich weiß nicht mehr genau wann das anfing, aber es war schrecklich. Wenn sie einen Anfall bekam, stand ich hilflos daneben und hatte Angst meine Mutter zu verlieren. Das sie vor meinen Augen ersticken würde. Also gewöhnte ich mir an, ihre Tabletten in der Tasche zu haben, oder immer zu wissen wo sie sich befanden. Ich wurde zur „Retterin“ meiner Mutter. Gleichzeitig wurde ich immer wütender auf meinen Vater, der dieses Anfälle schließlich auslöste, wie ich glaubte. Viele Jahre später begriff ich, das sie mich damit systematisch an sich kettete!

Wir hatten nun eine große Wohnung, meine Mutter ging arbeiten, mein Vater ging arbeiten. Aber das Geld reichte hinten und vorne nicht. So entschloss sich mein Vater Taxi zu fahren, nach der Arbeit bei Berzelius. Er war wieder viel weniger präsent. Dafür aber seine Trinkerei. Auch wenn er nicht jede Woche ging, so tat er es alle 6 bis 8 Wochen. Er trank weniger als vorher, wenn dann aber bis zur Besinnungslosigkeit, wenn er denn ging. Vor allem ist mir in Erinnerung, das es jedes mal einen Streit gab, bevor er ging. Kam er dann heim war die Luft regelrecht verpestet. Man spürte die Luft knistern und das machte mir Angst. Angst, weil ich wusste die Zeit ist gekommen auf meine Mama aufzupassen!

Mein Dad war reumütig und versuchte seine Frau zu besänftigen, aber meine Mutter lies es nicht zu und war verbittert und kalt. Das allerdings machte meinen Vater mit der Zeit wütend und es geschah was geschehen musste. Wieder ging er. Eines Tages kam er vom Taxifahren nicht mehr nach Hause. Meine Kinderseele war gequält. Ich war böse mit Papa, gleichzeitig sehnte ich mich so unsagbar nach meinem Vater. An meinen Geschwistern schien es vorbei zu gehen. Deren Taktik sich dieser verpesteten Luft zu entziehen: verschwinden. Ich erinnere mich daran, das ich in solchen Situationen immer alleine mit meiner Mutter war. Ich verstand immer noch nicht viel um die Verwirrungen des Lebens und lebte in meinem kleinen Kosmos der Familie.

Mein Dad holte mich und den kleinen Bruder ab und nahm uns mit zu einer Tante. Dort lebte er wohl. Er weinte, aber meine Tante zeterte mit ihm. Ich sah ihn an und sagte:“ Papa komm doch mit nach Hause“ Er weint wieder, alles was ich dann verstand war, das diese Tante, die ich eh nicht leiden konnte, ihn davon abhalten wollte. Als er uns heim fuhr, fuhr eine Cousine mit, damit er sich nicht entschließen konnte mit meiner Mutter mal zu reden. Die wollte auch nicht reden, sie wollte die Scheidung.

Als 10 jährige weiß man was das bedeutet. Ich konnte es nicht fassen. Eines morgens meinte meine Mutter, ich würde nicht in die Schule gehen, sondern mit ihr wo hinfahren. Ich kapierte nicht was da grade geschah. Sie fuhr mit mir mit Bus und Bahn nach Meiderich. Klingelte an einer Wohnungstüre und sprach mit einer Frau, die in ihrem Alter war. Dann führte uns dieses Frau in ein Zimmer. Ein Kinderzimmer´, ein Mädchenzimmer. Ich schaute mich interessiert um und sah dann Bilder von meinem Papa mit einem jungen Mädchen. Ich war nicht geschockt oder so, denn ich verstand die Dinge nicht. Ich sagte laut:“ Das ist aber ein hübsches Mädchen!“

Dafür fing ich mir eine Ohrfeige ein. Dann wurde es laut, meine Mutter schrie umher und zog mich dann an der Hand hinter sich her. Ich war total aus der Puste. Meine kleinen Füße kamen nicht so schnell mit. Auf der Rückfahrt nach Hause starrte meine Mutter aus dem Fenster. Ihr Gesichtsausdruck machte mir Angst. Meine Versuche sie anzusprechen fruchtete nicht. Langsam dämmerte es mir, das dieses Mädchen damit zu tun haben musste.

Mein Dad benutzte eine andere Frau als Mülleimer! Das war es was ich daraus lernte. Denn Mama hat ja diesen Ausdruck immer wieder gebracht. Wie konnte er nur! „Wenn ich groß bin, will ich keinen Mann!“ waren meine kindlichen Gedanken und mein Hass wurde größer. Aber ich vermisste meinen Papa auch. Als wir heimkamen setzte sich Mutter an den Küchentisch, rauchte eine nach der anderen, griff in die Schublade und beförderte ein großes Brotmesser heraus. Sie stand wortlos auf und ging ins Wohnzimmer. Ich dachte mein Herz würde stehenbleiben als sie das Brotmesser drohend in die Höhe hielt. Dann begann sie zu schreien. Die Fäkalsprache die da zum Vorschein kam will ich nicht wiederholen. Aber meine Angst steigerte sich ins unermessliche. Schreiend und mit dem Brotmesser die neue Couchgarnitur zerschneidend lief sie wie ein Zombie im Wohnzimmer hin und her. Meine Versuche sie zu beruhigen liefen ins Leere.

Sie hatte einen irren Blick und aus Angst sie könnte mich erwischen klingelte ich bei einer Nachbarin. Sie ging mit mir in unsere Wohnung und schickte mich ins Kinderzimmer. Ich saß auf dem Bett und zitterte wie Espenlaub. Die Nachbarin hatte meine Mutter wohl zur Vernunft gebracht, sie wurde ruhiger. Dann kam dieses Geräusch! Das ziehen nach Luft, das Röcheln und Stöhnen. Sie bekam einen Asthmaanfall. Ich überwand meine Angst, brachte ihr die Tabletten und hoffte das es besser werden würde. Es dauerte diesmal sehr lange und ich dachte mal wieder meine Mama würde sterben. Mich nahm sie einfach nicht wahr, als würde ich nicht existieren. Das tat weh. Mein Dad kehrte nach Hause zurück. Aber das bisschen was ich als Harmonie empfunden hatte, war verloren. Es war eine Spannung in der Luft die fast greifbar war. Das Taxifahren gab mein Vater dran und das Saufen auch.

Ein paar Jahre ging es gut, aber die Schulden der Eltern wurden größer, so das er wieder ins Taxi stieg. Und nach knapp 2 Jahren fing auch das unregelmäßige Saufen an. Ich war inzwischen 13, meine Schwester bereits ausgezogen und die Jungs waren ständig weg. Inzwischen wurde ich auch in die Hausarbeit mit einbezogen, für mich war das normal. Wie ich meine Schule schaffte, ist mir heute ein Rätsel. Aber meine Noten waren gut und ich wollte die Hauptschule verlassen. Ich kam ins 7te Schuljahr der Realschule Duisburg Süd. Ein neuer Abschnitt und endlich auch wieder eine Freundin. Heute weiß ich, das die Kindheit nicht besonders toll war. Damals war es für mich normal und ich dachte, es sei in allen Familien so.