Dies und das. Mal schaun von was


Vorbereitungen und Abreise

Es war sieben Uhr, als der Wecker klingelte. Vor Aufregung kribbelte mein Magen schon beim Erwachen. Nervosität war in mir. Zittrige Finger hinderten mich daran, mich ordentlich zu schminken. Wutentbrannt schmiss ich die Make-up- Utensilien in die Kulturtasche. Es war mir sowieso egal, wie ich aussah. Hauptsache weg von hier. Weg von Zuhause. Ich sah in den Spiegel und dachte an die vergangenen Wochen. Tränen stiegen mir in die noch vom Vortag geschwollenen Augen. Seit Tagen tat ich nichts anderes mehr als zu heulen.

"Reiß dich zusammen, du blöe Kuh“, dachte ich und drehte mich abrupt um. Prompt stieß ich mir das rechte Knie, im viel zu kleinen und engen WC. Ich fluchte und schaute mich um. Es kotzte mich alles an. Einfach alles. Notdüftig war die Wohnung renoviert worden. Wir hatten kaum Zeit gehabt.

Plözlich hatte ich die beiden alten Leute - meine Schwiegereltern - die zuvor diese Wohnung bewohnt hatten, vor Augen. Natürlich, sie waren schuld am schlechten Zustand der Wohnung. Und überhaupt: Wieso war immer ich das Opfer, die Getretene? Ich musste hier raus, das wusste ich. Der Entschluss reifte unbemerkt in mir. Und dann kamen die letzten Tage vor meinem Ausbruch aus der Familie. Die Ereignisse überschlugen sich. Ich konnte nicht mehr. Ich spürte, dass der Zusammenbruch nahe war. Meine Tränen waren ein Hilferuf, den niemand hörte. 

Am 27. Dezember 1992 wollte Gerd, mein Mann, seine Eltern im Krankenhaus besuchen. Seine Mutter hatte sich den Knöchel gebrochen, und sein Vater hatte Probleme mit den Nieren. Beide waren sie in das selbe Krankenhaus aufgenommen worden, doch als wir an jenem Morgen im Krankenzimmer standen, waren seine Eltern einfach verschwunden. Fassungslos sahen wir uns an. Erst Jahre später erfuhren wir, dass sein Vater einen Antrag auf Heimaufenthalt unterschrieben hatte. Lange war die Tatsache, das es nicht mehr anders als so ging, von ihm verdrängt , doch nun machte er seinen Sohn dafür verantwortlich, dass er und seine Frau in einem Altenheim gelandet waren. Um das aller Welt mitzuteilen, benutzte er sogar eine Tageszeitung, die sehr einseitig über diese Angelegenheit berichtete. Was in der Zeit vorher in der Familie vorgefallen war und warum alles so kommen musste, darüber stand dort kein Wort.

Nur einen Tag später, stand der Sozialbetreuer der Eltern in unserer Türe, bat um deren persönlichen Unterlagen und stellte uns vor die Tatsache, dass ihre Wohnung geräumt werden müsse. Wir lebten in der Wohnung über ihnen. Um die Kosten für die Pflege im Heim abzudecken, war entschieden worden, die elterliche Wohnung zu vermieten. Gerd war völlig geschockt, denn sein Vater hatte ihm vor fünf Jahren das Haus üerschrieben und jetzt konnte er es nicht fassen, dass Fremde  über einen Teil seines Eigentums verfügen konnten. Erst ein paar Tage später stand fest, das vorerst niemand in diese Wohnung einziehen konnte, da der Vater  ein lebenslanges Wohnrecht für die Wohnung besaß, sie aber nicht weitervermietenwerden durfte.

Ein Jahr lang stand die Wohnung dann leer, denn mein Mann und ich konnten mit dieser Situation, mit diesem Affront der Eltern nicht fertig werden. Wir waren wie gelähmt. Aber dann kam die erste Zahlungsforderung des Sozialamtes: 110.000 DM sollte Gerd innerhalb einer kurzen Frist für aufgelaufene Heimkosten zahlen. Unser Schockzustand verschlimmerte sich. Gerd reagierte völlig apathisch, er sagte nichts, er tat nichts. Die Situation spitzte sich weiter zu, denn nach einiger Zeit stiegen die Forderungen des Sozialamts weiter:  Entweder geben Sie Ihrem Vater das Haus zurück, oder Sie zahlen an uns 250.000 DM. Das Sozialamt betrachtete die erfolgte Haus-Überschreibung als ein Geschenk, und laut Gesetz darf man innerhalb einer Frist von zehn Jahren ein Geschenk zurückfordern. Gerd stand kurz vor dem Ausrasten, doch verhielt er sich unnatürlich ruhig. Ich wusste, dass wir schnellstens an Geld kommen mussten. Die Bank würde uns schon welches geben. Aber dafür mussten wir Sicherheiten bieten können. Also mussten wir unsere eigene, frisch renovierte Wohnung vermieten und selbst in die heruntergekommene Wohnung der Eltern ziehen. Auf Grund der Wohnrechtssituation war es die einzige Möglichkeit. Also zogen wir so schnell wie möglich runter, um unsere Wohnung zu vermieten. Während ich mir die Hacken bei der Suche nach einem möglichen Kreditgeber ablief und gleichzeitig mit meinem Vater die schwiegerelterliche Wohnung notdürftig instand setzte, verharrte Gerd in seinem Schockzustand, so als ob ihn das alles gar nichts anging.

Schließlich vermittelte ein guter Freund meines Mannes uns einen Kredit. Unsere neue Wohnung bekam hier ein bißchen Farbe, dort ein wenig neuen Lack. Wo es nötig war, wurde auch neue Tapete geklebt. Meist jedoch stückelte mein Vater die Tapete an, da unsere angespannte finanzielle Situation nicht mehr als so ein Stückwerk zuließen. Dann fingen wir an, die kleinen Möbel hinunterzutragen. Auf einmal fing sogar Gerd damit an, uns ein bißchen zu helfen, mit völlig leerem Gesichtsausdruck. Er kam mir vor wie ein Zombie, der nur tat, was man ihm befahl. Am liebsten hätte ich ihn damals verlassen.

Ich weinte Tage und Nächte um meine schöne, gerade erst umgebaute Küche im ersten Stock. Lange Zeit hatten wir dafür gespart, um sie endlich so schön herzurichten. Mit Fliesen an der Wand und auf dem Boden. Mit Rauhputz und Holzvertäflung. Erst knapp ein halbes Jahr war sie fertig, und nun musste ich sie fremden Leuten überlassen. Genauso wie mein schönes Bad. Alle Armaturen und Sanitästeile waren gerade erst erneuert worden. Als ich mich in dem schäbigen anderen Badezimmer umsah, in dem ich am liebsten mit einem dicken Hackbeil alles zerschlagen hätte, kamen mir wieder die Tränen. Es war alles so widerlich und hässlich. Die ganze Welt und alle Menschen um mich herum.

Um nicht länger darüber nachdenken zu müssen, ging ich schnell in die Küche, in der a Gerd saß. Wir redeten nicht miteinander. Nur das Nötigste. Ich erstickte fast an meinem Brot und kippte tassenweise Kaffee in mich hinein. Das trug nicht gerade dazu bei, meine Nervosität und meine Angst vor dem Unbekannten zu lindern. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass an diesem Tag noch etwas schieflaufen würde, aber ich wusste nicht was. Nach einiger Zeit stand mein Mann auf, um das Auto vorzufahren. Meine fertig gepackten Koffer mit den Sachen, die ich in der Kur brauchen würde, mussten noch in den Wagen gepackt werden, bevor es losgehen konnte. Plötzlich stand mein Mann in der Haustüre und bemerkte nervös: "Irgendwas stimmt mit dem Wagen nicht. Ich hole rasch das Auto von meinem Freund. Es dauert nur eine halbe Stunde, dann bin ich wieder da!“ Aus irgendwelchen Gründen ließ mich dieser Satz explodieren. Ich war am Ende. Hatte er etwa vor, meinen geplanten Klinikaufenthalt herauszuzögern?

Wie von der Tarantel gestochen sprang ich von meinem Küchenstuhl hoch. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Ich muss pünktlich in der Klinik ankommen. Die Klinik hat extra angerufen und mir einen freien Platz reserviert. Ich riskiere doch nicht meinen Therapieplatz. Es dauert viel zu lange, bis du wieder hier bist. Fahr mich lieber mit Gigis Wagen zum Bahnhof. Von da kann ich dann einen Zug nehmen. Gigi gibt uns ihr Auto bestimmt. Und im übrigen wohnt sie hier im Haus, falls du das vergessen haben solltest. Eine relativ einfache Lösung für mein Problem!“

Zuerst blickte Gerd mich bitterböse an, aber dann begann er zu betteln: „Warte doch bitte auf mich. Wir haben doch noch genug Zeit. Ich bringe dich schon hin!“ Seine beschwichtigende, gleichgültige Art, die ich nur zu gut kannte, brachte mich zur Weißglut. Ich war wie von Sinnen. Er setzte sich - inzwischen auch wutentbrannt - in den Wagen, und ich schrie hinter ihm her: „Wenn du jetzt fährst, nur um mal wieder deinen Dickschädel durchzusetzen, dann bin ich gleich nicht mehr da. Das schwöre ich dir!“ Mit Tränen in den Augen sah er mich an und fuhr plötzlich wie ein Irrer aus der Einfahrt des Grundstücks hinaus.

“So, das war's dann mal wieder! Ich fahre doch nicht 250 Kilometer mit einem wildgewordenen Ehemann am Steuer. Dann redet er nicht, ist sowieso nur sauer auf mich und womöglich sieht er unterwegs noch rot. Oh, nein. Ohne mich. Der kann mich mal“, redete ich mit mir selbst. Ich hatte schlichtweg Angst um mich und mein Leben. Sein Verhalten in der letzten Zeit und seine verbalen Attacken flössten mir Furcht ein, obwohl er mir noch nie körperlich etwas zu leide getan hatte. Doch er drohte hin und wieder damit. Ich sah ihn vor mir, so wie er mich in den letzten Monaten immer wieder angeschrien hatte: „Du willst doch immer nur recht haben. Du denkst doch nur an dich. Dann hau doch ab, wenn du weg willst. Aber die Kinder, die Kinder kriegst du nicht. Das schwöre ich dir. Irgendwas passiert hier, das kannst du mir glauben!“ Während er so herumschrie, verzog sich sein Gesicht stets zu einer grotesken Maske. Seine Augen schienen mich dann durchbohren zu wollen, und ich bekam Angst. Drohend baute er sich dann vor mir auf und schien kurz vor einer Kurzschlußhandlung zu stehen.

Die Angst davor, dass mich irgend jemand noch daran hindern könne, in die Klinik zu fahren, ließ mich handeln. Vergessen war die Panik vor dem, was da auf mich zukommen mochte. Vergessen waren die Worte der sogenannten „guten“ Freunde: „Na, geht's ab in die Klapsmühle!“ Plötzlich schien mir die Klinik die einzige Rettung zu sein. Was mich dort konkret erwartete, war nicht mehr wichtig. Erst mal hinkommen, das war mein Ziel. So saß ich nun da, zurückgelassen in der Wohnung und wollte nur noch weg. Mir war auf einmal alles gleichgütig. Für die Kinder hatte ich gut vorgesorgt. Um sie brauchte ich mir keine Gedanken zu machen. Aber ich wusste auch, dass ich sie jetzt allein lassen musste, sonst könnte ich ihnen nie wieder eine gute Mutter sein.

Fieberhaft begann ich damit, meine Abreise umzuorganisieren. Noch am selben Morgen saß ich um 11 Uhr im Wagen meines Bruders, der mich an mein Ziel brachte. Er stellte keine Fragen und redete auch nicht viel. Hin und wieder ließ er sich eine Zigarette drehen. Sein rechter Arm war eingegipst. Er musste sich sehr auf die Straße konzentrieren und kam so nicht auf die Idee, peinliche Fragen zu stellen. Dies kam mir sehr entgegen. So konnte ich meine Gedanken schweifen lassen 

Womit hatte all der Ärger bloß angefangen? Als ich bei Gerd einzog und feststellte, dass sein Vater zu viel trank, genau wie seine Mutter, die auch noch psychisch krank war? Oder als ich feststellte, dass seine Schwester Ulrike dank der Abhängigkeit von den Eltern und ihrem Bruder kaum lebensfähig war? Als sie in schlechte Gesellschaft geriet, mich mit dem Tod bedrohte und als Erbschleicherin bezeichnete? Als sein Vater begann, mich wie einen Schmarotzer zu behandeln und zu beschimpfen? Als Ulrike starb? Als ich auszog aus dem Haus, in dem ich so viele Tränen geweint hatte? Als ich so dumm war, aus Liebe zu Gerd wieder in dieses mir so verhaßte Haus zurück zukehren? Als seine Eltern plötzlich und ohne unser Wissen in das Altenpflegeheim gingen und Gerd dadurch handlungsunfähig wurde? Als wir erfuhren, dass wir eine Unsumme für Pflegekosten zahlen mussten? War es der sich jahrelang hinziehende Prozeß um die Kostenübernahme? War es, als mein Vater starb? Als Gerd kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, aber ich selbst ihn dann erlitt? Oder aber erst, als ich endlich begann, rot zu sehen und mich gegen diese Situationen zu wehren begann?

Alle Ereignisse, die mich so erschüttert hatten, schwirrten mir quälend durch den Kopf. Ich kam mir vor wie ein übervolles Faß, das zuerst übergelaufen und dann in tausend Stücke zerbrochen war. So fühlte ich mich auch, zerrissen, nicht in tausend, nein in zigtausend Stücke. Pünktlich um 14 Uhr setzte mein Bruder mich an der Pforte der Klinik ab.