Dies und das. Mal schaun von was

Die Marionette

Ich erwachte tränenüberströmt, hatte aber keine Ahnung mehr, was im Traum passiert war und was mich so aufgewühlt hatte. Immer noch schluchzend, zog ich mich an und ging zum Joggen. Niemand sprach mich an, niemand schaute auch nur fragend in meine Richtung, niemand tröstete mich. Man nahm es einfach hin, als sei es total normal, wenn jemand so verheult aussah.

Während ich lief, verschwamm die Gegend um mich herum. Fast völlig blind vor Tränen rannte ich die gewohnte Strecke. Zurückgekehrt ging ich sofort in mein Zimmer, schnappte mir meinen Walkman und begab mich auf den Balkon. So versuchte ich. der morgendlichen Visite aus dem Weg zu gehen. Doch der Arzt schaute auch nach draußen, grüßte, sah mich ein Weile an, als warte er darauf, daß ich ihm etwas erzählen würde. Doch ich wusste nicht, was ich ihm hätte sagen sollen. So tat ich als hätte ich nichts gesehen und gehört, und offensichtlich respektierte er meinen Wunsch, nicht gestört zu werden, denn er ging fort, ohne etwas gesagt zu haben. Später kam Will, zog mir die Stöpsel aus den Ohren und sagte lächelnd: "Mensch, Angelika, so viel Gefühl hätte ich dir gar nicht zugetraut. Als du hier ankamst, dachte ich, die ist verstockt und verzogen, wie ein kleines Kind. Das ist das schönste Abschiedsgeschenk, das du mir machen konntest. Bei dir ist also noch nicht Hopfen und Malz verloren!" Ich hatte zum Abschied für ihn ein kleines Gedicht verfasst und es ihm am Abend zuvor zugesteckt. Aber anstatt mich zu freuen, ärgerte ich mich über seine Worte, verbarg dieses Gefühl aber vor ihm, denn schließlich hatte Will nichts mit meiner Niedergeschlagenheit zu tun. Also bedankte ich mich für sein Lob und begab mich - immer noch schlecht gelaunt - in das anstehende Therapiegespräch.

Wir redeten kurz über meine Eheprobleme, doch wieder blockte die Ärztin dieses Thema ab und lenkte meine Aufmerksamkeit auf das Verhältnis zu meinen Eltern. Das Gespräch endete damit, daß sie mich fragte, ob ich nicht einen Brief an meinen toten Vater schreiben wollte - wenn ich möchte. Die Betonung lag hier auf dem letzten Nebensatz: wenn ich möchte. Immer wieder klangen diese Worte in meinem Ohr. Immer fragte ich mich unaufhörlich: Möchte ich oder möchte ich nicht? Jede Entscheidung mußte ich hier selbst treffen. Das war schon merkwürdig. Zu Hause machte ich meist das, was die anderen von mir erwarteten, was meine Mutter, mein Mann, die Kinder oder meine Freunde von mir wollten, nie das, wozu ich eigentlich Lust gehabt hätte.

Dieses Selbstentscheiden wurde somit zu einer sehr wichtigen Angelegenheit für mich. "Na, wenn du meinst, daß es was bringt, dann mach ich das mal!" dachte ich. Aber irgendwie fühlte ich mich dabei gar nicht wohl. "Da sagt dir jemand, was du tun sollst, und wie immer tust du es schön brav. Ob das Vertrauen ist? Du weißt doch genau, daß dir niemand etwas befohlen hat," schoß es mir durch den Kopf. "Oder willst du vielleicht, daß man dir sagt, was du tun sollst? Ja, wenn du ehrlich zu dir selbst bist, willst du genau das. Du wolltest nie etwas anderes. Es ist ja auch viel bequemer, sich immer alles sagen zu lassen! Doch sagt die Ärztin weder, was du zu tun hast, noch was falsch und richtig ist. Sie regt nur Dinge an, über die du dann nachdenken kannst. Ist das richtig? Sie möchte dich bewegen, nachzudenken und gefälligst selbst zu entscheiden. Und das verdammt noch mal sollst du endlich lernen: für dich selbst zu entscheiden!" 

Es war tatsächlich Vertrauen, was in mir gewachsen war. Unterbewußt war es mir klar, daß es dies war, was mich meiner Genesung näher bringen würde, doch konnte ich es immer noch nicht zugeben, denn ich wollte endlich völlig unabhängig sein. Ich entschied mich dafür, es mit dem Brief einmal zu probieren. Also begann ich, meinem toten Vater all meine Probleme mitzuteilen, sie mir sozusagen von der Seele zu schreiben. Die Ärztin war der Ansicht, daß er die einzige Person sei, bei der ich weniger emotional reagieren würde. Und sie hatte recht! Trotzdem war es ein merkwürdiges Gefühl, an einen Verstorbenen zu schreiben, der diese Zeilen nie würde lesen können. Ich schrieb zunächst nur zögerlich, doch bald vergaß ich Zeit und Raum. Als ich zum Schluß meine Zeilen noch einmal durchlas, stellte ich fest, daß der Brief zu einer Selbstanklage geworden war. In erster Linie hatte ich nur über mich geschrieben, wollte endlich meine Dummheit und Unwissenheit bekennen. Kein Wort über meinen Ehemann, meine Mutterbeziehung oder ähnliches. Nur meinen Vater klagte ich an, weil er so einfach gestorben war. Ich begriff auf einmal, daß ich seinen Tod immer noch nicht verarbeitet hatte. Nein, ich konnte nicht einmal seine Abwesenheit akzeptieren. Mir war schmerzlich bewußt, daß er mich verlassen hatte.

Ich zerriß den Brief, den weder mein Vater noch die Ärztin sehen würden, nahm meinen Walkman und ging zu meinem Baumstumpf. Dort schmiß ich meine zerknüllten Papiertaschentücher durch die Gegend, schlug auf den Gartenstuhl ein und schimpfte dumpf vor mich hin. Ja, ich sprach zu meinem Vater und ließ meiner Wut freien Lauf. Doch als sie verraucht war, entschuldigte ich mich für mein Benehmen und bedankte mich. daß er mir zugehört hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich war in diesem Moment fest überzeugt, daß er mich gehört hatte. Ich glaube es manchmal auch heute noch.

Mein Ausbruch hatte mir zwar etwas Erleichterung verschafft, aber ich fühlte mich immer noch miserabel. Allerdings sollte es noch schlimmer kommen.

"Bitte stellen Sie sich vor, Sie sind eine Marionette!" waren die ersten Worte des Therapeuten in der Rhythmikstunde. -Marionette,- Marionette, -Marionette - das war's. Ich brauchte mir gar nicht erst vorzustellen, eine Marionette zu sein, denn ich war ja eine! Die Marionette meiner Mutter, meines Mannes, meiner Kinder, meiner Freunde, sogar die meiner Schwester. Tatsächlich hatte meine ältere Halbschwester diesen Ausdruck einmal selbst gebraucht, als sie mir vorwarf, nur die Marionette meiner Mutter zu sein und kein eigenes Leben zu führen. In gewisser Hinsicht hatte sie sicherlich recht. Alles, was meine Mutter damals gesagt hatte, war für mich Gesetz und durfte nicht angezweifelt werden. Sie machte keine Fehler - weder im Leben noch in ihrer Erziehung. Wehe dem, der etwas anderes behauptete. Der bekam es mit mir zu tun. Ich wollte sie immer nur im besten Licht sehen. Niemals hätte ich mir eingestanden, daß ich Probleme mit ihr hatte. Ich wollte die Wahrheit nicht wissen.

Wenn mir jemand gesagt hätte, daß das ganz normal sei, daß auch andere Mädchen Konflikte mit ihren Müttern austragen müßten - ich hätte ihm nie geglaubt. Ich wollte eine durch und durch gute Mutter haben. Und nur wenn ich meine Mutter bis auf Blut verteidigte, konnte ich die Anerkennung finden, die ich brauchte. Blinder Gehorsam nahm mir die Sicht für die Wirklichkeit, denn ich wußte: Ich hatte nicht das Recht, meine Eltern zu verurteilen. Aber andererseits wollte ich doch nur ein bißchen Liebe und Anerkennung... "Nein, nein, nein! Ich will keine Marionette mehr sein! So, verdammt noch mal, will ich nicht bleiben! Ich muß anfangen, mein eigenes Leben zu leben, meine eigenen Entscheidungen zu fällen. Hier und jetzt will ich damit beginnen. Ich werde dieses blödsinnige Spiel von Abhängigkeit und Verpflichtung auf keinen Fall mehr mitmachen. Weil ich es nicht will!"

 

Solche Gedanken wirbelten durch mein Gehirn. Ich setzte mich auf den Boden und starrte auf die weiße Wand mir gegenüber. Die ganze Tragweite meiner Erkenntnis wurde mir auf einmal erschreckend klar.

Ich dachte an meine Schwester.(Hintergrundwissen) Mein Gott, was hatte ich damals immer für ein Theater gemacht. Wie oft war ich zu Tode beleidigt gewesen! Sie hatte mir an einem Wochenende mit sehr harten Worten ihre eigene, sehr negative Einstellung zu unseren Eltern erklärt und mir nahegelegt, nein eher gefordert, mich von ihnen zu befreien. Außerdem gab sie auch ihre Meinungen zu jedem ihrer Geschwister ab. Keiner von uns schnitt besonders gut ab dabei. Sie verletzte mich zutiefst mit ihren abwertenden Bemerkungen und merkte es nicht einmal. Zu Hause angekommen. versuchte ich, meine Enttäuschung in einem Brief loszuwerden. Ich schickte ihn ihr sogar, mit dem Erfolg, einen bitterbösen Brief von ihr zurückzuerhalten, in dem sie mir vorwarf, daß ich ihre Kindheit kaputtgemacht hätte. Wie sie zur dieser Überzeugung kommen konnte, ist mir bis heute nicht klar. Damals schämte ich mich einfach nur, geboren worden zu sein, denn offensichtlich haßte sie mich.

Seit dieser Auseinandersetzung hatte ich ein gestörtes Verhältnis zu ihr. Es ging soweit, daß sie mir am Sterbebett meines Vaters sagte, daß ich nichts mehr von ihr zu erwarten hätte und ich nicht mehr ihre Schwester sei. Ich hatte es schon längst aufgegeben etwas von ihr zu erwarten. Trotzdem: Geschockt schaute ich sie damals nur an, unfähig, darauf zu antworten. Für mich war es unfaßbar, daß ein Mensch in solch einer Situation nichts anderes zu tun hatte, als solche Dinge anzusprechen. Zuerst wollte ich mich in meiner Wut mit verletzenden Worten wehren, doch ehe ich etwas sagen konnte, schluckte ich die Worte hinunter. Was hätte es denn auch gebracht, ihr an jenem Tag weh zu tun? Ich wußte, daß sie ihren Stiefvater liebte. Ihre Meinung hatte nichts mit ihrem Empfinden meinem Vater gegenüber zu tun. Mein Vater hat alle fünf Kinder versucht gleich zu behandeln und seine Stiefkinder geliebt wie seine eigenen beiden. Und das hat meine Schwester sehr wohl zu schätzen gewußt, denn sie nahm niemals, so wie es einer meiner Brüder getan hat, mit ihrem biologischen Vater Kontakt auf. Während ich sie noch anschaute, wurde mir auf einemal klar, daß sie mir unsagbar leid tat. Ja, ich liebte sie trotz ihrer Fehler, doch sie würde es nie begreifen. Sie wollte schon früher nichts von meiner Zuneigung wissen und wehrte sich dagegen. Leider hat sich an ihrer Haltung bis heute nichts geändert.

Mir tat die Vorstellung weh, daß sie nichts mehr von mir wissen wollte, doch all meine Versuche, unser Verhältnis zu normalisieren, blockte sie ab. Irgendwann war unser Kontakt tatsächlich ganz abgebrochen, und ich mußte mir hier eingestehen, daß auch ich Schuld an dieser Situation hatte. Das tat weh. Ich beschloß, ihr einen Brief zu schreiben, ohne jedoch wirklich die Hoffnung zu hegen, daß sie mir antworten würde. Ich bat sie darum, mir meinen Seelenfrieden zu schenken, indem sie mir ein Zeichen gäbe - einen kurzen, netten Gruß, ein freundliches Wort am Telefon. Mehr wollte ich eigentlich nicht. Aber meine Schwester schwieg weiterhin. Dann rief ich sie an und fragte, ob sie mein Schreiben bekommen hätte, doch ihre Antwort enttäuschte mich wieder einmal: »Sie sehe keine Veranlassung, darauf zu reagieren.« Mir blieb nur noch die Hoffnung, daß wir eines Tages doch noch einmal zueinander finden. Denn sie ist meine Schwester, und ich liebe sie so, wie sie ist, mit all ihren Fehlern und all ihren guten Seiten. Bis dahin muß ich stark sein.

Mit dem Wissen um mein Dasein als Marionette und mit übermäßig viel Wut im Bauch, bekam ich tatsächlich wieder meine psychosomatischen unerträglichen Bauchschmerzen. Ausgerechnet in diesem Momenat forderte der Therapeut mich auf, mich an der Arbeit der Gruppe zu beteiligen. "Nein, verdammt noch mal", fauchte ich ihn an. Sofort tat es mir wieder leid, ihn so angefahren zu haben. Was konnte der Mann dafür, daß es mir so schlecht ging? Meine Tränen ließen sich auf einmal nicht mehr zurückhalten. Er bat mit einfühlsamen Worten, mit ihm zu reden. Und ich begann, einem Fremden zu erzählen, was tief in mir vorging: daß ich ab sofort für mich selbst verantwortlich sein wolle - für mein Leben, mein Denken, mein Handeln, mein Fühlen. "Ich will der Mensch sein, der ich bin und nicht so, wie andere es mir vorschreiben, daß ich zu sein hätte. Ich bin ein Mensch der liebt."  Plötzlich erschauderte ich. Ich begriff mehr und mehr, wie ich war, was meine Person eigentlich ausmachte. Eigentlich bin ich eher ein positiver Mensch, jemand, der sehr offen ist für alles Neue, der seinen Mitmenschen sehr wohlwollend gegenübersteht, wenn er sie erst einmal näher kennt. Aber zu Hause durfte ich diese Seite nie wirklich zeigen. Hinter allem und jedem wurde etwas Schlechtes vermutet. Immer  wurde es verurteilt, wenn ich neue Leute kennengelernt hatte und begeistert von ihnen war. Alles wurde schlechtgemacht, egal was es auch war. Und ich nahm mit der Zeit dieselbe fatale Haltung an.

Ich verurteilte andere, weil ich nichts anderes gelernt hatte, und war nicht mehr in der Lage, mir meine eigene Meinung zu bilden. Aber weil ich nicht so sein durfte, wie ich wirklich war, wurde ich todunglücklich. Früher war ich eigentlich ein fröhlicher Mensch gewesen. Mir fielen die Worte ein, die Gerd mir eines Tages einmal sagte: "Du und dein Herz, ihr fallt doch immer auf die Schnauze. Deine Gutmütigkeit und dein Gerede bringen dich irgendwann noch in Teufels Küche."  Ja, das stimmte. Aber ich war eben so. Und mittlerweile mag ich mich auch wieder so. Aber weil ich wußte, daß alle anderen um mich herum meine Art nicht schätzten, zog ich mich in mich selbst zurück, immer beherrscht von der Angst, sie würden mich verabscheuen, wenn sie mein wahres Ich sähen. Mit der Zeit wurde ich richtiggehend menschenscheu. Gleichzeitig vermißte ich Freundschaften: Sicherlich ist es ein schreckliches Erlebnis, wenn man enttäuscht wird, aber noch schlimmer ist es, niemals Freundschaft zu spüren.

Nachdem die Stunde vorbei war, sprach der Therapeut mich nochmals an: "Frau Walk, ich denke, daß sie die einzig richtige Entscheidung in dieser Situation getroffen haben. Ich verstehe Ihre Reaktion sehr gut und ich glaube, sie ist ein positives Zeichen und bringt für Sie die richtigen Veränderungen mit sich!"  Erleichtert nahm ich seine Worte in mir auf. Aber ich begann wieder zu heulen - vielleicht aus Erleichterung, endlich ein Licht in meinem Dunkel zu sehen. Conny, eine andere Patientin von Mitte vierzig, nahm mich in den Arm, und ich kuschelte mich an sie. Sie gab mir den Trost, den ich noch vor ein paar Tagen aus Angst energisch abgelehnt hätte. Irgend etwas hatte sich in mir gelöst.

Später berichteten auch andere, daß sich in dieser Zeit bei mir etwas wandelte. Ich beruhigte mich und spürte, daß die Therapien anfingen zu wirken, und merkte auch, wie sie funktionierten. Ein psychisch kranker Mensch braucht nur ein Stichwort, eine Geste, einen Laut oder bestimmte Musik wahrzunehmen und eine Erinnerung bahnt sich einen Weg an die Oberfläche, sie bricht aus. Erst durch intensive Therapiearbeit kann sich ein Knoten lösen, können negative Erfahrungen aufgearbeitet und neu gesehen werden. Ich war auf dem besten Weg dazu, das zu schaffen. Alle, die hier waren, brauchten eigentlich Hilfe, auch wenn sie es teilweise bestritten - nur mußten sie erst einmal die Menschen, die sie unterstützen wollen, an sich heranlassen. Nur dann können Therapien auch helfen. Denn nur wer sie zuläßt, wird diese neuen, positiven Erfahrungen, die er in einer Therapie macht, für sich nutzen können.

Jeder der hier Anwesenden, hatte nicht nur jetzt gerade Probleme, sondern er schleppte viele unverarbeitete Kindheitserinnerungen mit sich herum, die ihn enorm belasteten. Sinn und Zweck der Therapien ist es, die Probleme, die uns heute belasten und die ihren Ursprung in der Kindheit haben, aufzuspüren und an die Oberfläche zu lassen. Ändern kann man an den Tatsachen natürlich nichts mehr, aber man kann versuchen, die Dinge anders zu sehen, sich mit ihnen zu versöhnen. Alles andere funktioniert dann von ganz allein. In meiner Zeit in der Klinik merkte ich, wie allmählich all meine Wut auf Gerd verschwand. Mir wurde bewußt, daß jeder von uns Kindheitserlebnisse mit in unsere Ehe brachte, die dazu beitrugen, daß wir nicht miteinander klar kamen. Aber vor allem erkannte ich meine eigenen Fehler - und das tat sehr weh. Selbsterkenntnis ist eine bittere Pille, aber sie hilft. Nur sie hilft. All die Beklemmungen der letzten Jahre verschwanden. Es war wohl die Angst vor der Wahrheit gewesen, die Angst vor mir selbst, die mich solange gequält hat - die Unfähigkeit, mich und die anderen so akzeptieren zu können, wie sie sind. Ich beschloß an jenem Tag, ab sofort in allen Therapiestunden aktiv mitzumachen, sie auf mich wirken zu lassen, alles zuzulassen, komme was wolle. Auch wenn es noch so weh tun würde.

Vom Weinen total erschöpft, legte ich mich mitten am Tag ins Bett und schlief ein. Niemand weckte mich. In der Klinik waren alle Therapeuten stets darüber informiert, was sich bei wem veränderte. Und man nahm Rücksicht darauf. So entstand auch der Eindruck, daß der einzelne Therapeut einfach alles über einen wußte. Das war insofern wichtig, weil man sich verstanden und sicher fühlte, ja manchmal sogar geborgen. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, wurde geredet, jeder Gedanke wurde ernstgenommen. Am Nachmittag hatte ich keine Therapiesitzungen, und so ging ich spazieren. Ich hing meinen Gedanken nach. "Eigenverantwortlichkeit. Eigentlich etwas Selbstverständliches. Wieso mußte ich erst 33 Jahre alt werden, um das zu erkennen? Ich fühlte mich mein ganzes Leben lang immer nur für andere verantwortlich. Für Gerd und die Kinder, für all die Fehler, die sie machten. Obwohl sie letztendlich doch dafür selbst geradestehen mußten. Sie allein und nicht ich."  Ich versuchte, mein Leben Revue passieren zu lassen und stellte fest, Eigenverantwortung oder Selbst-bestimmung hatten bislang kaum darin einen Platz gehabt. Eine sehr traurige Bilanz.

Und dann diese Eifersucht von Gerd. Ich hatte versucht, sie ihm abzugewöhnen, aber je mehr ich mich dagegen wehrte, desto schlimmer wurde sie. Seine Eifersucht wurde zum Fluch. Und wenn ich gar nichts weiter mehr gegen ihn vorzubringen wußte, blieb zumindest diese Eifersucht. Auch ich trug meinen Teil zu unserem Unglück bei, weil ich mich oft unmöglich benahm, ihn auch quälte. Fehler machten wir also beide. Abends lud mich Mike zu einem Kaffee ein. In dem Wissen, daß er mir geduldig zuhöre würde, berichtete ich ihm von meinen spürbaren Veränderungen. Als ich mit meiner Erzählungen, ja geradezu mit der Bilanz meines Lebens fertig war, sagte er nur: "So ist es gut, mein kleiner Junge! Deine Entscheidungen hören sich vernünftig und richtig an!" Der Tag, der so tränenreich angefangen hatte, wurde doch noch schön und endete mit einem für mich bislang unbekanntem Gefühl von Zuversicht. Daß es Mike war, der all meine Schritte begleitet, merkte ich anfangs gar nicht. Ich nahm es als gegeben, fast schon als selbstverständlich hin und freute mich an seiner Art. Mein Herz hatte sich für ihn schon weit geöffnet - so wie für viele andere Patienten auch. Aber unsere Beziehung sollte zu einer ganz besonderen Freundschaft werden. Er war derjenige, der mich immer nur ansah und gleich wußte, wie es in mir aussah. Er hatte mein Innerstes schon erreicht, bevor ich mir dessen überhaupt bewußt war. Er war die bereicherndste Begegnung in meinem bisherigen Leben. Mir die Augen zu öffnen, das konnte er am besten von allen. Die positive Erfahrung mit ihm und die positiven Erinnerungen an ihn erleichtern mir noch heute das Leben, wenn es mal wieder Probleme zu lösen gibt. Wahrscheinlich war er mein bester Therapeut