Dies und das. Mal schaun von was


Traummann

Stolze 14 Jahre alt war ich, als es in meinem Herzen einschlug wie eine Bombe. Innerhalb weniger Sekunden wurde meine Gefühlswelt in ein einziges Chaos gestürzt. Ich genoss diesen Zustand, bis mich die Realität wieder einholte ...

Ein neues Schuljahr begann. Neue Klassenkameraden und eine neue Schule, die für die nächsten Jahre für meine Bildung zuständig sein würde. In einem Klassenraum standen die Schüler zwanglos umher. Unsicher betrachtete ich die Jugendlichen. Ein Mädchen, etwas kleiner als ich, sprach mich an: "

Hey! Kennst du auch noch niemanden hier? Ich heiße Sara und bin Italienerin. Eigentlich heiße ich ganz anders. Aber die meisten können meinen Namen nicht aussprechen. Darum nenn ich mich Sara. Ich bin schon lange in Deutschland. Wie heißt denn du?"

"Kathy" antwortete ich ihr, ohne sie anzusehen. Mein Blick wanderte immerzu unruhig hin und her, als suchte ich etwas, ohne zu wissen wonach. In dieser Weise unterhielten wir uns über dies und das. Mitten in einem Satz verstummte ich.

Ich hatte `IHN` gesehen. Den Mann, na ja, den Jungen meiner Träume. Ich erstarrte in meinen Bewegungen. In meinen Ohren rauschte und dröhnte es. Mein Herz klopfte wild und drohte davonzurennen. Mein Pulsschlag beschleunigte sich, und mir wurde schwindelig und schlecht zugleich.

"Das ist sie, die Liebe auf den ersten Blick. Es gibt sie also doch! Nicht nur in Liebesromanen, wie Mutti immer behauptet!" schoss es mir durch den Kopf. "Hey! Hallo? Kathy? Wo bist du denn gerade?" sprach mich Sara an. Sie verfolgte meinen Blick und fing an zu grinsen. "Der Typ sieht gut aus, wie? Schau mich nicht so verdattert an. Ich steh nicht auf den dunklen Typ. Eher auf Blond und Blauäugig!" Etwas verwirrt schaute ich sie an. Anscheinend hatte sie mit mir gesprochen. Nachdem ich mich ein wenig gefangen hatte, stellte ich fest, dass sonst niemand mein Interesse für diesen Jungen bemerkt hatte. Er schon gar nicht. Er sah mich nicht einmal.

Der Lehrer betrat den Raum, und wir suchten uns einen Platz. Ich setzte mich ganz nach vorne. Mein Traum ging zum hintersten Tisch und saß dort allein an seinem Schülerpult. Verstohlen betrachte ich ihn. Er war einen Kopf größer als ich, hatte schwarzes, lockiges und schulterlanges Haar. Seine Pupillen konnte man aus der Entfernung nicht erkennen. Seine nackten Beine lugten unter dem Tisch hervor. Die Fransen seiner abgeschnittenen Jeans hingen ihm bis in die Kniekehlen. "Fußballerbeine", registrierte ich sofort. Er stützte seinen Kopf auf die muskulösen Arme und schaute zum Fenster hinaus. Er wirkte seltsam auf mich. Seine Stärke, die ich in seinen Armen vermutete, bewies er gleich in der ersten Pause. Ein Junge aus dem Achten, wir waren im siebten Schuljahr, rempelte ihn an, während er die Treppe zum Schulhof hinunter rannte. Auf dem Schulhof prügelten sich die beiden. Sein Gegner hatte anschließend eine geplatzte Unterlippe und rannte mit schmerzverzogenem Gesicht davon.

Durch diese Aktion zog er die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse auf sich. Die Jungs standen um seinen Tisch herum, und ich hörte sie mit begeisterter Stimme sagen:" Klasse, wie du dem eins auf die Nase gegeben hast! Deine Rechte ist nicht von schlechten Eltern" oder "Spielst du nachher Fußball mit uns? Wo wohnst du? Ich komm nach der Penne zu dir". Die Mädchen wiederum flüsterten miteinander: "Den hätte ich gern zum Freund!" "Ne, der hat bestimmt schon ne Freundin!" "Ob der wohl schon knutscht und so?" Alles Dinge, die ich zu gern auch gewusst hätte, doch das behielt ich lieber für mich.

Mit verklärtem Blick saß ich an meinem Tisch und lauschte den Gesprächen. Er hörte den Kindern unbeteiligt zu, sagte kein Wort und wandte sich dann wieder mit abwesendem Blick dem Fenster zu. In der dritten Stunde hörte ich dann endlich seinen Namen. Er hieß Michael. Was für ein Name! Ich hatte ihn schon tausendmal gehört. Doch diesmal klang es wie Musik in meinen Ohren. "Michael, Michael, Michael!" klang es melodisch in meinen Ohren. In den folgenden Tagen saß ich selbstvergessen in der Schule und sah nur ihn, sonst nichts. Immerzu schaute er aus dem Fenster. Der Unterricht schien ihn nicht zu interessieren. Trotzdem schrieb er gute Noten.

Ich leider nicht! Er wirkte geheimnisvoll auf mich und auch Angst einflößend. Ich fragte mich, warum es so war. Ganz wie es in meinen heiß geliebten Liebesromanen zuging. Die Heldin hatte oft Angst vor ihrer großen Liebe und fand zum guten Schluss doch das große Glück. Mit diesem vermeintlich tollen Wissen ausgestattet, sah ich einer tollen Liebesromanze entgegen. In meiner Fantasie gingen wir miteinander aus, redeten und diskutierten.

Seltsamerweise sprachen wir in der Wirklichkeit nur ein einziges Mal miteinander. Der Pauker am Lehrerpult sprach um so mehr mit mir: "Fräulein Kathy Meyer?! Die Musik spielt hier vorne! Wie oft muss ich das noch sagen? Vielleicht würdest du freundlicherweise der Klasse mitteilen, was es da hinten so Sehenswertes gibt. Vielleicht trägt es ja auch zum Unterrichtsstoff bei!" Dabei knallte er seinen Gehstock auf das Pult. Seine Stimme war donnernd und zog sich dabei gefährlich in die Länge. Zu Tode erschrocken fuhr ich dann jedes Mal zusammen, drehte mich um, schaute die Tafel an und gab zur Antwort: "Ja, in Ordnung!" Ich fühlte mich dabei sehr blöde und wusste, dass mein Kopf in wenigen Sekunden einer Tomate zum Verwechseln ähnlich wurde. Dann wurde mir schlecht.

"Mensch Kathy! Wenn du so weiter machst, bleibst du hängen. Ich kann doch nicht alle deine Hausaufgaben für die Penne miterledigen. Du gehst mir ganz schön auf den Wecker. Mach doch endlich, was wenn du so verknallt bist in den Typ. Unternimm was, sieh zu das er dich bemerkt!" flüsterte mir Sara amüsiert, aber auch leicht verärgert zu. Ich raffte all meinen Mut zusammen und suchte den direkten Blickkontakt. Ich wollte eine Reaktion, irgendeine. Also starrte ich unentwegt in seine Richtung. Es dauerte nicht lange und unsere Blicke trafen sich.

In mir begann ein Feuerwerk. Ich wurde warm, es kochte in mir. Es war aufregend, andererseits wurde es mir peinlich. Sein Blick war starr. Kein Lächeln auf seinen Lippen. Ein feindseliger Ausdruck lag in seinem Gesicht. Schnell wandte ich meinen Blick Richtung Fenster. In mir kribbelte es und mir war verdächtig nach Heulen zumute. "Kathy! Kannst du dem Stoff noch folgen oder brauchst du mal wieder eine Sondererklärung!" donnerte es direkt an meinem Ohr. Ruckartig drehte ich mich um und stieß mit meiner Nasenspitze an den fülligen Bauch meines Klassenlehrers. Er grinste mich wissend an, drehte sich um und schritt gemächlich langsam Richtung Tafel. Die Peinlichkeit der Situation brachte mich jedoch nicht zur Vernunft. Ich wagte einen zweiten Anlauf. Ich drehte mich wieder in die Richtung meiner großen Liebe. Und da geschah es.

Er sah mir direkt in die Augen. Seine braunen Augen schienen mich anzuleuchten. Und das Unfassbare! Er lächelte. Er lächelte mich tatsächlich an. Mein Herz machte Freudensprünge. In der Pause startete ich einen Versuch ihn anzusprechen. Doch welche Enttäuschung. Er ging an mir vorbei und tat so als sehe und kenne er mich nicht.

In den folgenden Stunden suchten sich unsere Augen ständig. Wir sahen uns tief in die Augen und dieser Junge lächelte ständig. Ich gab mich damit zufrieden, malte mir Geschichten aus, warum er sich nicht zu mir bekannte. Ich fand Entschuldigungen für sein Verhalten und träumte von meiner großen, sich bald erfüllenden Liebe. Ich träumte den ganzen Tag. Beim Aufstehen, auf dem Weg zur Schule, in der Schule, auf dem Weg nach Hause und abends in meinem Bett. In der Nacht waren die Träume sehr realistisch.

Als ich nicht mehr daran glaubte, dass er je mit mir reden würde, sprach er mich in einer Pause mit seiner rauen Stimme an:" Sag mal, hab ich irgendwas an mir, dass du immer so bescheuert glotzen musst? Lass das endlich sein, du blöde Kuh". Jedes Wort der Erwiderung blieb mir im Halse stecken. In den ersten Sekunden gab mein Herz warme wellenartige Stöße von sich, um sich vor Kälte schlagartig zu verkrampfen. Wortlos, fassungslos und nach Minuten endlich wutentbrannt starrte ich ihm hinterher, als er sich abwandte.

An jenem Tag beschloss ich: Ab sofort ist mein Traummann blond, hat blaue Augen und darf durchaus etwas weniger muskulös sein. Ich fand ihn ein paar Monate später in dem Freund meines Bruders. Drei Monate schwelgte ich im Glück einer weiteren  platonischen Liebe. Dann stellte er mir seine neue Freundin vor.

Ich gab es auf Liebesromane zu lesen und wollte nichts mehr von der großen Liebe wissen. Vor 25 Jahren heiratet ich. Auch keinen Traumann, aber fleißig und für einige Jahre ein guter Ehemann. Ich lies mich scheiden, und schwor mir, nie wieder ein Mann in deinem Leben. Aber es kommt immer anders als man denkt, und so lernte ich Carlo kennen und lieben. Ich glaubte mal wieder an die große Liebe und wurde noch mehr hintergangen und belogen. Nun steht die zweite Scheidung an und ich habe den Glauben an einen „guten Mann“ verloren. War wohl nix mit den Traummännern.